Das Land unter dem Regenbogen

 

Gedichte und Prosa

 

Christian B. Hell

 

 

 

 

 

Für meine Familie

und

meine Freunde, die sich noch freuen können.

 

 
 

Statt eines Vorwortes

 

Ich will keine langen Vorreden halten. Wer Freude an Gedichten hat, möge sich festlesen.

Wer sich nicht über eine manchmal spitze Zun­ge ärgert, möge weiterblättern.

Und wer weiß, vielleicht fangen Sie selbst an, Gedichte zu schreiben. Tun Sie es!

Wer mich aber kennen lernen möchte, blättere die Seite um.

 
 

Inhalt

 

Statt eines Vorwortes. 3

Inhalt 5

1    Steckbrief 11

Eine Knospe öffnet sich 13

2    Monatssprüche. 15

3    Eine Knospe öffnete sich. 21

4    Ich trinke den Frühling. 22

5    Frühling. 24

6    Gewitter 26

7    Sturm.. 27

8    Hochsommer 29

9   Sommer  1988. 30

10   Sommerlied. 31

11   Septembermorgen. 33

12   Septembersonne. 34

13   Herbst 35

Das Land unter dem Regenbogen 37

14   Das Land unter dem Regenbogen. 39

15   Seid leiser 43

16   Es jedem recht tun. 45

17   Wach auf 47

18   Viele Menschen und ein Träumer 49

19   Was besser ist 51

20   Tipps zum Altwerden. 52

21   frieden. 53

22   Nie wieder Krieg. 54

23   Arbeitslos. 56

24   Sonntags nie. 58

25   Zwei Tamilen. 63

Ein wenig Pfeffer in die Suppe 65

26   Ein wenig Pfeffer in die Suppe. 67

27   Konsequent sein. 69

28   Lasst uns nur so weitermachen. 71

29   Gärtnerglück. 73

30   Verantwortung. 75

31   Ich wollt´ ich wär´ Politiker 77

32   Unfassbar 81

33   Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein. 84

34   Wissenschaft ohne Gewissen. 86

35   Erfolgsstatistik. 90

36   Loblied auf die spitze Zunge. 93

38    Der Spießer 94

39   Der Sündenbock. 95

Impressionen aus Frankreich 99

40   Bergwandern. 101

41   Mont Blanc. 103

42   Der Cañon von Verdon. 104

43   Ländliche Provence. 105

44   Ein Abend in der Provence. 106

45   In einer Kirche in der Provence. 107

46   Mont Ventoux. 108

47   Avignon. 110

48   In der Camargue. 111

49   Radrennfahrer 112

50   Menschen, die Zeit haben. 114

51   Ardèche. 115

52   Heimweh nach der Fremde. 117

Frau Grippe 119

53   Der Schneeflock. 121

54   Frau Grippe. 123

55   Ein Kaugummi 125

56   Zeugnisse. 127

57   Meine alten Lehrer 128

58   Das verlassene Mädchen. 130

59   Der Raucher I 132

60   Der Raucher II 133

61   Der Camper 135

62   Der Briefkasten. 137

63   Auf dem Parkplatz. 139

64   Zum Geburtstag. 141

65   Zum Geburtstag II 142

66   Eine Einladung zum Mittagessen bei Freunden  143

67   Manchmal ist das Leben so. 144

Ich bin unaufmerksam 147

68   Sitzungen. 149

69   Ich bin unaufmerksam.. 151

70   Vorträge. 152

71   gedichte. 154

72   Gaststättenbesuch. 155

73   Sonntagmorgen. 157

74   Abendlied. 159

75   Melancholie. 161

76   Gelb. 162

77   Blau. 164

78   Rot-blau. 167

79   Verdener Impressionen. 169

Träumen bei Musik 171

80   Beim Hören einer Sonate von Prokofieff 173

81   Träumen bei Musik. 174

82   Wettbewerb für Cello. 177

83   Bei einem Konzert für Flöte. 179

84   Alt Nürnberg, Pfingsten 1988. 181

Der Fichtenzweig 183

85   Erntedank. 185

86   Kruzifixe im Abteimuseum.. 187

87   Der Fichtenzweig. 188

88   Weihnachtsbild. 190

89   Engel, gibt´s die?. 193

90   Unsere täglich Schuld. 195

91   Wenn wir jetzt auseinander geh´n. 196

92   Der einsame Tag. 197

93   Der letzte Schlaf 198

94   Die Fülle der Jahre. 200

95   Ich fürcht mich nicht 202

96   Das Zeitnetz. 204

97   Da freut sich einer 206

98   Der Tunnel der Stille. 208

99   Psalm.. 211

Prosa

100 Der Mangel des Poeten. 213

 

 


1

 

Steckbrief

 

Ich sollte mich beschreiben.

Wie macht man das denn bloß?

Ich bin einsfünfundsechzig

und nicht besonders groß.

 

Die Farbe meiner Augen,

ich glaube, die ist grau.

Dann habe ich vier Kinder

und dazu eine Frau.

 

Ansonsten auch zwei Beine,

zwei Arme, einen Mund,

zwei Ohren, eine Nase

und bin ziemlich gesund.

 

Ich habe graue Schläfen,

bin über fünfzig Jahr´

und schreibe gern Gedichte,

find´ Träumen wunderbar.

 

Sehr gerne les´ ich Bücher,

hab meinen Garten lieb

und habe ein Gedächtnis,

gerade wie ein Sieb.

 

Nun scheinst du mich zu kennen

von außen ganz und gar;

jedoch das Wesentliche

ist immer unsichtbar.

 

Ich kann mich nicht beschreiben,

das ist für mich zu schwer.

Am besten, du besuchst mich

und kommst gleich zu mir her.

 

 

 

 

Knospe öffnet sich

 

 

2

 

Monatssprüche

 

Im Januar, da fällt der Schnee

in Flocken groß und weich.

Und unser Dörfchen sieht jetzt aus,

wie Schafe hinterm Deich.

 

Ein jedes Haus trägt seinen Pelz

ergeben, ohn´ Geschrei.

Du nimmst den Schlitten und fährst los.

Dir ist es einerlei.      

                                   

Im Februar ist´s bitter kalt,

da friert es Stein und Bein.

Und doch macht Schlittenfahren Spaß,

viel mehr als drinnen sein.

 

Da steht auf unserm Küchentisch

ein großer Topf Kakao,

der ist für dich und ist für mich

gekocht von meiner Frau.

 

Im März läutet das Schneeglöckchen

den Frühling endlich ein.

Der Schnee schmilzt weg, der Krokus steht

im warmen Sonnenschein.

 

Und manchem Hobbygärtner juckt

es kräftig in dem Finger.

Er möchte´ im Garten schon aussä´n

Salat und andre Dinger.

 

April, April, du bist mir lieb,

da gibt es Osterferien.

Die Sonne steigt viel höher schon,

bringt Vögel aus Algerien.

 

Die Welt, sie sieht viel grüner aus,

die Osterglocken blühen,

und Tulpentupfer gelb und rot

auf allen Beeten glühen.

  

Im Mai, da ist der Wonnemond,

da blüht es jeden Tag.

Ich schau das Apfelbäumchen an:

Was es wohl tragen mag?

 

Wenn die gestrengen Herren geh´n

und die kalte Sophie,

dann ist die schönste Zeit im Jahr:

würd´ sie vergehen nie.

 

 Im Juni woll´n wir Grillen geh´n

zum Nachbarn hinterm Haus.

Ich bringe ihm ein Fläschchen Wein

und einen Rosenstrauß.

 

In meinem Garten grünt und sprießt

das, was ich ausgepflanzt,

dazu das Wildkraut massenhaft,

kommt einfach angetanzt.

 

Im Juli ist die Badehos´

das beste Kleidungsstück,

da spring ich in den See hinein

und schwimm hin und zurück.

 

Da scheint die Sonn´ den ganzen Tag,

jetzt wird es mächtig heiß.

Und wenn es unerträglich wird,

eß ich bei Franco Eis.

 

 August ist für die Ferien da,

nun fahr ich nach Paris

und schau mir an die ganze Stadt,

erzählt dir nachher dies.

 

Zu Hause habe ich viel Zeit,

hier schlaf ich lange aus

und streiche, was auch nötig ist,

mein kleines Gartenhaus.

  

Anfang September geh ich dann

zum Wald und pflück Brombeeren

und hoff´, der Oberförster wird

sich nicht bei mir beschweren.

 

Wenn Oma dann Geburtstag hat,

gibt´s Kaffee und gibt´s Kuchen.

Ganz klar, da fahr´n wir alle hin

und wollen sie besuchen.

 

 Oktober sind die Äpfel reif,

da beiß ich kräftig rein.

Ich weiß genau, sie sind gesund,

was sollt´ schon besser sein?

 

Langsam wird´s kühler in der Welt,

die blauen Astern blühen,

die Vögel machen sich bereit,

zum Süden hinzuziehen.

 

 November ist mit Nebel und

mit Regen gut versorgt.

Da lese ich ein schönes Buch,

das hab ich mir geborgt.

 

Jetzt will ich noch ein Fladenbrot

schnell backen und genießen

und hinterher, da können wir

noch ein paar Kerzen gießen.

 

Und im Dezember backe ich

den schönsten Weihnachtskuchen.

Ich hoffe, ihr kommt alle her,

um mich mal zu besuchen.

 

Und wenn am Weihnachtsbaume erst

die Lichterpracht ist an,

schau ich zur Tür und warte auf

den guten Weihnachtsmann.

 

 

3

 

Eine Knospe öffnete sich

 

Eine Knospe

im warmen

Frühlingssonnenschein:

langsam

öffnet sie sich,

viele Tage lang,

bis sie

ganz erblüht ist,

ein Wunder

der Schönheit

und Nahrung

für Bienen

und Verheißung

der Frucht,

selbst,

wenn sie nicht

uns Menschen

nutzt.

Musst du aber immer

den Nutzen suchen?

Freue dich

lieber an ihrer Schönheit

 

 

4

 

Ich trinke den Frühling

 

Ich trinke den Frühling

in mich hinein,

wie ein Verdurstender

und kann nicht genug bekommen.:

den Sonnenschein,

die Luft, die wie

Samt

meine Haut streichelt

und in mich hineinströmt.

 

Überall blühen Büsche:

gelbe Forsythien,

weiße Schlehen,

das Rosa der Zierkirschen.

 

Die Wiesen ergrünen

und füllen sich

mit den gelben Tupfen des Löwenzahns.

 

Blätter knospen

verheißungsvoll

an den Bäumen

und vertreiben

allen Kleinmut des Winters.

 

Frühmorgens hat mich

Vogelgezwitscher geweckt,

hinausgelockt

in das täglich sich entfaltende Wunder.

 

Noch ist es kalt,

aber die aufsteigende Sonne

erwärmt alles

was unter der Kälte

erstarrt war.

 

Wie schön,

fast unwirklich schön

ist unsere Welt geworden.

 


 

5

 

Frühling

 

Der Frühling schickt die ersten Strahlen

der Sonne über unsern Weg.

Die Weidenkätzchen blühen gelblich

am Ufer an dem alten Steg.

 

Dem Nachbarn juckt es in den Fingern,

er pflanzt´ am liebsten schon Salat.

Die Jungen und die Mädchen hören

noch wen´ger auf der Eltern Rat.

 

Die Vögel suchen  für die Nester

sich einen Platz in Baum und Strauch,

und die Erwachsenen betasten

den Rettungsring um ihren Bauch.

 

Die Hausfrau putzt wie wild die Wohnung.

Der Vater wienert´s Auto blank.

Die Gülle zieht in unsre Nasen -

und ich hab Schnupfen, Gott sei Dank.

 

Der Pastor schaut in der Gemeinde

nach seinen Schäfchen überall,

 

jedoch die Jugend spielt am liebsten

zur Gottesdienstzeit mit dem Ball.

 

So hat wohl jeder seine Freuden

und Hoffnungen zur Frühlingszeit.

Sogar des Nachbarn kleine Tochter

spielt statt in Hosen in dem Kleid.

 

 

6

 

Gewitter

 

Der Himmel hängt grau über dem Land,

schwüle Sommerluft lastet

auf Feldern.

Wird ein Gewitter erlösen?

 

Fahlgelb durchwandert das Grau,

färbt es auf,

dunkelt nach bis zum Schwarz über mir:

knisterndes Atemholen:

 

Ein Windstoß,

Staub wirbelt auf,

ein greller Blitz und noch einer,

gefolgt von den Donnerschlägen,

Spannungen, die sich entladen.

 

Und schon öffnen sich

die Schleusen des Himmels.

Regen prasselt nieder,

Regen,

als ob es nichts anderes

auf der Welt gäbe

als Regen, nur Regen.


 

7

 

Sturm

 

Im Radio sagten sie heut früh:

Von England nähert sich ein Tief.

Noch sieht die Welt ganz friedlich aus,

noch steht mein Gartenzaun nicht schief.

 

Doch gegen Mittag ziehen hoch

die Wolken, grau und regenschwer.

Schon prasselt Hagel auf mein Haus,

der Sturm kommt eilend hinterher.

 

Er schüttelt alle Bäume durch

und drückt fest an das Fensterglas,

er rüttelt an dem Gartentor,

ein jeder draußen wird ganz nass.

 

Was lose liegt, treibt er davon,

die Bäume duckt er voller Kraft,

er wirbelt hoch das letzte Laub.

Fast dunkel wird es, wie zur Nacht

 

Er fällt durch unsern Schornstein ein,

Das Kaminfeuer bläst er aus,

 

er heult und pfeift, so laut er kann

um unser armes, kleines Haus.

 

Im Garten liegt ein dicker Ast,

den hat er einfach abgeknickt.

Zwei lose Pfannen scheppern laut,

die hat er hinterhergeschickt.

 

Er zerrt und zaust an Baum und Haus,

mir wird allmählich angst und bang.

Ich hoffe nur, er treibt es nicht

noch viele, viele Tage lang.

 

Endlich hat er sich ausgetobt,

zieht nach Südosten weiter fort.

Die Sonne schickt die Strahlen her,

friedlich wird´s wieder hier im Ort.

 

Nur hinterher, da höre ich,

der Sturm hat Bäume umgeknickt

und viele Dächer abgedeckt

und manches Schiff auf Grund geschickt.

 

 

8

 

Hochsommer

 

Es ist Hochsommer.

