Der Buchhalter und das Pferd
Erzählung
Christian B. Hell
Christian B. Hell Lengerich 2002
Herbert Philipp machte sich nichts aus Tieren, und schon gar nichts aus Pferden.
Tiere waren als Fleischlieferanten wohl nötig, gut als Schnitzel in der Pfanne zum Beispiel, aber sonst?
Er hielt dafür mehr von Zahlen, denn seinen Beruf als Buchhalter liebte er über alles: einzelne Zahlen, besonders aber die, die in langen Kolonnen marschierten oder sogar einzeln, ungeordnet herum standen. Sie forderten ihn heraus. Sie wollten gebändigt, eingeordnet, aussagekräftig gemacht wer den, damit sie über Bilanzen, Verlust und Gewinne reden konnten, wenn einer nur in der Lage war, ihre Sprache zu verstehen.
Herbert Philipp verstand ihre Sprache, und deshalb waren sie, von Montag bis Freitag, jede Woche sechsunddreißig Stunden lang, seine Gesprächspartner.
So liebte er seinen Beruf mit der stillen Leidenschaft, die einem Mann eigen ist, der in einer heilen Welt lebt, die geordnet abläuft, in der die gespitzten Bleistifte ihren Stammplatz auf dem Schreibtisch haben und in der Ordnung, Logik und Klarheit die bestimmenden Kriterien sind.
Herbert Philipp liebte auch seine Frau. Aber es war eine andere Liebe, die zwar vorhanden, aber doch zur Routine erstarrt war, in der die Tage und Stunden ihre feste Prägung hatten und in der es nichts Außergewöhnliches gab, erst recht keine Leidenschaft.
Aber er hätte auf diese Routine nicht verzichten mögen. Sie war zum Teil seines Wesens geworden und passte so ganz in seine Welt.
Seine Frau und er hatten sich im Laufe der Zeit, und sie waren siebenundzwanzig Jahre verheiratet, immer weniger zu sagen gewusst.
Als die Kinder älter wurden und das Haus verließen, als seine Frau wieder ihren alten Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin aufnahm, spielte sich zwischen ihnen kaum noch etwas anderes ab als täglich gleich
bleibende, liebgewordene Gewohnheiten:
In der Woche morgens das Frühstück, das beide gemeinsam bereiteten: Er holte die Brötchen, die der Zeitungsausträger mit dem Morgenblatt an die Tür gelegt hatte, sie stellte die Kaffeemaschine an, nahm Butter und Marmelade, jahrein, jahraus Erdbeermarmelade, aus dem Kühlschrank, stellte Dosenmilch, Zucker und den leeren Brotkorb dazu. Das Frühstücksgeschirr mit Messern und Teelöffeln hatte sie schon am Abend auf den Küchentisch gestellt. Während sie ihr erstes Brötchen aß, las er die Morgenzeitung und reichte ihr dann die gelesenen Seiten.
Um sieben Uhr fünfzehn verließ er die Wohnung, während sie eine halbe Stunde später fuhr, um in der Zwischenzeit die Küche aufzuräumen.
Sie fuhr, wie er, mit dem Bus in die Stadt.
Am Tage folgte die täglich wiederkehrende Arbeit, das Heimkommen, das abendliche Fernsehprogramm, bei dem sie regelmäßig strickte und er ab und zu einnickte, einige Vereine, in denen sie waren: Ihre Gruppe, die sich mit Ikebana beschäftigte, sein Sportverein, in dem er Bodenturnen machte, ein Kegelverein und die Briefmarkenfreunde, die sich einmal im Monat trafen, wobei Herbert bis auf die laufenden Sendungen der Post nur hin und wie der ein paar Marken von einem Händler erwarb oder mit anderen tauschte.
Der Samstag war Großeinkaufstag, und am Abend regierte das Fernsehen, wenn nicht hin und wieder Freunde zum Abendessen kamen oder sie zu ihnen gingen.
Ein oder zweimal kamen die Kinder, die zwar verheiratet, aber selbst kinderlos geblieben waren, aus dem Nachbarstädtchen oder die Philipps besuchten sie.
Der Sonntag war schließlich dem obligaten „Familienausflug" vorbehalten, und weil es gesünder war, worauf Frau Mechthild großen Wert legte, fuhren sie mit ihren Fahrrädern. Herbert war das nur recht, denn die Wege, die sie wählten, waren meist so eng, dass sie hintereinander fahren mussten, und dann gab es keine Möglichkeit, sich unterhalten zu müssen. Und selbst auf breiteren Wegen sprachen sie kaum miteinander.
Es war eine ganz gewöhnliche, alltägliche Ehe, ohne jeden Streit, und keiner von beiden hätte sich vorstellen können, dass etwas anders werden könnte.
Sonntag, der erste Tag
Am Sonntagnachmittag machte Herbert Philipp einen Ausflug mit seiner Frau, wie fast jeden Sonntag, wenn das Wetter es nur erlaubte. Diese Fahrradtour war die beste Art, den Tag zu überstehen, sozusagen ein Ritual.
Auch die Fahrt dieses Sonntages verlief zunächst so, wie jeden Sonntag.
Am alten Gasthof Handke, den Herbert schon seit seiner Kinderzeit kannte, weil seine Eltern in der Nähe gewohnt hatten, bogen sie ab und fuhren über die Wechter Straße ins Niederdorf, vorbei an Neyers Hof, hinter dem sie die breite Birkenallee zum Gut Vomdag radelten.
Der Himmel war bedeckt, aber hin und wieder schien die Sonne durch Wolkenlöcher.
Und so ein Wolkenloch musste schuld daran sein, dass Herberts Blick auf ein Pferd fiel, das auf der Weide stand. Es war kein besonderes Pferd. Doch der Sonnenschein tauchte es in ein so überirdisches Licht, dass Herbert für einen Augenblick oder für eine Ewigkeit nichts anderes mehr sah, als nur dieses Pferd.
Er sog den Anblick förmlich in sich hinein:
das leuchtende braune Fell, die schwarze, kurz geschnittene Mähne, den langen schwarzen Schwanz und die geschwungene Linie, die Rücken, Hals und Kopf bildeten. Das Pferd stand einfach da, hatte den Kopf gesenkt, vielleicht zum Grasen, stand wie ein Denkmal, aber es füllte sein Dasein so plötzlich aus, dass es für ihn nichts anderes zu geben schien, als das Pferd, eben dieses eine Pferd.
Das alles dauerte nur einen kurzen Moment, prägte sich aber so tief in sein Bewusstsein ein, dass er noch benommen war, als sie weiterfuhren und am Transformatorenhäuschen in den Weg zur Stadt einbogen.
„Gehst du morgen wieder zum Sport?" hatte seine Frau gefragt, die jetzt neben ihm fuhr.
Er hatte die Frage nicht gehört, weil ihn das Pferd so gefangen genommen hatte, und sie hatte nichts von der Verwandlung bemerkt, die in ihm vorgegangen war, oder besser, die gerade begann, ohne dass es ihm bewusst wurde.
„Gehst du morgen Abend wieder zum Sport?" fragte sie noch einmal, etwas lauter und mit einer Mischung von leichter Verärgerung und Verwunderung, dass er ihr nicht antwortete, wo sie doch nebeneinander fuhren.
„Entschuldige, ja, doch, ich gehe zum Sport", antwortete er, wie aus einem tiefen Traum erwachend.
Das Pferd stand noch vor seinen inneren Augen, braun und glänzend, schlank und zugleich zierlich, und je weiter er sich von der Koppel entfernte, desto lebendiger wurde es, nahm Konturen an, ja, er sah, was er vorher nicht wahrgenommen hatte, eine Gestalt, wie sie schöner und kostbarer nicht sein konnte.
Alles andere war durch diesen einen Augenblick nebensächlich geworden, nur noch das Pferd hatte Bedeutung und jede Frage, jede andere Tätigkeit oder Wahrnehmung kam ihm profan vor, als beschmutzte sie etwas unsäglich Reines und Schönes.
Äußerlich war nichts anders geworden. Der Weg nach Hause verlief wie sonst, beide schwiegen, aber er fuhr wie durch einen Traum.
Sie stellten die Fahrräder in den Keller und gingen in die Wohnung, die noch immer nach mittäglichem Schweinebraten und Kaffee roch.
„Möchtest du etwas essen?" fragte sie.
„Danke, nein", antwortete er.
Wie konnte man angesichts eines solchen Pferdes ans Essen denken.
Sie bereitete sich ein Toastbrot, holte ihr Strickzeug und setzte sich ins Wohnzimmer. „Es gibt nach der Tagesschau einen Krimi", sagte sie.
„Ja", antwortete er. Es war das Beste, er sah ihn an wie an den anderen Abenden, dann stellte sie keine Fragen, und er musste nicht antworten, gerade jetzt, wo das Pferd seine Gedanken ausfüllte.
Er musste es wieder sehen, unbedingt. am liebsten jetzt gleich, aber er wusste, dass das unmöglich war, ohne dass seine Frau es bemerkte. Sollte er ihr denn sagen:
„Ich habe ein Pferd gesehen und möchte es heute Abend unbedingt noch einmal anschauen."
Seine Frau würde kein Verständnis dafür haben, was ihn einerseits nicht berührte, andererseits aber auch ein wenig ärgerte.
Sicher könnte er es morgen sehen, nein, morgen musste er zum Sport. Er machte an den Montagen pünktlich Schluss, um nicht zu spät zu kommen. Doch musste er wirklich hin? Vielleicht, nein, sicher war nach der Arbeit doch noch Zeit, um zur Weide zu fahren. Was bedeutete schon Zeit, wenn es nur dies eine gab: das Pferd!
Er könnte eine Stunde früher nach Hause gehen. Irgendeine Ausrede würde ihm schon einfallen.
Seine Gedanken kreisten immer wieder um dieses eine Pferd, das von dem Sonnenstrahl getroffen, zartbraun mit schwarzen Haaren, wie von einem überirdischen Glanz umspült, auf der Weide stand.
„Du bist verrückt", sagte er sich, „total verrückt. Wie kann ein Pferd dich so umkrempeln?"
Aber seine Gedanken ließen ihn nicht los und je mehr er versuchte, nicht daran zu denken, desto lebendiger sah er das Tier vor sich.
Später tranken sie noch eine Flasche Wein, das heißt, er trank das meiste, dann gingen sie zu Bett.
Er hoffte, jetzt nicht mehr das Pferd vor Augen haben zu müssen und wirklich, es wurde weniger wichtig oder anders, er nahm es durch die leichte Benommenheit, die der Wein bei ihm verursacht hatte, nicht mehr so intensiv wahr und konnte fast ein wenig über sich lächeln.
Und mit diesem Lächeln schlief er ein.
Montag, der zweite Tag
Der Tag nach der Begegnung mit dem Pferd begann zunächst wie alle anderen Tage. Die tägliche Routine hatte sich im Laufe der Jahre eingeschliffen.
Diesmal würde er am Abend in seiner Sportgruppe sein.
Die Montagsbuchungen ließen es nicht zu, dass er früher Feierabend machte, um das Pferd zu sehen.
Er registrierte dies halb unwillig, halb erfreut, denn das Tier war den ganzen Tag über im Hintergrund seines Bewusstseins.
Es war nicht so drängend, fordernd da, wie am Abend zuvor, aber allgegenwärtig, so dass er sich dabei ertappte, dass er zwischen dem Zusammenzählen und dem Abziehen, zwischen dem Bändigen der langen Zahlenkolonnen an das Pferd dachte und einmal sogar den Versuch wagte, ein solches Tier zu zeichnen. Es blieb aber ein kläglicher Versuch und hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Esel als mit dem edlen Tier, das in seinen Gedanken wohnte.
Als er mit seinen Arbeitskollegen das Büro verließ, war es so spät geworden, dass er nicht mehr den Umweg über die Koppel machen konnte, ohne sich zum Sport zu verspäten.
Unschlüssig stand er an der Bushaltestelle:
„Soll ich nicht doch dort vorbeifahren?" dachte er.
Aber wie sollte er dort hinkommen? Die Wiese lag weit ab vom Wege. Das Fahrrad stand zu Hause und für ein Taxi reichte das Geld nicht, das er bei sich hatte.
So blieb ihm nichts anderes übrig, als in den Bus zu steigen und mit einer leichten Sehnsucht nach dem Pferd mit seinen Freunden Sport zu treiben.
Ganz war er nicht bei der Sache, aber hin und wie der ertappte er sich dabei, dass er doch nicht immer an das Pferd gedacht hatte.
Hinterher tranken sie an der Ecke in Leo's Laden ein Bier, wie es im Laufe der Jahre zur Gewohnheit geworden war.
Herbert versuchte vorsichtig, das Gespräch auf Pferde zu bringen, aber niemand ging auf ihn ein.
„Irgendwie enttäuschend", dachte er. „Ich hätte
doch zur Weide fahren sollen."
Aber gleichzeitig wusste er, dass dies nicht möglich gewesen wäre.
So fuhr er nach Hause, mit dem Pferd im Herzen und dem Gefühl, es bald sehen zu müssen. Nicht, dass die Sehnsucht ihm so zu schaffen machte, wie am Abend zuvor, aber er fühlte sich unausgefüllt, leer, so, wie er sich in seiner Schülerzeit nach einer Prüfung fühlte, die ihn nicht befriedigt hatte.
Zu Hause erzählte seine Frau von dem Anruf seiner Mutter und von dem, was sie alles am Wochenende unternommen hatte.
„Denk einmal", sagte sie. „Sie hat sogar Peter getroffen, na, du weißt doch, der Peter, der früher in unserer Straße gewohnt hat, als wir noch bei Mutter wohnten. Er ist jetzt Ingenieur für irgendetwas. Was, das wusste Mutter nicht mehr."
Herbert hörte nicht zu.
Seine Gedanken waren bei dem Pferd, und je mehr er daran dachte, desto mehr schob es sich wieder in den Vordergrund seiner Gedanken, sozusagen, als hätte es in ihnen einen Stammplatz, den es jetzt einzunehmen gedachte.
„Hörst du denn gar nicht zu?" wollte seine Frau wissen.
„Doch, doch", sagte er. „Ich war nur mit meinen Gedanken woanders."
„Aha, wieder dein Sport, oder waren es deine Zahlen?"
Seine Frau erwartete keine Antwort und erzählte weiter von dem, was seine Mutter gesagt und getan hatte.
„Ich werde noch etwas trinken", dachte er, „vielleicht kann ich dann wenigstens schlafen, ohne immer an das Pferd denken zu müssen."
So verzichtete er auf das Abendbrot, das er sich sonst nach dem Sport aus dem Kühlschrank zusammenstellte und trank noch eine Flasche Bier.
Seine Frau sagte nur:
„Ich bin müde, und gehe schon ins Bett. Bleib nicht zu lange auf."
So saß er noch eine halbe Stunde allein, überlegte, ob und wie er an die Koppel kommen konnte und war zu müde, um richtige Entschlüsse zu fassen.
Dienstag, der dritte Tag
Am Morgen hatte er unter der Dusche die Idee seines Lebens, wie er es selbst nannte. Er würde heute mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und am Abend einen Umweg machen, um das Pferd wiederzusehen.
Bei Frühstück erklärte er dies seiner Frau, ohne aber den Umweg und das Pferd zu erwähnen.
„Das ist eine gute Idee", lobte sie. „Wenn du so viel trinkst, wie an den letzten beiden Tagen, bekommst du nur einen Bierbauch, und der verträgt sich nicht mit deinem Sport."
Sie verabscheute Männer mit dicken Bäuchen. Sie wusste, dass er das wusste, wollte es aber nicht hervorheben.
So nahm er nach dem Frühstück sein Fahrrad und fuhr zur Arbeit.
Das Pferd hatte an diesem Tag bereits am Morgen von seinen Gedanken Besitz ergriffen. Es stand nicht mehr im Hintergrund, sondern ganz vorn wie an einem Weidezaun und drängte sich immer mehr zwischen die Zahlenkolonnen, so dass Herbert sich auf der Rechenmaschine so oft vertippte, wie es seit seiner Lehrzeit kaum vorgekommen war. Nur damals, als er sich in seine Frau verliebt hatte, war es ähnlich gewesen.
„Sollte ich mich in ein Pferd verliebt haben?", fragte er sich teils belustigt, teils erschreckt.
Er fand keine Antwort, aber in der Mittagspause nahm er sich aus der Kantine einen Apfel und einige Zuckerstücke mit.
„Fast wie die Blumen beim ersten Rendezvous, wo bei ich noch nicht einmal mit dem Pferd verabredet bin."
Den Feierabend konnte er kaum erwarten.
„Hoffentlich hat der Alte nicht noch ein paar Sonderaufgaben."
Ihm kam gar nicht zum Bewusstsein, dass er in ganz ungewohnten Bahnen dachte.
So schnell es nur ging, verließ er seinen Arbeitsplatz, sprang fast die Treppen herunter und stieg auf sein Rad.
Einer seiner Arbeitskollegen rief ihm noch spottend nach:
„Willst du für die Olympiade trainieren?"
Er trat in die Pedalen, wie schon lange nicht mehr, wartete ungeduldig vor jeder roten Ampel und war froh, aus dem Stadtgebiet auf die ländlicheren Straßen zu kommen, wo es weniger Verkehr gab und er sich beweisen konnte, was in ihm steckte.
Endlich sah er die alten Bäume des Hofes Vomdag und wenige Minuten später erreichte er die Weide, auf der er gestern das Pferd gesehen hatte.
Aber die Weide war leer, und die Freude, das Pferd wiederzusehen, eine Freude, die sich bei jedem Tritt in die Pedalen gesteigert hatte, schlug in tiefe Enttäuschung um.
Er stieg vom Rad ab und lehnte es an den Zaun.
