Das Land unter dem Regenbogen
Gedichte und Prosa
Christian B. Hell
Für meine Familie
und
meine Freunde, die sich noch freuen können.
Ich will keine langen Vorreden halten. Wer Freude an Gedichten hat, möge sich festlesen.
Wer sich nicht über eine manchmal spitze Zunge ärgert, möge weiterblättern.
Und wer weiß, vielleicht fangen Sie selbst an, Gedichte zu schreiben. Tun Sie es!
Wer mich aber kennen lernen möchte, blättere die Seite um.
5 Frühling
6 Gewitter
7 Sturm
10 Sommerlied
13 Herbst
14 Das Land unter dem Regenbogen
15 Seid leiser
17 Wach auf
18 Viele Menschen und ein Träumer
21 frieden
23 Arbeitslos
24 Sonntags nie
25 Zwei Tamilen
Ein wenig Pfeffer in die Suppe
26 Ein wenig Pfeffer in die Suppe
28 Lasst uns nur so weitermachen
29 Gärtnerglück
31 Ich wollt´ ich wär´ Politiker
32 Unfassbar
33 Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein
36 Loblied auf die spitze Zunge
38 Der Spießer
40 Bergwandern
41 Mont Blanc
45 In einer Kirche in der Provence
46 Mont Ventoux
47 Avignon
51 Ardèche
54 Frau Grippe
55 Ein Kaugummi
56 Zeugnisse
61 Der Camper
66 Eine Einladung zum Mittagessen bei Freunden
68 Sitzungen
70 Vorträge
71 gedichte
74 Abendlied
75 Melancholie
76 Gelb
77 Blau
78 Rot-blau
80 Beim Hören einer Sonate von Prokofieff
83 Bei einem Konzert für Flöte
84 Alt Nürnberg, Pfingsten 1988
85 Erntedank
91 Wenn wir jetzt auseinander geh´n
96 Das Zeitnetz
99 Psalm
1
Ich sollte mich beschreiben.
Wie macht man das denn bloß?
Ich bin einsfünfundsechzig
und nicht besonders groß.
Die Farbe meiner Augen,
ich glaube, die ist grau.
Dann habe ich vier Kinder
und dazu eine Frau.
Ansonsten auch zwei Beine,
zwei Arme, einen Mund,
zwei Ohren, eine Nase
und bin ziemlich gesund.
Ich habe graue Schläfen,
bin über fünfzig Jahr´
und schreibe gern Gedichte,
find´ Träumen wunderbar.
Sehr gerne les´ ich Bücher,
hab meinen Garten lieb
und habe ein Gedächtnis,
gerade wie ein Sieb.
Nun scheinst du mich zu kennen
von außen ganz und gar;
jedoch das Wesentliche
ist immer unsichtbar.
Ich kann mich nicht beschreiben,
das ist für mich zu schwer.
Am besten, du besuchst mich
und kommst gleich zu mir her.

Knospe öffnet sich
Im Januar, da fällt der Schnee
in Flocken groß und weich.
Und unser Dörfchen sieht jetzt aus,
wie Schafe hinterm Deich.
Ein jedes Haus trägt seinen Pelz
ergeben, ohn´ Geschrei.
Du nimmst den Schlitten und fährst los.
Dir ist es einerlei.

Im Februar ist´s bitter kalt,
da friert es Stein und Bein.
Und doch macht Schlittenfahren Spaß,
viel mehr als drinnen sein.

Da steht auf unserm Küchentisch
ein großer Topf Kakao,
der ist für dich und ist für mich
gekocht von meiner Frau.
Im März läutet das Schneeglöckchen
den Frühling endlich ein.
Der Schnee schmilzt weg, der Krokus steht
im warmen Sonnenschein.
Und manchem Hobbygärtner juckt
es kräftig in dem Finger.
Er möchte´ im Garten schon aussä´n
Salat und andre Dinger.

April, April, du bist mir lieb,
da gibt es Osterferien.
Die Sonne steigt viel höher schon,
bringt
Vögel aus Algerien.
Die Welt, sie sieht viel grüner aus,
die Osterglocken blühen,
und Tulpentupfer gelb und rot
auf allen Beeten glühen.
Im Mai, da ist der Wonnemond,
da blüht es jeden Tag.
Ich schau das Apfelbäumchen an:
Was es wohl tragen mag?

Wenn die gestrengen Herren geh´n
und die kalte Sophie,
dann ist die schönste Zeit im Jahr:
würd´ sie vergehen nie.
Im Juni woll´n wir Grillen geh´n
zum Nachbarn hinterm Haus.
Ich bringe ihm ein Fläschchen Wein
und einen Rosenstrauß.
In meinem Garten grünt und sprießt
das,
was ich ausgepflanzt,
dazu das Wildkraut massenhaft,
kommt einfach angetanzt.
Im Juli ist die Badehos´
das beste Kleidungsstück,
da spring ich in den See hinein
und schwimm hin und zurück.
Da scheint die Sonn´ den ganzen Tag,
jetzt
wird es mächtig heiß.
Und wenn es unerträglich wird,
eß ich bei Franco Eis.
August ist für die Ferien da,
nun fahr ich nach Paris
und schau mir an die ganze Stadt,
erzählt dir nachher dies.

Zu Hause habe ich viel Zeit,
hier schlaf ich lange aus
und streiche, was auch nötig ist,
mein kleines Gartenhaus.
Anfang September geh ich dann
zum Wald und pflück Brombeeren
und hoff´, der Oberförster wird
sich nicht bei mir beschweren.
Wenn Oma dann Geburtstag hat,
gibt´s
Kaffee und gibt´s Kuchen.
Ganz klar, da fahr´n wir alle hin
und wollen sie besuchen.
Oktober sind die Äpfel reif,
da beiß ich kräftig rein.
Ich weiß genau, sie sind gesund,
was sollt´ schon besser sein?
Langsam
wird´s kühler in der Welt,
die blauen Astern blühen,
die Vögel machen sich bereit,
zum Süden hinzuziehen.
November ist mit Nebel und
mit Regen gut versorgt.
Da lese ich ein schönes Buch,
das hab ich mir geborgt.

Jetzt will ich noch ein Fladenbrot
schnell backen und genießen
und hinterher, da können wir
noch ein paar Kerzen gießen.
Und im Dezember backe ich
den schönsten Weihnachtskuchen.
Ich hoffe, ihr kommt alle her,
um mich mal zu besuchen.
Und wenn am Weihnachtsbaume erst
die Lichterpracht ist an,
schau
ich zur Tür und warte auf
den guten Weihnachtsmann.
3
Eine Knospe
im warmen
Frühlingssonnenschein:
langsam
öffnet sie sich,
viele Tage lang,
bis sie
ganz erblüht ist,
ein Wunder
der Schönheit
und Nahrung
für Bienen
und Verheißung
der
Frucht,
selbst,
wenn sie nicht
uns Menschen
nutzt.
Musst du aber immer
den Nutzen suchen?
Freue dich
lieber an ihrer Schönheit
4
Ich trinke den Frühling
Ich trinke den Frühling
in mich hinein,
wie ein Verdurstender
und kann nicht genug bekommen.:
den Sonnenschein,
die Luft, die wie
Samt
meine Haut streichelt
und in mich hineinströmt.
Überall blühen Büsche:
gelbe Forsythien,
weiße Schlehen,
das Rosa der Zierkirschen.
Die Wiesen ergrünen
und füllen sich
mit den gelben Tupfen des Löwenzahns.
Blätter knospen
verheißungsvoll
an den Bäumen
und vertreiben
allen Kleinmut des Winters.
Frühmorgens hat mich
Vogelgezwitscher geweckt,
hinausgelockt
in das täglich sich entfaltende Wunder.
Noch ist es kalt,
aber die aufsteigende Sonne
erwärmt alles
was unter der Kälte
erstarrt war.
Wie
schön,
fast unwirklich schön
ist unsere Welt geworden.
5
Der Frühling schickt die ersten Strahlen
der Sonne über unsern Weg.
Die Weidenkätzchen blühen gelblich
am Ufer an dem alten Steg.
Dem Nachbarn juckt es in den Fingern,
er pflanzt´ am liebsten schon Salat.
Die Jungen und die Mädchen hören
noch wen´ger auf der Eltern Rat.
Die Vögel suchen für die Nester
sich einen Platz in Baum und Strauch,
und die Erwachsenen betasten
den Rettungsring um ihren Bauch.
Die Hausfrau putzt wie wild die Wohnung.
Der Vater wienert´s Auto blank.
Die Gülle zieht in unsre Nasen -
und ich hab Schnupfen, Gott sei Dank.
Der Pastor schaut in der Gemeinde
nach seinen Schäfchen überall,
jedoch die Jugend spielt am liebsten
zur Gottesdienstzeit mit dem Ball.
So hat wohl jeder seine Freuden
und Hoffnungen zur Frühlingszeit.
Sogar des Nachbarn kleine Tochter
spielt statt in Hosen in dem Kleid.

6
Der Himmel hängt grau über dem Land,
schwüle Sommerluft lastet
auf Feldern.
Wird ein Gewitter erlösen?
Fahlgelb durchwandert das Grau,
färbt es auf,
dunkelt nach bis zum Schwarz über mir:
knisterndes
Atemholen:
Ein Windstoß,
Staub wirbelt auf,
ein greller Blitz und noch einer,
gefolgt von den Donnerschlägen,
Spannungen, die sich entladen.
Und schon öffnen sich
die Schleusen des Himmels.
Regen prasselt nieder,
Regen,
als ob es nichts anderes
auf der Welt gäbe
als Regen, nur Regen.
7
Im Radio sagten sie heut früh:
Von England nähert sich ein Tief.
Noch sieht die Welt ganz friedlich aus,
noch steht mein Gartenzaun nicht schief.
Doch gegen Mittag ziehen hoch
die Wolken, grau und regenschwer.
Schon prasselt Hagel auf mein Haus,
der Sturm kommt eilend hinterher.
Er schüttelt alle Bäume durch
und drückt fest an das Fensterglas,
er rüttelt an dem Gartentor,
ein jeder draußen wird ganz nass.
Was lose liegt, treibt er davon,
die Bäume duckt er voller Kraft,
er wirbelt hoch das letzte Laub.
Fast dunkel wird es, wie zur Nacht
Er fällt durch unsern Schornstein ein,
Das Kaminfeuer bläst er aus,
er heult und pfeift, so laut er kann
um unser armes, kleines Haus.
Im Garten liegt ein dicker Ast,
den hat er einfach abgeknickt.
Zwei lose Pfannen scheppern laut,
die hat er hinterhergeschickt.
Er zerrt und zaust an Baum und Haus,
mir wird allmählich angst und bang.
Ich hoffe nur, er treibt es nicht
noch viele, viele Tage lang.
Endlich hat er sich ausgetobt,
zieht nach Südosten weiter fort.
Die Sonne schickt die Strahlen her,
friedlich wird´s wieder hier im Ort.
Nur hinterher, da höre ich,
der
Sturm hat Bäume umgeknickt
und viele Dächer abgedeckt
und manches Schiff auf Grund geschickt.
8
Es ist Hochsommer.
Jedenfalls nannte man früher
diese Jahreszeit so.
Du holst den dicken Pullover
aus der Truhe.
Die Gummistiefel verwandeln den Flur
in eine Seenplatte,
und der Regenumhang
tropft seine Begleitung.
Vorhin hat ein Postbote
eine Ansichtskarte gebracht,
aus Spanien:
"Hier
ist es so heiß,
dass wir es kaum aushalten."
Du denkst:
Etwas Lastenausgleich
in der Witterung
könnte nichts schaden.
9
Dieses Jahr
scheint der Sommer
ausgewandert zu sein,
irgendwohin
in den Süden.
Kein Wunder.
Wer fühlt sich dort wohl,
wo Seehunde sterben,
und keiner will es
gewesen sein.