Jedenfalls nannte man früher

diese Jahreszeit so.

 

Du holst den dicken Pullover

aus der Truhe.

Die Gummistiefel verwandeln den Flur

in eine Seenplatte,

und der Regenumhang

tropft seine Begleitung.

 

Vorhin hat ein Postbote

eine Ansichtskarte gebracht,

aus Spanien:

"Hier ist es so heiß,

dass wir es kaum aushalten."

 

Du denkst:

Etwas Lastenausgleich

in der Witterung

könnte nichts schaden.

 

9

 

Sommer  1988

 

Dieses Jahr

scheint der Sommer

ausgewandert zu sein,

irgendwohin

in den Süden.

 

Kein Wunder.

Wer fühlt sich dort wohl,

wo Seehunde sterben,

und keiner will es

gewesen sein.

 

 

10

 

Sommerlied

 

Ein Schmetterling torkelt

über die besonnte Terrasse -

einer der wenigen.

 

Vor wie vielen Jahren sah ich

den letzen Maikäfer?

 

Die Fichte trägt

ihren rostroten Schimmer

absterbender Nadeln

mit Würde.

 

Schwefelgelb quillt der Rauch

aus dem garantiert entschwefelten

Schornstein.

Nur gut, dass er so hoch ist,

dass andere das,

was er ausstößt,

einatmen.

 

Gestern trug Sommerregen

Thallium in unseren Garten.

Etwas mehr als sonst,

Betriebsferien stehen vor der Tür.

 

Eine leere Spraydose

und die Reste der Zigarettenpackungen

liegen zwischen den Rosenbeeten

am Weg.

 

Wozu in der Sonne sitzen,

wo das Ozonloch

täglich wächst?

 

Tiere und Pflanzen haben kein Heim,

das sie schützt.

 

Und wozu brauchst du die Natur,

wenn du verkabelt bist?

 

 

11

 

Septembermorgen

 

Aus dichtem Dunst

steigt die Sonne höher und höher,

die Nebelbänke durchdringend,

bis sie den ganzen Morgen

in sein zartes, schimmerndes Licht

gehüllt hat.

 

Ein früher Herbst

kündigt sich an.

 

Du ahnst ihn,

du siehst ihn,

du schmeckst ihn.

 

Die ganze Welt

wird zum besonnten,

pastellfarbenen

Septembervormittag.


 

12

 

Septembersonne

 

Der Sonnenschein

wickelt im September

die ganze Welt

in buntes Seidenpapier.

Rot und gelb und braun,

golddurchwirkt

sind seine Lieblingsfarben.

 

Er bringt die Welt zum Leuchten,

und selbst der Morgennebel

schöpft

opalfarbenes Licht.

 

Am Tage aber

strahlen die Farben

um die Wette

und lassen dabei

einen Hauch

ihrer Reife ahnen.

 

Nur,

es bleibt nicht

September.

 

 

 

13

 

Herbst

 

Der Wind treibt tote Blätter

über Gräser.

Wenige erst,

aber Boten

kälterer Zeiten.

 

Der Sommer zog vorbei,

vorbei sind die Zeiten der Ernte.

 

Halte fest, was du hast.

Schließ es tief

in dein Herz,

damit es nicht verlorengeht,

verweht ist,

wenn der Winter kommt.

 


 

 

 

 

 

Das Land unter dem Regenbogen

 

 

14

 

Das Land unter dem Regenbogen

 

Kommst du mit, mein Freund,

in das Land unter dem Regenbogen?

Dort, so sagt man,

soll es noch

richtiges, lebendiges Wasser geben,

das du trinken kannst,

wenn es aus der Erde sprudelt.

 

Kommst du mit, mein Freund,

in das Land unter dem Regenbogen?

Dort, so sagt man,

sollen noch Früchte an den Bäumen wachsen,

die du pflücken

und sogleich essen kannst.

 

Kommst du mit, mein Freund,

in das Land unter dem Regenbogen?

Dort, so sagt man,

sollen noch Wolken ziehen,

die nicht Gift und Strahlen

auf dich herabregnen.

Du kannst dich unbesorgt

von ihren Tropfen

überschütten lassen.

 

Kommst du mit, mein Freund,

in das Land unter dem Regenbogen?

Dort, so sagt man,

soll ein großer Regenbogen

am Himmel stehen,

nicht künstlich,

sondern aus Regentropfen und Sonne.

Und er spiegelt Gottes Liebe

zu seinen Geschöpfen wider,

zu dir und mir,

wie zu den Zeiten

unseres Urvaters Noah.

 

Kommst du mit, mein Freund,

in das Land unter dem Regenbogen?

Dort, soll es noch Menschen geben,

wie dich und mich,

die die Sehnsucht nach Frieden,

nach Gerechtigkeit,

nach Leben im Einklang mit der Schöpfung

und den Geschöpfen

im Herzen tragen,

ja, sie sogar leben sollen.

 

Das Land unter dem Regenbogen,

so sagen die Leute,

gibt es nicht

in dieser Welt.

Darum bleibe bei deinem Traum,

schließ ihn fest in dein Herz,

behalte die Hoffnung,

die Utopie,

und versuche,

das Land unter dem Regenbogen

in unserer Welt

Wirklichkeit

werden zu lassen.

 

Du fragst wie,

mein Freund?

Ich kann es dir nicht sagen,

wenn du es nicht selbst erträumst,

denn nur Träumer

können Träume

zum Leben

erwecken.

 

Und was das Land angeht,

vielleicht ist es gut,

dass du nicht deine Sachen packen musst,

um dort hinzuziehen.

Willst du dich fortstehlen

aus dieser Welt,

aus der Verantwortung,

in eine Illusion,

statt hier

den Regenbogen

aufziehen zu lassen?

 

 


 

15

 

Seid leiser

 

Lasst uns etwas leiser reden

und behutsam, nicht so laut,

sonst erschlägst du mit den Worten

den, der sich dir anvertraut.

 

Lasst uns etwas schärfer hören,

was er hinter Worten sagt;

oft nur währt es Augenblicke,

dass er Dir sein Leiden klagt.

 

Lasst uns etwas stiller denken,

nicht so hastig, nicht so groß;

das Gewaltige ist winzig,

hat im Herzen seinen Schoß.

 

Lasst uns etwas zarter gehen

um mit Menschen unsrer Welt,

nicht das Stampfen mit den Stiefeln

ist´s, was uns am Leben hält.

 

Lasst uns etwas sanfter streicheln,

nimm die Faust nicht, die nur droht;

wenn du Mut gibst und aufrichtest,

kommt ein Leben schon ins Lot.

 

Lasst uns etwas stiller leben,

sonst wird unsre Seele taub;

sie vernimmt auch sanftes Schweben

und das Rascheln in dem Laub.


 

16

 

Es jedem recht tun

 

Was du auch tust, mein lieber Freund,

du machst es niemals allen recht.

Doch höre zu, was man dir sagt,

manch Rat ist gar nicht schlecht.

 

Der eine sagt, du sollst dies tun,

der andre meint, mach´s lieber so.

Und wenn du machst, was jeder will,

dann wirst du niemals froh.

 

Gar mancher spricht: Man muss was tun!

und meint bequem sich leider nicht.

Und dabei wäre es nur gut,

nähm´ er sich selber in die Pflicht..

 

Gar mancher rät: Nun ändre dich,

du bist mir viel zu unbequem!

Er selber ist zu nichts bereit.

Ist das noch angenehm?

 

So gehe deinen Weg nun fort,

den du verantwortlich kannst geh´n.

Gott gebe dir die Kraft dazu,

du wirst es täglich sehn.


 


17

 

Wach auf

 

Ich möchte tief

und immer träumend schlafen,

nicht sehen müssen,

was an Leid geschieht,

vergessen all die vielen Schmerzen,

die uns das Leben spüren ließ.

 

Wach auf,

der du schlafen willst,

wach auf!

Nicht durch Schlaf,

nicht durch Traum

wird die Welt

und der Mensch

verändert.

 

Ändere dich selbst,

so wird diese Welt

sich verändern.

Nimm Liebe an

und gib sie weiter,

dann wird diese Welt

den Samen deiner Liebe

wachsen lassen.

 

Schlafe nicht mehr,

sondern nimm den Traum

deiner Hoffnung

in die Gegenwart,

lass ihn Wurzeln schlagen

und Früchte bringen,

die dich und andere

erquicken

und sättigen.


 

18

 

Viele Menschen und ein Träumer

 

Ein Realist, der weiß genau,

was er noch wagen kann.

Er rechnet nach das Risiko

und packt dann kräftig an.

Er schätzt die Sache richtig ein,

selbst einen Tritt ins Schienenbein,

wenn es muss sein.

 

Der Pessimist, der weiß genau,

bevor er etwas tut,

was schief geht, wenn er es anpackt,

und er verliert den Mut.

Er sieht selbst bei dem hellsten Licht

das Schöne in dem Leben nicht,

als wär´s ihm Pflicht.

 

Der Optimist, der weiß genau,

es wird schon nicht so schlimm.

Selbst wenn die Welt zugrunde geht,

er nimmt es lächelnd hin.

Er denkt, was soll daneben geh´n,

wenn alle fest zusammenstehn,

ihr werdet´s sehn.

 

Der Träumer, er kennt ganz genau

das Schöne in der Welt,

und träumend sieht er, wie´s sein muss

und was die Welt erhält.

Er glaubt und hofft, die Liebe sei

für Menschen nicht mehr einerlei,

schon gar nicht für uns zwei.


 

19

 

Was besser ist

 

Vielleicht ist ein paar Tränen zu vergießen

    besser, als auf andere zu schießen.

 

Vielleicht ist es besser, "Nein!" zu sagen,        

    als "Ja" und andre ins Unglück zu jagen.

 

Vielleicht ist besser, gegen alle Normen

    zu denken, als in Uniformen.

 

Und sicher ist es besser, sich zu versöhnen,

   als mit anderen zu streiten

   und über Hader zu stöhnen.

 


 

20

 

Tipps zum Altwerden

 

Willst du hundert Jahre werden

oder etwas mehr,

nimm des Lebens trübe Seiten

nicht so furchtbar schwer.

 

Es kann schon geschehen, dass

dir der Kohl verhagelt,

und dann scheint die Zukunft dir

ganz und gar vernagelt.

 

Dafür gibt es andre Zeiten,

da wächst alles wohl,

und dann blüht und trägt die Früchte

nicht nur Rosenkohl.

 

Hundert Jahre, denk daran,

kennen keine Eile.

Ohne Widerstände gibt´s

doch bloß Langeweile.

 

 

 


 

21

 

frieden

 

bissige worte,

eine athmosphäre voller misstrauen,

gift für die seele.

 

ist es noch weit

bis zum tätlichen angriff,

zur gewalt,

wenn gedanken

den taten schon vorausgeeilt sind?

 

frieden,

offene grenzen,

in den herzen,

bei den staaten,

offen dem anderen:

sein zeichen

ist nicht stacheldraht,

sondern eine offene hand,

die sich mir entgegenstreckt.


 

22

 

Nie wieder Krieg

 

Wir saßen zusammen unter der Linde:

der Pièrre, der John, der Fedor und ich

und tranken aus einer Flasche Wein

und konnten uns über eins einig sein:

Nie wieder Krieg!

 

Wir aßen zusammen, wie Brüder, zu viert,

ein jeder aus einem andern Land.

Und doch wussten wir, dass wir Menschen sind,

und über uns wehte derselbe Wind:

Nie wieder Krieg!

 

Wir sprachen zusammen und hörten von fern

das Dröhnen von Flugzeugmotoren.

Sie übten für den Verteidigungsfall

und schossen Raketen hoch in das All.

Nie wieder Krieg?

 

Wir schwiegen zusammen und wussten genau:

aus dem Herzen muss Frieden kommen.

Uns´re Väter schossen einander tot,

und der Krieg brachte nur größere Not.

Nie wieder Krieg!

 

Wir lachten zusammen, gelobten uns,

der Pièrre, der John, der Fedor und ich:

Lasst uns Freunde bleiben in dieser Welt,

dass sie noch ein paar Jährchen länger hält.

Nie wieder Krieg!

 

 

 

 

23

 

Arbeitslos

 

Arbeitslos -

nicht mehr gebraucht -

wie Kunststoffabfall -

nicht einmal recycelbar

 

Früher, da hast du geschimpft

   auf die Maloche

   auf die Ausbeuter,

   auf das bisschen Geld,

bis Du selbst

ausgebeutet,

beiseite geworfen bist.

Niemand braucht dich mehr.

 

Pläne zerbrechen,

Zukunft zerbröckelt,

und die Gegenwart

und die Familie

zeigt unübersehbare Risse.

 

Lohnt es sich noch,

   nach Hause zu kommen?

Lohnt es sich noch,

   das Haus zu verlassen?


 

Lohnt sich das Leben

   überhaupt noch?

Andere bescheinigen dir:

Du wirst nicht mehr gebraucht.

 

Sind die da oben

Gott,

dass sie solche Urteile fällen?


 

24

 

Sonntags nie

 

Da fordert unsere Industrie

die Sonntagsarbeit.

Und die Kirchen und die Gewerkschaften

sagen:

"Sonntags? Nie!"

Und die Regierung sagt:

"Alles ist gut!

Wenn man nur nichts gegen

unsere Industrie tut."

 

Da fordert unsere Industrie

die Sonntagsarbeit,

weil die Maschinen besser ausgenutzt sind.

Aber niemand fragt

nach Mann und Frau und Kind;

weil dann die Sonntagszuschläge entfallen,

und das gefällt denen da oben

am besten von allem;

weil dann die Produktion

billiger werden kann

und die Leute mehr kaufen,

doch an die Umweltschäden denkt da oben

kaum einer, weder Frau noch Mann,

weil so größere Stückzahlen auf den Markt geworfen werden,

und dabei gibt es kaum noch Menschen,

die das brauchen auf Erden.

 

Lasst doch den Sonntag weg,

den freien Tag wechseln,

dann stört der Vater die Familie nicht mehr,

weil er am Wochenende arbeiten muss.

Und er kann seine schlechte Laune

am Mittwoch und Donnerstag

in den leeren Wänden austoben.

Vielleicht bekommen dann

die Gummizellenausstatter Hochkonjunktur,

und die Bauwirtschaft schafft dafür,

für jede Wohnung einen kleinen Raum mehr,

aber einen kleinen nur.

