Der Schokoladenkringel

Band 1 seiner abenteuerlichen Geschichten,

erzählt vom Schokoladenkringel, aufgeschrieben von

Christian B. Hell

 

 

 

© Christian B. Hell, Lengerich 20022

 

 

Zu diesem Buch:

Dies ist die fast unglaubliche Geschichte des Schokoladenkringels, eines richtigen, lebendigen Schokoladenkringels mit zwei Beinen, zwei Armen und einem Kopf.

Eines Tages, genau am 1. Weihnachtstag kam er zu uns und erklärte, dass Schokoladenkringel nur Schokolade, Schokoladentorte, Schokoladeneis und Schokoladenpudding vertragen und fast nur Kakao trinken.

Er wohnt noch immer bei uns und hat unglaubliche Abenteuer erlebt.

Wer denkt, so etwas gibt es nicht, der ist ihm noch nicht begegnet oder der hat dieses Buch noch nicht gelesen. Die Abenteuer, die hier aufgeschrieben sind, hat er mir erzählt, und ich habe sie für dich aufgeschrieben.

 

 

Inhaltsverzeichnis

Das erste Kapitel - Wie der Schokoladenkringel zu uns kam *

Das zweite Kapitel - Der erste Schultag *

Das dritte Kapitel -Olympiareif *

Das vierte Kapitel - Bei Tante Amalie *

Das fünfte Kapitel - Die Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe *

Das sechste Kapitel - Kapitän Piepenbrink *

Das siebente Kapitel - Der Kapitän erzählt *

Das achte Kapitel - Auf Krabbenfang *

Das neunte Kapitel - Wette gewonnen *

Das zehnte Kapitel - Der Hauptgewinn *

Das elfte Kapitel - Hoch oben *

Das zwölfte Kapitel - Ein nächtlicher Flug *

Das dreizehnte Kapitel - Über Wasser und Wüste *

Das vierzehnte Kapitel - Hab´ne Tante in Marokko *

Das fünfzehnte Kapitel - Der Überfall *

Das sechzehnte Kapitel - Verkauft *

Das siebzehnte Kapitel - Als Sklave der Königin *

Das achtzehnte Kapitel - Auf der Flucht *

Das neunzehnte Kapitel - Fips mit dem roten Fleck *

Das zwanzigste Kapitel - Die Teufel des Urwaldes *

Das einundzwanzigste Kapitel - Was ist ein Echo? *

Das zweiundzwanzigste Kapitel - Auf dem großen Fluss *

Das dreiundzwanzigste Kapitel - Das Urwaldhospital *

Das vierundzwanzigste Kapitel - Der Freund der Tiere *

Das fünfundzwanzigste Kapitel - Das geraubte Baby *

Das sechsundzwanzigste Kapitel - Auf dem Heimweg *

Das siebenundzwanzigste Kapitel - Kapitän Piepenbrinks Sohn *

Das achtundzwanzigste Kapitel - Wieder zu Hause *

Das neunundzwanzigste Kapitel - In der neuen Schule *

 

 

 

Das erste Kapitel

Wie der Schokolademkringel zu uns kam

Das, von dem ich hier berichte, hätte sich überall ereignen können.

Warum gerade in Vlotho und bei uns?

Ich weiß es nicht. Vielleicht nur deshalb, weil Thomas einen solch seltsamen Wunsch gehabt hatte.

Vlotho ist ein kleines Städtchen an der Weser. Es schmiegt sich an zwei Hügel, im Süden an den Winterberg und im Norden an den Amtshausberg mit seinen alten Burgruinen.

In diesem Städtchen wohnten wir.

Wir, das sind meine Frau Helga, Christina, unsere Tochter, genannt Tina, damals elf Jahre alt, Thomas, der in die zweite Klasse ging, der zweijährige Michael und ich selbst.

Unser Haus lag an der Burgstraße, die von der Stadt zum Amtshausberg emporführte.

Heute war der erste Weihnachtstag, und es begann zu schneien.

Wir saßen im Esszimmer beim Mittagessen. Es gab Salat, Rinderbraten, Rotkohl, Kartoffeln und zum Nachtisch eine Schokoladenspeise.

Draußen fielen die Flocken immer dichter.

Thomas sagte: „Nachher will ich zum Schlittenfahren. Wer kommt mit?"

Niemand wollte mitkommen.