10
Ein Schmetterling torkelt
über die besonnte Terrasse -
einer der wenigen.
Vor wie vielen Jahren sah ich
den letzen Maikäfer?
Die Fichte trägt
ihren rostroten Schimmer
absterbender Nadeln
mit Würde.
Schwefelgelb quillt der Rauch
aus dem garantiert entschwefelten
Schornstein.
Nur gut, dass er so hoch ist,
dass andere das,
was er ausstößt,
einatmen.
Gestern trug Sommerregen
Thallium in unseren Garten.
Etwas mehr als sonst,
Betriebsferien stehen vor der Tür.
Eine leere Spraydose
und die Reste der Zigarettenpackungen
liegen zwischen den Rosenbeeten
am Weg.
Wozu in der Sonne sitzen,
wo das Ozonloch
täglich wächst?
Tiere und Pflanzen haben kein Heim,
das sie schützt.
Und wozu brauchst du die Natur,
wenn du verkabelt bist?
11
Aus dichtem Dunst
steigt die Sonne höher und höher,
die Nebelbänke durchdringend,
bis sie den ganzen Morgen
in sein zartes, schimmerndes Licht
gehüllt hat.
Ein früher Herbst
kündigt sich an.
Du ahnst ihn,
du siehst ihn,
du schmeckst ihn.
Die
ganze Welt
wird zum besonnten,
pastellfarbenen
Septembervormittag.
12
Der Sonnenschein
wickelt im September
die ganze Welt
in buntes Seidenpapier.
Rot und gelb und braun,
golddurchwirkt
sind seine Lieblingsfarben.
Er bringt die Welt zum Leuchten,
und selbst der Morgennebel
schöpft
opalfarbenes Licht.
Am Tage aber
strahlen die Farben
um die Wette
und lassen dabei
einen Hauch
ihrer
Reife ahnen.
Nur,
es bleibt nicht
September.
13
Herbst
Der Wind treibt tote Blätter
über Gräser.
Wenige erst,
aber Boten
kälterer Zeiten.
Der Sommer zog vorbei,
vorbei sind die Zeiten der Ernte.
Halte fest, was du hast.
Schließ es tief
in dein Herz,
damit es nicht verlorengeht,
verweht
ist,
wenn der Winter kommt.
14
Kommst du mit, mein Freund,
in das Land unter dem Regenbogen?
Dort, so sagt man,
soll es noch
richtiges, lebendiges Wasser geben,
das du trinken kannst,
wenn es aus der Erde sprudelt.
Kommst du mit, mein Freund,
in das Land unter dem Regenbogen?
Dort, so sagt man,
sollen noch Früchte an den Bäumen wachsen,
die du pflücken
und sogleich essen kannst.
Kommst du mit, mein Freund,
in das Land unter dem Regenbogen?
Dort, so sagt man,
sollen noch Wolken ziehen,
die nicht Gift und Strahlen
auf dich herabregnen.
Du kannst dich unbesorgt
von ihren Tropfen
überschütten lassen.
Kommst du mit, mein Freund,
in das Land unter dem Regenbogen?
Dort, so sagt man,
soll ein großer Regenbogen
am Himmel stehen,
nicht künstlich,
sondern aus Regentropfen und Sonne.
Und er spiegelt Gottes Liebe
zu seinen Geschöpfen wider,
zu dir und mir,
wie zu den Zeiten
unseres Urvaters Noah.
Kommst du mit, mein Freund,
in das Land unter dem Regenbogen?
Dort, soll es noch Menschen geben,
wie dich und mich,
die die Sehnsucht nach Frieden,
nach Gerechtigkeit,
nach Leben im Einklang mit der Schöpfung
und den Geschöpfen
im Herzen tragen,
ja, sie sogar leben sollen.
Das Land unter dem Regenbogen,
so sagen die Leute,
gibt es nicht
in dieser Welt.
Darum bleibe bei deinem Traum,
schließ ihn fest in dein Herz,
behalte die Hoffnung,
die Utopie,
und versuche,
das Land unter dem Regenbogen
in unserer Welt
Wirklichkeit
werden zu lassen.
Du fragst wie,
mein Freund?
Ich kann es dir nicht sagen,
wenn du es nicht selbst erträumst,
denn nur Träumer
können Träume
zum Leben
erwecken.
Und was das Land angeht,
vielleicht ist es gut,
dass du nicht deine Sachen packen musst,
um dort hinzuziehen.
Willst du dich fortstehlen
aus dieser Welt,
aus der Verantwortung,
in
eine Illusion,
statt hier
den Regenbogen
aufziehen zu lassen?
15
Lasst uns etwas leiser reden
und behutsam, nicht so laut,
sonst erschlägst du mit den Worten
den, der sich dir anvertraut.
Lasst uns etwas schärfer hören,
was er hinter Worten sagt;
oft nur währt es Augenblicke,
dass er Dir sein Leiden klagt.
Lasst uns etwas stiller denken,
nicht so hastig, nicht so groß;
das Gewaltige ist winzig,
hat im Herzen seinen Schoß.
Lasst uns etwas zarter gehen
um mit Menschen unsrer Welt,
nicht das Stampfen mit den Stiefeln
ist´s, was uns am Leben hält.
Lasst uns etwas sanfter streicheln,
nimm die Faust nicht, die nur droht;
wenn du Mut gibst und aufrichtest,
kommt ein Leben schon ins Lot.
Lasst uns etwas stiller leben,
sonst wird unsre Seele taub;
sie vernimmt auch sanftes Schweben
und das Rascheln in dem Laub.

16
Was du auch tust, mein lieber Freund,
du machst es niemals allen recht.
Doch höre zu, was man dir sagt,
manch Rat ist gar nicht schlecht.
Der eine sagt, du sollst dies tun,
der andre meint, mach´s lieber so.
Und wenn du machst, was jeder will,
dann wirst du niemals froh.
Gar mancher spricht: Man muss was tun!
und meint bequem sich leider nicht.
Und dabei wäre es nur gut,
nähm´ er sich selber in die Pflicht..
Gar mancher rät: Nun ändre dich,
du bist mir viel zu unbequem!
Er selber ist zu nichts bereit.
Ist das noch angenehm?
So gehe deinen Weg nun fort,
den du verantwortlich kannst geh´n.
Gott gebe dir die Kraft dazu,
du wirst es täglich sehn.

17
Ich möchte tief
und immer träumend schlafen,
nicht sehen müssen,
was an Leid geschieht,
vergessen all die vielen Schmerzen,
die uns das Leben spüren ließ.
Wach auf,
der du schlafen willst,
wach auf!
Nicht durch Schlaf,
nicht durch Traum
wird die Welt
und der Mensch
verändert.
Ändere dich selbst,
so wird diese Welt
sich verändern.
Nimm Liebe an
und gib sie weiter,
dann wird diese Welt
den Samen deiner Liebe
wachsen lassen.
Schlafe nicht mehr,
sondern nimm den Traum
deiner Hoffnung
in die Gegenwart,
lass ihn Wurzeln schlagen
und Früchte bringen,
die dich und andere
erquicken
und sä
ttigen.
18
Viele Menschen und ein Träumer
Ein Realist, der weiß genau,
was er noch wagen kann.
Er rechnet nach das Risiko
und packt dann kräftig an.
Er schätzt die Sache richtig ein,
selbst einen Tritt ins Schienenbein,
wenn es muss sein.
Der Pessimist, der weiß genau,
bevor er etwas tut,
was schief geht, wenn er es anpackt,
und er verliert den Mut.
Er sieht selbst bei dem hellsten Licht
das Schöne in dem Leben nicht,
als wär´s ihm Pflicht.
Der Optimist, der weiß genau,
es wird schon nicht so schlimm.
Selbst wenn die Welt zugrunde geht,
er nimmt es lächelnd hin.
Er denkt, was soll daneben geh´n,
wenn alle fest zusammenstehn,
ihr werdet´s sehn.
Der Träumer, er kennt ganz genau
das Schöne in der Welt,
und träumend sieht er, wie´s sein muss
und was die Welt erhält.
Er glaubt und hofft, die Liebe sei
für Menschen nicht mehr einerlei,
schon gar nicht für uns zwei.

19
Vielleicht ist ein paar Tränen zu vergießen
besser, als auf andere zu schießen.
Vielleicht ist es besser, "Nein!" zu sagen,
als "Ja" und andre ins Unglück zu jagen.
Vielleicht ist besser, gegen alle Normen
zu denken, als in Uniformen.
Und sicher ist es besser, sich zu versöhnen,
als mit anderen zu streiten
und über Hader zu stöhnen.

20
Willst du hundert Jahre werden
oder etwas mehr,
nimm des Lebens trübe Seiten
nicht so furchtbar schwer.
Es kann schon geschehen, dass
dir der Kohl verhagelt,
und dann scheint die Zukunft dir
ganz und gar vernagelt.
Dafür gibt es andre Zeiten,
da wächst alles wohl,
und dann blüht und trägt die Früchte
nicht nur Rosenkohl.
Hundert Jahre, denk daran,
kennen keine Eile.
Ohne
Widerstände gibt´s
doch bloß Langeweile.
21
frieden
bissige worte,
eine athmosphäre voller misstrauen,
gift für die seele.
ist es noch weit
bis zum tätlichen angriff,
zur gewalt,
wenn gedanken
den taten schon vorausgeeilt sind?
frieden,
offene grenzen,
in den herzen,
bei den staaten,
offen dem anderen:
sein zeichen
ist nicht stacheldraht,
sondern eine offene hand,
die
sich mir entgegenstreckt.
22
Wir saßen zusammen unter der Linde:
der Pièrre, der John, der Fedor und ich
und tranken aus einer Flasche Wein
und konnten uns über eins einig sein:
Nie wieder Krieg!
Wir aßen zusammen, wie Brüder, zu viert,
ein jeder aus einem andern Land.
Und doch wussten wir, dass wir Menschen sind,
und über uns wehte derselbe Wind:
Nie wieder Krieg!
Wir sprachen zusammen und hörten von fern
das Dröhnen von Flugzeugmotoren.
Sie übten für den Verteidigungsfall
und schossen Raketen hoch in das All.
Nie wieder Krieg?
Wir schwiegen zusammen und wussten genau:
aus dem Herzen muss Frieden kommen.
Uns´re Väter schossen einander tot,
und der Krieg brachte nur größere Not.
Nie wieder Krieg!
Wir lachten zusammen, gelobten uns,
der Pièrre, der John, der Fedor und ich:
Lasst uns Freunde bleiben in dieser Welt,
dass sie noch ein paar Jährchen länger hält.
Nie wieder Krieg!

23
Arbeitslos -
nicht mehr gebraucht -
wie Kunststoffabfall -
nicht einmal recycelbar
Früher, da hast du geschimpft
auf die Maloche
auf die Ausbeuter,
auf das bisschen Geld,
bis Du selbst
ausgebeutet,
beiseite geworfen bist.
Niemand braucht dich mehr.
Pläne zerbrechen,
Zukunft zerbröckelt,
und die Gegenwart
und die Familie
zeigt unübersehbare Risse.
Lohnt es sich noch,
nach Hause zu kommen?
Lohnt es sich noch,
das Haus zu verlassen?
Lohnt sich das Leben
überhaupt noch?
Andere bescheinigen dir:
Du wirst nicht mehr gebraucht.
Sind die da oben
Gott,
dass sie solche Urteile fällen?

24
Da fordert unsere Industrie
die Sonntagsarbeit.
Und die Kirchen und die Gewerkschaften
sagen:
"Sonntags? Nie!"
Und die Regierung sagt:
"Alles ist gut!
Wenn man nur nichts gegen
unsere Industrie tut."
Da fordert unsere Industrie
die Sonntagsarbeit,
weil die Maschinen besser ausgenutzt sind.
Aber niemand fragt
nach Mann und Frau und Kind;
weil dann die Sonntagszuschläge entfallen,
und das gefällt denen da oben
am besten von allem;
weil dann die Produktion
billiger werden kann
und die Leute mehr kaufen,
doch an die Umweltschäden denkt da oben
kaum einer, weder Frau noch Mann,
weil so größere Stückzahlen auf den Markt geworfen werden,
und dabei gibt es kaum noch Menschen,
die das brauchen auf Erden.
Lasst doch den Sonntag weg,
den freien Tag wechseln,
dann stört der Vater die Familie nicht mehr,
weil er am Wochenende arbeiten muss.
Und er kann seine schlechte Laune
am Mittwoch und Donnerstag
in den leeren Wänden austoben.
Vielleicht bekommen dann
die Gummizellenausstatter Hochkonjunktur,
und die Bauwirtschaft schafft dafür,
für jede Wohnung einen kleinen Raum mehr,
aber einen kleinen nur.
Und die Leute sagen vielleicht sogar:
"Das ist doch gut!
Dass man nur nichts dagegen tut!"
Da sagt unsere Regierung:
"Wir brauchen unsere Arbeitsplätze
und unsere Industrie."
Aber wenn da einer sagt:
Sonntags? Nie!
gehen unsere Arbeitsplätze verloren,
und das Ausland ist billiger
und die Menschen dort williger,
- aus lauter Not.
Wir haben schon
zweieinhalb Millionen Arbeitslose
und müssen etwas dagegen tun.
Lasst doch unsere Industrie nur machen.
Was sie will, ist gut.
Dass man nur nichts dagegen tut!"
Und unsere Regierung gibt
unserer Industrie
Steuerermäßigung und Geld,
damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
Und dann wird rationalisiert
und automatisiert,
werden neue Computer gekauft,
weil man sie lieber als Menschen braucht.
Und nach einiger Zeit
werden die ersten freigesetzt, entlassen,
damit die anderen Arbeitsplätze - vielleicht -
aber die Gewinne um so sicherer
in die aufsteigende Linie passen.
Da helfen keine Proteste und keine Beschwerden,
denn da gibt es welche, die sagen werden:
"Das ist für die Preise
und die Arbeitsplätze gut.
Das man nur nichts dagegen tut!"
Und so haben wir unsere Industrie
und zu den zweieinhalb
bald noch eine weitere Million
Arbeitslose,
die niemand braucht;
wenn nur bei den Werken
der Schornstein raucht.
Und da stapeln sich Waren auf Waren
und das schon seit Jahren.
Aber kaum jemand der da oben sitzt,
fragt:
"Wozu ist das gut?"
Wir hören nur immer wieder:
"Dass man nur nichts dagegen tut!"
Ich möchte nur ganz bescheiden fragen,
denn ich hab ja da oben nichts zu sagen:
"Wer soll das denn alles kaufen?"
Mir scheint,
dass wir in den Produkten langsam ersaufen.
Die zweieinhalb Millionen Arbeitslosen
und ihre Familien?
oder die wenigen Kinder?
oder die vielen Alten,
die bangen, dass sie ihre Renten behalten?
Wir haben einen riesigen Ausstoß,
eine
hervorragende Produktion -
nur,
wer hat
etwas
davon?
25
Ich sehe die beiden,
dunkelhäutig und in sich gekehrt,
fern ihrem Land,
trotz der für uns hochsommerlichen Hitze,
in der für sie eisigen Welt
der Fußgängerpassage
frieren.
Sie sind allein mit sich selbst,
mit ihren Erinnerungen,
ihrem Heimweh,
mit ihren Hoffnungen?
Die anderen
schlagen ihren Bogen um sie.
Kein Grüßen,
kein freundliches Lächeln,
statt dessen
eisige Gleichgültigkeit,
als ob sie
Eisbergen begegnen,
oder schon Feindschaft:
"Mögen die doch bleiben,
wo sie hergekommen sind."
Wie würden diese Menschen
sich als Flüchtlinge
in der Heimat
der Tamilen
fühlen?