Und die Leute sagen vielleicht sogar:

"Das ist doch gut!

Dass man nur nichts dagegen tut!"

 

Da sagt unsere Regierung:

"Wir brauchen unsere Arbeitsplätze

und unsere Industrie."

Aber wenn da einer sagt:

Sonntags? Nie!

gehen unsere Arbeitsplätze verloren,

und das Ausland ist billiger

und die Menschen dort williger,

- aus lauter Not.

Wir haben schon

zweieinhalb Millionen Arbeitslose

und müssen etwas dagegen tun.

Lasst doch unsere Industrie nur machen.

Was sie will, ist gut.

Dass man nur nichts dagegen tut!"

 

Und unsere Regierung gibt

unserer Industrie

Steuerermäßigung und Geld,

damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Und dann wird rationalisiert

und automatisiert,

werden neue Computer gekauft,

weil man sie lieber als Menschen braucht.

Und nach einiger  Zeit

werden die ersten freigesetzt, entlassen,

damit die anderen Arbeitsplätze - vielleicht -

aber die Gewinne um so sicherer

in die aufsteigende Linie passen.

 

Da helfen keine Proteste und keine Be­schwerden,

denn da gibt es welche, die sagen werden:

"Das ist für die Preise

und die Arbeitsplätze gut.

Das man nur nichts dagegen tut!"

 

Und so haben wir unsere Industrie

und zu den zweieinhalb

bald noch eine weitere Million

Arbeitslose,

die niemand braucht;

wenn nur bei den Werken

der Schornstein raucht.

Und da stapeln sich Waren auf Waren

und das schon seit Jahren.

Aber kaum jemand der da oben sitzt,

fragt:

"Wozu ist das gut?"

Wir hören nur immer wieder:

"Dass man nur nichts dagegen tut!"

 

Ich möchte nur ganz bescheiden fragen,

denn ich hab ja da oben nichts zu sagen:

"Wer soll das denn alles kaufen?"

Mir scheint,

dass wir in den Produkten langsam ersaufen.

Die zweieinhalb Millionen Arbeitslosen

und ihre Familien?

oder die wenigen Kinder?

oder die vielen Alten,

die bangen, dass sie ihre Renten behalten?

 

Wir haben einen riesigen Ausstoß,

eine hervorragende Produktion -

nur,

wer hat

etwas

davon?


 

25

 

Zwei Tamilen

 

Ich sehe die beiden,

dunkelhäutig und in sich gekehrt,

fern ihrem Land,

trotz der für uns hochsommerlichen Hitze,

in der für sie eisigen Welt

der Fußgängerpassage

frieren.

 

Sie sind allein mit sich selbst,

mit ihren Erinnerungen,

ihrem Heimweh,

mit ihren Hoffnungen?

 

Die anderen

schlagen ihren Bogen um sie.

Kein Grüßen,

kein freundliches Lächeln,

statt dessen

eisige Gleichgültigkeit,

als ob sie

Eisbergen begegnen,

oder schon Feindschaft:

"Mögen die doch bleiben,

wo sie hergekommen sind."

 

Wie würden diese Menschen

sich als Flüchtlinge

in der Heimat

der Tamilen

fühlen?


 

 

 

Ein wenig Pfeffer in die Suppe


 

26

 

Ein wenig Pfeffer in die Suppe

 

Ein wenig Pfeffer in die Suppe

und dazu etwas Salz,

gegen Honig um den Bart

und gegen das Schmalz.

 

Ein wenig Sand im Getriebe

und ein aufrüttelndes Wort

gegen Stumpfsinn und Gewohnheit,

der Menschlichkeit Mord.

 

"Da sagen manche Leute:

das war immer schon so."

Sie erwürgen jede Chance,

und sie dreschen altes Stroh.

 

Ein wenig Pfeffer in die Suppe...

Da behaupten manche Leute:

"Alles ist gerecht und gut.

Und wir haben die Erfahrung,

dass nur niemand and´res tut!"

 

Ein wenig Pfeffer in die Suppe...

 

Da fordern manche Leute:

"so bedroht ist unser Staat,

darum wollen wir mehr Rüstung

und ´nen größ´ren Wehretat."

 

Ein wenig Pfeffer in die Suppe...

Da wollen manche Leute

immer alle Rechte haben,

nur die andern sollen kuschen

denen reichen Küchenschaben.

 

Ein wenig Pfeffer in die Suppe...

Da vergiften manche Leute

unser Wasser, unsre Nahrung,

und sie sagen: "Ihr könnt´s essen,

denn wir haben ja Erfahrung."

 

Ein wenig Pfeffer in die Suppe...


 

27

 

Konsequent sein

 

Eigentlich

könnte unsere

Erde ganz gut ohne

den Menschen auskommen.

 

Wir bedrohen uns gegenseitig

und sprechen uns die Menschenwürde ab.

Wir lassen andere verhungern         

und vernichten Lebensmittel.

Wir genießen die Katastrophen anderer

im Fernsehsessel

und beladen uns mit so viel Konsumgütern,

dass das Denken unmöglich wird.

Wir geben Millionen für Umweltschutz aus

und Milliarden, um die Umwelt umzubringen.

Wir erfinden so viele arbeitssparende Geräte,

dass ohnehin die meisten Menschen

nicht mehr gebraucht werden -

und auf den Rest könnte

unsere Erde verzichten.

 

Der Mensch ist

überflüssig.

 

Dann würde das Ozonloch kleiner,

und die Gewässer würden sich vielleicht

selbst entgiften,

die Erde würde sich erholen

und die Luft jubeln.

 

Die Tiere würden

vor Freude springen und tanzen,

und selbst das letzte Robbenpärchen

zöge froher seine Wege durch das Meer.

 

Für die Erde

wäre es ein Segen,

wenn es keine Menschen

mehr gäbe -

und für die meisten Menschen auch.

 

Warum sind wir nicht konsequent?


 

28

 

Lasst uns nur so weitermachen

 

Lasst uns nur so weitermachen.

Da haben Menschen Angst vor einem,

immerhin möglichen, Krieg.

Aber schließlich haben wir unsere Politiker,

die in Ost und West, in Süd und Nord

für Frieden sorgen,

und wenn das nichts hilft,

gibt es ja noch

das Gleichgewicht des Schreckens.

 

Lasst uns nur so weitermachen.

Da haben manche Angst vor

der Arbeitslosigkeit,

der Umweltzerstörung

und deren Folgen,

dem Elend der Dritten Welt

und so weiter, und so weiter.

 

Lasst uns nur so weitermachen.

Wozu Angst haben?

Schließlich lassen sich

alle zukünftigen Probleme

sauber mit ein paar

Neutronenbomben regeln.

 

Lasst uns nur so weitermachen.

Wenn ich meinen Nachbarn

mit seiner Giftspritze

im Garten sehe,

und an die anderen denke,

die ich nicht einmal kenne,

dann weiß ich:

alle Probleme der Menschen

lösen sich demnächst auch so,

selbst ohne Bombe.


 

29

 

Gärtnerglück

 

Die Zeit durcheilt mit Riesenschritten

den Garten in der Sommerzeit,

die ersten Früchte werden reifer,

zur Ernte ist es nicht mehr weit.

 

Nun hol ich nochmals meine Spritze,

wer weiß, wozu das alles gut:

für Obst, Gemüse, Blumen, Sträucher.

Ich bin doch lieber auf der Hut.

 

Die Raupen fallen von den Bäumen,

der Schmetterling, er ist lang tot,

und starke Düngung, welche Freude,

schafft süße Früchte, knallig rot.

 

Chemie, Chemie, soweit ich sehe,

solch einen Garten lob ich mir,

voll Schwermetall und voller Gifte,

die Reinheit gilt ja nur beim Bier.

 

So ernte ich die größten Früchte.

Sie schmecken leider etwas fies,

der Gartenboden ist vergiftet

in Gärtners Chemie-Paradies.

 

 

 

 

 

30

 

Verantwortung

 

Manche sagen:

Politik ist ein schmutziges Geschäft.

Und dann drücken sie sich

um die Verantwortung

und machen ihre eigenen,

manchmal noch schmutzigeren Geschäfte.

 

Manche sagen: Macht in der Politik verdirbt den Charakter.

Und dann unterdrücken sie ihre Frauen

und misshandeln ihre Kinder

und treten da, wo es nur geht.

 

Manche sagen:

Ich will meine weiße Weste weiß behalten.

Und dann denken sie doch nur

an ihre Bequemlichkeit,

sitzen vor der Glotze

und schimpfen auf die Politiker.

 

Da hatte schon einmal einer eine Ausrede.

"Soll ich meines Bruders Hüter sein?"

hat er gefragt,

nachdem er ihn erschlagen hatte.

 

Die Dinge dieser Welt

lassen sich nicht

durch Nichtstun regeln

oder durch Ausreden.

 

Besser ein paar Flecken auf der Weste,

als das Kainszeichen auf der Stirn.

 

Habe keine Angst vor den Flecken

sondern davor,

dass deine Seele schwarz wird,

weil du nichts tust.


 

31

 

Ich wollt´ ich wär´ Politiker

 

Ich wollt´, ich wär´ Politiker,

dann kämen alle Leute her

und wählten mich ins Parlament,

dorthin, wo man mich schon bald kennt.

 

Doch weil ich nun mal nicht Politiker bin,

schau ich zu denen da oben hin.

und da kommt mir ein großes Unbehagen,

und ich weiß nicht, wie soll ich es besser sa­gen.

 

Ich lerne doch schließlich, wie man so lebt

und dass an jedem Posten doch auch Geld klebt.

Ein Politiker ist für alle da,

aber natürlich für sich auch, das ist ja klar.

 

Ich wollt´, ich wär´ Politiker,

dann kämen alle Leute her

und wählten mich ins Parlament,

dorthin, wo man mich schon bald kennt.

 

 

Die Industrie, die wird mein Freund,

für die mir nichts zu teuer scheint.

Sobald es sein kann, sahn´ ich ab

und nicht zu knapp, ja, nicht zu knapp.

 

Ich sitz gern in dem Aufsichtsrat,

das ist gut für´n Privatetat.

Und mancher Aktienstapel hier

gehört bald mir, ja, gehört bald mir.

 

Ich wollt, ich wär´ Politiker,

dann ist das Leben nicht so schwer.

Ich macht Gesetze für die Reichen

und werd´ dabei das Geld einstreichen.

 

Ich wollt´, ich könnt Minister sein,

dann wär´ das Leben erst recht fein!

Ich ging auf Reisen jedesmal,     

das Volk, es ist mir piep-egal.

 

Und gibt es auch einen Skandal,

nun, das passiert doch jedem mal.

Was war, lässt sich immer verschleiern,

die Leut´ soll´n mich nur nicht anmeiern.

 

Ich hab doch meine Fachleut´ hier,

und außerdem ist´s nicht mein Bier.

Schon morgen ist es ganz vergessen,

so, wie Atommüll da in Hessen.

 

Ich wollt, ich könnte Kanzler sein,

dann gilt, was ich will, ganz allein.

Ich hab allein den Sachverstand,

das weiß doch jeder in dem Land.

 

Wer oben sitzt, der sorgt für sich,

und warum gilt das nicht für mich?

Denn geht´s ums Geld, bin ich ganz Ohr.

Der kluge Mann baut nämlich vor.

 

Doch weil ich nun mal nicht Politiker bin,

schau ich zu denen da oben hin.

Nur vor dem Politiker hab ich Respekt,

der innen noch nicht ganz verdreckt,

und der etwas gegen die Armut tut

und für die Umwelt, ach, das wär gut.

 

 Leider kenn ich nur einen in unserer Stadt.

Da oben, da sind sie ziemlich knapp.


 

32

 

Unfassbar

 

Über zehntausend Tote auf den Straßen

und ungezählte Verletzte,

Menschen, die trauern

und die, deren Leben zerstört ist.

Aber auf den Autobahnen

darf jeder in seinen Tod rasen

und andere mitnehmen:

Unfassbar!

 

Ein Land versinkt in den Fluten.

Millionen werden obdachlos,

Tausende ertrinken,

werden von Seuchen dahingerafft.

Aber beim Fernsehen läuft uns nur

ein leichtes Kitzeln über den Rücken,

sozusagen als Einleitung

zum Abendkrimi:

Unfassbar!

 

Da werden Millionen gezahlt,

um immer neue Lebensmittel

- Lebensmittel? -

auf ausgebeuteten Böden herauszupressen,

die dann teuer gelagert

und vernichtet werden,

und Millionen verhungern:

Unfassbar!

 

Da gibt es einen Tourismus

für Menschen und für Giftmüll

in die dritte Welt,

beides gleich schädlich.

Sollen die doch sehen, wie sie damit fertig werden:

Unfassbar!

 

Da werden ungezählte Heere unterhalten,

auf Kasernenhöfen

und in der kostbaren Landschaft

für´s Kriegsführen gedrillt,

Geldmittel verschwendet,

statt für den Frieden zu üben

und Hilfe zu geben,

wo der Nächste in Not ist:

Unfassbar!

 

Da werden immer mehr Computer eingesetzt,

um konkurrenzfähig zu bleiben

und billiger zu produzieren,

da werden immer weniger Menschen  ge­braucht,

bis sie eines Tages

ganz durch Maschinen

ersetzt werden können,

überflüssig sind:

Unfassbar!

 

Dann kommt unsere Erde

endlich

ohne Menschen aus.


 

33

Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein

 

Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein.

Raketen beschützen dich fein.

Viel Panzer stehen auf beiden Seiten,

sie sollten uns schlaflose Nächte bereiten.

Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein.

 

Schlafe, mein Kindchen, schlaf gut.

Soldaten steh´n auf der Hut.

Sie schützen den Frieden auf vielerlei Ar­ten,

du kannst lange auf sein Kommen warten.

Schlafe, mein Kindchen, schlaf gut.

 

Schlafe, mein Kindchen, schlaf tief.

Im Atomkraftwerk läuft schon was schief.

Geht´s auch nicht bei uns wie in Tschermo­byl,

am Supergau, da fehlt nicht viel.

Schlafe, mein Kindchen, schlaf tief.

 

Schlafe, mein Kindchen, schlaf fest.