Christina, genannt Tina, wollte ihre Freundin Ela besuchen, und wir Eltern freuten uns schon auf unseren Mittagsschlaf.

„Ich sehe schon, ihr wollt nicht mit", fuhr Thomas fort.

„Fahr doch mit Bernd."

„Bernd ist doch bei seiner Oma. - Wenn ich nur jemanden hätte, der mitkommen will und wenn es ein Schokoladenkringel ist!"

Wie er darauf kam, wusste er hinterher auch nicht zu sagen. Es schien, als müsste alles so kommen.

Im Wohnzimmer nebenan stand unser Weihnachtsbaum. Und in diesem Wohnzimmer machte es plötzlich:

„plopp",

ganz einfach:

„plopp",

nicht besonders laut, aber so, dass wir es hören konnten.

Und dann öffnete sich die Glastür und herein kam ein Schokoladenkringel, ein richtiger Schokoladenkringel mit zwei Armen, zwei Beinen und einem Kopf.

Wir waren zuerst ganz sprachlos, denn einen richtigen, lebenden Schokoladenkringel hatten wir noch nie gesehen.

Du etwa?

„Wer bist du?", fragte ich.

„Ich bin der Schokoladenkringel. Ihr habt mich doch gerufen!"

Wir ihn gerufen?

Aber dann fiel uns ein, was Thomas gesagt hatte: „Wenn ich nur jemanden hätte, der mitkommen will und wenn es ein Schokoladenkringel ist!"

„Nun setzt dich erst einmal hin", meinte Helga, meine Frau. „Wenn du stehen bleibst, ist es so ungemütlich. Sicher hast du Hunger."

Der Schokoladenkringel ließ sich nicht zweimal bitten und nahm Platz.

Tina holte einen Teller und ein Besteck aus der Küche.

„Guten Appetit! Am besten ist es, wenn du dir selbst nimmst. Du weißt ja, wie groß dein Hunger ist", sagte ich.

Der Schokoladenkringel schaute mit gekrauster Stirn auf den Tisch.

„Nein", war die Antwort, und er schüttelte den Kopf. „Schokoladenkringel können so etwas nicht essen! Das vertragen sie nicht!"

„Und was vertragt ihr dann?", wollten wir wissen.

„Schokoladenkringel", so erklärte uns der Schokoladenkringel, „vertragen zum Beispiel Schokoladeneis, Schokoladenpudding, Schokoladenstreusel, Schokoladentorte und natürlich Schokolade. Und sie trinken am liebsten Kakao!"

Nach dieser Erklärung dachten wir:

„Das kann ja heiter werden."

Aber Thomas, der sich den Schokoladenkringel herbeigewünscht hatte, tröstete ihn und sagte:

„Du musst nicht traurig sein, Schokoladenkringel. Wir haben noch Nachtisch, prima Schokoladenpudding."

Der Tisch wurde abgeräumt, und Tina brachte die Schüssel mit dem Schokoladenpudding aus der Küche.

Die Augen des Schokoladenkringels wurden größer und größer. Das war genau das, was er sich wünschte!

Und weil er so großen Hunger hatte, bekam er als Erster sein Puddingschälchen, voll bis an den Rand. Aber noch ehe Tina ein anderes Schälchen füllen konnte, war seines schon leer gegessen.

Und ehe einer von uns Erwachsenen sagen konnte: „Schling den Pudding nicht so herunter", hatte er Tina sein Schälchen hingehalten und bettelte:

„Ich hab doch so großen Hunger. Bitte, bitte gib mir noch mehr."

So kam es, dass der Schokoladenkringel den ganzen Nachtisch allein aß, die ganze Schüssel, und dann aß er noch zwei Tafeln Schokolade von unseren bunten Tellern und ein großes Stück Pfefferkuchen mit Schokoladenüberzug, und dazu trank er ein großes Glas Kakao.

Jetzt war er endlich satt.

Nach dem Abwasch, Tina und Thomas stellten das Geschirr weg, der Schokoladenkringel half, so gut es ging, wollte Thomas mit seinem neuen Freund zum Rodeln gehen.

Der Schnee hatte den Amtshausberg inzwischen mit einer dünnen, weißen Decke überzogen.

Ich meinte, der Schnee sei doch nicht dick genug, aber die beiden bestanden darauf, Schlitten zu fahren.