26
Ein wenig Pfeffer in die Suppe
Ein wenig Pfeffer in die Suppe
und dazu etwas Salz,
gegen Honig um den Bart
und gegen das Schmalz.
Ein wenig Sand im Getriebe
und ein aufrüttelndes Wort
gegen Stumpfsinn und Gewohnheit,
der Menschlichkeit Mord.
"Da sagen manche Leute:
das war immer schon so."
Sie erwürgen jede Chance,
und sie dreschen altes Stroh.
Ein wenig Pfeffer in die Suppe...
Da behaupten manche Leute:
"Alles ist gerecht und gut.
Und wir haben die Erfahrung,
dass nur niemand and´res tut!"
Ein wenig Pfeffer in die Suppe...
Da fordern manche Leute:
"so bedroht ist unser Staat,
darum wollen wir mehr Rüstung
und ´nen größ´ren Wehretat."
Ein wenig Pfeffer in die Suppe...
Da wollen manche Leute
immer alle Rechte haben,
nur die andern sollen kuschen
denen reichen Küchenschaben.
Ein wenig Pfeffer in die Suppe...
Da vergiften manche Leute
unser Wasser, unsre Nahrung,
und sie sagen: "Ihr könnt´s essen,
denn wir haben ja Erfahrung."
Ein
wenig Pfeffer in die Suppe...
27
Eigentlich
könnte unsere
Erde ganz gut ohne
den Menschen auskommen.
Wir bedrohen uns gegenseitig
und sprechen uns die Menschenwürde ab.
Wir lassen andere verhungern
und vernichten Lebensmittel.
Wir genießen die Katastrophen anderer
im Fernsehsessel
und beladen uns mit so viel Konsumgütern,
dass das Denken unmöglich wird.
Wir geben Millionen für Umweltschutz aus
und Milliarden, um die Umwelt umzubringen.
Wir erfinden so viele arbeitssparende Geräte,
dass ohnehin die meisten Menschen
nicht mehr gebraucht werden -
und auf den Rest könnte
unsere Erde verzichten.
Der Mensch ist
überflüssig.
Dann würde das Ozonloch kleiner,
und die Gewässer würden sich vielleicht
selbst entgiften,
die Erde würde sich erholen
und die Luft jubeln.
Die Tiere würden
vor Freude springen und tanzen,
und selbst das letzte Robbenpärchen
zöge froher seine Wege durch das Meer.
Für die Erde
wäre es ein Segen,
wenn es keine Menschen
mehr gäbe -
und für die meisten Menschen auch.
Warum
sind wir nicht konsequent?
28
Lasst uns nur so weitermachen.
Da haben Menschen Angst vor einem,
immerhin möglichen, Krieg.
Aber schließlich haben wir unsere Politiker,
die in Ost und West, in Süd und Nord
für Frieden sorgen,
und wenn das nichts hilft,
gibt es ja noch
das Gleichgewicht des Schreckens.
Lasst uns nur so weitermachen.
Da haben manche Angst vor
der Arbeitslosigkeit,
der Umweltzerstörung
und deren Folgen,
dem Elend der Dritten Welt
und so weiter, und so weiter.
Lasst uns nur so weitermachen.
Wozu Angst haben?
Schließlich lassen sich
alle zukünftigen Probleme
sauber mit ein paar
Neutronenbomben regeln.
Lasst uns nur so weitermachen.
Wenn ich meinen Nachbarn
mit seiner Giftspritze
im Garten sehe,
und an die anderen denke,
die ich nicht einmal kenne,
dann weiß ich:
alle Probleme der Menschen
lösen sich demnächst auch so,
selbst ohne Bombe.

29
Die Zeit durcheilt mit Riesenschritten
den Garten in der Sommerzeit,
die ersten Früchte werden reifer,
zur Ernte ist es nicht mehr weit.
Nun hol ich nochmals meine Spritze,
wer weiß, wozu das alles gut:
für Obst, Gemüse, Blumen, Sträucher.
Ich bin doch lieber auf der Hut.
Die Raupen fallen von den Bäumen,
der Schmetterling, er ist lang tot,
und starke Düngung, welche Freude,
schafft süße Früchte, knallig rot.
Chemie, Chemie, soweit ich sehe,
solch einen Garten lob ich mir,
voll Schwermetall und voller Gifte,
die Reinheit gilt ja nur beim Bier.
So ernte ich die größten Früchte.
Sie schmecken leider etwas fies,
der Gartenboden ist vergiftet
in Gärtners Chemie-Paradies.

30
Manche sagen:
Politik ist ein schmutziges Geschäft.
Und dann drücken sie sich
um die Verantwortung
und machen ihre eigenen,
manchmal noch schmutzigeren Geschäfte.
Manche sagen: Macht in der Politik verdirbt den Charakter.
Und dann unterdrücken sie ihre Frauen
und misshandeln ihre Kinder
und treten da, wo es nur geht.
Manche sagen:
Ich will meine weiße Weste weiß behalten.
Und dann denken sie doch nur
an ihre Bequemlichkeit,
sitzen vor der Glotze
und schimpfen auf die Politiker.
Da hatte schon einmal einer eine Ausrede.
"Soll ich meines Bruders Hüter sein?"
hat er gefragt,
nachdem er ihn erschlagen hatte.
Die Dinge dieser Welt
lassen sich nicht
durch Nichtstun regeln
oder durch Ausreden.
Besser ein paar Flecken auf der Weste,
als das Kainszeichen auf der Stirn.
Habe keine Angst vor den Flecken
sondern davor,
dass deine Seele schwarz wird,
weil du nichts tust.

31
Ich wollt´, ich wär´ Politiker,
dann kämen alle Leute her
und wählten mich ins Parlament,
dorthin, wo man mich schon bald kennt.
Doch weil ich nun mal nicht Politiker bin,
schau ich zu denen da oben hin.
und da kommt mir ein großes Unbehagen,
und ich weiß nicht, wie soll ich es besser sagen.
Ich lerne doch schließlich, wie man so lebt
und dass an jedem Posten doch auch Geld klebt.
Ein Politiker ist für alle da,
aber natürlich für sich auch, das ist ja klar.
Ich wollt´, ich wär´ Politiker,
dann kämen alle Leute her
und wählten mich ins Parlament,
dorthin, wo man mich schon bald kennt.
Die Industrie, die wird mein Freund,
für die mir nichts zu teuer scheint.
Sobald es sein kann, sahn´ ich ab
und nicht zu knapp, ja, nicht zu knapp.
Ich sitz gern in dem Aufsichtsrat,
das ist gut für´n Privatetat.
Und mancher Aktienstapel hier
gehört bald mir, ja, gehört bald mir.
Ich wollt, ich wär´ Politiker,
dann ist das Leben nicht so schwer.
Ich macht Gesetze für die Reichen
und werd´ dabei das Geld einstreichen.
Ich wollt´, ich könnt Minister sein,
dann wär´ das Leben erst recht fein!
Ich ging auf Reisen jedesmal,
das Volk, es ist mir piep-egal.
Und gibt es auch einen Skandal,
nun, das passiert doch jedem mal.
Was war, lässt sich immer verschleiern,
die Leut´ soll´n mich nur nicht anmeiern.
Ich hab doch meine Fachleut´ hier,
und außerdem ist´s nicht mein Bier.
Schon morgen ist es ganz vergessen,
so, wie Atommüll da in Hessen.
Ich wollt, ich könnte Kanzler sein,
dann gilt, was ich will, ganz allein.
Ich hab allein den Sachverstand,
das weiß doch jeder in dem Land.
Wer oben sitzt, der sorgt für sich,
und warum gilt das nicht für mich?
Denn geht´s ums Geld, bin ich ganz Ohr.
Der kluge Mann baut nämlich vor.
Doch weil ich nun mal nicht Politiker bin,
schau ich zu denen da oben hin.
Nur vor dem Politiker hab ich Respekt,
der innen noch nicht ganz verdreckt,
und der etwas gegen die Armut tut
und für die Umwelt, ach, das wär gut.
Leider kenn ich nur einen in unserer Stadt.
Da oben, da sind sie ziemlich knapp.

32
Über zehntausend Tote auf den Straßen
und ungezählte Verletzte,
Menschen, die trauern
und die, deren Leben zerstört ist.
Aber auf den Autobahnen
darf jeder in seinen Tod rasen
und andere mitnehmen:
Unfassbar!
Ein Land versinkt in den Fluten.
Millionen werden obdachlos,
Tausende ertrinken,
werden von Seuchen dahingerafft.
Aber beim Fernsehen läuft uns nur
ein leichtes Kitzeln über den Rücken,
sozusagen als Einleitung
zum Abendkrimi:
Unfassbar!
Da werden Millionen gezahlt,
um immer neue Lebensmittel
- Lebensmittel? -
auf ausgebeuteten Böden herauszupressen,
die dann teuer gelagert
und vernichtet werden,
und Millionen verhungern:
Unfassbar!
Da gibt es einen Tourismus
für Menschen und für Giftmüll
in die dritte Welt,
beides gleich schädlich.
Sollen die doch sehen, wie sie damit fertig werden:
Unfassbar!
Da werden ungezählte Heere unterhalten,
auf Kasernenhöfen
und in der kostbaren Landschaft
für´s Kriegsführen gedrillt,
Geldmittel verschwendet,
statt für den Frieden zu üben
und Hilfe zu geben,
wo der Nächste in Not ist:
Unfassbar!
Da werden immer mehr Computer eingesetzt,
um konkurrenzfähig zu bleiben
und billiger zu produzieren,
da werden immer weniger Menschen gebraucht,
bis sie eines Tages
ganz durch Maschinen
ersetzt werden können,
überflüssig sind:
Unfassbar!
Dann kommt unsere Erde
endlich
ohne Menschen aus.

33
Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein
Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein.
Raketen beschützen dich fein.
Viel Panzer stehen auf beiden Seiten,
sie sollten uns schlaflose Nächte bereiten.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf gut.
Soldaten steh´n auf der Hut.
Sie schützen den Frieden auf vielerlei Arten,
du kannst lange auf sein Kommen warten.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf gut.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf tief.
Im Atomkraftwerk läuft schon was schief.
Geht´s auch nicht bei uns wie in Tschermobyl,
am Supergau, da fehlt nicht viel.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf tief.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf fest.
Träum von der Natur, von dem Rest,
den and´re dir übergelassen ha´n,
sieh ihn dir wenigstens im Traume an.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf fest.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf lang.
Wenn du aufwachst, dann wird dir nur bang.
Am besten du schläfst und wachst nie mehr auf,
denn leidvoll wird sonst dein Lebenslauf.
Schlafe, mein Kindchen, schlaf lang.

34
Da kenne ich einen Wissenschaftler,
hoch begabt und so überzeugt von seiner Idee,
dass er Bedenken nicht gelten lässt.
Neugier, gepaart mit Genialität,
Durchsetzungsvermögen mit genügen Intoleranz:
Beneidenswert.
Er forscht in der Gentechnologie,
entwickelt neue Lebewesen.
Sein Gewissen ist die Wissenschaft.
Die Konsequenz seiner Forschung?
Dafür ist er nicht zuständig,
das mögen andere tun.
Wissenschaft ohne Gewissen?
Da kenne ich einen Wissenschaftler,
hochbegabt und überzeugt von seiner Idee,
dass er sie in der Wirtschaft verwirklicht,
für sie noch mehr forscht,
erfindet, entdeckt,
zum eigenen und seiner Firma Wohl.
Beneidenswert.
Er arbeitet in der Halbleitertechnik,
entwickelt Roboter.
Seiner Firma geht es
um wirtschaftliche Macht,
Marktanteile, Umsatz, Gewinn,
nicht so sehr um die eigenen Arbeitsplätze,
das fällt so nebenbei ab,
oder weg,
wenn Roboter erst einmal
die Produktion übernehmen.
Wissenschaft ohne Gewissen?
Zu Hause züchtet er Rosen
und mäht seinen Rasen
mit einem Handmäher.
Da kenne ich einen Wissenschaftler,
hochbegabt und so überzeugt von seinen Ideen,
dass er sie in den Dienst der Rüstung stellt.
In seiner Kirchengemeinde nannte er das:
Arbeit für den Frieden.
Sein Arbeitsgebiet:
Wie kann ich mit immer weniger Aufwand
immer mehr Menschen töten.
(Feinde töten, nannte er das).
Sein Kummer:
Er kann seine Forschung - noch nicht-
in der Praxis überprüfen.
Aber die Theorie ist sehr viel versprechend.
Wissenschaft ohne Gewissen?
Da habe ich Menschen kennen gelernt,
keine Spezialisten,
sondern so, wie du und ich,
die alles normal finden,
weil sie für Wissenschaft und Technik schwärmen,
- große Liebe macht eben blind -
die sich ergötzen an dem millionenfachen Tod,
der allabendlich über den Fernsehschirm flackert,
Menschen, die Abfälle in die Gegend werfen
und die sich und ihre Kinder
mit Giften freiwillig selbst schädigen.
Menschen ohne Gewissen?
Hat uns unser Gewissen verlassen,
weil es nicht mehr aushielt bei uns?