„Ich Idiot. Warum bin ich bloß hergefahren?"
Er fühlte den Apfel und den Zucker in seiner Tasche.
„Das war für dich gedacht, mein Freund", sagte er leise, „nur für dich", und schluckte.
„Aber vielleicht kommst du doch noch."
Er wartete eine Stunde, von der sich jede Minute mit immer neuen Hoffnungen und immer neuen Enttäuschungen füllte.
Dann sah er ein, dass längeres Warten sinnlos war und machte sich auf den Heimweg.
Ein kurzes Stück weiter erblickte er auf einer Koppel Pferde, aber sie waren zu weit entfernt, als dass er erkennen konnte, ob „seines", so nannte er es jetzt, dabei war.
Zu Hause wartete seine Frau schon voller Unruhe.
„Wo warst du noch so lange? Ich fürchtete schon, dass dir etwas passiert ist."
„Ich habe noch einen Umweg gemacht", brummte er, „außerdem habe ich nicht genug Training."
„Man merkt es. Du siehst ganz schön kaputt aus."
Sie strickte an ihrem Winterpullover weiter.
Er ließ sich auf den Küchenstuhl sinken.
„Ja, es war nicht so einfach."
Dann machte er sich sein Abendbrot und ging an diesem Abend früh zu Bett, nicht ohne diesmal zwei Flaschen Bier zu trinken.
Die Enttäuschung folgte ihm in den Traum. Er schlief unruhig, konnte sich aber am nächsten Morgen nicht an das erinnern, was er geträumt hatte.
Mittwoch, der vierte Tag
Der vierte Tag begann mit einem Kater.
Der unruhige Schlaf, die vergessenen Träume und das Bier hatten einen Brummschädel hinterlassen, der das Pferd zunächst gleichgültig werden ließ.
Aber schon unter der Dusche, endgültig beim Kaffee, schwand die Benommenheit und machte dem Wunsch Platz, wenigstens heute Abend das Pferd zu sehen.
Herbert ertappte sich dabei, dass er die Sportseiten der Zeitung in der Hoffnung durchsuchte, etwas über Pferde zu finden, wenigstens ein ganz klein wenig.
Aber außer lokalen Sportveranstaltungen, und das waren meist Fußballspiele, war nichts vermerkt.
„Ich nehme heute wieder das Rad", eröffnete er seiner Frau.
„Komm aber nicht wieder so spät zurück."
„Ich habe Gert versprochen, beim Dachausbau zu helfen. Kann sein, dass ich gleich zu ihm fahre. Es kann dann doch wieder spät werden."
Seine Frau zuckte resignierend die Schultern.
Der Vormittag brachte nichts Neues.
Aus der Kantine nahm er sich einen neuen Apfel mit, Zuckerstücke hatte er noch in der Tasche, und am Abend fuhr er wieder denselben Weg durch die Stadt, bis er in der Ferne die Bäume des Hofes Vomdag sah.
„Wenn ich dich jetzt nicht finde, werde ich dich suchen", schwor er sich. „So leicht lasse ich mich nicht abweisen."
Er übersah, dass da niemand gewesen, der ihn ab gewiesen hatte, ja, dass er selbst nach einer Stunde des Wartens nach Hause gefahren war.
Der Wunsch, das Pferd zu sehen, war wie gestern - mit jedem Tritt in die Pedale - größer geworden.
Und dann sah er die Tiere!
Etwa fünfzehn Pferde grasten auf der Weide, auf jener Weide, auf der er erst vor wenigen Tagen „sein" Pferd erblickt hatte, und es kam ihm vor, als sei es gestern oder heute früh gewesen.
„Sein" Pferd konnte er nicht entdecken.
Er hatte es am Sonntag nur wenige Augenblicke gesehen, aber gleichzeitig auch eine Ewigkeit, und er hätte jeden Eid leisten können, dass er es aus hunderttausend herausfinden könnte.
Er musterte die Herde. Die ersten Tiere standen so, dass sie die hinteren verdeckten.
Und dann geschah das Wunder, jedenfalls das, was ihm als Wunder erschien:
Das Knäuel der Pferde löste sich auf und gab den Blick auf „sein" Pferd frei, es konnte gar kein anderes sein, als „sein" Pferd: braunes Fell, kurze, schwarze Mähne und ein langer schwarzer Schweif. Neben dem Pferd graste ein Fohlen, und je mehr sich die Tiere voneinander entfernten, desto deutlicher wurde, dass diese beiden zusammen gehörten: Mutter und Kind.
Und nun geschah das zweite Wunder: Das Fohlen setzte sich in Bewegung, es kam auf den Zaun zu und seine Mutter folgte ihm.
„So ist das also, wenn Wünsche in Erfüllung gehen", dachte Herbert.
Er holte die Zuckerstücken aus seiner Jacke und wickelte sie aus.
„Hier, für euch beide", sagte er.
Die Stute hob den Kopf und sog mit den Nüstern den Geruch des fremden Menschen ein.
„Hier für euch", sagte Herbert noch einmal. „Auf gute Freundschaft."
Er hielt die offene rechte Hand mit einem der Zuckerstücke der Stute entgegen, und es freute ihn, wie sie, zwar zögernd, den Zucker mit ihren Lippen aufnahm und wie es dabei in seiner Handfläche kitzelte. Ein wohliges Gefühl durchrann ihn, als er das feuchte Pferdemaul spürte.
„Jetzt bist du dran", sagte er zu dem Fohlen und hielt ihm ein weiteres Stückchen hin.
Auch hier durchrann ihn ein Schauer, als das Fohlen aus seiner flachen Hand fraß.
Aber seine Mutter war jetzt eifersüchtig - oder sollte es gar nicht seine Mutter sein? - sie drückte das Fohlen beiseite, das sich daraufhin auf den Weg zur Herde machte.
„Jetzt sind wir beide allein", murmelte er.
Das Pferd drängte sich an ihn heran, und er holte den Apfel aus seiner Jackentasche.
„Hier, junge Frau."
Die Stute nahm den Apfel zwischen die Zähne, zermalmte ihn mit ihrem Gebiss und fraß ihn auf.
„Du willst noch mehr haben? Hier ist noch ein Zuckerstückchen, morgen bringe ich dir mehr mit."
Als er dem Pferd den Hals klopfen wollte, zuckte es zurück, als fürchtete es die Berührung.
„Du bist wie eine Göttin", murmelte er, „das scheueste und das schönste Wesen, das ich kenne."
Er hoffte, dass die Stute ihn verstünde.
Das Tier sah ihn mit seinen großen Augen an, und er fühlte tief in seinem Inneren, dass er ihm verfallen war.
Eine Zeit, die ihm viel zu kurz vorkam und doch gleichzeitig wie eine Ewigkeit, stand er da und sah die Stute an.
Dann schien sich das Pferd zu langweilen, schüttelte den Kopf und trabte hinter dem Fohlen zur Herde zurück.
Bewundernd schaute Herbert dem Tier nach. Die schlanke Gestalt mit den geschmeidigen Bewegungen ließ alles andere in ihm versinken. Er trank den Anblick wie ein Verdurstender in sich hinein und konnte sich nicht satt sehen.
Die Herde entfernte sich immer weiter und schließlich verlor er „sein" Pferd aus den Augen.
Wie aus einem Traum erwachte er.
„Ich muss weiter", sagte er sich. „Bis morgen, mein Freund."
Oder sollte er sagen: „Meine Freundin?"
Er fuhr direkt zu Gert, um ihm beim Dachausbau der kleinen Wohnung zu helfen.
Nach einiger Zeit fragte er:
„Sag mal, Gert, was hältst du von Pferden?"
„Von Pferden?"
„Ja, von Pferden"
„Wie meinst du das? Willst du eins kaufen?"
„Nein, ich weiß nicht, ach, ich meine nur so."
Damit verstummte das Gespräch.
Als Herbert nach Hause kam, lag seine Frau schon im Bett.
„Du kommst spät", stellte sie fest.
„Es hat so lange gedauert bei Gert", antwortete er einsilbig. „Ich trinke noch ein Bier."
Und damit ging er in die Küche.
Seine Frau setzte sich im Bademantel zu ihm.
„Hast du überhaupt schon etwas gegessen?" wollte sie wissen.
„Nein, ich hab keinen Hunger. Leg dich schon wie der hin, ich komme auch gleich."
Er wollte allein sein mit seinen Gefühlen, die er mit keinem anderen teilen konnte. Auch seine Frau würde ihn nicht verstehen, dachte er. Ein Pferd, nein, eben dieses Pferd war für ihn zum Wichtigsten von der Welt geworden.
Er trank seine Flasche aus.
„Ich muss ins Bett", sagte er sich mit einem Blick auf die Uhr, „sonst bin ich morgen zu müde - und ich will dich wiedersehen."
Donnerstag, der fünfte Tag
Den fünften Tag verlebte er wie im Traum. Das Pferd hielt ihn gefangen, nicht mehr das Ideal eines Pferdes, so wie es am Sonntag gewesen war, sondern jenes, das er gestern gekrault und das aus seiner Hand gefressen hatte.
Wie sollte er heute arbeiten, die unzähligen zu Kolonnen aufmarschierten Zahlen bändigen können. Wie sollte er Fehler in der Abrechnung anderer finden, wenn er nur immer an das Pferd dachte, wenn er die geschmeidige Gestalt vor sich sah und die großen Augen?
Der ganze Tag erschien ihm wie verlorene Zeit, und er atmete erst auf, als das Arbeitsende nahte und er sich auf sein Rad schwingen konnte, um zur Koppel zu fahren.
Unterwegs hätte er fast einen Unfall verursacht, als er bei Rot eine Kreuzung überquerte, aber er achtete nicht darauf. Der Wunsch, „sein" Pferd wieder zusehen, war übermächtig geworden.
Auf der Weide entdeckte er die Tiere. Sie standen nicht weit vom Zaun entfernt. Er lehnte sein Rad an einen Pfahl.
Er versuchte sich bemerkbar zu machen, und nach einiger Zeit kam die ganze Herde zu ihm.
„Ihr seid ein paar zu viel", lachte er. Und leise fügte er hinzu: „Ich würde gerne mit ihr allein sein."
Diesmal hatte er in der Kantine seine Jackentasche mit Zuckerstücken gefüllt und sie im Büro ausgewickelt. So konnte er jedem der Tiere etwas geben. Zum Schluss drängte sich „seine" Freundin zu ihm. Kleiner und zierlicher als die anderen erschien sie ihm.
„Da bist du ja", sagte er. „Schau, ich hab wieder etwas für dich", und damit holte er eine Möhre aus der Tasche, die er ihr auf seiner flachen Hand anbot.
„Die magst du also auch", stellte er fest und merkte dabei, wie wenig er über die Ernährung der Pferde wusste.
Er kraulte das Tier zwischen den Ohren und die Stute rieb ihr Maul an seiner Schulter.
Die anderen Tiere hatten sich davongemacht als sie merkten, dass sie nichts mehr bekommen würden.
Am Zaun lehnte nur der Mann, die Stute auf der anderen Seite, und für ihn gab es nichts anderes als sie beide.
Das Pferd schien weniger Geduld als Herbert zu haben, denn als es merkte, dass es nichts mehr bekommen würde, wandte es sich den anderen zu.
„Morgen bekommst du mehr, meine Freundin", sagte Herbert, „wenn die anderen uns nicht wieder alles wegfressen."
Ob das Tier ihn noch hörte oder gar verstand, wusste er nicht.
Seine Blicke folgten der Stute, und er wünschte sich nichts sehnlicher, als sie immer um sich zu haben.
Als er nach Hause kam, fand er einen Zettel auf dem Küchentisch.
„Ich besuche Elke, es kann lange dauern."
Elke war eine Freundin seiner Frau, die nach ihrer Scheidung unter depressiven Verstimmungen litt. Herbert wusste, dass solche Trostgespräche immer lange dauerten.
Er strich sich ein paar Scheiben Brot und belegte sie dick mit Schinken.
„Dazu kann nur Bier passen", dachte er.
Als seine Frau nach Hause kam, schlief er schon.
Er hörte nicht mehr, dass sie sich ins Bett legte.
Aber in dieser Nacht träumte er, dass er auf „seiner" Stute über weite Ebenen schwebte, es gab nur ihn und das Pferd, und tiefes Glück erfüllte ihn.
Freitag, der sechste Tag.
Nach diesem Traum, den er auch nach dem Erwachen im Gedächtnis behalten hatte, begann der Tag mit einem bisher unbekannten Glücksgefühl. Er schien auf Wolken zu schweben, wie in seinem Traum. Die reale Gegenwart hatte keinen Bezug mehr zu ihm, und die Stimme seiner Frau vernahm er wie durch einen dicken Nebel.
„Du hast gestern schon geschlafen, da konnte ich dir das Neueste von Elke nicht erzählen. Denk mal, sie hat auf eine Anzeige in der Zeitung geantwortet, eine Kontakatanzeige und einen Mann kennen gelernt - hörst du mir überhaupt zu? Also, sie hat da einen Mann kennen gelernt..."
Der Nebel lichtete sich nicht. Und war es sonst schon ziemlich schwierig, gleichzeitig Radio zu hören, die Zeitung zu lesen, zu frühstücken und dann noch die neuesten Nachrichten von seiner Frau zu erfahren, so war es jetzt bei diesem Nebel unmöglich.
Wenn er die Zeitung sinken ließ, nickte er nur mit dem Kopf und ließ seine Frau reden. Es kam im vor wie das nichtssagende Geplapper des alten Wassermühlenrades, dem sie früher hin und wieder zu gehört hatten.
Er spürte, dass es Unrecht war, seine Frau so zu beurteilen, aber er war nicht in der Lage, anders zu denken.
Das Schweben des Traumes wirkte fort, so, als ob er in einer anderen Dimension lebte und doch an dieser hier noch einen kleinen Anteil hatte.
„Wie gut, dass wir heute nur bis zum Mittag arbeiten", dachte er, aber gleichzeitig fiel ihm erschreckend ein, dass er dann ja nicht zum abendlichen Treff an die Weide kommen würde.
Sollte er Überstunden vorschieben, um sein Pferd zu sehen?
Manchmal traf er sich mit seiner Frau, die am Freitag ebenfalls früher mit der Arbeit fertig war. Sie aßen dann mittags in der Stadt. Was wäre, wenn sie in der Firma anrief und fragte, wie lange er noch zu tun hätte?
Der Nebel lichtete sich nicht, er änderte vielmehr seine Farbe vom Rosarot zum düsteren Grau.
„Essen wir heute wieder in der Stadt?", fragte tönte die Stimme seiner Frau durch den grauen Nebel.
„Ich glaube nicht", hörte er sich sagen, „vielleicht muss ich Überstunden machen. Ich komme nach Hause, wenn ich fertig bin."
„Merkt sie denn nicht, was mit mir los ist?", dachte er.
„Gut, dann stell ich dein Essen in den Bratofen. Mit dem Rad geht es wohl doch nicht so schnell."
War das ironisch gemeint? Merkte sie doch, dass da etwas in ihm vorgegangen war, das ihn verändert hatte?
Der Nebel lichtete sich ein wenig, und wie durch ein Nebelloch verabschiedete er sich, um zur Arbeit zu fahren.
„Eigentlich hätte ich heute auch mit dem Bus fahren können", dachte er. „Oder soll ich nach der Arbeit doch den Umweg machen? - Nein, ich mache das nicht!"
Aber im gleichen Moment wusste er, dass er das Pferd sehen wollte, koste es, was es wolle.
Der Vormittag begann.
Er war nicht sicher, ob die Kollegen oder gar der Chef etwas von seinem Seelenzustand merkten. Ihm selbst fiel auf, dass er unkonzentriert war und sich wieder ständig verrechnete, weil seine Gedanken zwischen der Normalität seines bisherigen Lebens und dem Pferd hin und her eilten.
Der Nebel war verflogen. Was blieb, war die Erinnerung an einen wunderschönen, unglaublichen Traum mit der höchsten Seligkeit, die er jemals erfahren hatte, wie er jetzt meinte.
Und gleichzeitig ahnte er, dass dieser Traum niemals Wirklichkeit werden konnte.
Und je länger dieser Zustand anhielt, desto mehr verfluchte er das Pferd und desto mehr sehnte er sich gleichzeitig zu ihm hin.
Er war in seinen Wünschen und in seinem Wollen gespalten und fand keinen Weg aus diesem Zwiespalt hinaus.
„Ich werde nach Hause fahren", sagte er sich, „nicht an der Koppel vorbei."
Er wusste, dass er den Heimweg mit der Sehnsucht nach dem Pferd machen würde und jeden Moment gewiss sein musste, einen Umweg einzuschlagen, der ihn zur Weide führte.
Er kam sich wie der Alkoholiker vor, von dem er einmal gelesen hatte, der sich überlisten musste, nicht noch ein Glas zu trinken und der nicht sicher war, ob er dies durchhalten würde.
Wie dieser ständig das Glas Bier vor sich sah, sah Herbert das Pferd, wie es braun, mit schwarzer kurzer Mähne geschmeidig auf ihn zutrabte. Er sah seine großen Augen und spürte sein Maul an seiner Schulter.
Er wollte von dem Tier frei und doch gebunden sein.
Und er ahnte, dass es ihn, wenn sich nichts ändern würde, in den Wahnsinn treiben könnte.
Mittags verabschiedete er sich von seinen Arbeitskollegen und wusste noch nicht, wo er hinfahren sollte: zur Weide oder nach Hause.
Aber er schaffte es, entgegen allem Verlangen und seiner Sehnsucht, direkt nach Hause zu kommen.
Er erreichte nur wenig später die Wohnung als seine Frau und aß mit ihr zusammen Mittag.
„Musstest du doch keine Überstunden machen?", fragte sie.