Träum von der Natur, von dem Rest,

den and´re dir übergelassen ha´n,

sieh ihn dir wenigstens im Traume an.

Schlafe, mein Kindchen, schlaf fest.

 

Schlafe, mein Kindchen, schlaf lang.

Wenn du aufwachst, dann wird dir nur bang.

Am besten du schläfst und wachst nie mehr auf,

denn leidvoll wird sonst dein Lebenslauf.

Schlafe, mein Kindchen, schlaf lang.

 

34

 

Wissenschaft ohne Gewissen

 

Da kenne ich einen Wissenschaftler,

hoch begabt und so überzeugt von seiner Idee,

dass er Bedenken nicht gelten lässt.

Neugier, gepaart mit Genialität,

Durchsetzungsvermögen mit genügen Intole­ranz:

Beneidenswert.

Er forscht in der Gentechnologie,

entwickelt neue Lebewesen.

Sein Gewissen ist die Wissenschaft.

Die Konsequenz seiner Forschung?

Dafür ist er nicht zuständig,

das mögen andere tun.

Wissenschaft ohne Gewissen?

 

Da kenne ich einen Wissenschaftler,

hochbegabt und überzeugt von seiner Idee,

dass er sie in der Wirtschaft verwirklicht,

für sie noch mehr forscht,

erfindet, entdeckt,

zum eigenen und seiner Firma Wohl.

 

Beneidenswert.

Er arbeitet in der Halbleitertechnik,

entwickelt Roboter.

Seiner Firma geht es

um wirtschaftliche Macht,

Marktanteile, Umsatz, Gewinn,

nicht so sehr um die eigenen Arbeitsplätze,

das fällt so nebenbei ab,

oder weg,

wenn Roboter erst einmal

die Produktion übernehmen.

Wissenschaft ohne Gewissen?

Zu Hause züchtet er Rosen

und mäht seinen Rasen

mit einem Handmäher.

 

Da kenne ich einen Wissenschaftler,

hochbegabt und so überzeugt von seinen Ideen,

dass er sie in den Dienst der Rüstung stellt.

In seiner Kirchengemeinde nannte er das:

Arbeit für den Frieden.

Sein Arbeitsgebiet:

Wie kann ich mit immer weniger Aufwand

immer mehr Menschen töten.

(Feinde töten, nannte er das).

Sein Kummer:

Er kann seine Forschung - noch nicht-

in der Praxis überprüfen.

Aber die Theorie ist sehr viel versprechend.

Wissenschaft ohne Gewissen?

 

Da habe ich Menschen kennen gelernt,

keine Spezialisten,

sondern so, wie du und ich,

die alles normal finden,

weil sie für Wissenschaft und Technik schwärmen,

- große Liebe macht eben blind -

die sich ergötzen an dem millionenfachen Tod,

der allabendlich über den Fernsehschirm flac­kert,

Menschen, die Abfälle in die Gegend werfen

und die sich und ihre Kinder

mit Giften freiwillig selbst schädigen.

Menschen ohne Gewissen?

 

 

Hat uns unser Gewissen verlassen,

weil es nicht mehr aushielt bei uns?

 

 


35

 

Erfolgsstatistik

 

Wie gut, dass es die Statistik gibt,

die die Wahrheit kennt

und die Tatsachen durch Zahlen

beim Namen nennt.

 

Sie sagt:

Die Zahl der Arbeitsplätze

ist gestiegen

und die der Arbeitslosen gesunken.

Doch das ist erlogen und erstunken.

 

Du vergisst einfach,

einige mitzuzählen.

Dann werden die Zahlen

und die Schicksale der Leute

dich nicht mehr quälen.

 

Hein Schmitt, unser Nachbar,

ist schon lang arbeitslos.

Und die Not der Familie

und der Kinder ist groß.

 

Der Gerd hat noch immer

keine Lehrstelle. Mist!

Dabei sucht er, schon seit Wochen,

und versucht jede List.

 

Frau Kathrin, geschieden,

find´t keinen neuen Job.

Und sie müht sich vergeblich.

Der Statistik ein Lob.

 

Die Statistik sagt:

Das Einkommen der Leute ist gestiegen

und das Elend der Massen gesunken.

Doch das ist erlogen und erstunken.

Du vergisst einfach,

Reichtum kann man verteilen:

für den einen viel,

und die anderen,

sie dürfen im Dunkeln weilen.

 

Herr Groß hat Millionen,

ist schon lang´ reich und fett.

Nur der Hein, der hat wen´ger

und für´s Baby kein Bett.

 

Sohn Frank Groß fährt den Porsche

und im Sommer nach Nord.

Doch der Gerd kann sich mühen,

ihm schenkt keiner ein Wort.

 

Frau Groß hat die Villa,

das Brillantdiadem.

Doch Frau Kathrin putzt Klinken,

statistisch geseh´n.

 

Und so können die Mächtigen unserer Welt

mit der Statistik machen, was ihnen gefällt.

Wen kümmert das Elend der kleinen Leute,

statistisch geht´s allen ganz prächtig heute.

 

 


 

36

 

Loblied auf die spitze Zunge

(Für Renate B.)

 

Meine Liebe, deine spitze Zunge

hat mir manchmal Freude schon gemacht.

Hat es denn bei deinen Leuten

deshalb nicht schon laut gekracht?

 

Wenn du spöttelst, piekst und lästerst,

klingt das gänzlich unkonventionell.

Wie ein Blitz in dicken Wolken

wird es dabei endlich hell.

 

Sehr oft prasseln viele leere Phrasen

auf dich ein, dass du fast wehrlos bist.

Und du fragst dich, ernsthaft schaudernd:

"Ach, was ist das für ein Mist?"

 

Bei dem, was die Leute da so reden

an Gewäsch und Oberflächlichkeit,

wünschte ich mir deine spitze Zunge.

Gott erhalte sie dir allezeit!

 


 

37

 

Der Spießer

 

Er hat Recht,

immer.

Und alle anderen haben Unrecht.

Er weiß alles besser.

Und alle anderen liegen falsch.

Er kann alle anderen beraten.

Und nimmt selbst keinen Rat an.

Er ist selbstzufrieden und selbstsicher,

weil die Gabe der Selbstkritik

und der Unsicherheit

nur dem Dummen gegeben ist.

Über Geschmack lässt sich streiten,

nur nicht mit ihm, denn er hat ihn.

 

So könnte es seitenlang weitergehen.

 

Nur dabei entdecke ich,

dass ich auch

etwas von einem Spießer

an mir habe.


 

38

 

Der Sündenbock

 

Er braucht jetzt einen Sündenbock,

und auf den prügelt er mit einem Stock.

Seine ganze Wut und Aggression

setzt er in die Tat um - und sie ist davon.

 

Der Chef hat Knies mit seinem Weib

und ein paar Flecken auf dem Leib.

Da hat ihn nämlich die Frau geschlagen,

wegen der Freundin ging´s ihm an den Kragen.

 

Er braucht jetzt einen Sündenbock ...

 

Der Herr Prokurist jetzt der nächste ist,

denn der Chef schimpft: "Was machen Sie da für Mist!"

Und er sagt, er würd´ ihn demnächst doch feu­ern

und seine Prokura nicht erneuern.

 

Er braucht jetzt einen Sündenbock ...

 

Er meckert an seinem Chauffeur herum:

"Wie Sie fahren, das ist mir doch zu dumm.

lassen Sie sich das Fahrschulgeld wiedergeben!"

Doch der würd ihm am liebsten eine kleben.

 

Er braucht jetzt einen Sündenbock ...

 

Der Chauffeur kommt nach Hause und zittert vor Wut.

Und fragt seine Frau, was sie tagsüber tut.

Und dann schimpft er: "Ihr könnt doch nur Kuchen  essen,

doch den Abwasch, den hast du schon wieder vergessen!"

 

Sie braucht jetzt einen Sündenbock...

 

Die Mutter keift jetzt mit ihrem Sohn:

"Warum klingelt schon wieder das Telefon?"

Und sie schreit und der Fritz lässt ein Glas hinfallen.

Verdammt, ist er denn Schuld an allem?

 

Er braucht jetzt einen Sündenbock...

 

Er hat einen Hund, der kleine Mann,

den prügelt er, so gut er kann.

Und der Hund macht sich auf und sucht das Weite,

er läuft auf die andere Straßenseite.

 

Er braucht jetzt einen Sündenbock...

 

Da sieht er die Frau Direktor geh´n,

die kann partout keine Hunde aussteh´n.

Doch er spürt das, und das ist natürlich scha­de,

denn der Hund beißt sie in ihre rechte Wade.

 

Sie braucht jetzt einen Sündenbock...

 

Und der Chef kommt nach Haus und ist fast blau,

denn er denkt an die Freundin und an seine Frau.

Und bringt ein paar Rosen, um sie zu versöh­nen,

doch die Frau kann nur noch vor Schmerzen stöhnen.

 

Man braucht jetzt einen Sündenbock....


 

 

 

 

 

 

Impressionen aus Frankreich

 

 

40

 

Bergwandern

 

Willst du die Trollblume sehen,

die gelbe, leuchtende Kugel,

den Enzian

mit seinen vielfältigen Arten und Farben,

den weißen Germer

oder das Vergissmeinnicht    

am Eisbach?

 

Dann komm mit mir,

steige empor,

hoch in die Berge,

hin zu den Gipfeln.

 

Zieh die Wanderschuhe an,

nimm Rucksack und Stock.

 

Unter dir werden die Dörfer kleiner,

der Wald, die Krüppelkiefern,

und Alpenrosen bleiben zurück,

das erste Schneefeld liegt neben dir,

und dem unendlichen fernen Himmel

bist du nahe.

 

Schlacken schwitzt du aus,

dein Atem wird tiefer und reiner

in der kühlen Luft unter dem blauen Himmel.

Deine Sorgen hast du zurückgelassen,

und vielleicht findest du sie nicht wieder,

wenn du am Abend herabgestiegen bist.

 

Jetzt aber winken dir

schneebedeckte Häupter

von ferne zu,

begrüßen dich

in ihrer Mitte.

 

 


 

41

 

Mont Blanc

 

He,

du da

oben,

Respekt

heischender

Gipfel der Berge!

Gletscher bedecken deine Füße,

Kälte, die Leben abweist,

die du herunterschickst

zu den Menschen.

Meist wolkenverhangen

erlebt ich dein Haupt,

höchster Berg Europas:

kühl, majestätisch, unnahbar.

 

Wie viel lieblicher

sind die Wiesen unter deinen Füßen,

Berghänge, blühende Wundergärten,

voller Leben.


 

42

 

Der Cañon von Verdon

 

So, als hätte der Teufel selbst

wieder seine Hand im Spiel gehabt

und die Felsen gespalten,

wie es ihm Spaß macht,

Menschenherzen auseinanderzureißen.

 

Tief unten sehe ich das Wasser,

wie den Weg in die Unterwelt,

schwindelerregend,

nicht mehr von der Sonne erreicht.

Und unheimlich

schön,

dieses Wunder der Natur.

 

Ist es vielleicht doch ein Werk Gottes,

um Menschen wieder das Staunen zu lehren?


 

43

 

Ländliche Provence

 

Lavendel durchtränkt die Luft.

Ein einzelnes Insekt

summt in der lastenden Hitze.

Unbarmherzig

dörrt die Sonne

ockerfarbenes Land

noch weiter aus.

Ruinendörfer

thronen an Bergkuppeln,

verlassene Behausungen.

 

Selbst für die Armut

ist dieses Land

zu unwirtlich.

Und doch hat es seinen

unverwechselbaren Charme.


 

44

 

Ein Abend in der Provence

 

Die Last der Hitze weicht

mit der sinkenden Sonne.

Wir steigen die Stufen empor

zu den Ruinen der Burg.

Welche Schicksale

mögen die alten Mauern

erlebt haben?

Blühender Ginster

bekleidet mit seinem goldenen Schimmer

das trostarme, trockene Land.

 

Lavendelduft

hat sich

über das abendliche Dorf gesenkt,

hüllt es ein,

auch wie der Schimmer

des Mondes.


 

45

 

In einer Kirche in der Provence

 

Das, was man hier

noch Verkehr nennen könnte,

beginnt einzuschlafen

in der allgegenwärtigen,

alles durchdringenden Mittagshitze.

 

Nur hier drinnen

kühlende Stille,

durch Glasfenster

buntdunkles Licht.

 

Jemand hat eine Kerze

angezündet

für einen unglücklichen Freund

oder für sich selbst.

 

ER wird sie sehen.


 

46

 

Mont Ventoux

 

Tief unter uns

lassen wir die Lavendelfelder

mit ihrem berauschenden Duft;

höher und höher

windet sich der Weg

bis zum kahlen Gipfel.

 

Weit im Osten leuchten,

schneebedeckt, Berge.

Kühlender Wind umstreicht mich

in der blendenden Sonne.

 

Der Horizont im Süden

und vor ihm die Wälder und Dörfer,

Höhenrücken und Täler,

sie alle verstecken sich

im Dunst des Mittags.

 

Voller Leiden und Leidenschaft

ist dieses Land:

Lieder der Troubadoure,

meist vergeblich gesungen,

das Blut der Katharer,

voller Glaubensinbrunst vergossen,

die ungezählten Tränen der Armut,

Tag und Nacht geweint,

durchtränken das trockengebliebene Land.

 

Hier oben,

wo früher Hexen und Geister

ihre Tänze tanzten,

ihr Wesen trieben,

treiben heute Touristen

ihr Unwesen.

 

Ich

bin einer von ihnen.


 

47

 

Avignon

 

Avignon,

du Stadt meiner Träume

und meiner Sehnsucht.

Endlich bin ich in deinen Mauern,

lasse mich gefangen nehmen

von dem Charme des Südens,

dem bunten Treiben

des Festes der Jugend,

bin einer von ihnen

in der wogenden Menge,

Brot und Wein und Käse essend,

vor den Stufen

des kalten Palastes.

Hier draußen

quirlt Kunst und Musik,

pulst das Leben

bis spät in die Nacht.

Wenigstens einen Tag

kann ich hier sein

und komme wieder,

als Gefangener

deines Zaubers.

 


 

48

 

In der Camargue

 

Tief im Süden waren wir,

dort, wo der Horizont

ohne Grenzen ist,

steckten unsere Füße

in das kühlende Meer,

das doch mit Sonne

vollgesogen war,

wie der glühende Sand.