Da der Schokoladenkringel keine Winterkleidung hatte, zogen wir ihm die grüne Ersatzhose von Thomas an, Tinas gelbe Jacke und die Fausthandschuhe meiner Frau. Alles passte wie angegossen.

Nach zwei Stunden kamen die beiden zurück.

„Toll war das", berichtete Thomas.

„Überall, wo wir gefahren sind, lag genug Schnee! Nur die anderen blieben ab und zu mit ihren Schlitten hängen!"

Ich hatte ein eigenartiges Gefühl und schaute den Schokoladenkringel scharf an. Hatte der etwa ...?

Aber der blickte mich nur treuherzig an, und ich bin mir heute noch nicht sicher, aber ich meine, er hatte mir mit seinem rechten Auge zugeblinzelt.

Ansonsten ging der Tag recht normal zu Ende.

Die Kinder hatten vom Schlittenfahren einen tüchtigen Appetit mitgebraucht. Thomas aß zwei Stück Kuchen, der Schokoladenkringel vier, aber nur, weil es ihm so gut schmeckte, wie er betonte. Dazu trank er eine ganze Kanne Kakao aus, und zwar deshalb, weil er seit so langer Zeit nichts getrunken hatte.

Dann spielten wir mit den Kindern Brettspiele und sangen Weihnachtslieder, wobei sich herausstellte, dass der Schokoladenkringel eine ganze Menge kannte, aber entsetzlich falsch sang, etwa so, wie ich selber. Er wurde mir richtig sympathisch.

Natürlich versuchten wir herauszubekommen, woher er kam, wie alt er war, was er bisher getan hatte, wo seine Eltern wohnten; aber er wusste auf keine Frage eine Antwort.

„Das fällt mir bestimmt später noch ein", tröstete er uns. „Und wenn ich es euch dann erzähle, freut ihr euch doch auch, oder etwa nicht?"

Später haben wir dann einiges von ihm erfahren, aber viel war das nicht. Vielleicht wusste er selbst nichts mehr.

In dieser ersten Nacht schlief der Schokoladenkringel auf einer Luftmatratze in Thomas Kinderzimmer.

 

Nachts hatte er einen merkwürdigen Traum.

Er erzählte später, dass er im Nebel auf einem hohen Berg gestanden habe und eine Stimme zu ihm sprach, die sagte, dass er viele Abenteuer und Aufgaben bestehen müsse, ehe er erfahren könnte, wer er sei und woher er komme. Zunächst vergaß er den Traum. Irgendwann erzählte er dann beiläufig davon.

 

Später haben wir ihm dann ein eigenes Zimmer eingerichtet, es lag zwischen dem Bad und dem Kinderzimmer, nur ...

Das war so:

Als der Schokoladenkringel sagte: „Jetzt möchte ich richtig bei euch wohnen, so als euer Kind, oder doch wenigstens als Pflegekind", da überlegten wir, wo er sein Zimmer haben konnte.

Er wusste es ganz genau:

Zwischen dem Zimmer von Thomas und dem Bad wollte er wohnen.

Nur das ging nicht, weil es da kein Zimmer gab, da war bloß die Wandzwischen den beiden Räumen.

Als wir ihm das erklärten, sah er uns ganz merkwürdig an und meinte:

„Kommt doch mal mit."

So stiegen wir die Treppe hoch und tatsächlich, zwischen dem Bad und dem Kinderzimmer gab es plötzlich einen leeren Raum mit einer richtigen Tür, die ebenfalls früher nicht da gewesen war.

Konnte der Schokoladenkringel zaubern?

Und genauso merkwürdig war, dass jedes Mal, wenn er sich später auf Reisen befand, das Zimmer und die Tür verschwanden, so, als hätte es nie diese Tür und dieses Zimmer gegeben.

Sehr seltsam fanden wir das. Du würdest das sicher auch nicht anders finden.

Aber bei aller Aufregung, die wir noch mit dem Schokoladenkringel hatten, spielte das schon keine Rolle mehr.

An diesem Abend schlief er also in Thomas Zimmer.

Am zweiten Weihnachtstag hatten wir uns schon so sehr an ihn gewöhnt, dass wir gar nicht merkten, dass er erst vor einem Tag zu uns gekommen war, sozusagen als Weihnachtsgeschenk.