„Wir sind fertig geworden, und den Rest machen wir am Montag mit."
„Sag mal, ging es dir heute morgen nicht gut? Du warst irgendwie anders, so, als wärst du weit weg gewesen."
„Nein, vielleicht habe ich schlecht geschlafen. Aber es ist wieder alles in Ordnung."
Sie hatte also doch etwas gemerkt. Er musste vorsichtig sein. Andererseits, warum sollte er ihr nichts von dem Pferd erzählen?
Er wusste in demselben Augenblick, dass das nicht möglich war. Sie würde ihn nicht verstehen und sich vielleicht über ihn lustig machen oder, was er als noch schlimmer empfand, beleidigt sein und ihn damit erpressen, das Pferd aufzugeben.
Er musste selber mit seinen Gefühlen fertig werden.
Der Freitagnachmittag gehörte dem Haus.
Während sie in der Wohnung putzte, half er draußen beim Fensterreinigen, mähte den Rasen, füllte den Mülleimer, der am Samstag früh abgeholt wurde und beschnitt einige Büsche und verblühte Blumen.
Das Abendessen konnten sie bei dem schönen Wetter auf der Terrasse einnehmen.
„Ich muss noch mal zu Elke gehen", sagte seine Frau, „sei nicht böse. Ich hoffe, es dauert heute nicht so lange."
„Gut, dann nehme ich noch mal mein Rad und fahre ein bisschen an die frische Luft."
Es war für ihn wie ein Geschenk, dass er fahren konnte.
Er nahm ein Stück Brot und einen Apfel mit, steckte ein paar Zuckerstücke ein und fuhr los.
„Seine" Stute graste mit den anderen in der Nähe des Zaunes. Als er sie sah, schnalzte er mit der Zunge, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Als das nichts nützte, pfiff er.
Sie wandte sich zu ihm.
„Komm!", rief er, „komm!"
Sie näherte sich dem Zaun.
„Ich weiß noch nicht einmal, wie du heißt", dachte er. „Aber ich kann dich ja schlecht fragen."
Die Stute schien sich über seinen Besuch zu freuen - oder wenigstens über das, was er mitgebracht hatte.
Er holte das Brot aus seiner Tasche. Die Stute fraß aus seiner offenen Hand. Er gab ihr den Apfel und zum Schluss die Zuckerstücke, und er freute sich, dass er in ihre Augen schauen, ihr Fell und ihr Haar streicheln konnte und ihre Lippen in seiner Hand fühlte.
„Heute Nacht sind wir zusammen ausgeritten", flüsterte er. „Weißt du es, oder träumt ein Pferd nicht?"
Er klopfte den Hals des Tieres und lies dann seine Hand über das seidige Fell gleiten.
„Vielleicht hast du dasselbe geträumt, dann haben wir doch wenigstens etwas Gemeinsames."
Er ahnte, dass es Unsinn war, was er da sagte - oder nicht? Was wusste er schon von Pferden?
„Ich muss jetzt wieder fahren, meine Freundin, lebe wohl, bis später", und er tätschelte der Stute den Hals.
Sie schien zu ahnen, dass er jetzt gehen wollte und wandte sich wieder den anderen Pferden zu.
„Wie großartig sie aussieht", dachte er bewundernd. Und ein wenig traurig fügte er hinzu: „Wenn ich dich doch nur immer um mich hätte und für dich sorgen könnte."
Seine Frau war noch nicht zu Hause.
Er beschloss zu warten, stellte den Fernseher an, holte sich eine Flasche Bier und war nach kurzer Zeit bei laufendem Programm eingeschlafen.
„Wie lieb von ihm, dass er auf mich gewartet hat", dachte seine Frau, als sie kam.
Dann weckte sie ihn, und sie gingen gemeinsam zu Bett.
Samstag, der siebente Tag.
Samstag war der Tag, an dem sie länger als an an deren Tagen schliefen, oft auch länger als an den Sonntagen.
Samstag war aber auch der Großeinkaufstag. Natürlich wurde nicht mehr so viel gebraucht wie damals, als die Kinder noch im Hause waren, aber der Einkaufstag war geblieben.
Während des Frühstücks, das heißt nach der ausführlichen Zeitungslektüre, wurde der Einkaufszettel besprochen, weitere Einkäufe geplant und das gemeinsame Programm der Woche, oder wenigstens des oder der nächsten Wochenenden festgelegt.
„Ich würde mich gern nach einer neuen Stehlampe für das Wohnzimmer umsehen", sagte sie, „am besten fahren wir dann in das City-Parkhaus. Wir könnten dann auch im Supermarkt nebenan unsere Lebensmittel holen."
„Ich möchte mich in einer Buchhandlung umsehen", erwiderte Herbert. „Ich würde gern ein paar Bücher über Pferde lesen, das heißt, vielleicht kann ich auch einige ausleihen."
„Über Pferde?" fragte seine Frau. „Ist das ganz neu? Willst du etwa reiten lernen?"
„Nein, nein, nicht reiten lernen, nur um etwas mehr über Pferde zu wissen. In Büro reden die Kollegen jetzt so viel vom Reiten, dass ich gar nicht mehr mithalten kann."
„Gut", dachte er, „dass mir die Ausrede eingefallen ist. Wie hätte ich die Wahrheit sagen können?"
„Na schön", antwortete seine Frau. „Ich werde dann noch in die kleine Wollstube hinter der Stadtkirche gehen, um Wolle für einen Winterpullover zu kaufen."
„Noch ein Pullover?"
„Weißt Du, man kann nie genug Pullover haben."
„Ja, und dann liegen sie ungebraucht in den Schub laden", aber das sagte er nicht laut.
„Wo essen wir heute Mittag?" wollte er wissen.
„In der Stadt. Ich würde gern die neue Vegetarische ausprobieren, da kann man nach dem Kantinenessen der Woche endlich etwas Gesundes bekommen."
„Einverstanden."
Nach dem gemeinsamen Abwasch holte er den Wagen aus der Garage, der dort fast die ganze Woche ungenutzt stand, und sie fuhren in die City.
Die Lebensmittel waren bald gekauft und im Auto verstaut. Im Kaufhaus sahen sie sich einige Lampen an. Dann trennten sich ihre Wege.
Sie ging zur Wollstube, er in die große Buchhandlung nahe der Stadtkirche.
„Ich hätte gern etwas über Pferde", bat er die Verkäuferin.
„Gern. Kommen Sie doch bitte mit. Wollen Sie etwas übers Reiten, übers Pferdezüchten, über Krankheiten oder über Dressur?"
Er war ratlos.
So kompliziert hatte er sich den Einkauf nicht vor gestellt. Er wollte einfach ein Pferdebuch haben.
„Gibt es nicht etwas Einfaches", fragte er, „sozusagen Pferde für Anfänger? Wissen Sie, in meiner Firma reden alle über Pferde, und ich möchte da mitreden."
Seine Ausrede kam ihm schon viel leichter von den Lippen.
Die Verkäuferin nickte und legte ihm eine Reihe von Büchern vor.
„Umgang mit Kleinpferden", las er. „Wie dressiere ich mein Pferd richtig", „Das Hauspferd, seine Züchtung und Pflege", „Die gute Erziehung der Pferde" und wie die Titel alle hießen.
Er blätterte in verschiedenen Büchern.
Schließlich entschied er sich für einen Pferdekalender und eine Anleitung zum Reiten, die zunächst genug über Pferde enthielt, so dass er danach gezielter weiter lesen konnte, wenn es sich als notwendig erwies.
Er hatte sich mit seiner Frau vor der Buchhandlung verabredet, musste aber noch eine ganze Weile warten, weil der Wolleinkauf offensichtlich noch komplizierter war, als der Kauf von Pferdebüchern.
Während er vor dem Laden wartete, blätterte er in seinen erworbenen Werken.
Dabei fiel sein Blick auf den Ausspruch eines französischen Pferdeliebhabers und Stallmeisters aus dem 17. Jahrhundert:
„Lasst uns darauf achten, dass wir die Pferde nicht verdrießen und missmutig machen, dass wir ihnen nicht das Herz brechen und ihre Anmut ersticken, denn sie gleichen dem Duft der Blüten und Früchte: einmal verflogen, kehrt er nie wieder zurück."
„Ja", dachte Herbert. „Der Mann hat recht: Ihnen nicht das Herz brechen und ihre Anmut nicht ersticken. Sie gleichen dem Duft der Blüten, so leicht und kostbar sind sie und so liebenswert."
Er war noch in Gedanken versunken, als seine Frau ihn ansprach:
„Hast Du alles gefunden?"
„Ja, ich habe mir zwei Sachen gekauft."
„Dann können wir zum Essen gehen. Schau mal, ich habe genau die richtige Wolle für Winterpullover gefunden" und damit zeigte sie auf die große, prall gefüllte Tüte in ihrer Linken. „Einfach toll, diese Wolle. Aber jetzt habe ich mächtigen Hunger. Übrigens, weißt du, wenn ich getroffen habe? Nun rate mal."
Wie sollte er raten, wen seine Frau irgendwo getroffen hatte?
„u rätst es nie: Die Frau Deines Chefs. Weißt Du, die auf der Weihnachtsfeier, na a, du weißt schon. Aber sie hat mich nicht erkannt."
„Wie gut", dachte Herbert, „sonst stünde ich noch heute Abend hier und müsste zuhören."
Beim Mittagessen war er mit seinen Gedanken bei „seinem" Pferd und den Pferdebüchern und seine Frau mit der Zunge bei ihrer Wolle.
Dann fuhren sie nach Hause. Nach einer Tasse Kaffee zog er sich mit seinen beiden Büchern in die Wohnzimmerecke zurück.
Noch vor dem Abendbrot hatte er sie durchgelesen, und ihr Inhalt schwirrte wie ein Bienenschwarm in seinem Kopf.
Der Himmel hatte sich im Laufe des Nachmittags bedeckt, gegen Abend zog ein Gewitter auf und dann schienen sich die Wolken zu öffnen, um ihren Inhalt auf die Erde herabzuschütten.
An einen Besuch bei dem Pferd war nicht zu denken, jedenfalls nicht mit dem Fahrrad und eine Ausrede, das Auto zu benutzen, fand Herbert nicht. Außerdem, würde die Stute bei diesem Wetter kaum auf der Weide sein, und wenn ja, würde sie nicht mit den anderen Pferden im Schutze der Bäume stehen, die am anderen Ende der Koppel waren?
Es war zum...
Gerade jetzt hätte er gern seine Gedanken geordnet, das Gelesene mit der Wirklichkeit verglichen, gesehen, welche Pferde der Herde welche Stirnzeichnung trugen, wer wie viel Beine gefesselt oder gestiefelt hatte. Er erinnerte sich, dass „seine" Stute keine Abzeichen am Fuß zeigte, dafür aber einen Stern auf der Stirn.
Er hätte jetzt auch den Mut gehabt, mit dem Besitzer der Tiere zu reden, jetzt, wo er etwas mehr über Pferde wusste.
Aber der Regen machte alle aufkommenden Pläne zunichte. Ob sie morgen wieder die Fahrradtour machen konnten, musste man dem Wetter überlassen.
Und während er sonst über schlechtes Wetter nicht böse war, verfluchte er es jetzt, weil es ihn von dem Liebsten, was er zu haben glaubte, abhielt.
Schlechtgelaunt verbrachte er den Abend vor dem Fernseher. Und während seine Frau wieder ihre Winterpullover strickte, tröstet er sich mit einer Flasche Wein.
Sonntag, der achte Tag.
Vor einer Woche hatte das Glück, oder war es nicht allmählich fast zum Unglück geworden, begonnen.
Am Vormittag hörte es auf zu regnen und nach dem Mittag, als die übliche Fahrradtour an der Reihe war, schien bereits ab und zu die Sonne
Sie nahmen denselben Weg, den sie vor einer Woche gefahren waren, denn die anderen Wege, das wussten sie aus Erfahrung, waren zu feucht.
Während der ganzen Zeit überlegte er, wie er mit „seinem" Pferd sprechen konnte. Er hatte tausend Ideen, die er aber wieder verwarf. Er müsste ...
Als sie an der Weide vorbeikamen, stand die Herde in der Nähe des Zaunes.
„Schau mal", rief seine Frau, „die vielen Pferde. Und da, ein Schimmel, ist er nicht herrlich?"
Die Schimmelstute schien es ihr angetan zu haben.
„Sie hat keinen Blick für das edelste Pferd", dachte er.
Sie stiegen von den Fahrrädern und lehnten sie an eine Birke. Herberts Frau trat zum Zaun. Die Pferde näherten sich, allen voran der Schimmel.
„Kann man so ein Pferd streicheln?", wollte sie wissen. „Du hast doch die Pferdebücher gelesen."
Er hatte „sein" Pferd gestreichelt, ohne vorher ein Buch zu lesen.
„Ja, es wird Dir nichts tun."
Er suchte „seine" Freundin und ging zu ihr.
In der Tasche hatte er ein paar Stückchen Zucker, die er vor der Fahrt eingesteckt hatte.
Er reichte sie „seiner" Stute auf der offenen Hand und kraulte sie dann zwischen den Ohren.
„Ich habe heute nicht viel Zeit, meine Freundin", flüsterte er ihr zu. „Aber wir sehen uns so schnell wie möglich wieder."
Seine Frau hatte etwas Gras gerupft und hielt es dem Schimmel hin. Die anderen Tiere drängten sich zu ihr.
„Puh, sind die verfressen!" rief sie. „Und da hat einer mal einer von den edlen Tieren gesprochen!"
„Sie versteht nichts von Pferden", dachte er. „Ihre Seele ist ihr fremd."
Wie eine Wand schob sich diese Erkenntnis zwischen ihn und seine Frau.
„Sie versteht die Seele der Pferde nicht."
Aber da forderte sie schon: „Komm, wir fahren weiter!"
Ihm war es nur recht, denn wie konnte er mit den edelsten Wesen der Schöpfung und vor allem mit der Edelsten von allen zusammen sein, wenn da einer war, dem diese Tiere gefräßig vorkamen.
Er kam sich wie ein Verräter an den Pferden vor, weil er seiner Frau nicht widersprochen, und weil er seine Freunde nicht verteidigt hatte, ja, er fühlte, dass sie seine Freunde waren, oder jedenfalls, dass er ihr Freund war oder doch gern gewesen wäre.
Aber gleichzeitig kam ihm dies Unnatürliche zu Bewusstsein, dass er sich mit seinen Gefühlen gegen seine Frau stellte und die Pferde ihr eindeutig vorzog.
„Was bin ich nur für ein Mensch", dachte er. „Wie kann ich nur so denken?" Und dabei wusste er, dass er nicht anders konnte, weil seine Gedanken von dem einen Pferd gefangengenommen waren.
Er wünschte sich, frei zu sein und wollte gleich zeitig gebunden bleiben.
Sie sahen sich nach dem Abendessen ein Fernsehspiel an, aber seine Gedanken waren nur bei „seinem" Pferd, und der Wunsch, ihm nahe zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass dies unmöglich war, erstickte ihn fast.
Der Abend ging irgendwie vorüber. Er wusste schon am nächsten Tag nicht mehr, was er getan, gesagt und gesehen hatte, nur dass er sich sehr unglücklich gefühlt hatte, blieb in seinem Gedächtnis.
Der Umstand, dass er erkannte, wie wenig frei er war, macht ihm mehr zu schaffen, als er zugeben wollte.
Und noch schlimmer empfand er den Zwiespalt, in dem er lebte.
Montag, der neunte Tag.
Wenn es jemals einen Montagskater in Herberts Leben gegeben haben sollte, dann war er an diesem Tag da.
Schon beim Erwachen stand die Stute vor seinen Augen, ein zierliches, geschmeidiges Wesen von so unglaublicher Schönheit, dass alles andere grau erschien.
Ihn drängte es zur Koppel zu fahren, um dort den Tag zu verbringen oder ihn wenigstens dort zu beginnen.
Und gleichzeitig hielt ihn ein Rest von Vernunft zurück.
Aber der Kampf zwischen Herz und Vernunft, zwischen Sehnsucht und Verstand brauchte alle Kräfte, so dass selbst seiner Frau auffiel, dass irgendetwas in ihrem Mann geschehen war und einem Höhepunkt zutreiben musste.
Und weil sie nicht wusste, ja, nicht einmal ahnte, worum es ging und er sich immer mehr verschloss, war sie so rat- und machtlos, wie Menschen vor einem drohendem Unheil sind, dem sie nicht entrinnen können, obwohl sie es herannahen sehen.
„Sag mal, ist dir nicht gut? Soll ich Dr. Groß anrufen?", fragte sie besorgt, als sie ihn durch die Wohnung schleichen sah.
„Nein, es geht schon. Mir war nur ein wenig schwindlig. Die frische Luft wird mir gut tun."
Und so fuhr er zur Arbeit, ein Mann, hin- und her gerissen und nicht mehr Herr seiner selbst, ein Gefangener seiner Phantasie.
Denn in den lichten Momenten erkannte er wohl, dass die Sehnsucht ihn zerstören würde, aber er hatte nicht die Kraft, sie zu besiegen.
An diesem Tage fiel es auch den Arbeitskollegen auf, dass Herbert nicht ganz bei der Sache war, ja, dass ihn irgend etwas bedrückte.
„Streit hat jeder einmal", dachten sie. „Vielleicht hängt bei ihm der Haussegen schief."
Gegen Mittag betrat der Chef die Buchhaltung, etwas, das montags nur äußerst selten geschah.
„Wer hat denn die Sache mit der Bremer Import gemacht?" fragte er.
Die Kollegen sahen sich an. Die „Bremer Import" war ein wichtiges Geschäft und wurde von Herbert bearbeitet.
„Bremer Import? Ich habe das bearbeitet. Ist etwas nicht in Ordnung?"