 

Aber wenig weiter im Land

sahen wir die Schwärme der Flamingos

in den Farben der untergehenden Sonne,

die Herden der weißen Pferde,

die Salzgräser an den Lagunen

und die Melonenverkäufer an den Straßen,

 

und wir ahnten,

hier ist eine andere Welt.


 

49

 

Radrennfahrer

 

Auf zwei schmalen Reifen,

den Sattel geformt wie eine Banane,

tief über den Lenker gebückt,

ihre Pedale malträtierend,

rasen die dahin

über die Straßen.

 

Überall begegnest du ihnen;

zu den unwirtlichen Pässen

keuchen sie empor,

todesmutig stürzen sie sich zurück

ins Tal,

weiter,

immer weiter,

so, als könnten sie

nicht schnell genug

an ihr Ziel kommen,

die Etappe erreichen,

von der aus sie weiterhasten,

nicht, um zu einem Ziel zu kommen,

sondern um unterwegs zu sein.

 

Gibt es einen Weg,

der für sie zu lang ist,

einen Berg,

der zu steil,

ein Wetter,

das zu schlecht ist?

Frankreich scheint eine Nation zu sein,

deren Männer die Seele

in ein

gelbes Trikot stecken.


 

50

 

Menschen, die Zeit haben

 

Menschen, die Zeit haben

für einen Schwatz,

ein Gespräch,

voller Charme,

mit einem freundlichen Blick,

wenn sie meine

unbeholfenen Fragen vernehmen.

 

Menschen, die Zeit haben

bei einem Glas Rotwein,

so, als ob nicht ich Urlaub hätte,

sondern sie.

 

Welch glückliche Menschen,

die so leben können,

welch glückliches Land,

von solchem Leben geprägt.


 

51

 

Ardèche

 

Als wir nach Norden zogen,

kam er uns entgegen,

tief die Felsen einschneidend,

in ungezählten Windungen,

jedes Mal ein neuer,

Auge und Herz

erfreuender Anblick.

 

Die zahlreichen Kanus,

winzig von oben,

schienen ihn gezähmt zu haben,

oder ertrug er sie gutwillig,

um Menschen den Urlaub

nicht zu verderben?

 

Die Augen wurden nicht müde,

seine Schönheit zum trinken,

wie den Wein dieses Landes.

Aber dann sahen wir

das steinerne Tor,

felsig,

eine Brücke zwischen den Ufern

und doch nicht verbindend,

urwüchsig,

Zeuge der Schöpfung.

 

Wo mögen in diesem Land

die lieblichen Weine reifen,

die die Würze des Bodens,

die Süße der Trauben

und die Sonne des Himmels

in sich vereinen?

 


 

52

 

Heimweh nach der Fremde

 

Heute spüre ich,

stärker noch als gestern und vorgestern

Heimweh nach einem Land,

das ich als Fremder

nur wenige Tage betrat.

 

Heimweh nach Lavendelduft und Ginstergelb,

nach Melonen am Straßenrand,

dem mittäglichen Baguette mit Käse

und dem abendlichen Glas Rotwein

in dem Café an der Straße.

 

Heimweh nach den Menschen,

mit denen ich mich verstand,

mit Händen und Füßen redend,

die mich, den Fremden, nicht abwehrten,

sondern sich öffneten

wie einem Bruder,

der nach langer Zeit heimkehrt.

 

Heimweh nach dem Wechsel

von Mittagsglut und Abendkühle

und einer Zeit,

die nie davonläuft.

Heimweh nach Sonne und Mond

an einem anderen Himmel,

weit, weit weg im Süden,

wo die Sonne auch Menschenherzen erwärmt

und die Farben lebendig werden.

 

Jetzt kann ich verstehen,

warum Maler und Dichter

dorthin zurückkehren.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Grippe

 

 

53

 

Der Schneeflock

 

Ein Schneeflock reiste einst allein

auf einer Wolke übers Land,

langweilte sich und dachte: "Ach,

wie bin ich doch so unbekannt."

 

Da traf er, als er hierher kam

auf einem andern Wolkenteil

die Schneeflocke und freute sich.

Vorbei war alle Langeweil´.

 

Sie tanzten beide hin und her,

gebaren viele Kinder.

So kam, obwohl die Sonne schien,

zu uns doch noch ein Winter.

 

Für warmes Wetter gibt es folgende Fassung:

 

Sie tanzten beide hin und her,

gebaren viele Kinder.

Doch gab es, weil die Sonne schien

nicht einmal einen Winter.

 

Nur leider hielt die Ehe nicht,

ach ihr, Schneeflocke und Schneeflock.

Sie reist nach Norden, er nach Süd,

nach Kärnten auf den Rinsennock.


 

54

 

Frau Grippe

 

Da quält dich wieder, kleiner Mann,

was dir Frau Grippe angetan,

das Fieber und der Husten.

Denn dieses niederträcht´ge Weib

schleicht durch das Dorf zum Zeitvertreib

und will Menschen anpusten.

 

Sie war auch hier in uns´rer Stadt

und trippelte Straß´ auf, Straß´ ab

und suchte ihre Beute.

Und wenn sie sie gefunden hat,

vollzieht sie ihre böse Tat

und steckt an alle Leute.

 

Dich hat sie sich auch ausgewählt,

damit dich ja der Husten quält

zum zehnten mal schon wieder.

Seit einer Stunde zähl ich ihn,

und es will mir nicht in den Sinn,

dass du so hohes Fieber.

 

Wenn ich dich, alte Grippe pack,

dann steck ich dich in einen Sack

und trag dich auf den Boden.

Da kriegt sie täglich Fliedertee

und bunte Pfefferminzdragee,

da mag sie sich austoben.

 

Ich lasse sie dann erst heraus,

zu ihrem Grippemann nach Haus,

wenn sie mir wird versprechen,

dass sie den Bub in Ruhe lässt,

sonst halt ich sie noch länger fest

und sollt das Herz ihr brechen.


 

55

 

Ein Kaugummi

 

Ein Kaugummi der lebte

auf einem Stuhl und klebte

ganz fest.

 

Da kam der Lehrer Hempel

und setzt sich auf den Krempel

mit Wucht.

 

Er saß die ganze Stunde

und schaute in die Runde

ganz streng.

 

Der Lehrer Hempel drohte

ganz finster mit der Pfote:

Nun lernt!

 

Doch als die Stund zu Ende,

erhob er sich behende,

o weh.

 

Die Lehrerhose klebte

an Stuhl und Hempel strebte

hinaus.

 

So ging er mit dem Stuhle

nach Hause aus der Schule,

o Graus.

 

56

 

Zeugnisse

 

Du behältst deinen Wert,

kleiner Freund,

auch wenn dein Lehrer,

der dir nicht nur Wissen über Tatsachen

beibringen sollte,

sondern auch,

dass man glücklich sein kann,

dich auf dem Papier,

das man Zeugnis nennt,

schlecht beurteilt.

 

Merkt er nicht,

dass du unendlich viel mehr wert bist,

mein kleiner Freund,

als das, was da steht?

 

Sei großmütig,

verzeih´ ihm.

Lehrer sind auch

nur Menschen.


 

57

 

Meine alten Lehrer

 

Als Schüler haben wir auf sie geschimpft,

wie es Schüler wohl meistens tun:

Sklaventreiber, Schinder, Ignoranten

nannten wir sie.

Aber Pfundskerle waren sie doch,

meine alten Lehrer und Lehrerinnen.

 

In Mathematik lernte ich

neben dem Koordinatensystem,

wie man Schach spielt,

und ich lernte dieses Fach zu lieben.

In Physik erfuhr ich,

wie man elektrische Leitungen verlegt

und im Englisch:

"An apple the day keeps the doctor away."

Im Deutschunterricht

lernte ich neben vielem anderen

auch Leberecht Hühnchen kennen

und dass wir glücklich sein können,

ganz aus uns heraus;

nicht zu vergessen,

wie man mit Stäbchen Chinesisch isst.

 

Andere brachten uns bei,

wie man sich gegenseitig hilft

und sich helfen lässt

und dass Lernen

ein Leben lang anhält.

 

Zeit hatten sie für uns,

unsere Lehrer,

selbst zum Zelten.

 

Als Schüler schimpften wir auf sie.

Aber mancher Erfolg

ihrer und unserer Mühen

stellte sich später ein

und manche Einsicht

und die Achtung vor denen,

die uns dies alles lehrten.

 


 

58

 

as verlassene Mädchen

 

Mein Freund ist gegangen,

heut Nacht, heute Nacht,

gegangen und kommt niemals wieder.

Was bleibt? Schale Leere und Traurigkeit,

in der Vase verblühender Flieder.

 

Ach, scher dich zum Teufel,

heut Nacht, heute Nacht!

Was hab ich mit dir noch zu schaffen?

Und doch zieht mein Herz mich zu ihm ganz hin,

muss meine Kraft zusammenraffen.

 

Du gehst zu der andern,

heut Nacht, heute Nacht.

Werd glücklich mit all deiner Liebe.

Ich bin alleine. Nehm´ ich mir den Strick,

dass dem Tod ich verbunden bliebe?

 

Ich bleibe einsam,

heut Nacht, heute Nacht.

Vielleicht auch für ewige Zeiten?

Nein! Such mir den andern, der treuer ist,

dem will ich das Frühstück bereiten.

 

 


 

59

 

Der Raucher I

 

Nicht nur,

dass er sich

blauen Dunst vormacht,

sich hinter ihm versteckt,

aus der Gegenwart in die Wolke flieht,

er vergiftet auch

seinen Körper,

sich selbst

und die

anderen.

 

Nicht nur ein

Selbstmörder

auf Raten,

auch ein

Mörder

ist er.

 

 

 

 

 

 

60

 

er Raucher II

 

Du rauchst vom Morgen bis zum Abend,

lieber Freund,

paffst blaue Wolken, doch du merkst es nicht.

Du bist ein Mensch, der gerne Schönes träumt

und dabei ein sympathisch Bösewicht.

 

Du bist, sagst du, kein Kettenraucher,

obwohl´s schon reicht mit der verpestet Luft.

Du liebst die dicken Wolken, wie mir scheint,

und du bereitest andern ihre Gruft.

 

Da saß ich nun mit dir zusammen,

und du verhüllst dich nur mit blauem Dunst.

Ich tränk mit dir gern eine Flasche Wein,

doch nun schenk ich ´nem andern meine Gunst.

 

So lass ich dich nun rauchen,

und red mit dir lieber am Telefon.

Und weil das Rauchen wichtiger dir scheint,

meide ich dich: das hast du nun davon.


 

61

 

Der Camper

 

Campen, campen, welche Freude,

endlich bist du alles los,

denn nun sitzt du in der Heide,

und du fühlst dich richtig groß.

 

Bist im Zelt, der Regen prasselt

auf das Dach, es ist saukalt,

trinkst dein Bier, die Lunge rasselt,

Fernseh´n läuft ganz ohne Halt.

 

Wenn du Luft schnappst, musst du waten

durch den Schlamm, der dich umgibt.

Hättest lieber Gänsebraten,

als dass man hier Kohldampf schiebt.

 

Scheint die Sonne, kommt das Leben

endlich in die Bude rein.

Mücken werden dich umschweben,

und die Hitze weckt dich ein.

 

Doch als Camper, unempfindlich,

gegen alle Widrigkeit,

liebst das Campen unergründlich,

bist zum Leiden stets bereit.


 


62

 

Der Briefkasten

 

Der Briefkasten steht gelb und stumm

an einer weißen Ziegelwand.

Sein Magen knurrt symbolisch, er hat Hunger,

und hat zum Essen keine Hand.

 

So viele Menschen füttern ihn

und geben ihm Reklame,

Liebesbriefe,

ein Rechtsanwalt

schreibt viele strenge Worte,

von Tante Anna kommt ´ne Karte

mit ´ner Torte,

und der Geschäftsmann

schreibt schon wieder eine Mahnung,

dazu noch Ansichtskarten

und Geburtstagsgrüße,

wer weiß, was noch, ich habe keine Ahnung.

 

Nun kommt ein Mensch in Blau

und räumt den Magen aus

und bringt den Inhalt dann

zu andern in das Haus.

 

Und er bleibt stehen und

beklagt sich nicht, ist stumm

und wartet still ergeben auf sein Essen,

auf neue Briefe, neue Post,

nichts, nichts ist ihm zu dumm,

es sei, du hast dein´n Brief

an mich

vergessen.

 

 


 

63

 

Auf dem Parkplatz

Nachträglich gewidmet dem großen Heinz Erhardt

 

Gar mancher sitzt

beziehungsweise saß

in seinem Auto,

und wird wieder sitzen

und zwar in dem,

das auf dem Parkplatz steht.

 

In eine Lücke quetscht sich nun

ein Auto, das ganz schwarz und groß

und eigentlich zu dick geraten,

wie sein Besitzer, der,

mit "Ächz" und "Stöhn",

die Tür sich öffnet,

nur um auszusteigen.

 

Ein anderes, grazil und damenhaft

enteilt, verlässt den Platz,

wohin? zum Rendevous?

Und weiter oben steht ein Ehepaar

und schlägt mit Wucht die Koffertüre zu.

 

Du siehst viel Blech, lackiert und aufgeputzt,

dazwischen steht ein Auto, ganz verdreckt,

das scheint mir ziemlich abgenutzt,

und schamhaft hat es sich versteckt.

 

Dort pirscht, Gas gebend eines aus der Lücke

und rums, jetzt scheppert es ganz laut.

Ein and´rer hat, o welche Tücke,

die Vorfahrt ihm geklaut.

 

Der Parkplatz ist so voller Leben,

mit dicken, dünnen Autos vollgestellt,

es kann kaum etwas Intressantres geben,

nur der Gestank ist´s, der mir hier missfällt.


 

64

 

Zum Geburtstag

 

Ich wünsch dir zum Geburtstag jetzt

viel Glück und Gottes Segen.

Ich weiß, er wird, um dies zu tun,

fleißig die Hände regen.

 

Er segne dich und mach dich reich

an allem und voll Freude;

nicht heute nur, das ganze Jahr

bewahr er dich vorm Leide.

 

Und wenn es dunkle Tage gibt,

ganz rauh und ohne Pflege,

sein Wort darf deine Leuchte sein

und zeigt dir neue Wege.