35
Wie gut, dass es die Statistik gibt,
die die Wahrheit kennt
und die Tatsachen durch Zahlen
beim Namen nennt.
Sie sagt:
Die Zahl der Arbeitsplätze
ist gestiegen
und die der Arbeitslosen gesunken.
Doch das ist erlogen und erstunken.
Du vergisst einfach,
einige mitzuzählen.
Dann werden die Zahlen
und die Schicksale der Leute
dich nicht mehr quälen.
Hein Schmitt, unser Nachbar,
ist schon lang arbeitslos.
Und die Not der Familie
und der Kinder ist groß.
Der Gerd hat noch immer
keine Lehrstelle. Mist!
Dabei sucht er, schon seit Wochen,
und versucht jede List.
Frau Kathrin, geschieden,
find´t keinen neuen Job.
Und sie müht sich vergeblich.
Der Statistik ein Lob.
Die Statistik sagt:
Das Einkommen der Leute ist gestiegen
und das Elend der Massen gesunken.
Doch das ist erlogen und erstunken.
Du vergisst einfach,
Reichtum kann man verteilen:
für den einen viel,
und die anderen,
sie dürfen im Dunkeln weilen.
Herr Groß hat Millionen,
ist schon lang´ reich und fett.
Nur der Hein, der hat wen´ger
und für´s Baby kein Bett.
Sohn Frank Groß fährt den Porsche
und im Sommer nach Nord.
Doch der Gerd kann sich mühen,
ihm schenkt keiner ein Wort.
Frau Groß hat die Villa,
das Brillantdiadem.
Doch Frau Kathrin putzt Klinken,
statistisch geseh´n.
Und so können die Mächtigen unserer Welt
mit der Statistik machen, was ihnen gefällt.
Wen kümmert das Elend der kleinen Leute,
statistisch geht´s allen ganz prächtig heute.

36
(Für Renate B.)
Meine Liebe, deine spitze Zunge
hat mir manchmal Freude schon gemacht.
Hat es denn bei deinen Leuten
deshalb nicht schon laut gekracht?
Wenn du spöttelst, piekst und lästerst,
klingt das gänzlich unkonventionell.
Wie ein Blitz in dicken Wolken
wird es dabei endlich hell.
Sehr oft prasseln viele leere Phrasen
auf dich ein, dass du fast wehrlos bist.
Und du fragst dich, ernsthaft schaudernd:
"Ach, was ist das für ein Mist?"
Bei dem, was die Leute da so reden
an
Gewäsch und Oberflächlichkeit,
wünschte ich mir deine spitze Zunge.
Gott erhalte sie dir allezeit!
37
Er hat Recht,
immer.
Und alle anderen haben Unrecht.
Er weiß alles besser.
Und alle anderen liegen falsch.
Er kann alle anderen beraten.
Und nimmt selbst keinen Rat an.
Er ist selbstzufrieden und selbstsicher,
weil die Gabe der Selbstkritik
und der Unsicherheit
nur dem Dummen gegeben ist.
Über Geschmack lässt sich streiten,
nur nicht mit ihm, denn er hat ihn.
So
könnte es seitenlang weitergehen.
Nur dabei entdecke ich,
dass ich auch
etwas von einem Spießer
an mir habe.
38
Der Sündenbock
Er braucht jetzt einen Sündenbock,
und auf den prügelt er mit einem Stock.
Seine ganze Wut und Aggression
setzt er in die Tat um - und sie ist davon.
Der Chef hat Knies mit seinem Weib
und ein paar Flecken auf dem Leib.
Da hat ihn nämlich die Frau geschlagen,
wegen der Freundin ging´s ihm an den Kragen.
Er braucht jetzt einen Sündenbock ...
Der Herr Prokurist jetzt der nächste ist,
denn der Chef schimpft: "Was machen Sie da für Mist!"
Und er sagt, er würd´ ihn demnächst doch feuern
und seine Prokura nicht erneuern.
Er braucht jetzt einen Sündenbock ...
Er meckert an seinem Chauffeur herum:
"Wie Sie fahren, das ist mir doch zu dumm.
lassen Sie sich das Fahrschulgeld wiedergeben!"
Doch der würd ihm am liebsten eine kleben.
Er braucht jetzt einen Sündenbock ...
Der Chauffeur kommt nach Hause und zittert vor Wut.
Und fragt seine Frau, was sie tagsüber tut.
Und dann schimpft er: "Ihr könnt doch nur Kuchen essen,
doch den Abwasch, den hast du schon wieder vergessen!"
Sie braucht jetzt einen Sündenbock...
Die Mutter keift jetzt mit ihrem Sohn:
"Warum klingelt schon wieder das Telefon?"
Und sie schreit und der Fritz lässt ein Glas hinfallen.
Verdammt, ist er denn Schuld an allem?
Er braucht jetzt einen Sündenbock...
Er hat einen Hund, der kleine Mann,
den prügelt er, so gut er kann.
Und der Hund macht sich auf und sucht das Weite,
er läuft auf die andere Straßenseite.
Er braucht jetzt einen Sündenbock...
Da sieht er die Frau Direktor geh´n,
die kann partout keine Hunde aussteh´n.
Doch er spürt das, und das ist natürlich schade,
denn der Hund beißt sie in ihre rechte Wade.
Sie braucht jetzt einen Sündenbock...
Und der Chef kommt nach Haus und ist fast blau,
denn er denkt an die Freundin und an seine Frau.
Und bringt ein paar Rosen, um sie zu versöhnen,
doch die Frau kann nur noch vor Schmerzen stöhnen.
Man braucht jetzt einen Sündenbock....

40
Willst du die Trollblume sehen,
die gelbe, leuchtende Kugel,
den Enzian
mit seinen vielfältigen Arten und Farben,
den weißen Germer
oder das Vergissmeinnicht
am Eisbach?
Dann komm mit mir,
steige empor,
hoch in die Berge,
hin zu den Gipfeln.
Zieh die Wanderschuhe an,
nimm Rucksack und Stock.
Unter dir werden die Dörfer kleiner,
der Wald, die Krüppelkiefern,
und Alpenrosen bleiben zurück,
das erste Schneefeld liegt neben dir,
und dem unendlichen fernen Himmel
bist du nahe.
Schlacken schwitzt du aus,
dein Atem wird tiefer und reiner
in der kühlen Luft unter dem blauen Himmel.
Deine Sorgen hast du zurückgelassen,
und vielleicht findest du sie nicht wieder,
wenn du am Abend herabgestiegen bist.
Jetzt aber winken dir
schneebedeckte Häupter
von ferne zu,
begrüßen dich
in ihrer Mitte.

41
He,
du da
oben,
Respekt
heischender
Gipfel der Berge!
Gletscher
bedecken deine Füße,
Kälte, die Leben abweist,
die du herunterschickst
zu den Menschen.
Meist wolkenverhangen
erlebt ich dein Haupt,
höchster Berg Europas:
kühl, majestätisch, unnahbar.
Wie viel lieblicher
sind die Wiesen unter deinen Füßen,
Berghänge, blühende Wundergärten,
voller Leben.
42
So, als hätte der Teufel selbst
wieder seine Hand im Spiel gehabt
und
die Felsen gespalten,
wie es ihm Spaß macht,
Menschenherzen auseinanderzureißen.
Tief unten sehe ich das Wasser,
wie den Weg in die Unterwelt,
schwindelerregend,
nicht mehr von der Sonne erreicht.
Und unheimlich
schön,
dieses Wunder der Natur.
Ist es vielleicht doch ein Werk Gottes,
um Menschen wieder das Staunen zu lehren?
43
Lavendel durchtränkt die Luft.
Ein einzelnes Insekt
summt in der lastenden Hitze.
Unbarmherzig
dörrt die Sonne
ockerfarbenes Land
noch weiter aus.
Ruinendörfer
thronen an Bergkuppeln,
verlassene Behausungen.
Selbst für die Armut
ist dieses Land
zu unwirtlich.
Und doch hat es seinen
unverwechselbaren
Charme.
44
Die Last der Hitze weicht
mit der sinkenden Sonne.
Wir steigen die Stufen empor
zu den Ruinen der Burg.
Welche Schicksale
mögen die alten Mauern
erlebt haben?

Blühender Ginster
bekleidet mit seinem goldenen Schimmer
das trostarme, trockene Land.
Lavendelduft
hat sich
über das abendliche Dorf gesenkt,
hüllt es ein,
auch wie der Schimmer
des Mondes.
45
In einer Kirche in der Provence
Das, was man hier
noch Verkehr nennen könnte,
beginnt einzuschlafen
in der allgegenwärtigen,
alles durchdringenden Mittagshitze.
Nur hier drinnen
kühlende Stille,
durch
Glasfenster
buntdunkles Licht.
Jemand hat eine Kerze
angezündet
für einen unglücklichen Freund
oder für sich selbst.
ER wird sie sehen.
46
Tief unter uns
lassen wir die Lavendelfelder
mit ihrem berauschenden Duft;
höher und höher
windet sich der Weg
bis zum kahlen Gipfel.
Weit im Osten leuchten,
schneebedeckt, Berge.
Kühlender Wind umstreicht mich
in der blendenden Sonne.
Der Horizont im Süden
und vor ihm die Wälder und Dörfer,
Höhenrücken und Täler,
sie alle verstecken sich
im Dunst des Mittags.
Voller Leiden und Leidenschaft
ist dieses Land:
Lieder der Troubadoure,
meist vergeblich gesungen,
das Blut der Katharer,
voller Glaubensinbrunst vergossen,
die ungezählten Tränen der Armut,
Tag und Nacht geweint,
durchtränken das trockengebliebene Land.
Hier oben,
wo früher Hexen und Geister
ihre Tänze tanzten,
ihr Wesen trieben,
treiben heute Touristen
ihr Unwesen.
Ich
bin einer von ihnen.
47
Avignon,
du Stadt meiner Träume
und meiner Sehnsucht.
Endlich bin ich in deinen Mauern,
lasse mich gefangen nehmen
von dem Charme des Südens,
dem bunten Treiben
des Festes der Jugend,
bin einer von ihnen
in der wogenden Menge,
Brot und Wein und Käse essend,
vor
den Stufen
des kalten Palastes.
Hier draußen
quirlt Kunst und Musik,
pulst das Leben
bis spät in die Nacht.
Wenigstens einen Tag
kann ich hier sein
und komme wieder,
als Gefangener
deines Zaubers.
48
Tief im Süden waren wir,
dort, wo der Horizont
ohne Grenzen ist,
steckten unsere Füße
in das kühlende Meer,
das doch mit Sonne
vollgesogen war,
wie der glühende Sand.
Aber wenig weiter im Land
sahen wir die Schwärme der Flamingos
in den Farben der untergehenden Sonne,
die
Herden der weißen Pferde,
die Salzgräser an den Lagunen
und die Melonenverkäufer an den Straßen,
und wir ahnten,
hier ist eine andere Welt.
49
Auf zwei schmalen Reifen,
den Sattel geformt wie eine Banane,
tief über den Lenker gebückt,
ihre Pedale malträtierend,
rasen die dahin
über die Straßen.
Überall begegnest du ihnen;
zu den unwirtlichen Pässen
keuchen sie empor,
todesmutig stürzen sie sich zurück
ins Tal,
weiter,
immer weiter,
so, als könnten sie
nicht schnell genug
an ihr Ziel kommen,
die Etappe erreichen,
von der aus sie weiterhasten,
nicht, um zu einem Ziel zu kommen,
sondern um unterwegs zu sein.
Gibt es einen Weg,
der für sie zu lang ist,
einen Berg,
der zu steil,
ein Wetter,
das zu schlecht ist?