Er stand auf.
„Ein Fehler nach dem anderen. Herr Philipp, ich muss mich doch sehr wundern."
Herbert wurde blass. Einen Fehler, der ihm die Rüge des Chefs einbrachte, hatte er in seinem Leben noch nie gemacht. Zahlen waren immer das gewesen, was er bändigte und beherrschte, bevor er dem Pferd begegnet war.
Wieder stand das Pferd so leibhaftig vor ihm, dass es ihm in allen Widerwärtigkeiten des Alltags Kraft zu geben schien und Abstand zu den Dingen der bisher realen Welt.
Herbert hatte das Gefühl, als ob ihn dies alles nichts anginge, obwohl seine Knie weich waren.
Er nahm alle Kraft zusammen und murmelte:
„Verzeihung, Herr Meyer. Ich rechne sofort noch einmal nach." Er hielt sich an der Tischkante fest.
„Ist Ihnen nicht gut, Philipp?", fragte der Chef.
„Doch, doch, es geht schon. Mir ist nur ein wenig schwindlig."
„Wenn Sie etwas Ernsthaftes haben, sollten Sie lieber zum Arzt gehen."
„Danke, es geht schon." Als ob ein Arzt hier helfen konnte.
Der Tag verging.
Am Abend war Sport.
Diesmal war es keine Frage, dass er zuerst zum Pferd musste.
Und während seine Gedanken den ganzen Tag bei „seiner" Stute weilten, forderten die Sinne, sie auch zu sehen, zu berühren, zu riechen.
Mochten die Freunde beim Sport auf ihn warten, mochten sie ihn vermissen, dies hier war wichtiger, ja, so lebensnotwendig, wie nur irgendetwas.
Die Fahrt durch die Stadt brachte er wie im Traum hinter sich.
Er konnte sich nachher nicht mehr erinnern, wie er zur Koppel gekommen war.
Aber als er am Zaun vom Fahrrad stieg, im eigenen Schweiß gebadet, graste „seine" Stute mit den anderen Tieren weit fort, an der anderen Seite der Weide.
Er konnte sie nur aus der Ferne sehen.
„Ich muss einen Feldstecher mitnehmen", dachte er. „Wie kann ich verlangen, dass sie immer zu mir kommt."
Er vergaß seine Freunde.
Die Zeit verrann, aber für ihn gab es nur die Pferde, vielmehr „sein" Pferd, das den Sinn seines Lebens zu bestimmen schien, das ihn fesselte, selbst aus der Ferne.
Erst nach zwei Stunden konnte er sich losreißen.
Unbefriedigt fuhr er zurück, mit dem Schicksal hadernd, dass es ihm keinen besseren Anblick gegönnt hatte und noch immer gespalten zwischen dem Wollen, frei zu werden und dem Unvermögen, dieses Tier aus seinen Gedanken zu bannen.
„Wie war´s bei Sport?", fragte seine Frau. „Geht es Dir wieder besser?"
„Doch, doch es geht", antwortete Herbert. „Die Fahrt mit dem Fahrrad hat mir gut getan."
Gleichzeitig aber verfluchte er seine eigene Abhängigkeit und die Unfähigkeit, sie zu beenden.
„Ich würde gern noch etwas trinken", sagte er.
Er hatte das Gefühl, dass nur noch Alkohol seinen Zwiespalt dämpfen konnte.
„Hier ist noch ein Bier. Trotzdem, du solltest nicht so viel trinken."
Herbert sah die Stute vor sich, spürte ihre Nüstern an seiner Schulter, und als er das Glas ergriff, machte er die Bewegung, mit der er das Tier zwischen den Ohren gekrault hatte.
Dienstag, der zehnte Tag.
Der zehnte Tag nach der Begegnung mit seinem Pferd begann mit einem schlechten Gewissen gegenüber seiner Frau und den Sportkameraden.
„Ich hätte sie nicht anlügen sollen", sagte er sich. „Wie soll es nur weitergehen?"
Gleichzeitig spürte er aber, dass die Sehnsucht, das Pferd zu sehen, wie es auf der Weide graste, wie es herumsprang und vor allem, wie es sich ihm schlank und grazil näherte, übermächtig wurde.
Er fühlte sich unfrei und zerrissen, er wollte zur Arbeit und gleichzeitig zur Koppel, er wusste, dass es falsch war, ständig an das Pferd zu denken und wünschte sich doch keinen seiner Gedanken woanders hin, er war glücklich und unglücklich zugleich, und in diesem Durcheinander seiner Gefühle, in seiner ganzen Inkonsequenz, mit der das Herz gegen den Ver-stand kämpfte und der Verstand gegen das Herz stritt, saß er beim Frühstückstisch seiner Frau gegenüber.
„Möchtest du noch etwas Marmelade?", fragte sie.
Und als er nach einiger Zeit immer noch schwieg, obwohl er auf denselben Fleck der Zeitung starrte, so als sähe er durch sie hindurch, in irgendeine unbekannte Gegend, fragte sie erneut:
„Du, hör mal. Ich hab schon mal gefragt, ob du noch etwas Marmelade willst?"
Sollte er antworten? Es kam ihm alles so lächerlich vor neben seinen Problemen, als ob die Erdbeermarmelade, die tagtäglich auf dem Frühstückstisch stand, von irgendwelcher Bedeutung wäre.
„Nein, danke", sagte er. „Ich war nur mit den Gedanken bei", er zögerte einen Augenblick, weil er nicht wusste, was er antworten sollte. „Ich war nur in Gedanken bei meiner Arbeit."
„Du bist in letzter Zeit häufiger mit deinen Gedanken unterwegs."
Klang das verärgert, besorgt oder schnippisch?
Ihm konnte es gleichgültig sein. Für ihn existierte nur „sein" Pferd, das mit seinem Glanz die ganze Welt erfüllte, oder war es doch nur ein Schein, eine Illusion?
Nein, das Pferd war Realität, aber die Arbeit war es auch und sein Haus und seine Frau, die gerade sagte:
„Ich glaube, du musst los, sonst kommst du zu spät. Oder willst du mit dem Bus fahren?"
Spielte es eine Rolle, ob er zu spät kam?
Spielte überhaupt noch etwas eine Rolle?
In dieser Grundstimmung fuhr er zur Arbeit.
Wie ein Automat buchte er seine Zahlenkolonnen herunter, wie ein Automat antwortete er, wenn ihn jemand fragte.
Diesmal hatte er seinen Feldstecher eingesteckt.
Wolken waren aufgezogen, es begann zu regnen. Die Pferde standen heute seitwärts auf der Weide, unter den Bäumen. Er konnte „seine" Stute sehen.
Sie stand so, dass er sie von der Seite sah, ein zierliches braunes Wesen, das da im Regen stand, still, duldend, unbeweglich.
In ihm erwachte Mitleid: „Ich muss ihr helfen", dachte er. „Wie kann man solch ein Tier nur so ungeschützt dem Wetter überlassen?"
Da stand sie nun, ließ alles über sich ergehen und er konnte nicht helfen, nicht eingreifen und sie nicht beschützen.
Die Hände waren ihm gebunden, obwohl er „sein" Pferd leiden sah, wie er meinte.
„Wenn ich doch nur etwas für dich tun könnte", murmelte er vor sich hin. „Dieser Rohling, der keinen Unterstand baut."
Aber zugleich war er froh, sie überhaupt sehen zu können. Denn wäre sie im Stall gewesen, unerreichbar für ihn, wie sollte er sich an ihrem Anblick erfreuen und gleichzeitig leiden?
Ihm fröstelte.
Leichter Nieselregen hüllte die Landschaft ein. Er war durchnässt. Aber das Wetter entsprach seiner Stimmung. Alles war grau und unfreundlich, wie das Leben, das ihn ein solches Wesen gezeigt hatte und es ihm doch verweigerte.
Seine Frau erwartete ihn zu Hause.
„Du bist ja ganz nass. Warum hast Du denn keinen Regenumhang mitgenommen oder bist mit dem Bus gekommen? Das Fahrrad hättest du doch bestimmt in der Firma unterstellen können!"
Was kümmerte ihn, dass er nass war, dass er eine Erkältung bekommen würde oder vielleicht sogar eine Lungenentzündung?
Wenn einer überlegt, ob sich das Leben überhaupt noch lohnt und sich in diese Gedanken hineinsteigert, ist eine Erkältung nebensächlich.
Er zog seine nasse Kleidung aus, während seine Frau ihm einen Glühwein machte.
Mittwoch, der elfte Tag.
Es war doch zu keiner Erkältung gekommen.
Aber die drückende Stimmung war geblieben. Die Frage, ob sich das Leben überhaupt noch lohne, lauerte im Hintergrund seiner Gedanken. Gab es eine Lösung? Wollte er überhaupt eine?
Vielleicht war es doch möglich, das Pferd zu kaufen, vielleicht konnte er alle seine Ersparnisse zusammenkratzen und das Tier seiner Frau schenken, damit er es immer um sich hatte.
Aber er verwarf diesen Gedanken wieder.
Seine Frau würde das Geschenk ablehnen oder ihn drängen, es wieder zu verkaufen.
„Ich kann nicht reiten und will nicht reiten", würde sie sagen. „Einen Kanarienvogel kannst du mir ja notfalls noch schenken, aber doch kein Pferd, wo wir unser Haus noch nicht abbezahlt haben."
Der Gedanke, das Pferd vielleicht doch kaufen zu können, stieg aus dem Untergrund herauf und ließ ihn den Tag über nicht in Ruhe.
„Wie viel würde ein Pferd kosten?", fragte er sich. „Eine Weide könnte ich pachten, einen Stall müsste man bauen oder es in Pension geben, und dann könnte ich es jeden Tag sehen, und es wäre wirklich „mein" Pferd, und der Traum von damals wird Wirklichkeit werden."
Zunächst müsste er erst einmal mit dem Besitzer sprechen, dachte er, dann könnte man weitersehen.
An diesem Tag verließ er seine Firma mehr als eine Stunde früher.
„Ich muss zum Arzt gehen", erklärte er. „Mir ist nicht gut."
Dabei barst er fast vor Tatendrang bei all den Plänen, die er hatte und die ihn den Tag über beschäftigten.
Die Zahlenkolonnen, seine alte Liebe, waren noch weiter in den Hintergrund getreten.
Als er auf dem Hof Vomdag angekommen war, klingelte er am Haupthaus, aber niemanden öffnete.
Vor dem Kuhstall stand ein Traktor mit einem niedrigen Anhänger. Die Stalltür war geöffnet, die Boxen der Kühe leer. Sie waren auf der Weide, das sah Herbert wohl, aber er wusste nicht, ob und wo er jemanden suchen konnte.
Schon wollte er wieder aufbrechen, als eine Frau, vielleicht die Bäuerin, mit einigen Milchkannen aus dem Stall kam.
„Guten Abend", grüßte Herbert. „Ich suche den Besitzer der Pferde, die dort hinten", er zeigte in die Richtung der Koppel, „auf der Weide sind."
„O, da sind Sie bei uns falsch", antwortete die Bäuerin. „Wir züchten keine Pferde."
„Ja, und wem gehören die dann?"
„Fahren Sie zu den Richters, die wohnen am „Lärchenweg, etwa einen Kilometer von hier."
„Und wie komme ich da hin?"
„Fahren Sie rechts vom Hof immer die Sandstraße entlang, das ist der Weg, der von Birken gesäumt ist", erklärte die Bäuerin. „Der Lärchenweg mündet rechts hinein und dann sind es noch zweihundert Meter. Aber Sie werden heute keinen dort treffen", sagte sie. „Die Richters haben für heute ihre Milch abbestellt, aber morgen sind sie wieder da."
Herbert dankte und ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken.
Er war fast umsonst gekommen, aber immerhin wusste er jetzt, wem die Pferde gehörten und dass er morgen den Besitzer sprechen konnte.
Er fuhr zur Weide, um „sein" Pferd zu sehen. Vielleicht würde es bald sein eigenes sein, denn der Wunsch, es ganz und gar zu besitzen, war an diesem Tage immer mächtiger geworden und wischte alle Bedenken beiseite.
Es war wie am vorherigen Tage: „Sein" Pferd graste weit weg. Er meinte es zwar durch seinen Feldstecher zu sehen, aber es stand so ungünstig, dass er nicht sicher war, welches der vielen Beine zu ihm gehörte
„Dann also heute nicht, werte Dame", dachte er enttäuscht.
„Wenn ich morgen mit dem Besitzer spreche, bin ich schon ein ganzes Stück weiter."
An diesem Abend kam er vor seiner Frau nach Hause.
„Da bist Du ja schon", begrüßte sie ihn. „Wie kommt’s?"
„Heute war nicht so viel los, und da konnte ich eher gehen. Außerdem kann ich vor dem Kegelabend noch richtig Abendbrot essen."
Er gab seiner Frau einen Kuss. Seine Laune hatte sich gebessert. Ob er bei dem Pferdehändler einen guten Preis erzielen würde? Aber gleichzeitig fiel im ein, dass er ja kaum Geld hatte. Und würde seine Frau sich über ein Pferd freuen? Er wagte nicht, sie zu fragen.
Am Abend ging er zum monatlichen Kegeln, bei dem sich einige Freunde und Nachbarn trafen.
Seine Stimmung schwankte. Er freute sich, dass er morgen über den Kauf „seines" Pferdes verhandeln konnte, und er wollte es auch recht vorsichtig tun, damit man ihn nicht übervorteilte, aber gleichzeitig fürchtete er sich davor, überhaupt einen Preis genannt zu bekommen, weil ihm jede Summe zu hoch sein würde.
Vielleicht konnte er eines der Sparbücher auflösen, ohne dass seine Frau es bemerkte?
Alle diese Gedanken beschäftigten ihn beim Kegeln, und so warf er die Kugeln unkonzentriert, erhielt einige Pumpen und war in der ersten Runde mit Abstand der schlechteste Kegler.
„Sagt mal", fragte er zu Beginn der zweiten Runde, „weiß einer von euch, wie viel ein Reitpferd kostet?"
„Willst du dir eins zulegen?", fragten die Kegel- brüder.
„Vielleicht."
„Dann musst du aber beim Reiten besser aufpassen als jetzt, sonst fällst du noch vom Pferd."
Alle lachten.
Herbert verzog keine Miene.
„Na, ich denke, dass du vielleicht fünftausend ausgeben kannst, dann Reitkleidung, Sattel und Zaumzeug für vielleicht zwei bis dreitausend, Stallmiete, Weide, Versicherung kommt noch dazu. Dafür kannst du dir sicher ein neues Auto leisten."
„Aber vielleicht will er statt mit Rad jetzt mit dem Pferd zur Arbeit reiten?"
Wieder lachten alle.
„Auch sie können mich nicht verstehen", dachte Herbert.
Er sehnte sich nach „seinem" Pferd und würde jetzt viel lieber an der Weide stehen und den Tieren zu schauen, vor allem der Stute, als mit den Kegelbrüdern in der dicken Luft der Kegelbahn zu kegeln, mit Leuten, die nichts von seiner Sehnsucht und Liebe ahnten.
In der nächsten Runde warf Herbert einmal „acht ums Vordereck" und am Ende des Abends sogar „alle Neune", aber ihm war das gleichgültig.
Seine Gedanken waren bei dem Pferd und der Frage, ob er es kaufen könnte.
Donnerstag, der zwölfte Tag.
Gestern war es spät geworden. Seine Frau war schon im Bett gewesen, als er kam. So brauchte er nichts zu erzählen, obwohl es an Stoff nicht mangelte: alles das, was er auf dem Kegelabend gehört hatte, interessierte sie.
Beim Frühstück musste er sich nichts ausdenken wie an den Tagen, an denen er nur mit dem Pferd beschäftigt war.
„Wie viel mag „mein" Pferd kosten?", fragte er sich den ganzen Tag. „Seine" Stute stand so deutlich vor ihm und sah ihn an, dass er immer wieder in Gedanken zu ihr sagte: „Bald werden unsere Träume wahr sein, dann werde ich für dich sorgen, und wir werden täglich ausreiten."
Dabei klammerte er die Frage nach der Bezahlung unbewusst aus, so, als ob sie nicht existierte, oder als ob sich mit Leichtigkeit ein Weg finden würde.
An diesem Nachmittag ließ er sich von seinem Chef eine Stunde eher nach Hause schicken. Er müsse noch einmal zum Arzt, gab er an. Sein Kreislauf sei nicht ganz in Ordnung.
„Hoffentlich ist es nichts Ernsthaftes, Philipp", sagte sein Chef.
„Ich glaube nicht, Herr Meyer", antwortete er. „Im Krankenhaus wäre es mir auch viel zu langweilig."
Der Weg zum Hof, den der Pferdezüchter bewirtschaftete, kam ihm unendlich lang vor. Er sah ständig „sein" Pferd vor sich und achtete kaum auf den Verkehr.
Endlich erreichte er den birkengesäumten Sandweg.
„Hoffentlich ist heute jemand da", dachte er.
Er bog in den Lärchenweg, und dann war er vor dem Hof Richter.
Es war ein Bauernhof, wie die anderen Höfe der Umgebung. Das große Fachwerkhaus war von den Stallungen umsäumt.
Auf dem Hof parkten zwei Personenwagen. In einem Unterstand stand ein Mähdrescher, so jedenfalls schien es Herbert, der wenig von Landwirtschaft verstand.
Er stellte sein Rad ab und sah sich um. Bald darauf kam aus einem der Nebengebäude ein Mann in Jeans und Gummistiefeln.
„Wollen Sie zu mir?", fragte er.
„Ich suche den Besitzer", sagte Herbert.
„Bin ich selbst, Richter."
„Philipp, Herbert Philipp. Sie haben Pferde auf der Weide."