Der Schokoladenkringel hat in seiner Zeit bei uns sehr viel erlebt, das heißt, eigentlich wohnt er ja noch immer bei uns, wenn er zum Hause ist.

Von seinen vielen Abenteuern hat er uns aber nach und nach erzählt.

Und davon jetzt mehr.

 

Das zweite Kapitel

Der erste Schultag

Die Weihnachtsferien neigten sich dem Ende zu.

Der Schokoladenkringel wohnte noch immer bei uns und wollte auch weiter bei uns bleiben.

„Du musst aber auch zur Schule", sagte Thomas am 6. Januar. „Morgen geht es wieder los."

„Warum muss ich zur Schule?", fragte der Schokoladenkringel. „Bin ich so dumm?"

„Das hat mit Dummheit nichts zu tun", belehrten wir ihn.

Erwachsene haben meistens so kluge Antworten.

„Bei uns ist das einfach so. Wenn einer noch nicht achtzehn Jahre alt ist, dann muss er zur Schule gehen."

„Achtzehn Jahre?", staunte der Schokoladenkringel, „so lange muss man zur Schule gehen? Geht denn in die Köpfe so viel hinein?"

„Wie alt bist du denn?", lenkten wir ab. Wir hofften, dass er uns endlich sein Alter verraten würde.

„Ich weiß es nicht. Bei euch bin ich jedenfalls erst ein paar Tage alt."

„Dann darfst du also noch gar nicht zur Schule, weil du zu klein bist", trumpfte Thomas auf. „Ein Schokoladenkringelbaby!"

„Na, hör mal!", empörte sich er sich. „Ich bin immerhin so groß wie du."

„Dann gehst du also morgen mit zur Schule. Wir melden dich dann gleich an", sagte ich.

Nach dem Frühstück gingen wir in die Stadt und kauften einen Ranzen, Bleistifte, Hefte und alles das, was ein Schüler braucht, wenn er zum ersten Mal in die Schule kommt und vielleicht sogar in der zweiten Klasse anfängt. Denn dass er schon etwas wusste und auch schon, wenigstens etwas, schreiben konnte, hatten wir wohl gemerkt.

Pünktlich um acht Uhr standen wir an nächsten Tag vor dem Direktorenzimmer der Grundschule.

Herr Krach, der Direktor, war in seinem Zimmer.

Wir klopften an.

„Herein", rief er.

Wir öffneten die Tür und zogen den Schokoladenkringel hinter uns her, der plötzlich ganz ängstlich zu werden schien.

„Guten Morgen", begrüßte uns der Direktor. „Ach, da ist ja der berühmte Schokoladenkringel! Guten Morgen, ich habe schon von dir gehört!"

Er hatte also schon von ihm gehört. Das war kein Wunder, denn in einer Kleinstadt spricht sich alles so schnell herum, dass man fast keine Zeitung braucht. Beinahe jeder kannte den Schokoladenkringel. Neugierig waren die Vlothoer schon, aber nicht mehr als alle anderen, denen ein Schokoladenkringel begegnet.

Dir würde es sicher nicht anders ergehen, ja, vielleicht würdest du vor Neugierde platzen - oder nicht?

„Guten Morgen Herr Krach", antworteten wir. „Wir wollen den Schokoladenkringel zum Unterricht anmelden."

„Das ist gut", erwiderte der Direktor. „Merk dir eins, Junge: Man kann gar nicht genug lernen!"

„Auch, wenn der Kopf schon voll ist?", fragte der Schokoladenkringel, jetzt schon wieder kecker.

Herr Krach sah ihn an. Vorlaut schien er also auch noch zu sein, dachte er.

„Ja, auch, wenn der Kopf schon voll ist. Da geht nämlich mehr hinein, als man denkt!"

„Haben Sie die Unterlagen mitgebracht?", fragte er uns.

„Unterlagen?", wollten wir wissen. „Welche für Unterlagen?"

„Abmeldebescheinigung der letzten Schule, die er besucht hat, Zeugnisse, Geburtsurkunde und so weiter", erklärte Herr Krach.

Du musst nämlich wissen, bevor man in der Schule etwas lernen darf, muss man eine ganze Menge an amtlichen Papieren haben. Aber die hatten wir ja nicht. Der Schokoladenkringel war ohne Geburtsurkunde, Ausweis und Zeugnis, ohne all die vielen Papiere zu uns gekommen, die nötig sind, damit aus einem Menschen erst ein richtiger Mensch wird.