Frankreich scheint eine Nation zu sein,
deren Männer die Seele
in ein
gelbes Trikot stecken.
50
Menschen, die Zeit haben
für einen Schwatz,
ein Gespräch,
voller Charme,
mit einem freundlichen Blick,
wenn sie meine
unbeholfenen Fragen vernehmen.
Menschen, die Zeit haben
bei einem Glas Rotwein,
so, als ob nicht ich Urlaub hätte,
sondern sie.
Welch
glückliche Menschen,
die so leben können,
welch glückliches Land,
von solchem Leben geprägt.
Als wir nach Norden zogen,
kam er uns entgegen,
tief die Felsen einschneidend,
in ungezählten Windungen,
jedes Mal ein neuer,
Auge und Herz
erfreuender Anblick.
Die zahlreichen Kanus,
winzig von oben,
schienen ihn gezähmt zu haben,
oder ertrug er sie gutwillig,
um Menschen den Urlaub
nicht zu verderben?
Die Augen wurden nicht müde,
seine Schönheit zum trinken,
wie den Wein dieses Landes.
Aber dann sahen wir
das steinerne Tor,
felsig,
eine Brücke zwischen den Ufern
und doch nicht verbindend,
urwüchsig,
Zeuge der Schöpfung.
Wo mögen in diesem Land
die lieblichen Weine reifen,
die die Würze des Bodens,
die Süße der Trauben
und die Sonne des Himmels
in sich vereinen?

52
Heute spüre ich,
stärker noch als gestern und vorgestern
Heimweh nach einem Land,
das ich als Fremder
nur wenige Tage betrat.
Heimweh nach Lavendelduft und Ginstergelb,
nach Melonen am Straßenrand,
dem mittäglichen Baguette mit Käse
und dem abendlichen Glas Rotwein
in dem Café an der Straße.
Heimweh nach den Menschen,
mit denen ich mich verstand,
mit Händen und Füßen redend,
die mich, den Fremden, nicht abwehrten,
sondern sich öffneten
wie einem Bruder,
der nach langer Zeit heimkehrt.
Heimweh nach dem Wechsel
von Mittagsglut und Abendkühle
und einer Zeit,
die nie davonläuft.
Heimweh nach Sonne und Mond
an einem anderen Himmel,
weit, weit weg im Süden,
wo die Sonne auch Menschenherzen erwärmt
und die Farben lebendig werden.
Jetzt kann ich verstehen,
warum
Maler und Dichter
dorthin zurückkehren.
53
Ein Schneeflock reiste einst allein
auf einer Wolke übers Land,
langweilte sich und dachte: "Ach,
wie bin ich doch so unbekannt."
Da traf er, als er hierher kam
auf einem andern Wolkenteil
die Schneeflocke und freute sich.
Vorbei war alle Langeweil´.
Sie tanzten beide hin und her,
gebaren viele Kinder.
So kam, obwohl die Sonne schien,
zu uns doch noch ein Winter.
Für warmes Wetter gibt es folgende Fassung:
Sie tanzten beide hin und her,
gebaren viele Kinder.
Doch gab es, weil die Sonne schien
nicht einmal einen Winter.
Nur leider hielt die Ehe nicht,
ach ihr, Schneeflocke und Schneeflock.
Sie reist nach Norden, er nach Süd,
nach
Kärnten auf den Rinsennock.
54
Da quält dich wieder, kleiner Mann,
was dir Frau Grippe angetan,
das Fieber und der Husten.
Denn dieses niederträcht´ge Weib
schleicht durch das Dorf zum Zeitvertreib
und will Menschen anpusten.
Sie war auch hier in uns´rer Stadt
und trippelte Straß´ auf, Straß´ ab
und suchte ihre Beute.
Und wenn sie sie gefunden hat,
vollzieht sie ihre böse Tat
und steckt an alle Leute.
Dich hat sie sich auch ausgewählt,
damit dich ja der Husten quält
zum zehnten mal schon wieder.
Seit einer Stunde zähl ich ihn,
und es will mir nicht in den Sinn,
dass du so hohes Fieber.
Wenn ich dich, alte Grippe pack,
dann steck ich dich in einen Sack
und trag dich auf den Boden.
Da kriegt sie täglich Fliedertee
und bunte Pfefferminzdragee,
da mag sie sich austoben.
Ich lasse sie dann erst heraus,
zu ihrem Grippemann nach Haus,
wenn sie mir wird versprechen,
dass sie den Bub in Ruhe lässt,
sonst halt ich sie noch länger fest
und sollt das Herz ihr brechen.

55
Ein Kaugummi der lebte
auf einem Stuhl und klebte
ganz fest.
Da kam der Lehrer Hempel
und setzt sich auf den Krempel
mit Wucht.
Er saß die ganze Stunde
und schaute in die Runde
ganz streng.
Der Lehrer Hempel drohte
ganz finster mit der Pfote:
Nun lernt!
Doch als die Stund zu Ende,
erhob er sich behende,
o weh.
Die Lehrerhose klebte
an Stuhl und Hempel strebte
hinaus.
So ging er mit dem Stuhle
nach Hause aus der Schule,
o Graus.

Du behältst deinen Wert,
kleiner Freund,
auch wenn dein Lehrer,
der dir nicht nur Wissen über Tatsachen
beibringen sollte,
sondern auch,
dass man glücklich sein kann,
dich auf dem Papier,
das man Zeugnis nennt,
schlecht beurteilt.
Merkt er nicht,
dass du unendlich viel mehr wert bist,
mein kleiner Freund,
als
das, was da steht?
Sei großmütig,
verzeih´ ihm.
Lehrer sind auch
nur Menschen.
57
Als Schüler haben wir auf sie geschimpft,
wie es Schüler wohl meistens tun:
Sklaventreiber, Schinder, Ignoranten
nannten wir sie.
Aber Pfundskerle waren sie doch,
meine alten Lehrer und Lehrerinnen.
In Mathematik lernte ich
neben dem Koordinatensystem,
wie man Schach spielt,
und ich lernte dieses Fach zu lieben.
In Physik erfuhr ich,
wie man elektrische Leitungen verlegt
und im Englisch:
"An apple the day keeps the doctor away."
Im Deutschunterricht
lernte ich neben vielem anderen
auch Leberecht Hühnchen kennen
und dass wir glücklich sein können,
ganz aus uns heraus;
nicht zu vergessen,
wie man mit Stäbchen Chinesisch isst.
Andere brachten uns bei,
wie man sich gegenseitig hilft
und sich helfen lässt
und dass Lernen
ein Leben lang anhält.
Zeit hatten sie für uns,
unsere Lehrer,
selbst zum Zelten.
Als Schüler schimpften wir auf sie.
Aber mancher Erfolg
ihrer und unserer Mühen
stellte sich später ein
und manche Einsicht
und
die Achtung vor denen,
die uns dies alles lehrten.
Mein Freund ist gegangen,
heut Nacht, heute Nacht,
gegangen und kommt niemals wieder.
Was bleibt? Schale Leere und Traurigkeit,
in der Vase verblühender Flieder.
Ach, scher dich zum Teufel,
heut Nacht, heute Nacht!
Was hab ich mit dir noch zu schaffen?
Und doch zieht mein Herz mich zu ihm ganz hin,
muss meine Kraft zusammenraffen.
Du gehst zu der andern,
heut Nacht, heute Nacht.
Werd glücklich mit all deiner Liebe.
Ich bin alleine. Nehm´ ich mir den Strick,
dass dem Tod ich verbunden bliebe?
Ich bleibe einsam,
heut Nacht, heute Nacht.
Vielleicht auch für ewige Zeiten?
Nein! Such mir den andern, der treuer ist,
dem will ich das Frühstück bereiten.

59
Nicht nur,
dass er sich
blauen Dunst vormacht,
sich hinter ihm versteckt,
aus der Gegenwart in die Wolke flieht,
er vergiftet auch
seinen Körper,
sich selbst
und die
anderen.
Nicht nur ein
Selbstmörder
auf Raten,
auch ein
Mörder
ist er.
60
er Raucher II
Du rauchst vom Morgen bis zum Abend,
lieber Freund,
paffst blaue Wolken, doch du merkst es nicht.
Du bist ein Mensch, der gerne Schönes träumt
und dabei ein sympathisch Bösewicht.
Du bist, sagst du, kein Kettenraucher,
obwohl´s schon reicht mit der verpestet Luft.
Du liebst die dicken Wolken, wie mir scheint,
und du bereitest andern ihre Gruft.
Da saß ich nun mit dir zusammen,
und du verhüllst dich nur mit blauem Dunst.
Ich tränk mit dir gern eine Flasche Wein,
doch nun schenk ich ´nem andern meine Gunst.
So lass ich dich nun rauchen,
und red mit dir lieber am Telefon.
Und weil das Rauchen wichtiger dir scheint,
meide ich dich: das hast du nun davon.

61
Campen, campen, welche Freude,
endlich bist du alles los,
denn nun sitzt du in der Heide,
und du fühlst dich richtig groß.
Bist im Zelt, der Regen prasselt
auf das Dach, es ist saukalt,
trinkst dein Bier, die Lunge rasselt,
Fernseh´n läuft ganz ohne Halt.
Wenn du Luft schnappst, musst du waten
durch den Schlamm, der dich umgibt.
Hättest lieber Gänsebraten,
als dass man hier Kohldampf schiebt.
Scheint die Sonne, kommt das Leben
endlich in die Bude rein.
Mücken werden dich umschweben,
und die Hitze weckt dich ein.
Doch als Camper, unempfindlich,
gegen alle Widrigkeit,
liebst das Campen unergründlich,
bist zum Leiden stets bereit.

62
Der Briefkasten steht gelb und stumm
an einer weißen Ziegelwand.
Sein Magen knurrt symbolisch, er hat Hunger,
und hat zum Essen keine Hand.
So viele Menschen füttern ihn
und geben ihm Reklame,
Liebesbriefe,
ein Rechtsanwalt
schreibt viele strenge Worte,
von Tante Anna kommt ´ne Karte
mit ´ner Torte,
und der Geschäftsmann
schreibt schon wieder eine Mahnung,
dazu noch Ansichtskarten
und Geburtstagsgrüße,
wer weiß, was noch, ich habe keine Ahnung.
Nun kommt ein Mensch in Blau
und räumt den Magen aus
und bringt den Inhalt dann
zu andern in das Haus.
Und er bleibt stehen und
beklagt sich nicht, ist stumm
und wartet still ergeben auf sein Essen,
auf neue Briefe, neue Post,
nichts, nichts ist ihm zu dumm,
es sei, du hast dein´n Brief
an mich
vergessen.

63
Nachträglich gewidmet dem großen Heinz Erhardt
Gar mancher sitzt
beziehungsweise saß
in seinem Auto,
und wird wieder sitzen
und zwar in dem,
das auf dem Parkplatz steht.
In eine Lücke quetscht sich nun
ein Auto, das ganz schwarz und groß
und eigentlich zu dick geraten,
wie sein Besitzer, der,
mit "Ächz" und "Stöhn",
die Tür sich öffnet,
nur um auszusteigen.
Ein anderes, grazil und damenhaft
enteilt, verlässt den Platz,
wohin? zum Rendevous?
Und weiter oben steht ein Ehepaar
und schlägt mit Wucht die Koffertüre zu.
Du siehst viel Blech, lackiert und aufgeputzt,
dazwischen steht ein Auto, ganz verdreckt,
das scheint mir ziemlich abgenutzt,
und schamhaft hat es sich versteckt.
Dort pirscht, Gas gebend eines aus der Lücke
und rums, jetzt scheppert es ganz laut.
Ein and´rer hat, o welche Tücke,
die Vorfahrt ihm geklaut.
Der Parkplatz ist so voller Leben,
mit dicken, dünnen Autos vollgestellt,
es kann kaum etwas Intressantres geben,
nur
der Gestank ist´s, der mir hier missfällt.
64
Ich wünsch dir zum Geburtstag jetzt
viel Glück und Gottes Segen.
Ich weiß, er wird, um dies zu tun,
fleißig die Hände regen.
Er segne dich und mach dich reich
an allem und voll Freude;
nicht heute nur, das ganze Jahr
bewahr er dich vorm Leide.
Und wenn es dunkle Tage gibt,
ganz rauh und ohne Pflege,
sein Wort darf deine Leuchte sein
und zeigt dir neue Wege.
Nimm
jeden Tag aus seiner Hand,
ER schenk dir Sonnenschein.
Ich bringe dir ein Fläschchen mit
dem schönsten Roggenwein.
65
Ein jeder Tag ist Sein Geschenk,
gefüllt mit Seiner Liebe.
Nimm sie nur wahr, und ich wünsch dir,
dass es so immer bliebe.
Ein jeder Tag des alten Jahr´s
stand unter Seiner Gnade.
Du nahmest an, was Er dir gab,
verdankst Ihm alle Habe.
Ein jeder Tag, der vor dir liegt,
verkündet Seine Treue.
Er lässt uns nie alleine sein,
begleitet stets aufs neue.
Und
dieser Tag beschließt das Jahr,
schließt auf, was Er will geben.
Ich wünsch dir, dass du glücklich bleibst
in deinem ganzen Leben.
66
Eine Einladung zum Mittagessen bei Freunden
Stell diesen Strauß an einen warmen Ort,
bald wird es Frühling um dich werden.
Der Winter dauert doch nicht länger fort,
auch, wenn es immer kälter wird auf Erden.
Die Blüten bringen nun den Lenz zu dir,
die Kätzchen wollen dich umschmeicheln.
Nimm doch das Leben nicht so furchtbar schwer,
und lass die Nase von dem Blütenduft dir streicheln.
Wir danken dir für´s Essen im voraus.
Den Hunger wollen wir mitbringen.
Nur
schade, dass ich schrecklich heiser bin,
sonst würd´ ich dir sogar ein Liedchen singen.
67
Manchmal ist das Leben so:
und du stehst im Dunkeln.
Warum muss das große Glück
nur den andern funkeln?
Manchmal ist das Leben so:
und du stehst im Regen;
machtlos und ein kleiner Mensch,
vermagst nichts dagegen.
Manchmal ist das Leben so:
da gießt es in Kübeln,
und du kannst dem, der da gießt,
nicht mal was verübeln.
Manchmal ist das Leben so:
alles geht daneben;
und du stehst belämmert da.
Ja, so ist das eben.
Manchmal ist dass Leben so:
dann ist nichts zu machen,
und
du kannst nur eines tun:
weinen oder lachen.
68
Ich
sitze
in einer
Sitzung,
wie es üblich ist,
zusammenzusitzen
und höre den Jahresbericht
des Herrn Geschäftsführers.
Nicht, dass er langweilig ist,
das müssen solche Berichte nicht sein,
aber er füllt nicht aus,
und meine
Gedanken
wandern.
Ich möchte
Gedichte schreiben,
aber in mir ist es leer.
Unruhig sitze ich,
unbefriedigt,
während Zahlenkolonnen und Tätigkeiten
wie D-Züge
in denen ich nicht mitfahre,
an meinem Ohr vorbeirauschen.
Meine Gedanken
sind auf einer Wiese
und dort schlagen sie Purzelbäume,
aber sie ruhen nicht aus,
formen
nichts
zu dem einen Gedanken,
der Gestalt werden möchte.
69
Mitten in einer Diskussion,
in einem Vortrag,
machen sich meine Gedanken
selbständig,
fliegen davon
wie ein Schwarm Vögel,
setzen sich auf die Zweige
des Baumes
draußen vor dem Fenster
und zwitschern ihr Lied -
und diese Zeilen entstehen.