„Nun ja, ich bin Pferdezüchter", lachte der Mann. „Gute Pferde sind das. Sind ihr Geld wert."
„Er fängt schon wie ein Pferdehändler an", dachte Herbert. „Ich muss mich in acht nehmen."
„Ich habe Ihre Tiere auf der Weide gesehen. Viel leicht würde ich eins kaufen."
„Kommen Sie. Sie haben sich vielleicht schon eins ausgesucht?"
Herbert war nicht sicher, ob seine Worte einer klugen Verkaufsstrategie entsprachen. Er fühlte sich diesem vitalen Mann unterlegen.
Sie gingen zwischen den Gebäuden zur Weide.
„Wir haben Glück. Heute sind die Pferde am Hof. Sonst sind sie meist auf der Koppel nahe der großen Straße."
Die Pferde waren an der Tränke.
Herbert konnte „sein" Pferd sehen, es stand neben der großen Schimmelstute, viel zierlicher und eleganter als alle anderen.
Ein warmes Gefühl durchströmte ihn.
Der Züchter nahm vom Gatter eine Peitsche. Jetzt schwang er sie und knallte.
Herbert zuckte zusammen, und die Pferde stoben auseinander.
Der Pferdezüchter lachte.
„So, jetzt können Sie sie sehen. Wenn sie sich um die Tränke drängeln, kann man ja doch nichts erkennen. Welches Tier interessiert Sie denn?"
„Das kommt auf den Preis an", sagte Herbert vorsichtig.
„Ich sehe schon, sie wollen nicht jedes um jeden Preis kaufen."
Jetzt lachten beide Männer.
„Die Schimmelstute, Anja, na, die gebe ich wohl für siebentausend weg. Ist 'ne gute Zuchtstute. Dann da drüben, die Bianca, der Rappe, hat schon einige Preise gewonnen, können Sie für neuntausend haben. Oder wollen Sie lieber einen Hengst oder einen Wallach?"
„Ich weiß noch nicht so recht", sagte Herbert zögernd. „Ich wollte erst mal grundsätzlich wissen, was ich für ein Pferd ausgeben muss, mit allen Nebenkosten und so."
„Sie können aber auch ein jüngeres nehmen. Da drüben, die Sarah, sehen Sie, die da mit dem braunen Fell und der kurzen Mähne, kostet nur fünftausend. Ist zwar etwas weniger kräftig gebaut, kann sich aber noch gut entwickeln."
„Sarah heißt du also", dachte er. „Jetzt kann ich dich wenigstens mit deinem Namen anreden."
Sie sahen den Tieren zu.
„Ob er seine Pferde liebt?", fragte sich Herbert. „Oder sind sie ihm nur soviel wert, wie sie Geld bringen? Jedenfalls ist Sarah, „meine" Sarah, das schönste Pferd."
„Dazu kommt natürlich noch der Tierarzt und die Versicherung. Reitkleidung, Zaumzeug und Sattel, können sie bei mir bekommen. Weiter müssen Sie mit Weide, Stall, und Futter rechnen. Aber Sie können das Tier ja auch bei mir in Pension geben. Machen auch andere."
Herbert überlegte: „Fünftausend, dazu noch die anderen Ausgaben. Zusammen etwa zehntausend im ersten Jahr und vielleicht etwa dreitausend in jedem weiteren."
„Sie können es sich ja überlegen. Papiere bekommen Sie natürlich für jedes der Tiere."
„Ja, danke", sagte Herbert. „Übrigens, das preiswertere, die Sarah, die würde mir schon gefallen, vom Preis her jedenfalls."
„Was geht es ihn an, dass ich nur dieses Pferd haben will", dachte er, „und dass ich es haben möchte, wenn es auch hunderttausend kostet."
Aber wie er es bezahlen sollte, auch wenn es eines der preiswertesten war, wusste er nicht.
„Die Sarah", sagte der Züchter, „ein schönes Pferd. Zierlich, elegant. Hat aber erst ein Fohlen."
„Ich überleg´s mir noch", sagte Herbert.
Der Züchter nickte.
„Pferde sind wohl ein gutes Geschäft?"
„Man kann davon leben, wenn man über den Berg ist und einen guten Namen hat. Wir haben schließlich auch viele Pferde in Pension. Nächstes Jahr werden wir eine Reithalle bauen. Unterricht geben wir schon jetzt. In der nächsten Woche wollen wir einen Laden eröffnen."
Sie gingen zurück.
Auf dem Hof verabschiedeten sich die beiden Männer.
"Zehntausend", dachte Herbert, "zehntau- send!"
Aber Sarah war so tief in seinem Herzen verwurzelt, sie hatte seine Gedanken schon so lange geteilt, ja, beherrscht, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass sein Leben ohne sie weitergehen konnte.
Teils nachdenklich, teils glücklich-unglücklich fuhr er zurück. Der Besitzer schien für die Tiere kein Herz zu haben. Sie bedeuteten ihm nichts weiter als ein Geschäft, er jedoch würde mit seinem Herzen bei seinem Pferd sein und sein Pferd würde es dann spüren.
Freitag, der dreizehnte Tag.
Den ganzen Vormittag überlegte Herbert, wie er das Geld für „seine" Sarah aufbringen konnte.
„Ich muss mir die Sparbücher ansehen", dachte er. „Vielleicht wirft die Briefmarkensammlung auch etwas ab, aber sicher keine zehntausend."
Er grübelte weiter: „Oder soll ich einen Kredit beim Chef aufnehmen?"
Doch was würde seine Frau sagen? Würde sie Sarah akzeptieren? Und wenn nicht, was dann?
Seine Ehe wollte er nicht gefährden, auch wenn es Sarah war, die seine Gedanken seit fast zwei Wochen ununterbrochen bestimmte. Oder sollte er es darauf ankommen lassen? War ihm dies herrliche Wesen inzwischen nicht doch so wichtig geworden, dass es sich lohnte, dafür alle Brücken abzubrechen?
Einen Moment dachte er an eine Unterschlagung, die er als Buchhalter gut hätte machen können. Aber in demselben Augenblick kam er sich schäbig vor: „So weit ist es mit Dir schon gekommen, dass Du daran denkst. Das ist ja fast wie ein Mord."
Die Gedanken wirbelten den ganzen Vormittag durcheinander: „Kaufen oder nicht? - Woher das Geld nehmen? - Mit Mechthild klar kommen. - Einen Kredit aufnehmen. - Briefmarkensammlung schätzen lassen. - Nicht in der Firma Geld unter schlagen."
Und in dies wilde Stakkato seiner Gedanken mischte sich ein neuer Ton: „Was ist, wenn das Pferd, wenn „meine" Sarah, von einem anderen inzwischen gekauft wird? Kann ich überhaupt noch warten?"
Seine Kollegen hatten sich daran gewöhnt, dass Herbert in letzter Zeit nicht ganz bei der Sache war. „Ein Formtief", spöttelte einer, „wie beim Fußball. Der Starspieler wird sich schon wieder erholen."
Herbert war froh, als mittags Feierabend war.
Er machte den Umweg über die Koppel. Sollte seine Frau doch denken, was sie wollte. Er würde schon eine Ausrede finden, wenn er so verspätet nach Hause kommen würde.
Als er sein Rad an dem Zaun der Weide abstellte, kamen die Pferde langsam auf ihn zu. Sarah war nicht dabei.
„Sarah, wo ist Sarah?" fragte er sich beunruhigt.
„Ist sie krank? Ist sie vielleicht schon verkauft? Ich muss hin, muss nach ihr sehen."
Er schwang sich wieder auf sein Rad.
Der Hof Richter lag in nachmittäglicher Ruhe vor ihm.
Er sah niemanden.
„Ich sollte an der Tränke nachsehen, an der die Tiere gestern waren", dachte er.
Er ging zwischen den Gebäuden hindurch auf die Weide hinter den Stallungen.
Da sah er Sarah.
Sie stand gezäumt an der Tränke.
Er ging auf sie zu.
„Sarah", sagte er leise. „Sarah, da bist du ja."
Die Stute sah ihn an, und ihr ganzer Zauber nahm ihn wieder gefangen.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Aber jetzt bist du da."
Er holte ein Zuckerstück aus der Tasche und streckte es ihr entgegen.
Die Stute blähte die Nüstern und fraß aus seiner flachen Hand.
Er kraulte sie zwischen den Ohren und klopfte dann ihren Hals.
„Ich habe heute wenig Zeit. Aber vielleicht komme ich morgen oder Sonntag, bestimmt aber in der nächsten Woche. Lebe wohl, meine Freundin. Ich wollte, ich könnte dich schon mitnehmen."
Die Stute scharrte mit dem rechten Vorderhuf, so als wollte sie sagen: ""Ich weiß es ja, aber ich muss hier bleiben."
Als Herbert den Hof verließ, war ihm wehmütig ums Herz.
Er hatte sie gesehen, nur um sogleich wieder Abschied nehmen zu müssen.
„Ist das Leben so?" dachte er. „Da hängt einer sein Herz an etwas, und wird dabei nicht glücklich, weil die letzte Erfüllung aller Wünsche versagt bleibt."
Er dachte an den Ausspruch de Gaulles, der einmal gefragt, ob er glücklich sei, antwortete: „Sie sind ein totaler Narr. Das Glück gibt es doch gar nicht."
„Wird es auch kein Glück mit dir geben, Sarah?"
Er versuchte, sich von seinen trüben Gedanken loszureißen, aber es gelang ihm nicht.
Ein Hauch von Trauer begleitete ihn. Er dachte an „sein" Pferd, das gezäumt an der Tränke stand und vielleicht noch am Nachmittag einen Reiter tragen und dabei glücklich sein würde.
Oder litt sie, wie er? Dann, so fühlte er, würde er umso unglücklicher sein.
Mit diesen Gedanken erreichte er sein Haus.
Der Nachmittag war wieder Hausarbeitstag.
Der Rasen musste gemäht werden, der Garten brauchte Pflege, die Fensterscheiben wirkten stumpf, jedenfalls in den Augen seiner Frau, die vor Energie barst, während Herbert sich am liebsten ins Bett gelegt hätte, um vielleicht nie wieder aufzuwachen.
Am Abend holte er aus dem kleinen Safe die Sparbücher, die sie beide zusammen angelegt hatten.
Gewiss, er verstand mehr vom Geld und vom Verbuchen, aber seine Frau ließ es sich nicht nehmen, hin und wieder einen Blick in die Bücher zu tun, um sich an den wachsenden Beträgen zu freuen, die trotz der Ratenzahlungen für das Haus übrig blieben.
„Was machst Du denn da?", wollte sie wissen.
Er fühlte sich ertappt.
„Ach ich schau nur mal nach, wie unsere Finanzen stehen."
„Ich habe sie gerade in der letzten Woche zusammengerechnet", sagte sie fröhlich. „Du, wir stehen nicht schlecht da. Wollen wir uns im nächsten Jahr einen Urlaub im Süden leisten? Da gibt es wenigstens genug Sonne."
Ihm war nicht nach Sonne zumute. Er wäre lieber zum Nordkap gefahren, in Kälte und Dunkelheit, jedenfalls bei seiner jetzigen Stimmung.
An die Sparbücher konnte er also nicht heran, ohne dass seine Frau etwas merkte. Aber vielleicht ließ sie sich doch auf ein Pferd ein?
„Wir könnten uns von dem Geld ein Pferd kaufen", begann er vorsichtig.
„Aber Herbert", lachte sie und fasste seinen Vorschlag als Scherz auf.
„Was sollen wir mit einem Pferd? Eine Schildkröte, ja, die macht nicht so viel Arbeit, höchstens einen Kanarienvogel. Aber ein Pferd? Nein. Lass uns lieber im nächsten Jahr in den Süden fahren."
Also kein Pferd!
Es blieb nur noch seine Briefmarkensammlung, aber die brachte sicher nicht genug, um „seine" Stute zu kaufen und zu halten.
Vielleicht könnte er auf dem Hof Reitunterricht nehmen, und wäre dann wenigstens einige Stunden in der Woche bei ihr. Aber wenn jemand sie kaufen würde?
Der Traum von Sarah und den Sparbüchern zerstob.
„Ich hätte es wissen müssen, dass so etwas nicht geht", sagte er sich.
Gleichzeitig wusste er, dass er dieses Pferd über alles liebte, ja, dass er von ihm und seinen Anblick, dem Wunsch, es zu besitzen, abhängig war, wie ein Süchtiger, der weiß, dass seine Sucht ihn zerstört, der aber doch nicht imstande ist, von ihr zu lassen.
Sollte er nicht lieber Schluss machen mit dieser Unfreiheit, die ihn zu der Stute hinzog und ihm gleichzeitig zeigte, dass sein Traum nie in Erfüllung gehen würde?
Er malte er sich aus, dass es ganz schnell gehen konnte, wenn er es nur ernsthaft wollte.
Er konnte das Auto nehmen. Auf der Autobahn gab es genug Brücken. Es würde sicher keine Schmerzen machen, und seine Frau würde die Versicherung erhalten.
Aber gleichzeitig kam er sich schäbig vor, sich einfach so davonzustehlen, ohne Abschied zu nehmen. Nur von wem, von seiner Frau, von dem Pferd?
Er würde alles auf sich zukommen lassen, es war ja doch gleichgültig, alles war gleichgültig. Selbst das Pferd, das die Verwirrungen verursacht hatte.
Ihm war zum Heulen zumute.
Samstag, der vierzehnte Tag.
Samstag war, wie üblich, der Einkaufstag.
Herbert fühlte sich am Morgen ausgelaugt und zerschlagen. Eine Hoffnung war zerronnen, aus - alles war aus.
Oder gab es doch noch etwas, an das er sich klammern konnte?
„Reitstunden sollte ich nehmen", dachte er. „Dann bin ich Sarah wenigstens nahe."
Das Frühstück verlief schweigend, jedenfalls, was ihn anbetraf. Seine Frau plauderte von ihren Plänen, dass sie nachher in ein Reisebüro gehen könnten um Prospekte für einen Sommerurlaub, dann hätten sie bis zum Erscheinen der gültigen Kataloge die ganze Vorfreude. Sie könnte sich in der Stadt auch nach neuer Wolle für Winterhandschuhe und einem dicken Schal umsehen. Sie könnte ...
„Herbert, hörst du mir eigentlich zu?"
Herbert war in die Zeitung vertieft, jedenfalls sah es von außen so aus, während in seinem inneren die Gedanken und Gefühle rotierten.
Sollte er zu dem Besitzer fahren und nach Reitstunden fragen? Er könnte dann Sarah wiedersehen, und wenn es nur für einen Augenblick wäre. Er könnte ihr einen Apfel, eine Möhre oder etwas Brot mitbringen.
Er könnte ihren Hals klopfen und ihre Nüstern an seiner Schulter spüren. Er könnte...
„Herbert, hörst du mir eigentlich zu?"
Wie aus einem Traum rissen ihn diese Worte.
„Ja, ja, was hast du eben gesagt?"
„Wo hast du nur deine Gedanken?" Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe von unseren Einkäufen gesprochen. Übrigens, Mineralwasser brauchen wir auch noch und das Bier ist fast alle. Bei dem, was du in letzter Zeit getrunken hast."
Die Worte berührten ihn nicht, kamen nicht bei ihm an. Das Problem hieß Sarah, oder hieß es Herbert?
Er versuchte sich loszureißen.
„Es muss einen Weg geben", überlegte er. „Entweder muss ich sie häufiger sehen, oder ich ...."
„Herbert, bist Du fertig? Ich will das Geschirr ab räumen."
„Ich bin soweit."
Er erhob sich.
„Ich muss beim Richter anrufen", sagte er sich. „Ich muss wissen, ob ich bei ihm Reitstunden nehmen kann. Vielleicht gelingt es mir später einmal, Sarah zu kaufen."
Das Telefon stand im Wohnzimmer.
„Richter, Alfons", las er, „Richter Berthold, Richter Eberhard...", es gab eine Menge Richters.
Hier, dieser schien es zu sein. „Richter, Otto, Bauer, Lärchenweg", las er.
Er sah die Stute vor sich, die an der Tränke angebunden gewesen war und ihn anblickte.
„Reiß dich zusammen, nur nicht schlappmachen. Irgendwie wird es weitergehen."
Die Augen Sarahs kamen auf ihn zu, wurden größer und größer, bis sie ihn zu überwältigen drohten. Ihm wurde schwindlig. Am Schrank stützte er sich ab, atmete tief durch. Jetzt ging es wieder.
Der Blick klärte sich.
„Ich muss die Nummer notieren. Vielleicht kann ich in der Stadt von einer Telefonzelle aus anrufen."
In der Tasche fand er einen Zettel. „Sarah" hatte er darauf geschrieben und versucht, ein Pferd zu malen. Er wusste nicht mehr, wann er das getan hatte, wahrscheinlich gestern, im Büro. Er setze die Telefonnummer dazu und steckte den Zettel ein.
„Wo bleibst du?", rief seine Frau aus der Küche.
„Ich komme!"
Der Einkauf der Lebensmittel ging dank des Einkaufzettels, den seine Frau zusammengestellt hatte, schnell vonstatten.
„Ich muss jetzt noch in die Wollstube, dann gehen wir in ein Reisebüro, um Urlaubsprospekte zu holen."
„Gut, hole mich in der Buchhandlung ab."
„Dann kann ich bei Richters anrufen", dachte er.
Die Telefonzellen, die er in der Nähe der Buch-handlung fand, waren besetzt. Es dauerte lange, bis eine frei wurde, und als er Richters Nummer wählte, nahm niemand ab.
„Also nicht", resignierte er. „Es wäre ja auch zu schön gewesen."
Er war kaum in der Buchhandlung, als seine Frau aus der Wollstube kam.
„Schau", sagte sie. „Genau die richtige Wolle für einen Schal für dich und zwei Paar Winterhandschuhe für uns. Richtiger Partnerlook."