 

Nimm jeden Tag aus seiner Hand,

ER schenk dir Sonnenschein.

Ich bringe dir ein Fläschchen mit

dem schönsten Roggenwein.


 

65

 

Zum Geburtstag II

 

Ein jeder Tag ist Sein Geschenk,

gefüllt mit Seiner Liebe.

Nimm sie nur wahr, und ich wünsch dir,

dass es so immer bliebe.

 

Ein jeder Tag des alten Jahr´s

stand unter Seiner  Gnade.

Du nahmest an, was Er dir gab,

verdankst Ihm alle Habe.

 

Ein jeder Tag, der vor dir liegt,

verkündet Seine Treue.

Er lässt uns nie alleine sein,

begleitet stets aufs neue.

 

Und dieser Tag beschließt das Jahr,

schließt auf, was Er will geben.

Ich wünsch dir, dass du glücklich bleibst

in deinem ganzen Leben.


 

66

 

Eine Einladung zum Mittagessen bei Freunden

 

Stell diesen Strauß an einen warmen Ort,

bald wird es Frühling um dich werden.

Der Winter dauert doch nicht länger fort,

auch, wenn es immer kälter wird auf Erden.

 

Die Blüten bringen nun den Lenz zu dir,

die Kätzchen wollen dich umschmeicheln.

Nimm doch das Leben nicht so furchtbar schwer,

und lass die Nase von dem Blütenduft dir streicheln.

 

Wir danken dir für´s Essen im voraus.

Den Hunger wollen wir mitbringen.

Nur schade, dass ich schrecklich heiser bin,

sonst würd´ ich dir sogar ein Liedchen singen.


 

67

 

Manchmal ist das Leben so

 

Manchmal ist das Leben so:

und du stehst im Dunkeln.

Warum muss das große Glück

nur den andern funkeln?

 

Manchmal ist das Leben so:

und du stehst im Regen;

machtlos und ein kleiner Mensch,

vermagst nichts dagegen.

 

Manchmal ist das Leben so:

da gießt es in Kübeln,

und du kannst dem, der da gießt,

nicht mal was verübeln.

 

Manchmal ist das Leben so:

alles geht daneben;

und du stehst belämmert da.

Ja, so ist das eben.

 

Manchmal ist dass Leben so:

dann ist nichts zu machen,

 

und du kannst nur eines tun:

weinen oder lachen.


 

 

Ich bin unaufmerksam

 

68

 

Sitzungen

 

Ich

sitze

in einer

Sitzung,

wie es üblich ist,

zusammenzusitzen

und höre den Jahresbericht

des Herrn Geschäftsführers.

Nicht, dass er langweilig ist,

das müssen solche Berichte nicht sein,

aber er füllt nicht aus,

und meine

Gedanken

wandern.

 

Ich möchte

Gedichte schreiben,

aber in mir ist es leer.

Unruhig sitze ich,

unbefriedigt,

während Zahlenkolonnen und Tätigkeiten

wie D-Züge

in denen ich nicht mitfahre,

an meinem Ohr vorbeirauschen.

 

Meine Gedanken

sind auf einer Wiese

und dort schlagen sie Purzelbäume,

aber sie ruhen nicht aus,

formen nichts

zu dem einen Gedanken,

der Gestalt werden möchte.


 

69

 

Ich bin unaufmerksam

 

Mitten in einer Diskussion,

in einem Vortrag,

machen sich meine Gedanken

selbständig,

fliegen davon

wie ein Schwarm Vögel,

setzen sich auf die Zweige

des Baumes

draußen vor dem Fenster

und zwitschern ihr Lied -

und diese Zeilen entstehen.


 

70

 

Vorträge

 

Bei den vielen klugen Gedanken

des Herrn Referenten,

die stundenlang

auf mich niederprasseln,

sind meine eigenen Ideen

und Gedankensplitter

wie Blumen,

die unter der Lava

eines ausgebrochenen Vulkans

begraben wurden.

Was er sagt, ist so richtig, massiv, zündend,

dass nichts übrig bleibt.

 

Aber meine Blumen

blühten und dufteten.

 

Wie schön, dass es noch Springbrunnen gibt

und die Stunden des Schweigens.

 

Jetzt, Tage später,

merke ich,

wie meine Blumen mit anderen

durch die Lava hindurchbrechen,

von ihr ernährt

und noch schöner blühend

als zuvor.

 

Manchmal brauchen wir mehr Zeit

als einen Augenblick,

um etwas wachsen und blühen

zu sehen.


 

71

gedichte

 

was sind schon gedichte?

einige worte, zeilen,

die aus einem vollen herzen

sprudeln,

manchmal

als rinnsal

sich ihren weg suchen.

 

aber das herz

wird leichter.

 

es muss nicht

an dem erlebten

oder erdachten,

an der realität

oder dem traum

ersticken.


 

72

 

Gaststättenbesuch

 

Wortfetzen schwimmen in einem Meer

aus Gemurmel und Wimmern der Musikbox,

auf den Tischen Kerzen

die ihren zitternden Schein

gegen das gedämpfte Licht

der Deckenlampen durchsetzen wollen.

... zwei Pils bitte ...

... da habe ich doch neulich ...

... lautes Lachen ...

... Kellerbar ...

... gib doch mal die Salzstangen ...

Duft von Pommes und Brathähnchen

zieht in Schwaden durch den Raum,

das allgemeine Gemurmel legt sich

wie ein Nebel über die Tische -

und wieder Wortfetzen:

... haben Sie Eisschokolade ...

... eine Runde für den Tisch ...,

die Musikbox quält sich

mit einer unidentifizierbaren Melodie,

am Tisch gegenüber ein älteres Paar,

er mit Glatze,

sie mit graumeliertem Haar,

Gemütlichkeit und Stimmung steigen

mit dem Geräuschpegel

unter holzgetäfelter Decke,

mit Fischernetzen dekoriert,

Zigarettenrauch mischt sich mit Bierdunst

und den Gerüchen aus der offenen Küchentür,

da, endlich kommt

mein Glas Rotwein,

fast ein wenig

deplaciert.

 


73

 

Sonntagmorgen

 

´s ist sieben Uhr. Die Kirchenglocke läutet

den Sonntag ein, ihr Ton schwingt her zu mir;

die meisten Menschen liegen in den Betten,

die Männer müde von des Samstags Bier.

 

Der Himmel rötet sich, ich steh am Fenster,

erblicke ringsum grünes Blätterkleid.

Ich sehe die zwei Buchen und die Fichten,

der Rasen ist noch voller Schläfrigkeit.

 

Der große Tulpenbaum an meinem Fenster

lässt etwas ahnen von der Blütenpracht.

Kaninchenkinder spiel´n bei ihrem Früh­stück.

Ein Eichelhäher hat ganz laut gelacht.

 

Dies ist die Ruhe an dem Tagesanfang,

ein paar Minuten nur, sie geben Kraft.

Hat Gott den Menschen denn  allein zur Hek­tik

gemacht, dass er fortwährend hastend schafft?

 

Ich sinne nach - dies ist die rechte Stunde,

da in Gedanken ich den Tag gebaut

und hör hinaus: bald wird das Dorf sich re­gen,

und in dem Hause werden

erste Schritte laut.


 

74

 

Abendlied

 

Der Abend legt sich über unsre Erde,

wie eine Decke, warm und weich und gut.

Jetzt heilen Sorgen, Kummer und Beschwer­den,

und Hoffnungslosen gibt er wieder Mut.

 

Die Nacht, sie will versöhnen, die zerstritten;

doch bricht oft auf, was sonst noch nie ge­sagt.

Und manche Menschen bleiben in der Mitte

des Streites stehen, der sie beide plagt.

 

Ein andrer steckt jetzt seine matten Glieder

lang aus und hofft auf den ersehnten Schlaf.

Und find´t im Traum das Paradies erst wieder,

Weil ihn das Leben nur mit Schlägen traf.

 

Der Mond, die Sterne ziehen ihre Bahnen,

und über dir hält einer seine Hand.

Du hast jetzt Zeit, um diesen Trost zu ahnen,

und hoffst, bald kommt das Männchen mit dem Sand.

 

Vielleicht schenkt diese Nacht dir doch noch Ruhe,

zu dir zu kommen und bei dir zu sein.

Dann steigst du froh am Morgen in die Schu­he

und du entdeckst, die Sorgen sind jetzt klein.

 


 

75

 

Melancholie

 

Die Wehmut zieht wie stiller Veilchenduft

durch alle Räume meiner Seele.

Ein Hauch von Traurigkeit durchtränkt die Luft,

es  scheint, als ob die Sonne fehle.

 

Die Wolken meiner Seele hängen schwer,

die Nebelbänke werden breiter.

Ich weiß nicht mehr wohin und nicht woher,

noch dass das Leben jemals heiter.

 

Und jede Kleinigkeit türmt zum Problem

sich auf, worüber ich einst lachte.

Jede Bewegung wird mir unbequem,

ich träume mehr, als dass ich wachte.

 

Nur zögernd bricht durch Wolkenbänke Licht,

und zögernd weichen Nebelschwaden.

Für immer bleibt die Trauer bei uns nicht:

bald kommt die Zeit, die Freude einzuladen.

 


 

76

 

Gelb

 

Ich denke an die Sonne,

die das Eis schmilzt.

Leben entsteigt der Erstarrung.

Zarte Blätter des Frühlings

spiegeln dies wieder.

 

Und dann entfaltet sich

die gelbe Rose

wie Gold,

aus dem die Ringe und Kronen

geschmiedet werden

und das Diadem der Braut,

 

gelbe Blätter der Rose,

auf denen ich dir

meine Gedichte

schreiben möchte.

 

Gelb leuchtet das Getreidefeld

in seiner Reife,

bevor es geschnitten

zu Brot wird.

Willst du ohne Brot leben?

Für dich opfern sich die Halme.

 

Gelb sind die Blätter des Herbstes.

Wenn meine gelbe Rose

schon verblüht ist,

färben sie sich an den Bäumen

bevor sie fallen.

 

Gelbe Blätter,

die im Frühling voller Hoffnung

und Leben

und Zukunft waren.

Jetzt fallen sie,

lassen sie sich fallen

in den

Tod.

 

Wenn ich nicht mehr bin,

pflanze eine gelbe Rose

auf mein Grab,

Zeichen des Lebens und des Vergehens,

Zeichen der Sehnsucht und ...


 

77

 

Blau

 

Blau ist die Farbe der Blumen:

die des Veilchens,

das, fast schon violett,

bescheiden den Reigen anführt,

den sie durch das Jahr tanzen.

Blau sehe ich,

vom lichten bis zum violetten Schimmer,

bei euch, Stiefmütterchen,

meinen Frühlingsfreunden;

blau im Sommer im Kornfeld,

ein Stück des Himmels,

verteilt über ein ganzes Feld,

lauter Kornblumen;

blau im Garten,

du mein stolzer Bruder Rittersporn,

du Eisenhut im Schatten,

leuchtend und dunkel zugleich,

Schwester Lupine,

bis du, Herbstfreundin, erscheinst,

Aster im edlen Kleid.

 

Blau ist die Farbe des Himmels:

sein Blau spannt sich

vom zarten Pastell

mit Wolkenfiligran durchwebt,

über das dunkle Leuchten,

wenn die Wolke

vor der Sonne steht,

bis hin zum Schwarzblau

drohenden Gewitters,

schwefelgelb unterlegt.

 

Kein Tag gleicht dem andern,

kein Blau einer Stunde

dem einer weiteren;

immer ist Wechsel und Leben.

 

Blau ist die Farbe der Hoffnung:

weil es im Himmel

und in den Blumen

so vieles gemeinsam hat;

die Schönheit, das Licht,

den Duft und Verspieltheit

der Blumen,

die Insekten noch Nahrung geben

und uns Freude

und das, was mehr ist,

als Menschen geben können

und was nur der Himmel schenkt,

die Hoffnung.

 

Aber da,

wo blau zum Zustand wird,

verändert sich Hoffnung

in ihr Gegenteil,

wird zur Trostlosigkeit der Trost,

Leben zu dumpfer Erstarrung,

sind Versprechen des Himmels ertränkt

und die Blumen verdorrt,

wie von einem Gifthauch.

 

Darum lass das Blau

zur Hoffnung werden,

damit du leben kannst.


 

78

 

Rot-blau

 

Ich öffne meine Gedanken:

und sehe vor mir

rot-blau kariert

ein Schottenmuster.

Mc Cornick fällt mir ein

und sein Dudelsack,

weite Hochebenen

mit ihren Schafherden,

kurze Sommer und wilde Spiele,

Whisky und Schottenröcke

über behaarten Männerbeinen.

 

Ich sehe Herbstnebel aufsteigen,

feuchte Kälte,

einen Hafen im Dunst.

 

Ich sehe,

wie Gudrun die Wäsche spült

im salzigen Meer,

die ersten iro-schottischen Mönche,

Felsen, von Wellen umtost,

Schneestürme

und dahinter ein altes Kastell.

 

Ich sehe den Alten

mit seinem Lächeln,

wie ein lebender Stein,

ein Kind am Frühlingsbach,

eine Mutter vor ihrer einsamen Hütte,

die es ruft.

 

Ich ahne dich,

sehe dich,

verwunschenes Land.


 

79

 

Verdener Impressionen

 

Das Kopfsteinpflaster glänzt noch, regennass,

der Dom ragt über Häuser, kahle Bäume.

Ich schlendre mitten durch die Stadt,

durch eine Straße voller Kinderträume.

 

Ein alter Brunnen, mitten auf dem Weg,

die Häuser spiegeln die Geschichte wieder;

zwei Bronzefüllen grüßen mich von nah.

Und eine Frau singt für ihr Baby Lieder.

 

Der Fluss wälzt sich behäbig durch die Wie­sen,

am Ufer hat ein Lastkahn festgemacht;

drei Weiden stehen einsam zwischen Zäunen,

ein schwarzer Vogel hält auf ihnen Wacht.

 

Die Blicke gleiten über kleine Katen,

geduckt am Ufer, heimelig und still;

der Dom, wie eine Henne mit den Küken.

Hier ist es, wo ich gerne weilen will.