70
Bei den vielen klugen Gedanken
des Herrn Referenten,
die stundenlang
auf mich niederprasseln,
sind meine eigenen Ideen
und Gedankensplitter
wie Blumen,
die unter der Lava
eines ausgebrochenen Vulkans
begraben wurden.
Was er sagt, ist so richtig, massiv, zündend,
dass nichts übrig bleibt.
Aber meine Blumen
blühten und dufteten.
Wie schön, dass es noch Springbrunnen gibt
und die Stunden des Schweigens.
Jetzt, Tage später,
merke ich,
wie meine Blumen mit anderen
durch die Lava hindurchbrechen,
von ihr ernährt
und noch schöner blühend
als zuvor.
Manchmal brauchen wir mehr Zeit
als einen Augenblick,
um etwas wachsen und blühen
zu sehen.

71
was sind schon gedichte?
einige worte, zeilen,
die aus einem vollen herzen
sprudeln,
manchmal
als rinnsal
sich ihren weg suchen.
aber das herz
wird leichter.
es muss nicht
an dem erlebten
oder erdachten,
an
der realität
oder dem traum
ersticken.
72
Wortfetzen schwimmen in einem Meer
aus Gemurmel und Wimmern der Musikbox,
auf den Tischen Kerzen
die ihren zitternden Schein
gegen das gedämpfte Licht
der Deckenlampen durchsetzen wollen.
... zwei Pils bitte ...
... da habe ich doch neulich ...
... lautes Lachen ...
... Kellerbar ...
... gib doch mal die Salzstangen ...
Duft von Pommes und Brathähnchen
zieht in Schwaden durch den Raum,
das allgemeine Gemurmel legt sich
wie ein Nebel über die Tische -
und wieder Wortfetzen:
... haben Sie Eisschokolade ...
... eine Runde für den Tisch ...,
die Musikbox quält sich
mit einer unidentifizierbaren Melodie,
am Tisch gegenüber ein älteres Paar,
er mit Glatze,
sie mit graumeliertem Haar,
Gemütlichkeit und Stimmung steigen
mit dem Geräuschpegel
unter holzgetäfelter Decke,
mit Fischernetzen dekoriert,
Zigarettenrauch mischt sich mit Bierdunst
und den Gerüchen aus der offenen Küchentür,
da, endlich kommt
mein Glas Rotwein,
fast ein wenig
deplaciert.

73
´s ist sieben Uhr. Die Kirchenglocke läutet
den Sonntag ein, ihr Ton schwingt her zu mir;
die meisten Menschen liegen in den Betten,
die Männer müde von des Samstags Bier.
Der Himmel rötet sich, ich steh am Fenster,
erblicke ringsum grünes Blätterkleid.
Ich sehe die zwei Buchen und die Fichten,
der Rasen ist noch voller Schläfrigkeit.
Der große Tulpenbaum an meinem Fenster
lässt etwas ahnen von der Blütenpracht.
Kaninchenkinder spiel´n bei ihrem Frühstück.
Ein Eichelhäher hat ganz laut gelacht.
Dies ist die Ruhe an dem Tagesanfang,
ein paar Minuten nur, sie geben Kraft.
Hat Gott den Menschen denn allein zur Hektik
gemacht, dass er fortwährend hastend schafft?
Ich sinne nach - dies ist die rechte Stunde,
da in Gedanken ich den Tag gebaut
und hör hinaus: bald wird das Dorf sich regen,
und
in dem Hause werden
erste Schritte laut.
74
Der Abend legt sich über unsre Erde,
wie eine Decke, warm und weich und gut.
Jetzt heilen Sorgen, Kummer und Beschwerden,
und Hoffnungslosen gibt er wieder Mut.
Die Nacht, sie will versöhnen, die zerstritten;
doch bricht oft auf, was sonst noch nie gesagt.
Und manche Menschen bleiben in der Mitte
des Streites stehen, der sie beide plagt.
Ein andrer steckt jetzt seine matten Glieder
lang aus und hofft auf den ersehnten Schlaf.
Und find´t im Traum das Paradies erst wieder,
Weil ihn das Leben nur mit Schlägen traf.
Der Mond, die Sterne ziehen ihre Bahnen,
und über dir hält einer seine Hand.
Du hast jetzt Zeit, um diesen Trost zu ahnen,
und hoffst, bald kommt das Männchen mit dem Sand.
Vielleicht schenkt diese Nacht dir doch noch Ruhe,
zu dir zu kommen und bei dir zu sein.
Dann steigst du froh am Morgen in die Schuhe
und du entdeckst, die Sorgen sind jetzt klein.

75
Die Wehmut zieht wie stiller Veilchenduft
durch alle Räume meiner Seele.
Ein Hauch von Traurigkeit durchtränkt die Luft,
es scheint, als ob die Sonne fehle.
Die Wolken meiner Seele hängen schwer,
die Nebelbänke werden breiter.
Ich weiß nicht mehr wohin und nicht woher,
noch dass das Leben jemals heiter.
Und jede Kleinigkeit türmt zum Problem
sich auf, worüber ich einst lachte.
Jede Bewegung wird mir unbequem,
ich träume mehr, als dass ich wachte.
Nur zögernd bricht durch Wolkenbänke Licht,
und zögernd weichen Nebelschwaden.
Für immer bleibt die Trauer bei uns nicht:
bald kommt die Zeit, die Freude einzuladen.
76
Gelb
Ich denke an die Sonne,
die das Eis schmilzt.
Leben entsteigt der Erstarrung.
Zarte Blätter des Frühlings
spiegeln dies wieder.
Und dann entfaltet sich
die gelbe Rose
wie Gold,
aus dem die Ringe und Kronen
geschmiedet werden
und das Diadem der Braut,
gelbe Blätter der Rose,
auf denen ich dir
meine Gedichte
schreiben möchte.
Gelb leuchtet das Getreidefeld
in seiner Reife,
bevor es geschnitten
zu Brot wird.
Willst du ohne Brot leben?
Für dich opfern sich die Halme.
Gelb sind die Blätter des Herbstes.
Wenn meine gelbe Rose
schon verblüht ist,
färben sie sich an den Bäumen
bevor sie fallen.
Gelbe Blätter,
die im Frühling voller Hoffnung
und Leben
und Zukunft waren.
Jetzt fallen sie,
lassen sie sich fallen
in den
Tod.
Wenn ich nicht mehr bin,
pflanze
eine gelbe Rose
auf mein Grab,
Zeichen des Lebens und des Vergehens,
Zeichen der Sehnsucht und ...
77
Blau ist die Farbe der Blumen:
die des Veilchens,
das, fast schon violett,
bescheiden den Reigen anführt,
den sie durch das Jahr tanzen.
Blau sehe ich,
vom lichten bis zum violetten Schimmer,
bei euch, Stiefmütterchen,
meinen Frühlingsfreunden;
blau im Sommer im Kornfeld,
ein Stück des Himmels,
verteilt über ein ganzes Feld,
lauter Kornblumen;
blau im Garten,
du mein stolzer Bruder Rittersporn,
du Eisenhut im Schatten,
leuchtend und dunkel zugleich,
Schwester Lupine,
bis du, Herbstfreundin, erscheinst,
Aster im edlen Kleid.
Blau ist die Farbe des Himmels:
sein Blau spannt sich
vom zarten Pastell
mit Wolkenfiligran durchwebt,
über das dunkle Leuchten,
wenn die Wolke
vor der Sonne steht,
bis hin zum Schwarzblau
drohenden Gewitters,
schwefelgelb unterlegt.
Kein Tag gleicht dem andern,
kein Blau einer Stunde
dem einer weiteren;
immer ist Wechsel und Leben.
Blau ist die Farbe der Hoffnung:
weil es im Himmel
und in den Blumen
so vieles gemeinsam hat;
die Schönheit, das Licht,
den Duft und Verspieltheit
der Blumen,
die Insekten noch Nahrung geben
und uns Freude
und das, was mehr ist,
als Menschen geben können
und was nur der Himmel schenkt,
die Hoffnung.
Aber da,
wo blau zum Zustand wird,
verändert sich Hoffnung
in ihr Gegenteil,
wird zur Trostlosigkeit der Trost,
Leben zu dumpfer Erstarrung,
sind Versprechen des Himmels ertränkt
und die Blumen verdorrt,
wie von einem Gifthauch.
Darum lass das Blau
zur Hoffnung werden,
damit du leben kannst.

78
Ich öffne meine Gedanken:
und sehe vor mir
rot-blau kariert
ein Schottenmuster.
Mc Cornick fällt mir ein
und sein Dudelsack,
weite Hochebenen
mit ihren Schafherden,
kurze Sommer und wilde Spiele,
Whisky und Schottenröcke
über behaarten Männerbeinen.
Ich sehe Herbstnebel aufsteigen,
feuchte Kälte,
einen Hafen im Dunst.
Ich sehe,
wie Gudrun die Wäsche spült
im salzigen Meer,
die ersten iro-schottischen Mönche,
Felsen, von Wellen umtost,
Schneestürme
und dahinter ein altes Kastell.
Ich sehe den Alten
mit seinem Lächeln,
wie ein lebender Stein,
ein Kind am Frühlingsbach,
eine Mutter vor ihrer einsamen Hütte,
die es ruft.
Ich ahne dich,
sehe dich,
verwunschenes Land.

79
Das Kopfsteinpflaster glänzt noch, regennass,
der Dom ragt über Häuser, kahle Bäume.
Ich schlendre mitten durch die Stadt,
durch eine Straße voller Kinderträume.
Ein alter Brunnen, mitten auf dem Weg,
die Häuser spiegeln die Geschichte wieder;
zwei Bronzefüllen grüßen mich von nah.
Und eine Frau singt für ihr Baby Lieder.
Der Fluss wälzt sich behäbig durch die Wiesen,
am Ufer hat ein Lastkahn festgemacht;
drei Weiden stehen einsam zwischen Zäunen,
ein schwarzer Vogel hält auf ihnen Wacht.
Die Blicke gleiten über kleine Katen,
geduckt am Ufer, heimelig und still;
der Dom, wie eine Henne mit den Küken.
Hier
ist es, wo ich gerne weilen will.
80
Beim Hören einer Sonate von Prokofieff
Sind es die Weiten,
die fast unendlichen Weiten
der Steppen,
das Klappern von Hufen
das Schreien und Rufen, das lodern der Flammen
am abendlich Feuer, das alles zusammen,
was den Reiz ausmacht,
festgehalten
in Noten, wie von einem Zauberer,
von dir, Sergej,
längst vergangener Meister?
Mir kamen die Tränen
und ein tiefes Sehnen
nach diesen Weiten
brannte in mir.
Denn du gabst
deine Melancholie
und die wilde Freude zugleich
in mein Herz.
Für Franziska und Thomas, Kassel, Februar 1988
81
Kannst du bei Musik träumen,
bei Tönen,
die über dein Ohr
dein Herz erreichen und dich durchdringen?
Träume, mein Freund, träume.
Nur Träume können
uns heute noch helfen.
Vielleicht durchdringen sie unsere Welt
und die Herzen der Menschen
und deren Verstand
oder Unverstand.
Kannst du bei Musik träumen, mein Freund?
Träumen von einer Welt,
in der Menschen wie Töne leben,
in der Harmonie und Disharmonie
aufeinander bezogen sind,
nicht nebeneinander,
sondern im Zusammenspiel?
Kannst du bei Musik träumen, mein Freund,
von einer Welt,
in der sich Politiker
einem gemeinsamen Spiel stellen,
nicht gegeneinander, sondern miteinander,
bis hin zum Ziel, zum Schlussakkord,
bei dem sie gemeinsam
ankommen?
Kannst du davon träumen, mein Freund,
selbst ein Ton zu sein,
in dem Konzert,
in der Musik des Lebens,
nicht eingezwängt zwischen Notensystemen,
sondern eingebunden in das Leben,
in dem Spiel,
dessen Verlauf du mitbestimmst
mit deinem Beitrag,
sei es Harmonie oder Disharmonie?
Aber spiele mit, entziehe dich nicht.
Beim Spiel des Lebens
kannst du nicht zusehen, ohne unterzugehen.
Kannst du bei Musik träumen?
Träume nur, mein Freund,
träume spielend mit
und lebe.