„Du hast es gut", dachte Herbert. „Du hast keine Probleme, keine Sarah und keine unerfüllte Sehnsucht."
In dem Reisebüro verlangte seine Frau Prospekte von Orten am Mittelmeer.
Herbert, der mitgekommen war, dachte an „seine" Stute. Und als sein Blick auf den Prospekt eines Reiterhofes fiel, blätterte er ihn durch und verglich die abgebildeten Pferde mit Sarah.
„Sie können ihr alle nicht das Wasser reichen", dachte er.
Sie aßen in einem kleinen Restaurant in der Innenstadt. Auf die Speisekarte waren Pferde gezeichnet. Ein Halfter und ein Sattel hingen zur Dekoration an der Wand.
„Mussten wir ausgerechnet hierher kommen", dachte er. „Geht denn nichts ohne Pferde?"
Zu Hause legte er sich für eine Stunde hin.
Im Halbschlaf sah er Sarah vor sich, wie sie auf der Weide graste und ihn dann ansah. Bevor er einschlief, streichelte er ihren Hals.
Den ganzen Nachmittag und Abend kämpfte er mit sich.
„Soll ich zur Weide fahren, soll ich Richters anrufen oder nicht?"
Er war unruhig und blieb nirgends lange sitzen, so dass es auch seiner Frau auffiel.
„Was hast du bloß?" fragte sie ihn. „Ich habe dich noch nie so unruhig gesehen."
„Was sollte mit mir los sein?", antwortete er gereizt. „Ich bin doch ganz ruhig."
Und nach einiger Zeit sagte er:
„Ich glaube, ich werde etwas Bier trinken."
„Bringe mir auch eine Flasche mit."
Auf dem Weg zu Keller murmelte er vor sich hin: „Sarah, Sarah, meine Sarah."
Sonntag, der fünfzehnte Tag.
Er befand sich auf der Weide. Die Pferde standen dicht zusammengedrängt nicht weit von ihm. Sarah war ihm am nächsten. Sie sah ihn an. Er ging auf sie zu, aber je weiter er schritt, desto mehr entfernte er sich von ihr. Und dann stolperte er, fiel, fiel in ein dunkles Loch, wurde herumgewirbelt, sah im Mittelpunkt des Strudels die Gruppe der Pferde und fiel auf sie zu. Wieder erblickte er Sarah, die größer und größer wurde, bis er nur noch eines ihrer Augen sah, ein riesiger dunkler See. Er stürzte darauf zu und versuchte zu schreien: „Sarah, Sarah", aber es wurde nur ein Krächzen.
Er wachte auf. Seine Frau hatte sich aufgerichtet.
„Hast du schlecht geträumt?" fragte sie. „Du hast etwas gesagt, aber ich konnte es nicht verstehen."
Er war noch benommen, schüttelte sich:
„Ich weiß nicht, es ist schon wieder weg, ein Albtraum."
„Schlaf weiter, es ist noch früh."
Der Schlaf war unruhig, von einer unbestimmten Angst geprägt, die im Hintergrund lauerte.
Als er aufstand, hatte er den Traum vergessen, nur ein unbestimmtes Angstgefühl war übriggeblieben.
Seine Gedanken kreisten weiter um Sarah.
„Wie schaffe ich es, sie heute zu sehen?" überlegte er. „Vielleicht könnten wir auf unserer Fahrradtour an ihrer Weide vorbeifahren. Es muss doch einen Weg geben!"
Unter der Dusche spülte er das letzte Unbehagen fort.
Und jetzt wusste er, wie er es anfangen konnte.
Beim Frühstück fragte er seine Frau beiläufig: „Du hast doch so viel Spaß am Pferdefüttern gehabt. Wir könnten ja noch einmal den Weg entlang fahren und sehen, ob die Tiere da sind. Wenn wir ein paar Äpfel mitnehmen oder etwas Brot oder Zucker..."
„Hm. Meinst du nicht, wir sollten einen anderen Weg nehmen? Wir sind schon zweimal hintereinander dort vorbeigefahren."
Er ließ nicht locker: „Ich fände es ganz schön. Und hat dir nicht der Schimmel so gefallen?"
„Gut", entschied sie, „fahren wir an der Weide vor bei. Vielleicht werde ich dann auch das alte Brot los."
Der Vormittag verging. Herbert räumte ein wenig den Keller auf, nur um etwas zu tun zu haben und damit seine Frau nicht merkte, wie sehr er sich freute, Sarah zu treffen.
Nach dem Mittagessen holten sie ihre Räder aus dem Keller.
Das alte Brot ließ sie zu Hause und nahm stattdessen eine Tasche voll Äpfel mit, die sie auf den Gepäckträger klemmte.
Sie fuhren den alten Weg, vorbei an Handkes altem Gasthof, über die Vechter Straße ins Niederdorf, vorbei an Neyers Hof, hinter dem sie die breite Birkenallee zum Gut Vomdag radelten.
Auf der Weide graste die Herde.
Sie stiegen ab und lehnten die Fahrräder an den Zaun.
„Sie sind heute weiter weg als am letzten Sonn tag", stellte seine Frau fest.
„Wir müssen sie auf uns aufmerksam machen, dann kommen sie bestimmt."
Herbert rief: „Hallo! Hallo!" und schnalzte mit der Zunge.
Ein Pferd sah zum Zaun, andere Pferde wandten ihm ebenfalls den Blick zu und dann, nachdem eines der Tiere zögernd den Anfang machte, folgten die anderen.
Herberts Frau nahm die Tasche vom Fahrrad. Auf der offenen Hand hielt sie den Pferden einen Apfel entgegen.
Die Schimmelstute, wohl das kräftigste der Tiere, drängte sich vor und fraß als erste.
„Hei, du", sagte sie, „drängel nicht so, die anderen sollen auch etwas bekommen."
Nacheinander verfütterte sie an die anderen Tiere ihre Äpfel.
Herbert stellte sich abseits, dorthin, wo er Sarah am nächsten war.
„Komm", lockte er, „komm!"
Das Pferd merkte, dass es gemeint war und näherte sich ihm.
„Hier ist etwas für dich", sagte er und zog eine Scheibe Brot aus der Tasche seiner Jacke. Die Stute fraß aus seiner offenen Hand. Sie erwartete mehr und stupste mit dem Maul an seine Schulter.
„Ich habe dich ganz schön verwöhnt", lachte er glücklich. „Hier hast du noch eine Möhre und etwas Zucker."
Nacheinander reichte er ihr das, was er noch hatte.
„Sarah, meine Sarah", murmelte er leise.
Die Stute schien ihn zu verstehen. Sie spielte mit ihren Ohren.
Inzwischen war die Fütterung der anderen Tiere beendet.
„So, jetzt ist es genug", sagte seine Frau. „Ich habe keine Äpfel mehr. Jeder von euch hat mindestens einen gefressen. Komm, Herbert, fahren wir. Da hinten ziehen Regenwolken auf. Ich will nicht nass werden."
Herbert hätte sich gern länger mit Sarah unterhalten. Er seufzte.
„Bis bald, meine Freundin", sagte er leise, „bis bald" und streichelte ihren Hals.
Sie wandten sich ihren Fahrrädern zu und stiegen auf.
Als sie wieder nebeneinander fahren konnten, sagte Herbert: „Du entwickelst Dich noch zur Pferdepflegerin."
„Ach lass mal. Die Gefräßigkeit der Tiere regt mich auf. Und außerdem stinken sie, findest du nicht auch? Wie gut, dass wir kein Hauspferd haben. Dann lieber doch einen Kanarienvogel."
Am Himmel war eine dunkle Wand aufgezogen. Sie fuhren schneller, so dass es ihr nicht auffiel, dass Herbert nicht antwortete.
Seine Gedanken waren bei Sarah. „Ob sie mich erkannt hat?" fragte er sich. „Ich glaube schon", antwortete er sich selbst. „Ob sie mich mag? Können Pferde einen Menschen überhaupt mögen, den sie nur so selten sehen?" Aber dem hielt er entgegen, dass der Besitzer sich offensichtlich auch nicht so sehr um seine Pferde kümmerte, sie jedenfalls nicht alle mit der Hand fütterte und schon fast verächtlich von Sarah gesprochen hatte, fast so, als sei sie ein Krüppel, oder doch zurückgeblieben.
„Er erkennt nicht, dass sie das edelste aller Tiere ist, eine Göttin unter den Pferden."
Kurz bevor sie ihr Haus erreichten, begann das Gewitter.
„Was mag Sarah jetzt tun? Fürchtet sie sich, oder hat Richter den Stall geöffnet? Wenn sie mir gehören würde..."
Ein Blitz und ein Donnerschlag unterbrach seine Gedanken.
„Komm schnell", rief seine Frau. „Es fängt an zu regnen."
Nach dem Abendbrot saßen sie vor dem Fernseher. Sie strickte an einem Winterpullover, dem wievielten, der doch nie getragen wurde.
Herbert saß in dem Sessel, und vor die Bilder des Filmes schob sich Sarah mit ihren grazilen Bewegungen, dem glänzenden Fell, der kurzen Mähne und dem langen Schweif.
Mit offenen Augen träumte er von ihr und wurde doch nicht froh. Wie ein drohendes Unheil hatte sich eine Wolke über ihn gelegt. Waren es Nachwirkungen seines vergessenen Traumes, war es die Reaktion seiner Frau? Er wusste es nicht und gab sich dumpf brütend dieser Stimmung hin.
Montag, der sechzehnte Tag.
Inzwischen hatte Herbert gelernt, seine Gefühle zu verbergen. Aber in seinem Inneren lieferten sich der Wunsch, Sarah zu besitzen und die Möglichkeit, oder besser die Unmöglichkeit, sie zu erwerben, bittere Kämpfe. Die Sehnsucht unterstützte die Seite der Wünsche, die Vernunft die der Möglichkeit. Die Schlacht wogte hin und her, ohne dass Herbert eingreifen konnte. Er war selbst zum Schlachtfeld geworden und verlor zusehends an Kraft.
Er wünschte sich, dass es irgendwie ein Ende geben würde, wie es auch aussehen mochte und fürchtete sich gleichzeitig davor. Er konnte sich nicht entschließen, eine Seite der Kämpfenden konsequent zu unterstützen und griff deshalb mal hier, mal dort helfend ein, nur um das Chaos umso größer werden zu lassen. Und je zerrissener er sich fühlte, desto sicherer trat er auf. Aber dies alles war nur äußerlicher Schein und er hoffte, dass niemand seine Maske durchschauen würde.
Morgen und Vormittag gingen für Herbert wie gewohnt vorüber.
Am Nachmittag hatte seine Frau arbeitsfrei und fuhr nach Hause, um sich in Ruhe der Wäsche zu widmen.
Als sie eine Jacke ihres Mannes, die er in der letzten Woche oft getragen hatte, in den Schrank hängen wollte, fiel aus einer Tasche ein Zettel.
„Sarah" las sie und ein Telefonnummer, daneben war eine Kritzelei, die wie ein Esel oder ein Hund aussah.
Sie steckte den Zettel wieder zurück und maß ihm keinerlei Bedeutung bei.
Sie kannte keine Sarah und würde am Abend ihren Mann fragen, wer diese Sarah sei. Frauen sind neu gierig, aber kaum neugieriger als Männer.
Am Nachmittag fasste Herbert den Entschluss, nicht zum Sport zu gehen, sondern Sarah zu besuchen.
Aus der Kantine hatte er sich mittags vorsorglich einen Apfel, Zuckerstückchen und eine Tafel Schokolade mitgenommen.
Er wagte zwar nicht, die Firma vor Dienstschluss zu verlassen, weil es auffallen musste, wenn er zu häufig zum Arzt ging. Dafür beeilte er sich, so schnell wie möglich zu seinem Rad zu kommen, um „seine" Sarah zu sehen.
Als er die Pferde erblickte, stellte er sein Rad am Zaun ab. Die Tiere grasten auf der Mitte der großen Weide. Er holte seinen Feldstecher aus der Aktentasche und beobachtete sie.
Er konnte sich an ihren Bewegungen nicht satt sehen. Wie überirdische Wesen schritten sie über die Weide, fraßen hier und dort ein wenig. Als ein Düsenjäger im Tiefflug über die Weide zog, sprangen die Tiere erschreckt auf und galoppierten durcheinander. Aber auch hier waren die Bewegungen so voller Eleganz, gezügelter Kraft und voller Leben, dass er seine helle Freude an dem Bild hatte.
„Seine" Sarah war unter ihnen und in seinen Augen das schönste der Pferde, schlanker und jugendlicher alle anderen und voller Lebenslust.
„Meine Sarah", dachte er. „Ich könnte einen ganzen Tag hier stehen und dir zusehen. Und vielleicht kämest du auch hin und wieder zu mir an den Zaun. Ich kann deine Welt nicht betreten, aber dort, wo sich unsere Lebensbereiche berühren, deine und meine Welt, da warte ich auf dich. Und einmal wird mein Traum zu unserem Traum werden und wird Wirklichkeit. Wir werden dann über die Ebene fliegen, der Sonne entgegen. Um uns wird das Licht sein, und alle Dunkelheit bleibt hinter uns zurück."
Die Zeit verging. Die Sonne senkte sich hinter die Spitzen der größeren Bäume.
Da sah er durch seinen Feldstecher, wie der Pferdezüchter die Weide betrat. Er war mit einem Traktor gekommen, der einen Pferdeanhänger zog.
Herbert wurde unruhig.
Er sah, wie die Pferde zusammengetrieben und in die Ecke der Weide gedrängt wurden.
Der Züchter ging auf sie zu und nach einigen Minuten, Herbert konnte nicht genau erkennen, was in zwischen geschehen war, sah er, wie Sarah, „seine" Sarah, von dem Mann an einer Leine zum Anhänger geführt und wie sie, auskeilend und widerstrebend, in diesen Hänger gezogen wurde.
Der Züchter verschloss den Wagen, stieg auf den Traktor und fuhr in Richtung Hof.
„Was hat er mit ihr vor?" fragte sich Herbert. „Sicher ist es nichts Ernstes. Vielleicht soll sie nur ein neues Hufeisen bekommen. Oder sollte sich ein Käufer für „meine Sarah" gefunden haben?"
Dieser Gedanke beschäftigte ihn, und je mehr er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher wurde er.
Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Er schalt sich einen Narren, dass er glauben konnte, „seine" Sarah würde verkauft werden. Aber so sehr er auch versuchte, dagegen anzudenken, die Ungewissheit blieb und damit die Angst und die Sorge.
Er sah auf die Uhr.
„Ich muss nach Hause", sagte er sich. „Jetzt ist die Sportstunde zu Ende. Und hier kann ich doch nichts mehr sehen."
Er wollte nicht, dass seine Frau ihn fragte, wo er gewesen sei. Sie würde doch nicht verstehen, dass ihm das Pferd so viel bedeutete.
Sie würde nicht begreifen, dass ein Mann sein Herz so an ein Tier hängen konnte wie er es getan hatte, ein Mann, der mitten im Leben stand und dem Zahlen eigentlich alles bedeuteten. Sie würde es so wenig begreifen, wie er es eigentlich selbst nicht begreifen konnte und wie er dies alles in den wenigen lichten Augenblicken für einen schönen und dennoch bösen Traum hielt.
Seine Frau erwartete ihn. Sie sagte nicht, dass sie einen Zettel mit einer Telefonnummer und dem Namen Sarah gefunden hatte. Sie sagte nicht, dass Karl angerufen und gefragt hatte, ob Herbert krank sei, da er heute und am letzten Montag nicht beim Sport gewesen war.
Sie war nur auffallend still und in gedrückter Stimmung.
Aber Herbert bemerkte es nicht. Er war mit seinen Gedanken bei Sarah.
„Trinken wir noch ein Glas zusammen?" fragte er.
„Nein, danke, ich fühle mich nicht so gut", antwortete sie. „Ich gehe gleich ins Bett."
„Ich werde noch ein Bier trinken."
In dieser Nacht wälzte sie sich unruhig im Bett umher. In den langen, schlaflosen Stunden grübelte sie: „Er hat eine Freundin. - Sarah. - Morgen rufe ich sie an. - Sollte das das Ende unserer Ehe bedeuten?"
Dienstag, der siebzehnte Tag.
Das Frühstück schien wie immer zu verlaufen. Herbert las die Zeitung, während seine Frau ihm gegenüber saß, schweigsam und mit Ringen unter den Augen.
„Ich muss heute herausbekommen, was mit Sarah los ist", dachte er. „Aber vielleicht ist sie auch wieder auf der Weide. Dann war alle Aufregung umsonst. Aber wenn sie nicht da ist?"
„Nachher werde ich die Nummer anrufen", dachte sie, „am besten gleich, wenn er weg ist."
„Ich muss jetzt fahren", verabschiedete er sich. „Bis heute Abend. Übrigens, es könnte etwas später werden."
„Bis dann", sagte sie.
Sie hörte, wie die Haustür zuschlug.
„Er hat es nicht einmal nötig, sich eine Ausrede auszudenken", stellte sie verbittert fest. „Jetzt ist es bei uns wie bei anderen auch."
Sie ging ins Wohnzimmer und wählte die Nummer, die Herbert aufgeschrieben hatte.
„Hier Richter", sagte eine Frauenstimme. Sie klang nicht besonders jung, aber Herbert war auch nicht mehr der Jüngste.
„Ich würde gerne Sarah sprechen", sagte sie. Sie kam sich lächerlich vor, „wie ein Schmierendetektiv", dachte sie.
„Sarah? Wir haben keine Sarah", hörte sie die Stimme durch das Telefon. „Wer spricht denn dort?"
„Entschuldigen Sie, dann habe ich mich wohl verwählt."