 

 


 

 

 

 

 

  

Träumen bei Musik

 

 

80

 

Beim Hören einer Sonate von Prokofieff

 

Sind es die Weiten,

die fast unendlichen Weiten

der Steppen,

das Klappern von Hufen

das Schreien und Rufen, das lodern der Flam­men

am abendlich Feuer, das alles zusammen,

was den Reiz ausmacht,

festgehalten

in Noten, wie von einem Zauberer,

von dir, Sergej,

längst vergangener Meister?

Mir kamen die Tränen

und ein tiefes Sehnen

nach diesen Weiten

brannte in mir.

Denn du gabst

deine Melancholie

und die wilde Freude zugleich

in mein Herz.

 

Für Franziska und Thomas, Kassel, Februar 1988


 

 

 

81

 

Träumen bei Musik

 

Kannst du bei Musik träumen,

bei Tönen,

die über dein Ohr

dein Herz erreichen und dich durchdringen?

Träume, mein Freund, träume.

Nur Träume können

uns heute noch helfen.

Vielleicht durchdringen sie unsere Welt

und die Herzen der Menschen

und deren Verstand

oder Unverstand.

 

Kannst du bei Musik träumen, mein Freund?

Träumen von einer Welt,

in der Menschen wie Töne leben,

in der Harmonie und Disharmonie

aufeinander bezogen sind,

nicht nebeneinander,

sondern im Zusammenspiel?

 

Kannst du bei Musik träumen, mein Freund,

von einer Welt,

in der sich Politiker

einem gemeinsamen Spiel stellen,

nicht gegeneinander, sondern miteinander,

bis hin zum Ziel, zum Schlussakkord,

bei dem sie gemeinsam

ankommen?

 

Kannst du davon träumen, mein Freund,

selbst ein Ton zu sein,

in dem Konzert,

in der Musik des Lebens,

nicht eingezwängt zwischen Notensystemen,

sondern eingebunden in das Leben,

in dem Spiel,

dessen Verlauf du mitbestimmst

mit deinem Beitrag,

sei es Harmonie oder Disharmonie?

 

Aber spiele mit, entziehe dich nicht.

Beim Spiel des Lebens

kannst du nicht zusehen, ohne unterzugehen.

 

Kannst du bei Musik träumen?

Träume nur, mein Freund, 

träume spielend mit

und lebe.

 

 

82

 

Wettbewerb für Cello

 

Vor der Jury und den vielen Zuhörern

sitzt ein Mädchen,

blond, hochgeschlossen,

ein gerötetes Gesicht,

so, als ob sie jeden Moment

in Tränen ausbrechen wollte.

Aber sie spielt,

sie spielt

sicher, gefüllt und schön.

Und dabei werden ihre Augen

immer schwerer.

Wollen die Tränen gleich kommen?

 

Neben ihr

ein junger Mann am Flügel,

nein, ein Junge, einige Jahre älter:

dunkles Haar, Brille,

der Mund leicht zusammengepresst.

Routiniert spielt er

und doch keine Routine.

 

Beide zusammen zaubern Musik,

mit ihren Instrumenten

aufeinander eingehend.

Zwei echte Künstler.

 

So muss Musik an den Fürstenhöfen

geklungen haben.

Nur, dass die Fürsten

nicht so atemlos still waren

wie wir.

 

Katja, Bundeswettbewerb Pfingsten 1988

 


 

83

 

Bei einem Konzert für Flöte

 

Perlend schwingen sich die Töne empor,

einer nach dem anderen,

wie Diamanten und Seifenblasen zugleich.

 

Ich schließe die Augen,

kann nur noch hören,

immer nur hören.

 

Langsam löst sich mein Selbst,

meine Seele

und schwebt hoch und höher,

den perlenden Tönen nach -

bis sie sie erreicht.

Sie schwingt, tanzt mit ihnen,

vereinigt,

schwerelos,

über die Welt,

wie meine Gedanken,

über Flüsse und Wälder,

Berge und Sterne,

immer höher

und scheint sich

in die Ewigkeit

zu verlieren.

 

Die Flöte entlässt

ihren letzten

der vielen

Edelsteine.

 

Applaus brandet auf.

 

Langsam sinke ich wieder zu Boden,

brauche noch etwas Zeit,

um wieder ganz

da zu sein.

 

Konzert von Frans Brüggen, Lengerich, Frühjahr 1988

 

 

84

 

Alt Nürnberg, Pfingsten 1988

 

Eine alte, ehrwürdige Stadt,

gefüllt mit Leben

und Musik junger Künstler.

 

Ihre historischen Straßen und Plätze

atmen Geschichte

und lächeln dabei,

voller Freude

über das Treiben in ihren Mauern.

 

Nichts ist steif, verstaubt.

 

Ich danke dir,

Stadt des Lächelns.


 


 

 

 

Der Fichtenzweig

 

 

85

 

Erntedank

 

Du hältst es für selbstverständlich,

mein Freund,

dass im Herbst

dir Früchte

reifen:

Getreide und Obst,

der Wein und Gemüse,

all das, von dem wir leben?

 

Halte nichts für selbstverständlich.

Nicht alles kannst du machen,

trotz großer Mühe.

Nicht alles ist verfügbar,

trotz unaufhörlicher Arbeit.

Zu leicht kann der Mensch

seine Welt zerstören,

kann Unwetter Ernten vernichten.

Brüchig ist die Schale

des Lebens.

 

Wenn es noch

eine Ernte gibt,

danke deinem Schöpfer,

statt zu klagen.

 

Sie ist Gottes Gnade,

sein Geschenk,

was wir mit

anderen teilen

dürfen.


 

86

 

Kruzifixe im Abteimuseum

 

Da hängst du nun,

Mann aus Nazareth,

in siebenundsiebzigfacher Ausführung,

von der romanischen Zeit

bis hin zum

Christus in der Intensivstation.

Die Besucher starren dich an,

der du elektronisch gesichert bist,

ein Kunstwerk,

Kapitalanlage,

möglicher Versicherungsfall,

siebenundsiebzig mal.

 

Aber was du getan hast,

interessiert

kaum einen.


 

87

 

Der Fichtenzweig

 

Ich sah den Fichtenzweig am Straßenrande liegen,

er lag schon Tage dort, beachtet kaum.

Dann bin ich aus dem Auto ausgestiegen

und nahm ihn  mit, wie einen schönen Traum.

 

Ich halte diesen Zweig in meinen Händen.

Er ist ein Zeichen, Gott, von deiner Treu´,

denn deine Liebe will ja niemals enden,

sie macht, dass ich mich immer wieder freu´.

 

Und doch ist uns´re reiche Welt nicht so be­schaffen,

dass sie das Zeichen deiner Treue will.

Wir Menschen denken nur zu gern ans Raffen

und sind, wenn es ums Leben geht, sehr still.

 

Wie lange wird es dauern, bis dies Grün ver­schwunden?

Ohn´ Zeichen deiner Treue wär´ die Welt.

Wir selber haben sie zu Tod geschunden

und das vernichtet, was am Leben hält.

 

So bleibt uns nur noch deine unauslöschlich Gnade,

die mächtiger als uns´re Öde ist.

So hilf mir doch, dass deinen Geist ich habe,

mein Vater, Du mein Bruder Jesus Christ.

 

 

88

 

Weihnachtsbild

 

Ich seh´ ein Bild vor mir mit vielen kleinen Engeln,

die fröhlich singend durch die Lüfte schwe­ben.

Marie und Joseph und die guten Hirten,

die ihnen das, was nötig ist, gegeben.

 

Die Könige, die von so weit gekommen,

die Nachbarn, Tiere, Engel: welche Fülle.

Und immer wieder Engel, singend Engel,

sie loben Gott so selig: welch Idylle.

 

Ich fragte sie, woher sie alle kämen

und was ihr Schicksal war vor jenen Zeiten.

Sie sprachen zu mir: "Wir sind alle jene,

denen die Lebenden den Tod bereiten.

 

Wir sind die Kinder, die ihr abgetrieben,

die, die verhungert in den vielen Staaten,

wir sind die, die in allen Kriegen starben,

im Bombenhagel, unter den Granaten.

 

Wir sind die Giftgasopfer, die erschlagen,

wir sind die, die ermordet, eh´ geboren,

die an den Seuchen starben zu Millionen,

wir sind die Kinder, die im Schnee erfroren."

 

Sie singen jetzt bei der Geburt des Kindes

so selig, voller Glück mit großem Frieden,

als Lohn, Entschädigung für alles Leiden?

Wie sind doch unsre Welten so verschieden.

 

Und immer, wenn ich diese Bilder sehe

mit kleinen Engeln, die im Glück jetzt leben,

denk ich an all ihr Leiden, ihre Qualen.

Wann werden wohl wir Menschen Frieden geben?

 

Mit diesem Kind, das Engel da besingen

kommt Frieden zu uns, in die Menschenher­zen.

Er kam nach Bethlehem, trug unsre Sünden,

Gott litt für alle an dem Kreuz die Schmerzen.

Wir dürfen aufatmen, aus Gnaden leben,

trotz menschlich Schuld in all den vielen Län­dern.

Der Vater öffnet uns die Ewigkeiten

und will uns schon in dieser Welt verändern.


 

89

 

Engel, gibt´s die?

 

Ich frage, was ist hinter all den Dingen,

in Bethlehem, zu jener alten Zeit,

da, wo die Engel vor den Hirten singen,

die Kön´ge reisten zu dem Stern so weit?

 

Ich frage, ist hier wohl nur eine Deutung,

ist dieses Wirklichkeit, Realität,

wo unsre Welt so voller Richtigkeiten

und manches Wunder in ihr untergeht.

 

Ich frage, gäb´ es heute Engel,

wenn heute Nacht ein Kind geboren würd´?

Und kämen zu ihm durch die Engel Leute,

und wer wär´ heute der barmherzig Hirt?

 

Da, wo ein Mensch mir Gutes hat erwiesen,

ist er für mich ein Engel, das ist wahr;

da, wo er tröstet, hilft und Liebe bringet,

auch heute gibt´s sie, das ist wunderbar.

 

Die Engel haben heute keine Flügel.

Es sind die Menschen rings um uns herum,

zu denen ich sag: "Ach, du bist ein Engel!"

Doch mancher merkt´s nicht, ist dazu zu dumm.

 

Vielleicht seh´n wir die Engel nur so wenig,

weil in dem Herz für Gutes kaum noch Platz.

Und dennoch ist die Welt so voller Wunder,

das pfeift vom Dache schließlich jeder Spatz.


 

90

 

Unsere täglich Schuld

 

Wir laden täglich auf uns Schuld.

Müssen wir damit leben?

Du, Herr, siehst uns und willst uns ja,

das, was zerstört, vergeben.

 

So wandern wir den weiten Weg

des Lebens, schwer beladen.

Und plagen uns, tagein, tagaus

und nehmen daran Schaden.

 

 

Du nimmst auf deine Schultern, Herr,

das, was ich nicht kann tragen.

Du machst mich frei und wieder froh,

ich kann aufatmend sagen:

 

Ich danke dir, dass du mir zeigst

den Weg, der jetzt zu gehen.

Dass Zukunft wieder möglich wird,

das willst du uns ja geben.


 

91

 

Wenn wir jetzt auseinander geh´n

(Melodie: Nehmt Abschied Brüder, ungewiss...)

 

Wenn wir jetzt auseinander geh´n,

dann sind wir nicht allein,

denn Du, der Vater willst ja heut

und immer bei uns sein.

Wir ziehen unsre Wege hin

beladen oft mit Schuld,

doch du, Herr, du begleitest uns

und hast mit uns Geduld.

 

Den Glauben, Vater gib du uns,

die Hoffnung und die Lieb´;

so bleibe bei uns, guter Herr,

der uns die Schuld vergibt.

Dein Segen will stets mit uns sein,

er hält und trägt uns gar.

So lasst uns nun getröstet zieh´n

die Wege dieses Jahr.


 

92

 

Der einsame Tag

 

An dem einsamen Tag

hing der Mann am Kreuz,

verlassen von allen,

auch von Gott.

 

An dem einsamen Tag

verhungert ein Kind

in den Armen seiner Mutter,

stirbt seinen eigenen Tod.

 

An dem einsamen Tag

verdurstet eine Familie

in dem Lande, das zur Wüste wurde,

dort, wo alles Wasser starb.

 

An dem einsamen Tage

sterben tausend,

jeder seinen eigenen Tod

in Armut oder Fülle,

in Freiheit oder Gefangenschaft.

 

Niemand ist bei ihnen.

Wirklich niemand?


 

93

 

Der letzte Schlaf

 

Herr, es wird Zeit, ich lege mich zur Ruh.

Das reiche Leben, das du mir gegeben,

vor langer Zeit, neigt sich dem Ende zu.

Es will jetzt fort, zu neuen Ufern schweben.

 

Herr, es wird Zeit, mein Körper wird so matt.

Er ist, wie ein erlöschend Kerzenlicht.

Und fällt im Herbste nicht ein jedes Blatt?

Ohn´ deinen Willen, Vater, fällt es nicht.

 

Herr, es wird Zeit, wo ich gefehlt, vergib.

Wir Menschen sind doch deine eignen Kin­der.

Ich weiß, du hast sie darum so sehr lieb,

vielleicht auch, weil wir alle Sünder.

 

Herr, es wird Zeit, mein Schlaf darf auf dich bau´n,

und wenn ich dann erwache, bist du da.

Ich weiß, mein Vater, ich kann dir vertraun´n,

du nimmst mich in den Arm, sagst zu mir: Ja!


 

94

 

Die Fülle der Jahre

 

Du hast des Lebens Fülle mir gegeben

und mich begleitet einen jeden Tag.

Ich wollte oft, mein Gott, von dir fortstreben,

und dennoch gabst du Antwort, jeden Tag.

 

Ich bin von dir beschenkt und reich gesegnet

mit allem, was mir täglich widerfuhr.

Mach doch, mein Herr, mit mir ein gutes En­de,

bald hört zu schlagen auf des Lebens Uhr.

 

Gib, dass ich freue mich auf jenes Leben,

das vor mir liegt, das alte nimm du hin.

Hier gab es Arbeit, Freude und viel Tränen.

Vielleicht gibst du dem Leben dort erst Sinn.

 

Du wirst mich dann wohl ganz und gar ver­ändern,

ich streife alles ab, was zeitlich ist.

Ich werde neu geschaffen, deinem Bilde

jetzt völlig gleichen, mein Herr Jesus Christ.