82
Vor der Jury und den vielen Zuhörern
sitzt ein Mädchen,
blond, hochgeschlossen,
ein gerötetes Gesicht,
so, als ob sie jeden Moment
in Tränen ausbrechen wollte.
Aber sie spielt,
sie spielt
sicher, gefüllt und schön.
Und dabei werden ihre Augen
immer schwerer.
Wollen die Tränen gleich kommen?
Neben ihr
ein junger Mann am Flügel,
nein, ein Junge, einige Jahre älter:
dunkles Haar, Brille,
der Mund leicht zusammengepresst.
Routiniert spielt er
und doch keine Routine.
Beide zusammen zaubern Musik,
mit ihren Instrumenten
aufeinander eingehend.
Zwei echte Künstler.
So muss Musik an den Fürstenhöfen
geklungen haben.
Nur, dass die Fürsten
nicht so atemlos still waren
wie wir.
Katja, Bundeswettbewerb Pfingsten 1988

83
Perlend schwingen sich die Töne empor,
einer nach dem anderen,
wie Diamanten und Seifenblasen zugleich.
Ich schließe die Augen,
kann nur noch hören,
immer nur hören.
Langsam löst sich mein Selbst,
meine Seele
und schwebt hoch und höher,
den perlenden Tönen nach -
bis sie sie erreicht.
Sie schwingt, tanzt mit ihnen,
vereinigt,
schwerelos,
über die Welt,
wie meine Gedanken,
über Flüsse und Wälder,
Berge und Sterne,
immer höher
und scheint sich
in die Ewigkeit
zu verlieren.
Die Flöte entlässt
ihren letzten
der vielen
Edelsteine.
Applaus brandet auf.
Langsam
sinke ich wieder zu Boden,
brauche noch etwas Zeit,
um wieder ganz
da zu sein.
Konzert von Frans Brüggen, Lengerich, Frühjahr 1988
84
Eine alte, ehrwürdige Stadt,
gefüllt mit Leben
und Musik junger Künstler.
Ihre historischen Straßen und Plätze
atmen Geschichte
und lächeln dabei,
voller Freude
über das Treiben in ihren Mauern.
Nichts ist steif, verstaubt.
Ich
danke dir,
Stadt des Lächelns.
85
Du hältst es für selbstverständlich,
mein Freund,
dass im Herbst
dir Früchte
reifen:
Getreide und Obst,
der Wein und Gemüse,
all das, von dem wir leben?
Halte nichts für selbstverständlich.
Nicht alles kannst du machen,
trotz großer Mühe.
Nicht alles ist verfügbar,
trotz unaufhörlicher Arbeit.
Zu leicht kann der Mensch
seine Welt zerstören,
kann Unwetter Ernten vernichten.
Brüchig ist die Schale
des Lebens.
Wenn es noch
eine Ernte gibt,
danke deinem Schöpfer,
statt zu klagen.
Sie ist Gottes Gnade,
sein Geschenk,
was wir mit
anderen teilen
dürfen.

86
Da hängst du nun,
Mann aus Nazareth,
in siebenundsiebzigfacher Ausführung,
von der romanischen Zeit
bis hin zum
Christus in der Intensivstation.
Die Besucher starren dich an,
der du elektronisch gesichert bist,
ein Kunstwerk,
Kapitalanlage,
möglicher Versicherungsfall,
siebenundsiebzig mal.
Aber was du getan hast,
interessiert
kaum einen.
87
Ich sah den Fichtenzweig am Straßenrande liegen,
er lag schon Tage dort, beachtet kaum.
Dann bin ich aus dem Auto ausgestiegen
und nahm ihn mit, wie einen schönen Traum.
Ich halte diesen Zweig in meinen Händen.
Er ist ein Zeichen, Gott, von deiner Treu´,
denn deine Liebe will ja niemals enden,
sie macht, dass ich mich immer wieder freu´.
Und doch ist uns´re reiche Welt nicht so beschaffen,
dass sie das Zeichen deiner Treue will.
Wir Menschen denken nur zu gern ans Raffen
und sind, wenn es ums Leben geht, sehr still.
Wie lange wird es dauern, bis dies Grün verschwunden?
Ohn´ Zeichen deiner Treue wär´ die Welt.
Wir selber haben sie zu Tod geschunden
und das vernichtet, was am Leben hält.
So bleibt uns nur noch deine unauslöschlich Gnade,
die mächtiger als uns´re Öde ist.
So hilf mir doch, dass deinen Geist ich habe,
mein Vater, Du mein Bruder Jesus Christ.
88
Ich seh´ ein Bild vor mir mit vielen kleinen Engeln,
die fröhlich singend durch die Lüfte schweben.
Marie und Joseph und die guten Hirten,
die ihnen das, was nötig ist, gegeben.
Die Könige, die von so weit gekommen,
die Nachbarn, Tiere, Engel: welche Fülle.
Und immer wieder Engel, singend Engel,
sie loben Gott so selig: welch Idylle.
Ich fragte sie, woher sie alle kämen
und was ihr Schicksal war vor jenen Zeiten.
Sie sprachen zu mir: "Wir sind alle jene,
denen die Lebenden den Tod bereiten.
Wir sind die Kinder, die ihr abgetrieben,
die, die verhungert in den vielen Staaten,
wir sind die, die in allen Kriegen starben,
im Bombenhagel, unter den Granaten.
Wir sind die Giftgasopfer, die erschlagen,
wir sind die, die ermordet, eh´ geboren,
die an den Seuchen starben zu Millionen,
wir sind die Kinder, die im Schnee erfroren."
Sie singen jetzt bei der Geburt des Kindes
so selig, voller Glück mit großem Frieden,
als Lohn, Entschädigung für alles Leiden?
Wie sind doch unsre Welten so verschieden.
Und immer, wenn ich diese Bilder sehe
mit kleinen Engeln, die im Glück jetzt leben,
denk ich an all ihr Leiden, ihre Qualen.
Wann werden wohl wir Menschen Frieden geben?
Mit diesem Kind, das Engel da besingen
kommt Frieden zu uns, in die Menschenherzen.
Er kam nach Bethlehem, trug unsre Sünden,
Gott litt für alle an dem Kreuz die Schmerzen.
Wir dürfen aufatmen, aus Gnaden leben,
trotz menschlich Schuld in all den vielen Ländern.
Der Vater öffnet uns die Ewigkeiten
und will uns schon in dieser Welt verändern.

89
Ich frage, was ist hinter all den Dingen,
in Bethlehem, zu jener alten Zeit,
da, wo die Engel vor den Hirten singen,
die Kön´ge reisten zu dem Stern so weit?
Ich frage, ist hier wohl nur eine Deutung,
ist dieses Wirklichkeit, Realität,
wo unsre Welt so voller Richtigkeiten
und manches Wunder in ihr untergeht.
Ich frage, gäb´ es heute Engel,
wenn heute Nacht ein Kind geboren würd´?
Und kämen zu ihm durch die Engel Leute,
und wer wär´ heute der barmherzig Hirt?
Da, wo ein Mensch mir Gutes hat erwiesen,
ist er für mich ein Engel, das ist wahr;
da, wo er tröstet, hilft und Liebe bringet,
auch heute gibt´s sie, das ist wunderbar.
Die Engel haben heute keine Flügel.
Es sind die Menschen rings um uns herum,
zu denen ich sag: "Ach, du bist ein Engel!"
Doch mancher merkt´s nicht, ist dazu zu dumm.
Vielleicht seh´n wir die Engel nur so wenig,
weil in dem Herz für Gutes kaum noch Platz.
Und dennoch ist die Welt so voller Wunder,
das
pfeift vom Dache schließlich jeder Spatz.
90
Wir laden täglich auf uns Schuld.
Müssen wir damit leben?
Du, Herr, siehst uns und willst uns ja,
das, was zerstört, vergeben.
So wandern wir den weiten Weg
des Lebens, schwer beladen.
Und plagen uns, tagein, tagaus
und nehmen daran Schaden.

Du nimmst auf deine Schultern, Herr,
das, was ich nicht kann tragen.
Du machst mich frei und wieder froh,
ich kann aufatmend sagen:
Ich danke dir, dass du mir zeigst
den Weg, der jetzt zu gehen.
Dass Zukunft wieder möglich wird,
das willst du uns ja geben.
91
Wenn wir jetzt auseinander geh´n
(Melodie: Nehmt Abschied Brüder, ungewiss...)
Wenn wir jetzt auseinander geh´n,
dann sind wir nicht allein,
denn Du, der Vater willst ja heut
und immer bei uns sein.
Wir ziehen unsre Wege hin
beladen oft mit Schuld,
doch du, Herr, du begleitest uns
und hast mit uns Geduld.
Den Glauben, Vater gib du uns,
die Hoffnung und die Lieb´;
so bleibe bei uns, guter Herr,
der uns die Schuld vergibt.
Dein Segen will stets mit uns sein,
er hält und trägt uns gar.
So lasst uns nun getröstet zieh´n
die
Wege dieses Jahr.
92
An dem einsamen Tag
hing der Mann am Kreuz,
verlassen von allen,
auch von Gott.
An dem einsamen Tag
verhungert ein Kind
in den Armen seiner Mutter,
stirbt seinen eigenen Tod.
An dem einsamen Tag
verdurstet
eine Familie
in dem Lande, das zur Wüste wurde,
dort, wo alles Wasser starb.
An dem einsamen Tage
sterben tausend,
jeder seinen eigenen Tod
in Armut oder Fülle,
in Freiheit oder Gefangenschaft.
Niemand ist bei ihnen.
Wirklich niemand?
93
Herr, es wird Zeit, ich lege mich zur Ruh.
Das reiche Leben, das du mir gegeben,
vor langer Zeit, neigt sich dem Ende zu.
Es will jetzt fort, zu neuen Ufern schweben.
Herr, es wird Zeit, mein Körper wird so matt.
Er ist, wie ein erlöschend Kerzenlicht.
Und fällt im Herbste nicht ein jedes Blatt?
Ohn´ deinen Willen, Vater, fällt es nicht.
Herr, es wird Zeit, wo ich gefehlt, vergib.
Wir Menschen sind doch deine eignen Kinder.
Ich weiß, du hast sie darum so sehr lieb,
vielleicht auch, weil wir alle Sünder.
Herr, es wird Zeit, mein Schlaf darf auf dich bau´n,
und wenn ich dann erwache, bist du da.
Ich weiß, mein Vater, ich kann dir vertraun´n,
du nimmst mich in den Arm, sagst zu mir: Ja!

94
Du hast des Lebens Fülle mir gegeben
und mich begleitet einen jeden Tag.
Ich wollte oft, mein Gott, von dir fortstreben,
und dennoch gabst du Antwort, jeden Tag.
Ich bin von dir beschenkt und reich gesegnet
mit allem, was mir täglich widerfuhr.
Mach doch, mein Herr, mit mir ein gutes Ende,
bald hört zu schlagen auf des Lebens Uhr.
Gib, dass ich freue mich auf jenes Leben,
das vor mir liegt, das alte nimm du hin.
Hier gab es Arbeit, Freude und viel Tränen.
Vielleicht gibst du dem Leben dort erst Sinn.
Du wirst mich dann wohl ganz und gar verändern,
ich streife alles ab, was zeitlich ist.
Ich werde neu geschaffen, deinem Bilde
jetzt völlig gleichen, mein Herr Jesus Christ.
Ich bin daheim, du wirst mich ja aufnehmen
mein Gott, in mein lieb Vaterhaus.
Dann ist zuende all das Fragen, Sorgen,
der ständig Zweifel und die Angst hört auf.
Da herrscht die Würde´, zu der du uns geschaffen,
und Friede, Freude und Erfüllung ist.
das, was du Herr Gott hast zu allen Zeiten
uns
fest versprochen, weil du Vater bist.
95
Ich fürcht mich nicht, wenn einmal der Tag naht,
an dem ich Abschied nehm´ nach deinem Rat.
Ich werde dort sein, wo seit Ewigkeit,
das Vaterhaus für euch und mich bereit.
Wie wird es sein, wenn wir in seinem Garten
als Kinder fröhlich spielend auf ihn warten,
dass er zu uns kommt, wenn es abends kühl,
er, der sich freut an seiner Kinder Spiel.
Die Sehnsucht unsres Herzens wird gestillt,
denn wir sind dort des Vaters Ebenbild.
Er, er ist da, der uns als Jesus Christ,
als heil´ger Geist so oft erschienen ist.
Er schenkt uns das, was wir hier oft entbehrt,
ehrt grade die, die wir haben entehrt.
Er gibt uns seine Würde, Liebe ganz.
Was bleibt uns andres, als der Freude Tanz.
Ich will in meinem Leben auf ihn bau´n,
versuchen, seinem Worte ganz zu trau´n,
etwas von seiner Lieb in meinem Leben
rückstrahlend an die anderen weitergeben.