Sie legte auf.
„Richter", murmelte sie, „Richter."
Dann schlug sie im Telefonbuch nach.
„Richter, Alfons", las sie „Richter, Berthold; Richter, Eberhard...", es gab viele Richters.
Sie verglich die Telefonnummern.
Hier, diese schien es zu sein. „Richter, Otto, Bauer, Lärchenweg", las sie.
Also stimmte die Telefonnummer, die sie gewählt hatte.
Vielleicht hatte diese Sarah mit der Nummer doch nichts zu tun?
Aber warum kam er oft so spät, warum war er gestern und in der letzten Woche nicht beim Sport gewesen, warum hatte er sich so verändert, wenn keine Frau dahinter steckte?
Sie war ratlos.
„Ich werde ihm nachfahren, gleich heute."
Es wurde Zeit. Sie musste zum Bus.
Aber sie nahm das Fahrrad, auch wenn sie zu spät kommen würde. Sie wollte wissen, was hinter dieser Sarah steckte.
Am Nachmittag verließ sie ihr Büro früher und fuhr zu Herberts Firma.
Sie stellte sich mit ihrem Rad in eine Nebenstraße, von der aus sie Herberts Firma im Auge hatte und wartete.
Dann sah sie, wie er aus dem Haus kam und aus dem Hof sein Fahrrad holte. „Er macht pünktlich Feierabend", dachte sie.
Im angemessenen Abstand fuhr sie ihm nach. Ab und zu schien sie ihn zu verlieren, aber sie hatte Glück und fand ihn jedes mal wieder.
Am Ausgang der Stadt musste sie einen größeren Abstand halten, damit er sie nicht entdeckte.
„Er fährt auf die Gegend zu, die wir an den letzten Sonntagen gefahren sind", dachte sie. „Was will er hier?"
Sie kamen in die Nähe des Hofes Vomdag und radelten die breite Birkenallee entlang.
Dann entdeckte sie, wie Herbert abstieg. Jetzt stieg auch sie vom Rad, lehnte es an den Zaun und drückte sich hinter einen Birkenstamm.
„Ob er hier auf sie wartet?"
Sie sah, wie er etwas aus seiner Aktentasche holte und an sein Gesicht hielt. „Schade, dass ich unser Fernrohr nicht mitgenommen habe", dachte sie.
Lange blieb er so stehen.
Sie sah sich um. Am anderen Ende der Weide grasten einige Pferde. Sonst war nichts Lebendes zu sehen. Die Höfe lagen hinter den Bäumen und waren nicht einzusehen.
„Was will er hier?"
Sie wartete.
Die Pferde kamen näher, blieben aber in der Mitte der Weide.
Sie wartete weiter, aber nichts geschah.
Dann schwang sich Herbert wieder auf sein Rad.
Sie sah auf die Uhr.
Über eine Stunde hatten sie hier gestanden.
„Warum?" murmelte sie. „Warum? Ist sie nicht gekommen?"
Sie stieg auf das Rad und fuhr ihm langsam nach.
Als sie zu Hause ankam, hatte er sich schon sein Abendbrot gemacht.
„Du kommst spät", sagte er.
„Tut mir leid, ich war noch mal weg. Hab vergessen, einen Zettel hinzulegen."
„Er ist guter Laune", dachte sie, „anders als gestern."
Sie war nach der fast durchwachten Nacht müde.
„Komm, sehen wir uns noch einen Film an?"
Eigentlich hatte sie keine Lust, aber sie setzte sich dazu und holte ihr Strickzeug.
Nach zwei Stunden fielen ihr fast die Augen zu.
„Ich geh schon ins Bett. Hab die letzte Nacht schlecht geschlafen."
„So früh?"
„Ja. Gute Nacht. Sieh nicht mehr so lange fern."
Noch beim Einschlafen grübelte sie über Herbert und Sarah nach: „Er hat glücklich ausgesehen. So, als ob er „sie" gesehen hätte. Aber da war doch niemand!"
Sie konnte den Widerspruch nicht lösen.
Dann schlief sie ein.
Mittwoch, der achtzehnte Tag
Am Mittwoch sah Herbert nichts anderes als Sarah: Sarah auf der Weide, Sarah vor einem Wald, Sarah über eine weite Ebene schwebend.
Sie war so unauslöschlicher Bestandteil seiner Gedanken geworden, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass es sie früher nicht in seinem Leben gegeben haben könnte.
Er grübelte immer noch darüber nach, ob und wie er sie kaufen könnte.
Aber er fand keine Antwort, und das machte ihn zugleich zornig und traurig.
Er bemerkte nicht, dass seine Frau ihn beim Frühstück prüfend ansah, seine Gedanken waren weit weg.
Er las die Zeitung mechanisch, wie in all den letzten Tagen und nahm gar nicht wahr, was er las.
„Kommst Du heute gleich nach der Arbeit nach Hause?" fragte seine Frau.
„Was? Ach so. Ja, ich glaube schon. Das heißt, ich weiß nicht, vielleicht wird es etwas später werden."
Er musste mit dem Besitzer sprechen, ob er ihm Sarah für Reitstunden reservieren könnte. Es musste einen Weg geben, sonst, so schien es ihm, lohnte ein Leben nicht mehr.
Der Tag verging, ohne dass Herbert Gelegenheit hatte, von der Firma aus anzurufen. Während der Mittagspause regnete es so stark, dass er nicht auf die Straße gehen wollte, um in der nächsten Telefonzelle anzurufen, und von seinem Apparat aus wagte er es nicht, weil andere mithören konnten.
Der Tag verging, aber Sarah bestimmte nach wie vor seine Gedanken und verdrängte die Zahlenkolonnen. Seine Grundstimmung, Traurigkeit mit Zorn gemischt und dazu die Sehnsucht, Sarah wiederzusehen, ließ ihn überempfindlich und gereizt werden.
Seine Kollegen zogen sich von ihm zurück, aber ihm war das nur recht. Sollten sie ihn in Ruhe lassen
Endlich war Feierabend.
Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Straßen waren noch nass und hatten viele Pfützen.
Herbert schwang sich auf sein Rad und quälte sich durch den Verkehr, der noch nie so stark gewesen zu sein schien.
Autos überholten ihn und spritzten ihn nass.
Zuerst schimpfte er halblaut vor sich hin. Als seine Hose durchnässt wer, gab er es auf.
Die Weide war verlassen. Der Züchter musste seine Tiere auf einer anderen Koppel untergebracht haben.
Herbert fuhr über den Sandweg und bog in den Lärchenweg ein.
Der Hof lag verlassen vor ihm. Die beiden Personenwagen, die er beim ersten Besuch gesehen hatte, waren fort.
Er stieg ab und ging zwischen den Gebäuden zur Tränke, an der er damals die Tiere gesehen hatte.
Die Herde war nicht weit weg, aber er entdeckte Sarah nicht.
Er suchte mit dem Fernrohr die Weide ab. „Seine" Sarah war nirgends zu finden.
„Ich sollte von zu Hause anrufen", dachte er. Aber er verwarf den Gedanken gleich wieder. Was sollte er seiner Frau sagen, wenn sie ihn fragte, mit wem er telefoniert hatte?
Er ging zum Hof zurück. Die Tür zu einem der Ställe war offen. Es war ein Pferdestall, das erkannte er. Der Stall war leer.
Als nach einer halben Stunde immer noch niemand auf dem Hof erschien, bestieg Herbert wieder sein Rad.
„Vielleicht kann ich unterwegs doch jemanden er reichen", dachte er.
Er hielt an drei Telefonzellen, aber auf dem Hof meldete sich niemand.
„Hoffentlich hat es nichts mit Sarah zu tun. - Meine Sarah."
Er fühlte den Apfel in seiner Tasche. „Er war für dich gedacht", murmelte er leise. Dann warf er ihn wütend fort.
Seine Frau war schon zu Hause.
„Mistwetter", schimpfte er. „Die ganze Hose ist durchnässt!"
Seine Frau sagte nichts.
Er war selten so unausgeglichen und schlechter Laune nach Hause gekommen.
War etwas mit der Firma oder mit jener Sarah?
Er würde schon reden, wenn es um die Firma ging, und wenn es wegen der Frau war, mit der er sich heimlich zu treffen schien, konnte es ihr nur recht sein, wenn es Ärger gegeben hatte.
Herbert schwieg sich aus.
Er wusste an diesem Abend nichts mit sich anzufangen. Das Fernsehen lief, aber er nahm es nicht wahr. Seine Frau strickte, aber er grübelte in sich hinein.
„Ich geh ins Bett", sagte er nach zwei Flaschen Bier. „Ich fühle mich nicht wohl, bin müde."
Auf dem Weg durch die Küche nahm er noch einen Weinbrand zu sich.
„Hoffentlich reicht das zum Einschlafen. Morgen früh werde ich Richter anrufen. Ja, es ist das Einzige, was ich tun kann."
Seine Gedanken beschäftigten sich mit Sarah. Er sah, wie sie auf einer Waldlichtung stand mit den Ohren spielte und zu ihm herüber sah.
Dann schlief er ein.
Donnerstag, der neunzehnte Tag.
Der Morgen war von Angst, Verwirrung und dem Wunsch geprägt, es möge nichts mit Sarah geschehen sein.
Beim Frühstück stand sein Entschluss fest:
Er würde Richter heute auf dem Weg zur Arbeit anrufen.
Unterwegs machte er an vier Telefonzellen halt. Entweder war der Apparat besetzt, oder niemand nahm ab. Es war zum Verzweifeln.
Vormittags war an keine Arbeitsleistung zu denken, und seine Kollegen machten sich ernsthaft Sorgen um ihn.
„Geht es dir nicht gut?" fragten sie.
„Mit dir ist doch etwas nicht in Ordnung. Warst du beim Arzt?"
„Hast du Sorgen in deiner Familie?"
Er schüttelte stumm den Kopf. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er konnte die Tränen nur mühsam zurückhalten.
Kurz vor der Mittagspause erreichte nahm endlich jemand den Hörer ab.
„Hier Pferdehof Richter."
„Hier Philipp."
Herbert zögerte einen Augenblick. Dann entschloss er sich, nicht nach Sarah zu fragen.
„Ich würde mir gern noch einmal Ihre Pferde ansehen", sagte er. „Ich war vor einiger Zeit schon einmal bei Ihnen."
„Wir haben im Moment Handwerker auf dem Hof und sind heute kaum erreichbar. Könnten Sie morgen kommen? Die Handwerker sind dann zwar auch da, aber morgen ist immer jemand auf dem Hof. Heute ist das etwas unsicher."
„Ja, gut, das geht. Ich komme dann morgen, morgen Abend."
Am Nachmittag erinnerte Herberts Chef ihn daran, dass er ab morgen für zwei Tage zu einem Fortbildungslehrgang angemeldet war.
„Ja, natürlich Chef. Ich habe das nicht vergessen."
Aber er hatte es vergessen, völlig vergessen, weil seine Gedanken immer bei Sarah gewesen waren.
Ob seine Frau daran gedacht hatte?
Er hatte es ihr vor ein paar Wochen erzählt, damals voller Stolz, dass sein Chef ihn gebeten hatte, einen Kurs für die neuen Rechengeräte zu besuchen.
Er konnte also morgen nicht nach dem Pferd fragen. Er musste heute schon sehen, was mit „seiner" Stute los war.
„Hier sind Ihre Unterlagen: Fahrkarten, der Zug geht um 10.05 Uhr, die Hotelreservierung und die ersten Prospekte. Berichten Sie mir gut. Sie wissen, wie viel davon abhängt. Und denken Sie an die Belege, aber das wissen Sie ja selber."
Der Chef händigte Herbert die Unterlagen aus.
„Danke, Chef", sagte er. „Ich will mein Bestes tun."
Er lächelte etwas gequält, weil er an Sarah dachte, die er nun zwei weitere Tage nicht sehen würde.
„Ist Ihnen nicht gut, Philipp?"
„Doch, mir geht es ausgezeichnet."
„Na, dann gute Reise, und bis Montag."
Sein Chef zog sich in sein Zimmer zurück.
Herbert radelte durch den Feierabendverkehr, in Gedanken bei Sarah, bei „seiner" Sarah, und wie am Morgen, so drehte sich in seinem Kopf ein Wust aus Angst und Verwirrung, dem Wunsch, sie wiederzusehen und dem Schmerz über einen möglichen Verlust des Wesens, das er nie besessen hatte.
Auf dem Hof hatte sich einiges verändert.
Über der Einfahrt war ein Schild montiert:
„Pferdehof Richter. Pferdezucht, Reitunterricht, Reitkleidung", las er.
Ein Stall wurde umgebaut. Große Fenster und eine Tür waren in die Wand gebrochen, die zum Hof wies.
„Reiterhof Richter", las er auf einer Tafel, „Laden. Anmeldung und Auskunft hier."
Handwerker, Maurer und Maler waren dabei, das Gebäude in Stand zu setzen.
Er fragte einen älteren Maler nach Herrn Richter.
„Ich habe vorhin gesehen, wie sein Wagen den Hof verließ. Vielleicht ist er aber auch bei den Pferden."
„Danke", antwortete Herbert. „Ich schau mal hinters Haus. Kenne mich hier schon aus."
Er nahm den Weg zwischen den Gebäuden zur Tränke.
Die Herde war weit weg.
Herbert holte seinen Feldstecher aus der Aktentasche.
Sarah war nicht dabei, soweit er sehen konnte. Wo mochte sie sein?
Langsam und nachdenklich kehrte er zum Hof zurück.
Die Handwerker packten ihre Werkzeuge und Farben zusammen.
„Wissen Sie, wann Herr Richter wiederkommt?", fragte er den alten Maler.
„Tut mir Leid, nein."
„Dann kann man nichts machen."
Herbert schwang sich auf sein Rad und fuhr zurück.
Unterwegs versuchte er mehrmals vergeblich, Richter anzurufen.
Zu Hause erwartete ihn seine Frau.
„Im Kalender steht, dass du morgen und übermorgen zu einer Tagung nach Hamburg musst. Bleibt es dabei?"
„Ja, der Chef hat mich heute noch daran erinnert und mir die Fahrscheine, Hotelanschrift und Unterlagen gegeben. Morgen um 10.05 geht der Zug."
„Dann können wir ja noch zusammen frühstücken. Übrigens, wann bist du wieder zurück?"
„Ich denke, es bleibt beim Nachmittag. Wir essen noch im Hotel, und dann werde ich gegen fünfzehn Uhr fahren, wenn nichts dazwischenkommt. Der Chef hat mir den Fahrplan mitgegeben."
„Sind alle deine Sachen in Ordnung?"
„Ich werde gleich den Koffer packen. Aber ich glaube, dass ich alles habe. Viel brauche ich ja nicht für die beiden Tage."
Er holte seinen Koffer aus dem Keller und packte die Sachen zusammen: Waschzeug, Schlafanzug, Badehose, das Hotel hatte ein Bad und eine Sauna, einen Anzug zum Wechseln, ebenso ein Oberhemd, Unterwäsche, Socken und ein Paar Schuhe. Die Unterlagen durften nicht vergessen werden, obwohl er annahm, dass er noch genug Papier bekommen würde.
„Trinkst du noch ein Glas mit?", rief seine Frau aus dem Wohnzimmer. Sie saß wie gewöhnlich vor dem Fernseher und strickte.
Diesmal war es ein Schal für eines der Kinder. Herbert hatte es aufgegeben, sich darüber Gedanken zu machen, wie jemand gleichzeitig stricken und fernsehen konnte. Manche Frauen schienen diese Kunst zu beherrschen.
Der Abendfilm begann, als er in das Wohnzimmer kam.
Er holte die Gläser aus dem Schrank und aus dem Keller eine Flasche Wein.
Während sie den Film sahen und den Wein tranken, war er mit seinen Gedanken bei Sarah. Was konnte ihr nur zugestoßen sein, dass er sie so lange nicht hatte sehen können? Er grübelte in sich hinein.
„Ich muss morgen Richter anrufen", dachte er. „Unbedingt!"
Die Beine waren schwer und die Gedanken bewegten sich träge, als er sich erhob, um ins Bett zu gehen. Die Flasche war leer, und seine Frau hatte nur ein Glas getrunken.
Aber die Benommenheit dämmte seinen Schmerz und den Kummer.
Er wusste, dass dies auf die Dauer keine Lösung war, aber er war zu müde, um weiter darüber nachzudenken.
Freitag, der zwanzigste Tag.
Am Freitag frühstückte Herbert mit seiner Frau. In Erwartung der Tagung trat das Problem Sarah ein wenig in den Hintergrund.
„Soll ich dir etwas aus Hamburg mitbringen?"
„Wirst du Zeit haben?"
„Ich denke schon. Das Hotel soll in der Nähe des Hauptbahnhofs sein, und da gibt es genügend Geschäfte."
„Du kannst ja mal vergleichen, was da Wolle kostet."
„Ich versteh doch davon nichts."
„Dann bring mir irgendetwas mit. Du wirst schon was finden."
Er fuhr mit dem Bus zum Hauptbahnhof, der nicht weit von seiner Firma war.
Am Kiosk kaufte der sich eine Pferdezeitung.
Der Zug lief ein. Sein Chef hatte ihm einen Fensterplatz reservieren lassen, so dass er ungestört lesen konnte.
Er sah die Fotos von Pferden. Von den Artikeln verstand er nicht allzu viel. Vielleicht lag es auch daran, dass seine Gedanken bei Sarah waren.
Wo mochte sie jetzt sein, wieder auf der Weide?
Je mehr er an sie dachte, desto deutlicher sah er sie vor sich. Sie war zum Greifen nahe.
Der Zug fuhr an Feldern und Weiden vorbei. Hin und wieder sah er auch Pferde, aber sie waren so schnell vorbei oder so weit weg, dass er sie kaum erkennen konnte.