 

Ich bin daheim, du wirst mich ja aufnehmen

mein Gott, in mein lieb Vaterhaus.

Dann ist zuende all das Fragen, Sorgen,

der ständig Zweifel und die Angst hört auf.

 

Da herrscht die Würde´, zu der du uns ge­schaffen,

und Friede, Freude und Erfüllung ist.

das, was du Herr Gott hast zu allen Zeiten

uns fest versprochen, weil du Vater bist.


 

95

 

Ich fürcht mich nicht

 

Ich fürcht mich nicht, wenn einmal der Tag naht,

an dem ich Abschied nehm´ nach deinem Rat.

Ich werde dort sein, wo seit Ewigkeit,

das Vaterhaus für euch und mich bereit.

 

Wie wird es sein, wenn wir in seinem Garten

als Kinder fröhlich spielend auf ihn warten,

dass er zu uns kommt, wenn es abends kühl,

er, der sich freut an seiner Kinder Spiel.

 

Die Sehnsucht unsres Herzens wird gestillt,

denn wir sind dort des Vaters Ebenbild.

Er, er ist da,  der uns als Jesus Christ,

als heil´ger Geist so oft erschienen ist.

 

Er schenkt uns das, was wir hier oft entbehrt,

ehrt grade die, die wir haben entehrt.

Er gibt uns seine Würde, Liebe ganz.

Was bleibt uns andres, als der Freude Tanz.

 

Ich will in meinem Leben auf ihn bau´n,

versuchen, seinem Worte ganz zu trau´n,

etwas von seiner Lieb in meinem Leben

rückstrahlend an die anderen weitergeben.

 

 


 

96

 

Das Zeitnetz

 

Zeitgrenzen grenzen uns ein,

zerhacken ein Leben

in Stücke,

die aus Minuten, Stunden, Tagen

bestehen.

Du hetzt hinter Terminen

und Verabredungen her,

ohne sie einzuholen.

 

Die Zeitgrenzen

verknüpfen sich

zu einem Netz,

das über dich geworfen ist.

In ihm bist du gefangen,

und je mehr du strampelst,

desto tiefer verstrickst du dich.

 

Allein findest du nicht mehr zurecht,

wirst ausgesaugt,

wie in dem Netz die Spinne.

 

Nur eine Hand,

die von oben kommt,

kann dein Netz zerreißen,

dich herausholen,

darüber stellen.

 

Jetzt wirst du frei sein.

 

Einmal wird es

ganz fort sein,

dieses Netz,

einmal

wird sich die Zeit

zur Ewigkeit

geöffnet

haben.


 

97

 

Da freut sich einer

 

Da freut sich einer,

dass du da bist,

dass es dich gibt.

Auch, wenn du meinst,

dass du allein bist

und niemanden hättest.

 

Da ist einer,

der glücklich ist,

dass du da bist,

weil Er selbst dir

das Leben gab.

 

Da freut sich einer,

wenn du dich freust

und trauert mit dir,

wenn du traurig bist.

 

Aber der, der das tut,

gibt dir soviel

Glaube, Hoffnung und Liebe,

dass es für heute

und morgen

und immer

reichen wird,

jeden einzelnen Tag neu.

 

Da ist einer,

der sich

unbändig

über dich freut.

Denke immer

daran.

 


 

98

 

Der Tunnel der Stille

 

Du betrittst durch den Tunnel

das Land der Stille.

Zuerst will dich der Alltag einholen,

greift nach dir,

zeigt mit seinen

emsigen Fingern auf dich,

klagt dich an.

Aber dann empfängt dich Dunkelheit,

Schweigen hüllt dich schützend ein,

Weist ab,

was dich zurückziehen will.

 

Enge weitet sich,

atmet Unendlichkeit und Nähe zugleich.

 

Lausche in dich hinein,

lass dich fallen,

denn du wirst getragen.

 

Sanfte Musik klingt an,

nimmt dich auf,

durchdringt dich,

führt dich mit sich,

lässt Dunkelheit leuchten

und zur Fülle des Lichtes werden.

 

Und dann durchflutet dich Wärme.

Du bist alles

und nichts.

Spürst du

die Nähe Gottes?

 

Er ist da:

in dir,

außer dir,

überall,

und du weißt,

du gehörst zu ihm.

 

Da Schweigen wird

zur Fülle der Unendlichkeit

und der Liebe

und der Geborgenheit

und des Friedens.

 

Zeitlose Zeit zerrinnt

und kommt wieder.

 

Nun kannst du

zurückkehren in deine Welt,

das widerspiegelnd,

was du erlebt hast.

 

Schöpfe Kraft

aus der Stille,

mein Freund,

täglich und im Überfluss.

Schöpfe, soviel du brauchst.

Er hat genug

für uns

alle.


 

99

 

Psalm

 

Ich freue mich

und könnte vor Fröhlichkeit tanzen.

Du hast gesehen,

was mir Kummer machte.

Du hast gehört,

als ich vor dir meine Sorgen ausgebreitet      habe.

Du hast gemerkt,

wo Ärger meine Seele vergiftet hat.

Dies ist alles fort,

geschmolzen, wie der Schnee im

Frühling,

     vergangen,

wie die Nacht am Morgen.

Du hast das in deine Hände genommen,

was ich hineingelegt habe.

Ich fühle mich leicht, unbeschreiblich leicht,

denn ich weiß, dass du alles zum guten                   Ende führen wirst.

Darum will ich dir danken

und fröhlich meine Straße ziehen.


 


 

Prosa

 

 

100

 

Der Mangel des Poeten

 

Gedanken beim Betrachten von Spitzwegs armen Poeten.

 

„Der arme Poet“ (1839)

 

„Der arme Poet“ (1839)

 

 

Ein Poet muss arm sein. Da hat Spitzweg recht gehabt.

Nicht, weil es zu wenig Leser gibt, die seine Poesie zu schätzen wüssten und weil es daher zu wenig Verlage gibt, die seine Werke druc­ken und er deswegen kaum Honorar bekäme, nein, das macht seine Armut nicht aus.

Seine Armut besteht darin, dass er einen Man­gel hat, und dieser Mangel beflügelt ihn, das, was er empfindet, zu Papier zu bringen, gleich­gültig, ob es jemals einen Leser geben wird.

Ja, es kann sein, dass er seinen Mangel auf die­se Weise besiegen will - und manchmal mag ihm dies auch gelingen.


 

Das, was ihm fehlt, kann Geld sein oder Selbstvertrauen, kann ein Mensch sein, der ihn wiederliebt, kann Anerkennung, Gesundheit sein, eine Sehnsucht, die ihn ergreift, wenn er beispielsweise Musik hört, oder wenn er einen Sonnenuntergang sieht oder das Meer rauschen hört, oder wenn er einen hohen Berg erklimmt und wünschte, er wäre ein Vogel, geboren mit Schwingen.

Der Mangel kann vielfältigster Art sein.

Wichtig ist nur, dass dieser Mangel sein Herz anrührt, eine Saite in ihm anklingen lässt.

Nicht der, der im Überfluss lebt, ist ein Poet - oder besser, kann ein Poet werden, sondern nur der Darbende, der Verlangende.

Wer satt und zufrieden ist, wer hat, wie sollte der noch Sehnsucht empfinden können und träumen?

Der Poet kann sicher kein Poet mehr sein, wenn er sich an seine Armut gewöhnt hat, satt ist, zufrieden mit all seiner Armut, wenn er sich abgefunden hat oder wenn er resigniert.

 

Nun mag man ja sagen, dass es wunderschöne Liebesgedichte gibt, die gerade deshalb ent­standen sind, weil sie ihn oder er sie gefunden hat und deshalb die Armut fort ist.

Gewiss, das gibt es auch.

Aber ich denke, dass dieses Glück geprägt ist von der Armut, der Sehnsucht, dem Schmerz, dem Verlangen, kurz von dem, das vorher war oder eben von dem, was vorher nicht da war.

 

Die Saite, die jetzt anklingt, konnte nur durch den vorherigen Mangel zum Klingen kommen.

Wenn Lebenserfüllung zum Dauerzustand wird, bleibt entweder das ständige Staunen und Dankbarsein, das eben von dem alten Mangel gespeist wird, oder hier kommt es zur Ge­wohnheit, zum Tod der Poesie.

Daher hat Spitzweg recht, wenn er Poesie mit Armut verbindet.

 

Nun ist aber nicht jeder, der Armut spürt, auch gleich ein Poet.

Armut kann zum Fluchen  führen, zum Ver­dammen des anderen. Und Flüche sind, von Ausnahmen abgesehen, nun einmal keine Poe­sie.

Wichtig scheint mir aber, dass im Herzen des Poeten eine Saite anklingt, so, wie ein Geiger  eine Saite wirklich zum Klingen bringen kann, wenn er mehr ist als ein bloßer "An"-Streicher, oder, dass sozusagen ein Traum beginnt, Wirk­lichkeit wird im Herzen des Poeten und er ihn uns mitteilt.

 

Vielleicht hat Spitzweg deshalb seinen Poeten in einem Bett dargestellt, vielmehr auf einer Matratze, die auf dem Fußboden liegt, obwohl man, wie jeder weiß, auch außerhalb des Bet­tes träumen kann.

Und so wird die Armut, der Mangel, die Sehn­sucht verbunden mit den Träumen zur Quelle aller Poesie.

 

Sehen wir uns das Bild genauer an, so fällt der Regenschirm auf, an der einen Stelle eingeris­sen, ein anderer Teil des Schirmes steckt nicht mehr auf der Sitze der Strebe.

Aber was tut´s?

Wichtig ist nur, dass die Regenfluten, die durch das Dach eindringen könnten, ihm nichts an­haben.

Er liegt und sinniert, sicher wie Großvater Noah in seiner Arche.

Die Wasserflut, Bild höchster Gefahr, kann ihn nicht berühren, weil das, was er erdenkt, er- grübelt, wichtiger ist.

Vor dem Bett liegen einige Folianten, Zeichen seiner Wissbegierde.

Aber nur ein Band ist aufgeschlagen und den­noch unbeachtet.

Was haben andere auch zu sagen, wenn er, ein Poet, spricht.

Sie sind nicht mehr als seine Zulieferanten.

 

Dafür spricht auch, dass sie außerhalb des Schutzes liegen, den der Schirm geben soll.

Das Manuskript des Poeten mit seinen uner­setzlichen Worten ist geschützt, mögen die an­deren Worte der anderen Schreiber ruhig er­saufen.

Auf seine Worte kommt es an, auf seine For­mulierungen. Man sieht förmlich, wie er sie nicht nur in Gedanken, sondern mit den Fin­gern seiner rechten Hand formt.

Ein wahres Meisterwerk ist im Entstehen.

Oder sollte er das, was er erdacht hat, wieder­lesend genießen und dabei neu durchdenken?

Ein jeder Poet hat das Recht, seine alten Ge­danken neu auszudrücken, treffender, wahrer werden zu lassen. Denn nur selten gelingt ein Gedanke so vollendet, dass er für alle Zeiten nicht anders und nicht besser gesagt werden könnte. Es gehört sicher zur Armut eines jeden Poeten, dass er immer wieder um Worte rin­gend, Altes neu sagen muss, vielleicht auch, weil andere, denen er es mitteilen möchte, sei­ne ersten Worte überhören oder nicht begrei­fen, ja, verständlicherweise ihre Wahrheit  nicht verstehen können, weil sie nicht so, wie er, der arme Poet leiden.

 

Oder sollte es so sein, wie Spitzweg selbst schreibt: Er schnippt mit den Fingern einen Floh fort.

Ein Floh ist allerdings ein ordinäres Ungezie­fer, das ihn, unseren Dichter stört.

Er muss sich also noch mit den alltäglichen und schmutzigsten Alltagsangelegenheiten befas­sen, bevor er überhaupt in der Poesie weiter­machen kann.

 

Ein Poet muss die Welt, in der er lebt, als un­vollkommen, kalt und hässlich empfinden.

Sie ist nicht das Paradies, in das Gott den Menschen gesetzt hat.

Das geschlossene Fenster und der Ofen, der kein Feuer enthält, obwohl so manche Seite seines Manuskriptes vor ihm liegt, geben von der Kälte ein Zeichen.

Würde er in einer Welt leben, ohne Kälte, die doch oft genug das Zusammenleben der Men­schen erstarren lässt, wäre er wohl kaum ein Poet, ein träumender Verkünder einer besse­ren, glücklicheren Welt.

 

Auf diese Dürftigkeit der Welt, hervorgerufen durch Menschen, weist Spitzweg ausdrücklich  hin.

 

Da ist die Tapete, die sich gelöst hat und ein­gerissen ist, mit groben Stichen fast lieblos, provisorisch genäht, als lohne es sich nicht, noch mehr Sorgfalt und Kraft einzusetzen in die Reparatur unserer Welt.

Oder sind es Kalenderstriche, die anzeigen, wie viele Tage er schon auf sein Honorar war­tet, wie lange er schon seine Miete schuldet oder was es auch sei?

Gleichwohl - die Dürftigkeit bleibt.

Da sind die Schriftzüge an der Wand, ein Me­netekel vielleicht oder eine Mahnung des Poe­ten, deutlich sichtbar allen Betrachtern und doch unleserlich, undeutlich, wie jenes Mene­tekel, das der, den es anging, nicht verstehen wollte.

Da ist das Handtuch, das auf der Leine hängt. Es hat ein großes Loch, vielleicht reicht es ge­rade zum Abtrocknen, vielleicht wird es aber weiter reißen und die Brüchigkeit des Daseins

Da ist die leer Schale, Sinnbild der Suche nach Erfüllung, die ungefüllte Flasche, der Stiefel und der Stiefelknecht, liegengelassen inmitten des Zimmers, so, als lohne sich eine Ordnung nicht in dieser Welt, die doch durch und durch Elend ist, jedenfalls für den aufmerksamen Be­trachter, der in ihr lebt.

Nur ein Poet kann sich über sie erheben. Seine Worte füllen bereits zwei dicke Bündel Papier, die wohl niemand zur Kenntnis nehmen wird.

Nur ein Poet selbst kann aber, bei allem Man­gel, der die Saite seiner Poesie zum Klingen bringt, jene wunderschönen Träume wahr wer­den lassen, die eben nur ein wahrer Poet uns schenken kann.

Wie wahr Spitzweg mit diesem Bild gesprochen hat.