96
Zeitgrenzen grenzen uns ein,
zerhacken ein Leben
in Stücke,
die aus Minuten, Stunden, Tagen
bestehen.
Du hetzt hinter Terminen
und Verabredungen her,
ohne sie einzuholen.
Die Zeitgrenzen
verknüpfen sich
zu einem Netz,
das über dich geworfen ist.
In ihm bist du gefangen,
und je mehr du strampelst,
desto tiefer verstrickst du dich.
Allein findest du nicht mehr zurecht,
wirst ausgesaugt,
wie in dem Netz die Spinne.
Nur eine Hand,
die von oben kommt,
kann dein Netz zerreißen,
dich herausholen,
darüber stellen.
Jetzt wirst du frei sein.
Einmal wird es
ganz fort sein,
dieses Netz,
einmal
wird sich die Zeit
zur Ewigkeit
geöffnet
haben.
97
Da freut sich einer,
dass du da bist,
dass es dich gibt.
Auch, wenn du meinst,
dass du allein bist
und niemanden hättest.
Da ist einer,
der glücklich ist,
dass du da bist,
weil Er selbst dir
das Leben gab.
Da freut sich einer,
wenn du dich freust
und trauert mit dir,
wenn du traurig bist.
Aber der, der das tut,
gibt dir soviel
Glaube, Hoffnung und Liebe,
dass es für heute
und morgen
und immer
reichen wird,
jeden einzelnen Tag neu.
Da ist einer,
der sich
unbändig
über dich freut.
Denke immer
daran.
98
Du betrittst durch den Tunnel
das Land der Stille.
Zuerst will dich der Alltag einholen,
greift nach dir,
zeigt mit seinen
emsigen Fingern auf dich,
klagt dich an.
Aber dann empfängt dich Dunkelheit,
Schweigen hüllt dich schützend ein,
Weist ab,
was dich zurückziehen will.
Enge weitet sich,
atmet Unendlichkeit und Nähe zugleich.
Lausche in dich hinein,
lass dich fallen,
denn du wirst getragen.
Sanfte Musik klingt an,
nimmt dich auf,
durchdringt dich,
führt dich mit sich,
lässt Dunkelheit leuchten
und zur Fülle des Lichtes werden.
Und dann durchflutet dich Wärme.
Du bist alles
und nichts.
Spürst du
die Nähe Gottes?
Er ist da:
in dir,
außer dir,
überall,
und du weißt,
du gehörst zu ihm.
Da Schweigen wird
zur Fülle der Unendlichkeit
und der Liebe
und der Geborgenheit
und des Friedens.
Zeitlose Zeit zerrinnt
und kommt wieder.
Nun kannst du
zurückkehren in deine Welt,
das widerspiegelnd,
was du erlebt hast.
Schöpfe Kraft
aus der Stille,
mein Freund,
täglich und im Überfluss.
Schöpfe, soviel du brauchst.
Er hat genug
für uns
alle.

99
Ich freue mich
und könnte vor Fröhlichkeit tanzen.
Du hast gesehen,
was mir Kummer machte.
Du hast gehört,
als ich vor dir meine Sorgen ausgebreitet habe.
Du hast gemerkt,
wo Ärger meine Seele vergiftet hat.
Dies ist alles fort,
geschmolzen, wie der Schnee im
Frühling,
vergangen,
wie die Nacht am Morgen.
Du hast das in deine Hände genommen,
was ich hineingelegt habe.
Ich fühle mich leicht, unbeschreiblich leicht,
denn ich weiß, dass du alles zum guten Ende führen wirst.
Darum will ich dir danken
und
fröhlich meine Straße ziehen.
100
Der Mangel des Poeten
Gedanken beim Betrachten von Spitzwegs armen Poeten.
„Der arme Poet“ (1839)
Ein Poet muss arm sein. Da hat Spitzweg recht gehabt.
Nicht, weil es zu wenig Leser gibt, die seine Poesie zu schätzen wüssten und weil es daher zu wenig Verlage gibt, die seine Werke drucken und er deswegen kaum Honorar bekäme, nein, das macht seine Armut nicht aus.
Seine Armut besteht darin, dass er einen Mangel hat, und dieser Mangel beflügelt ihn, das, was er empfindet, zu Papier zu bringen, gleichgültig, ob es jemals einen Leser geben wird.
Ja, es kann sein, dass er seinen Mangel auf diese Weise besiegen will - und manchmal mag ihm dies auch gelingen.
Das, was ihm fehlt, kann Geld sein oder Selbstvertrauen, kann ein Mensch sein, der ihn wiederliebt, kann Anerkennung, Gesundheit sein, eine Sehnsucht, die ihn ergreift, wenn er beispielsweise Musik hört, oder wenn er einen Sonnenuntergang sieht oder das Meer rauschen hört, oder wenn er einen hohen Berg erklimmt und wünschte, er wäre ein Vogel, geboren mit Schwingen.
Der Mangel kann vielfältigster Art sein.
Wichtig ist nur, dass dieser Mangel sein Herz anrührt, eine Saite in ihm anklingen lässt.
Nicht der, der im Überfluss lebt, ist ein Poet - oder besser, kann ein Poet werden, sondern nur der Darbende, der Verlangende.
Wer satt und zufrieden ist, wer hat, wie sollte der noch Sehnsucht empfinden können und träumen?
Der Poet kann sicher kein Poet mehr sein, wenn er sich an seine Armut gewöhnt hat, satt ist, zufrieden mit all seiner Armut, wenn er sich abgefunden hat oder wenn er resigniert.
Nun mag man ja sagen, dass es wunderschöne Liebesgedichte gibt, die gerade deshalb entstanden sind, weil sie ihn oder er sie gefunden hat und deshalb die Armut fort ist.
Gewiss, das gibt es auch.
Aber ich denke, dass dieses Glück geprägt ist von der Armut, der Sehnsucht, dem Schmerz, dem Verlangen, kurz von dem, das vorher war oder eben von dem, was vorher nicht da war.
Die Saite, die jetzt anklingt, konnte nur durch den vorherigen Mangel zum Klingen kommen.
Wenn Lebenserfüllung zum Dauerzustand wird, bleibt entweder das ständige Staunen und Dankbarsein, das eben von dem alten Mangel gespeist wird, oder hier kommt es zur Gewohnheit, zum Tod der Poesie.
Daher hat Spitzweg recht, wenn er Poesie mit Armut verbindet.
Nun ist aber nicht jeder, der Armut spürt, auch gleich ein Poet.
Armut kann zum Fluchen führen, zum Verdammen des anderen. Und Flüche sind, von Ausnahmen abgesehen, nun einmal keine Poesie.
Wichtig scheint mir aber, dass im Herzen des Poeten eine Saite anklingt, so, wie ein Geiger eine Saite wirklich zum Klingen bringen kann, wenn er mehr ist als ein bloßer "An"-Streicher, oder, dass sozusagen ein Traum beginnt, Wirklichkeit wird im Herzen des Poeten und er ihn uns mitteilt.
Vielleicht hat Spitzweg deshalb seinen Poeten in einem Bett dargestellt, vielmehr auf einer Matratze, die auf dem Fußboden liegt, obwohl man, wie jeder weiß, auch außerhalb des Bettes träumen kann.
Und so wird die Armut, der Mangel, die Sehnsucht verbunden mit den Träumen zur Quelle aller Poesie.
Sehen wir uns das Bild genauer an, so fällt der Regenschirm auf, an der einen Stelle eingerissen, ein anderer Teil des Schirmes steckt nicht mehr auf der Sitze der Strebe.
Aber was tut´s?
Wichtig ist nur, dass die Regenfluten, die durch das Dach eindringen könnten, ihm nichts anhaben.
Er liegt und sinniert, sicher wie Großvater Noah in seiner Arche.
Die Wasserflut, Bild höchster Gefahr, kann ihn nicht berühren, weil das, was er erdenkt, er- grübelt, wichtiger ist.
Vor dem Bett liegen einige Folianten, Zeichen seiner Wissbegierde.
Aber nur ein Band ist aufgeschlagen und dennoch unbeachtet.
Was haben andere auch zu sagen, wenn er, ein Poet, spricht.
Sie sind nicht mehr als seine Zulieferanten.
Dafür spricht auch, dass sie außerhalb des Schutzes liegen, den der Schirm geben soll.
Das Manuskript des Poeten mit seinen unersetzlichen Worten ist geschützt, mögen die anderen Worte der anderen Schreiber ruhig ersaufen.
Auf seine Worte kommt es an, auf seine Formulierungen. Man sieht förmlich, wie er sie nicht nur in Gedanken, sondern mit den Fingern seiner rechten Hand formt.
Ein wahres Meisterwerk ist im Entstehen.
Oder sollte er das, was er erdacht hat, wiederlesend genießen und dabei neu durchdenken?
Ein jeder Poet hat das Recht, seine alten Gedanken neu auszudrücken, treffender, wahrer werden zu lassen. Denn nur selten gelingt ein Gedanke so vollendet, dass er für alle Zeiten nicht anders und nicht besser gesagt werden könnte. Es gehört sicher zur Armut eines jeden Poeten, dass er immer wieder um Worte ringend, Altes neu sagen muss, vielleicht auch, weil andere, denen er es mitteilen möchte, seine ersten Worte überhören oder nicht begreifen, ja, verständlicherweise ihre Wahrheit nicht verstehen können, weil sie nicht so, wie er, der arme Poet leiden.
Oder sollte es so sein, wie Spitzweg selbst schreibt: Er schnippt mit den Fingern einen Floh fort.
Ein Floh ist allerdings ein ordinäres Ungeziefer, das ihn, unseren Dichter stört.
Er muss sich also noch mit den alltäglichen und schmutzigsten Alltagsangelegenheiten befassen, bevor er überhaupt in der Poesie weitermachen kann.
Ein Poet muss die Welt, in der er lebt, als unvollkommen, kalt und hässlich empfinden.
Sie ist nicht das Paradies, in das Gott den Menschen gesetzt hat.
Das geschlossene Fenster und der Ofen, der kein Feuer enthält, obwohl so manche Seite seines Manuskriptes vor ihm liegt, geben von der Kälte ein Zeichen.
Würde er in einer Welt leben, ohne Kälte, die doch oft genug das Zusammenleben der Menschen erstarren lässt, wäre er wohl kaum ein Poet, ein träumender Verkünder einer besseren, glücklicheren Welt.
Auf diese Dürftigkeit der Welt, hervorgerufen durch Menschen, weist Spitzweg ausdrücklich hin.
Da ist die Tapete, die sich gelöst hat und eingerissen ist, mit groben Stichen fast lieblos, provisorisch genäht, als lohne es sich nicht, noch mehr Sorgfalt und Kraft einzusetzen in die Reparatur unserer Welt.
Oder sind es Kalenderstriche, die anzeigen, wie viele Tage er schon auf sein Honorar wartet, wie lange er schon seine Miete schuldet oder was es auch sei?
Gleichwohl - die Dürftigkeit bleibt.
Da sind die Schriftzüge an der Wand, ein Menetekel vielleicht oder eine Mahnung des Poeten, deutlich sichtbar allen Betrachtern und doch unleserlich, undeutlich, wie jenes Menetekel, das der, den es anging, nicht verstehen wollte.
Da ist das Handtuch, das auf der Leine hängt. Es hat ein großes Loch, vielleicht reicht es gerade zum Abtrocknen, vielleicht wird es aber weiter reißen und die Brüchigkeit des Daseins
Da ist die leer Schale, Sinnbild der Suche nach Erfüllung, die ungefüllte Flasche, der Stiefel und der Stiefelknecht, liegengelassen inmitten des Zimmers, so, als lohne sich eine Ordnung nicht in dieser Welt, die doch durch und durch Elend ist, jedenfalls für den aufmerksamen Betrachter, der in ihr lebt.
Nur ein Poet kann sich über sie erheben. Seine Worte füllen bereits zwei dicke Bündel Papier, die wohl niemand zur Kenntnis nehmen wird.
Nur ein Poet selbst kann aber, bei allem Mangel, der die Saite seiner Poesie zum Klingen bringt, jene wunderschönen Träume wahr werden lassen, die eben nur ein wahrer Poet uns schenken kann.
Wie wahr Spitzweg mit diesem Bild gesprochen hat.