Sarah war näher, Sarah wohnte in seinen Gedanken und Wünschen. Und als er die Augen schloss und kurz vor dem Einnicken war, saß er auf ihrem Rücken und schwebte über eine weite Graslandschaft.
Der „Große Kurfürst" befand sich gegenüber dem Hauptbahnhof. Er holte seinen Zimmerschlüssel am Empfang ab und ließ sich den Tagungsraum zeigen, in dem am Nachmittag die Schulung statt finden sollte.
Während des Mittagessens, das alle Lehrgangsteilnehmer gemeinsam einnahmen, erzählte sein Tischnachbar, was er alles an diesem Abend vorhatte.
„Also, zur Reeperbahn müssen Sie unbedingt mitkommen. Das kann man sich doch nicht entgehen lassen."
Schließlich war man nur einmal in Hamburg und dann noch allein!
Er kam aus Peine und hatte die Buchhaltung einer Im- und Exportfirma unter sich.
Herbert konnte sich noch nicht entschließen, ihn zu begleiten. Das übersprudelnde Temperament des Mannes war ihm unangenehm. Aber vielleicht wäre es gut, sich von seinen Sorgen um Sarah abzulenken.
Am Nachmittag war keine Gelegenheit, an Sarah zu denken. Der Vortrag und die anschließende Diskussion, die Vorführung neuer Geräte und Methoden der Buchhaltung fesselten Herbert so, dass er für nichts anderes mehr ansprechbar war.
Noch beim Abendbrot wollte er mit dem Peiner und einem Kollegen aus Fulda weiter diskutieren, die aber ihrerseits mehr Interesse hatten für das, was man am Abend noch unternehmen konnte.
Nach dem Abendessen gab es noch eine Demonstration neuer Geräte, und ab 20.00 Uhr sah das Programm eigene Freizeitgestaltung vor.
„Wir sollten gleich zur Reeperbahn fahren", drängte der Fuldaer.
„Noch nicht", wehrte der Peiner Kollege ab. „Für die Reeperbahn ist es noch viel zu früh. Lasst uns erst einen Stadtbummel machen."
„Ich würde lieber irgendwo ein Bier trinken oder ein Glas Wein", wandte Herbert ein. „Für die Reeperbahn bin ich nicht aufgelegt."
„Ich schließe mich Ihnen an, vielleicht kommen noch mehr mit", sagte da eine der beiden Teilnehmerinnen der Tagung, eine etwas mollige Fünfzigerin. „Wie ist es mit Ihnen?" Sie wandte sich an ihre hagere Nachbarin. „Wollen Sie nicht mit uns etwas unternehmen?"
„Ich komme mit, wenn es nicht zu lange dauert."
So kam es, dass Herbert, begleitet von zwei Frauen, von denen jede für ihn ohne äußeren Reiz war, durch die Spitaler- und Mönckebergstraße bummelte, an der Alster vorbei, bis sie am Gänsemarkt ein kleines Kellerlokal fanden.
Sie saßen dort, redeten über Belanglosigkeiten und fuhren nach zwei Flaschen Wein mit dem Taxi zurück.
Es war vertane Zeit, fand Herbert, aber was hätte er sonst tun können. Richter anrufen, irgendeinen Grund vorschieben? Sarah war weit weg, und zu Hause hätte er auch nur sein Bier getrunken, um wenigstens ruhig schlafen zu können.
Samstag, der einundzwanzigste Tag.
Das Frühstück mit einem riesigen Frühstücksbuffet tat ihm gut. Er trank mehr Kaffee als gewöhnlich, aß ein gekochtes Ei, Käse und Schinken, Schwarzbrot, Obst und Heringe, alles das, was er zu Hause bei der ewigen Erdbeermarmelade nicht bekam und stürzte sich voller Eifer in den Vormittag.
Seine alte Liebe zu Zahlen und Kolonnen, die gebändigt werden mussten, um etwas auszusagen, schien wieder an die Oberfläche zu treten.
Aber dazwischen gab es Augenblicke tiefster Verzweiflung. Abgründe der Sinnlosigkeit allen Tuns und überhaupt des ganzen Lebens taten sich auf und drohten die Freude an den Zahlen zu verschlingen.
Er sah keine Möglichkeit, seine Gefühle anders in den Griff zu bekommen, als forciert mitzuarbeiten, Fragen zu stellen, sich in die Unterlagen hinein zuarbeiten, gleichgültig, ob die anderen ihn für einen Streber hielten oder nicht.
Er würde auf diese Weise jedenfalls seinen Chef zufrieden stellen und ihm alle Auskünfte geben können, die zur eventuellen Umstellung der Buchhaltung nötig waren.
Als der Vormittag zu Ende war und jeder noch einen Stapel mit Unterlagen nach Hause nehmen konnte, fühlte Herbert sich ausgelaugt Er hatte kaum noch Widerstandskraft gegenüber seinen Gefühlen, die ihn zu Sarah hinzogen. Er sah sie vor sich mit der vollkommenen Linie, die Rücken, Hals und Kopf bildeten, wenn sie graste. Und er hätte sie sofort aufgesucht und alles stehen und liegen gelassen, wenn er nicht mehrere hundert Kilometer entfernt gewesen wäre.
„Vielleicht kann ich Dich heute sehen", dachte er, obwohl er wusste, dass er sich nicht ohne triftige Ausrede von zu Hause weg begeben konnte.
Möglicherweise war seine Frau bei einer Freundin, obwohl sie auf der anderen Seite sicher zu Hause sein würde, um ihn zu erwarten.
Vielleicht ... , aber jedem Vielleicht stellte sich ein Aber entgegen.
„Und wenn es heute nicht sein, kann, fahre ich morgen zu Richter, gleichgültig, wie ich es anstellen muss."
Der gesamte Kurs aß mit den Informanten und der Lehrgangsleitung im Hotel Mittag.
„Kommen Sie noch zu einem Stadtbummel mit?" fragte der Peiner Kollege.
Herbert sah ihn verständnislos an.
„Ach ja, Sie sind ja gegen solche Sachen", sagte der Fuldaer. „Wir schauen uns die Stadt noch an, Paul."
„Na klar. Wann kommen wir wieder her und dazu noch auf Firmenkosten?"
„Dann viel Spaß", wünschte Herbert. „Ich fahre lieber nach Hause."
Bei sich dachte er: „Wenn ich nicht Sarah sehe, ist es sowieso gleichgültig, wo ich bin und was ich tue. Vielleicht sollte ich doch mitgehen."
Die beiden Frauen, mit denen Herbert am Abend zusammen gesessen hatte, kamen an seinen Tisch.
„Sie haben uns gestern zum Wein eingeladen. Wir möchten uns heute revanchieren: Dürfen wir Sie zu einer Fahrt zum Schulauer Fährhaus einladen und zu einer Tasse Kaffee?" fragte die Hagere. „Ich bin mit dem Wagen hier, da dauert es nicht so lange."
Herbert stand auf und zögerte.
„Das Fährhaus liegt sehr schön an der Elbe. Sie sollten das gesehen haben."
„Gut, wenn es nicht zu lange dauert."
Die beiden Kollegen sahen sich an: „Sie Genießer", sagte der Peiner Kollege.
Die Vier lachten, und selbst Herbert stimmte mit ein.
Sie fuhren durch die Stadt. Herbert saß neben der Hageren, die den Weg gut zu kennen schien.
Der Weg führte sie über Altona und die Elbchaussee. Hinter Blankenese überholten sie eine Reitergruppe. Eines der Pferde hatte entfernt Ähnlichkeit mit Sarah.
„Pferde, wie schön", seufzte die Dicke auf dem Hintersitz. „Als ich ein Kind war, hatte ich mein eigenes Reitpferd. Eigentlich war es Vaters Ackergaul, aber ich durfte ab und zu reiten. Wie lange ist das schon her."
Im Schulauer Fährhaus wurde auf der Terrasse gerade ein Tisch frei.
„Kommen Sie, setzen wir uns", sagte die Dicke.
„Wir haben Glück, sonst ist hier am Wochenende und bei solchem Wetter kein einziger Platz zu bekommen."
Auf der Elbe fuhr ein Kühlschiff in Richtung Hafen. Aus dem Lautsprecher hörten sie seine Begrüßung und die Informationen über das Schiff.
Herbert hatte so etwas noch nie erlebt.
„Ist das hier immer so?", wollte er wissen.
„Immer", antwortete die Hagere. „Jedes Schiff wird begrüßt, wenn es eine bestimmte Größe hat und ins Ausland fährt oder aus dem Ausland kommt."
Der Kellner kam und nahm die Bestellungen entgegen.
Vom Hafen näherte sich ein Frachter.
Sie hörten das „Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus...", die Verabschiedung und die französische Nationalhymne.
Es war ein Franzose, der nach Australien fuhr, wurde über Lautsprecher bekannt gegeben.
„Die haben es gut", dachte Herbert. „Vielleicht sollte ich... Ach, es hat ja doch keinen Zweck."
Kaffee und Kuchen wurden serviert.
Während sie aßen, kamen noch drei weitere Schiffe vorbei, die begrüßt wurden.
Herbert dachte an Sarah, an sein eigenes Leben und fragte sich, was es ohne das Pferd überhaupt wert sei.
Er saß hier in der Sonne, während Sarah auf der Weide war, aber auf welcher? auf dem Richterschen Hof?
Er verfluchte seine Abhängigkeit und konnte doch nicht anders, als an die Stute zu denken.
Vom Hauptbahnhof aus rief er seine Frau an, dass es doch etwas später geworden sei. Er würde erst zum Abendessen zurück sein.
„Tut mir leid", sagte er. „Dabei habe ich noch gar nichts für dich gekauft."
„Macht nichts, ich habe dafür für uns ein schönes Abendbrot gemacht. Krauses wollen auf einen Sprung vorbeikommen. Vielleicht sollst du ihm wieder bei der Steuererklärung helfen."
Im Bahnhof kaufte er für seine Frau eine Schachtel Pralinen und ein Heft mit Strickmoden, von dem er hoffte, dass sie es noch nicht hatte.
Es gab zwar keine Platzreservierung für die Rückfahrt, aber er fand ein fast leeres Abteil und setzte sich in Bremen ans Fenster.
Krauses waren zum Abendbrot gekommen. Es ging nicht um die Steuererklärung, sondern um die Frage, ob sie sich ein Ferienhaus kaufen oder mieten sollten. Sie konnten sich nicht entscheiden und holten den Rat der Freunde ein.
So saßen sie den ganzen Abend beisammen, und Herbert war es ganz lieb, von den Gedanken und Sorgen um Sarah abgelenkt zu sein.
Sonntag, der zweiundzwanzigste Tag.
Bei Frühstück erzählte Herbert von seinem Lehrgang. Seine Frau freute sich mit ihm, dass er am Freitagabend am Gänsemarkt gesessen und am Samstag das Schulauer Fährhaus besucht hatte.
Natürlich las er die Samstagszeitung und dabei stieß er auf einen Artikel, in dem der Reiterhof Richter für diesen Sonntag einen Tag der offenen Tür ankündigte, um sich neuen Interessenten vorzustellen.
„Hier, hast Du das gelesen?" fragte er seine Frau.
„Was?"
„Da gibt es einen Tag der offenen Tür auf einem Reiterhof. Ich glaube, das muss der sein, zu dem die Pferde gehören, die du mal gefüttert hast. Lass uns doch da vorbeischauen."
„Wird das nicht furchtbar voll?"
„Ich weiß nicht. Wir können ja mal sehen."
Seine Frau ließ sich nicht anmerken, dass der Reiterhof Richter bei ihr Erinnerungen weckte, Erinnerungen an eine Telefonnummer und an den Namen Sarah, den sie auf dem Zettel gelesen hatte.
Am Nachmittag fuhren sie los.
Herbert tat so, als ob er sich noch orientieren müsste, wo der Hof Richter lag.
Bald aber sahen sie Schilder, die auf die Eröffnung hinwiesen.
Schon vor dem Hof parkten Personenwagen am Wegrand.
Sie stiegen von den Rädern ab und schoben sie auf den Hof.
Auf der Mitte des Hofes war ein Bierstand aufgebaut, um den sich einige Männer gesammelt hatten, die über Pferde fachsimpelten. Den Züchter konnte Herbert nicht sehen.
„Wo mögen die Pferde sein?" fragte seine Frau.
„Vielleicht hinten, auf der Weide. Schau, dort drüben kommen einige Leute."
Zwischen den Gebäuden kam eine Familie auf den Hof.
„Lass uns die doch fragen."
„Können Sie uns sagen, wo die Pferde sind?", fragte Herbert.
„Auf der Weide, wir kommen gerade daher. Gehen sie dort entlang", der Mann zeigte auf den Weg zwischen Stall und Hauptgebäude. „Sie sehen dann vielleicht noch das Schaureiten."
„Danke."
Sie wandten sich den Gebäuden zu.
Über Tür des Stalles war das Schild „Reiterhof Richter. Laden. Auskunft und Anmeldung" zu lesen und daneben: „Verkauf von Reitzubehör."
„Hier kann man also Reiterkleidung und Pferde kaufen", stellte seine Frau fest. „Wie gut, dass wir kein Pferd haben oder kaufen wollen."
Herbert schluckte einen Klos im Hals herunter.
Auf der Weide ging das Schaureiten seinem Ende zu.
Der Pferdezüchter stand an der Tränke, die Peitsche als Zeichen seiner Würde in der Hand.
„Richter", begrüßte er die Neuankömmlinge. „Kennen wir uns nicht schon?" wandte er sich an Herbert. „Das müssen Sie sich ansehen: Wir haben drei besonders schöne Hengste hier..."
In diesem Augenblick entdeckte Herbert Sarah.
Sie kam von dem hinteren Teil der Weide, geritten von einem ungefähr zwölfjährigen Mädchen. Ihre schwarzen Haare wehten hinter ihr her, als sie sich im Galopp der Tränke näherte.
Herbert hörte nicht mehr auf das, was der Züchter erklärte.
Er nahm nur noch Sarah und die junge Reiterin wahr, alles andere interessierte ihn nicht mehr.
„Langsam, Petra, langsam!", rief Richter ihr zu.
Aber das Mädchen lachte nur, parierte das Pferd und sprang aus dem Sattel.
„Brav hast du das gemacht, Sarah", lobte sie das Pferd und klopfte seinen Hals.
Sarah rieb ihren Kopf an Petras Schulter, so, als ob sie etwas als Belohnung erwartete.
„Hier", das Mädchen und holte eine Möhre aus seiner Jacke.
„Ihr habt Euch in den paar Tagen schon ganz gut angefreundet", sagte der Züchter.
„Ja, Sarah ist ein prima Pferd. In dieser Woche wird bei uns auch der Stall fertig, dann kommt sie ganz zu uns."
„Sie haben sie verkauft, meine Sarah", dachte Herbert, „verkauft, wie eine Sklavin. Warum bin ich nur hierher gekommen?"
Ihm wurde schwarz vor Augen.
Alle Hoffnungen und Wünsche stürzten zusammen.
„Ist Ihnen nicht gut?", hörte er eine Stimme.
„Herbert, was ist denn?", das musste seine Frau sein.
Wie in einem Film zogen Bilder an ihm vorbei:
Sarah, wie er sie das erste Mal gesehen hatte, Sarah am Zaun, der Traumritt und wie er in dem zweiten Traum durch ihr Auge gestürzt war.
Das Lied „Wenn mein Schätzchen Hochzeit hat, hollahie, hollaho, ist's für mich ein Trauertag..." dröhnte durch seinen Kopf.
Er wankte, musste sich an dem Zaun festhalten.
„Es geht schon", hörte er sich sagen.
Er wäre am liebsten für immer in der Dunkelheit versunken, nie mehr aufgetaucht. Was sollte das Leben jetzt noch?
Er fand sich auf einem Stuhl wieder, den man ihm untergeschoben hatte. Die Zuschauer standen um ihn herum, Gesichter starrten ihn an.
„Es geht schon wieder", hörte er sich mit krächzender Stimme noch einmal sagen.
„Sollen wir nicht lieber einen Arzt holen?", fragte der Züchter.
„Nein, nein, keinen Arzt", sagte Herbert, jetzt schon lauter.
Wie konnte ein Arzt helfen?
Das Mädchen drängte sich zu ihm.
„Ich glaube, Sarah will Sie unbedingt sehen", sagte sie.
Sarah kam auf ihn zu. Er fühlte ihre Nüstern an seiner Schulter und an seinem Hals.
„Sarah, nein, komm zurück!" rief das Mädchen erschrocken und versuchte, das Pferd zurück zuzerren.
„Nein, lass nur", murmelte Herbert.
Es war, als ob sie sich von ihm verabschieden wollte.
Er streichelte ihren Kopf und den Hals.
Tränen standen in seinen Augen.
Das Mädchen zerrte die Stute zurück.
„Geht es schon besser?", fragte seine Frau.
Herbert nickte.
„Komm, lass uns fahren", bat er. „Ich schaffe es schon."
Schweigend gingen sie zu ihren Fahrrädern und verließen den Hof.
Als sie ein kleines Stück nebeneinander fuhren, fragte seine Frau:
„War das Sarah?"
Er sagte nur: „Ja, das war Sarah."
Er musste darüber hinwegkommen. Vielleicht würde es sehr lange dauern und sicher nicht leicht werden. Sie war ein Teil seiner selbst gewesen, obwohl er immer nur auf der anderen Seite des Zaunes gestanden hatte.
Zu Hause sah er in den Spiegel.
Ein altes, müdes Gesicht blickte ihm entgegen, die Haare von einem grauen Schimmer durchzogen.
„Es muss weitergehen, irgendwie auch ohne dich. Lebe wohl Sarah - und werde glücklich."