Zum Kuckuck, wo sollten wir die herbekommen?

Wir schüttelten den Kopf. „Wir haben nichts."

Der Schulleiter sah uns verständnislos an.

„Herr Krach, wenn wir Ihnen erzählen, wie der Schokoladenkringel zu uns gekommen ist, dann würden Sie die Geschichte doch nicht glauben, so unwahrscheinlich ist sie."

„Dann erzählen Sie doch erst einmal."

Und wir erzählten ihm die Geschichte, und er hat uns tatsächlich nicht geglaubt! Er dachte, wir wollten ihn auf den Arm nehmen oder etwas Ähnliches. Aber wer traut sich schon einen Lehrer, und dazu noch einen richtigen Direktor, auf den Arm zu nehmen?

Nun, den Schokoladenkringel gab es schließlich, und irgendwie musste er doch Unterricht haben.

„Wenn Sie mich auf den Arm nehmen wollen", sagte Herr Krach, „nun gut, dann tun Sie das. Aber wo der Schokoladenkringel nun hier ist, da soll er auch so viel wie möglich lernen!"

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

Wir hatten uns schon am Anfang des Gespräches gesetzt und lehnten uns ebenfalls zurück.

„Also, dann soll der Schokoladenkringel morgen zum Unterricht kommen. Wir wollen dann mit der ersten Klasse anfangen und sehen, was er kann."

Der Direktor murmelte etwas vor sich hin, und es hörte sich an, als ob er sagte:

„Sicher weiß der noch nicht einmal, wann er geboren ist. Und der will zur Schule?"

In dieser Nacht hatte er einen merkwürdigen Traum:

Er hörte eine Stimme die sagte:

„Du wirst mehrere Abenteuer bestehen. Erst dann wirst Du zurückfinden und wissen, wer du bist und woher du kommst. Es hängt von dir ab, ob du die dir gestellten Aufgaben löst."

Am Morgen hatte er diesen Traum wieder vergessen. Irgendwann später fiel er ihm ein, und er erzählte beiläufig davon.

Auf Fotos, die die Kinder in den Weihnachtsferien angesehen hatten, hatte der Schokoladenkringel entdeckt, dass Kinder am ersten Schultag mit einer großen Schultüte zur Schule gehen.

„So eine Schultüte, wie Thomas sie gehabt hat, möchte ich auch haben", sagte er.

Nun ist es schwer, ja, fast unmöglich, nach den Weihnachtsferien eine Schultüte zu bekommen, weil alle Kinder ja nach den Sommerferien ihren ersten Schultag haben.

Wir hatten in allen Geschäften von Vlotho gesucht, wo es nach den Sommerferien Schultüten gegeben hatte. Aber es gab keine.

„Schultüten?", fragte Frau Gollnow, „Schultüten, die haben wir nicht mehr! Versuchen sie es doch bei Schnells."

Aber auch bei Schnells gab es keine. In der ganzen Stadt waren sie ausverkauft!

Da hatte Thomas eine Idee.

„Wir können doch den Hut eines Zauberers nehmen", schlug er vor

Er hatte ein Bild in einem seiner Kinderbücher in Erinnerung behalten, auf dem ein Zauberer eine Schultüte, wie er es damals nannte, auf dem Kopf hatte.

„Aber wo bekommen wir einen solchen Hut her?", fragten wir uns.

Tina wusste Rat.

„Jetzt ist doch bald Fasching. Da müsst ihr in allen Geschäften nach einem Zaubererhut fragen. Dem wird es sicher geben."

Und tatsächlich, unser kleines Kaufhaus hatte in seiner Spielzeugabteilung bereits Faschingsartikel.

Wir fanden einen wunderschönen, großen Zaubererhut, den wir als Schultüte zurechtmachten.

Am nächsten Tag ging der Schokoladenkringel mit seiner Schultüte zur Schule. Thomas begleitete ihn.

Nun konnte der Schokoladenkringel sehr viel, wie sich später herausstellte, aber eins konnte er nicht: singen.

Wir hatten das schon bei den Weihnachtsliedern gemerkt: er sang laut und gern und falsch.

Und so sang er auf dem Vogelbeerbaumweg, der hinter unserem Haus zur Schule führte:

„Ach du meine liebe Güte, sechs Bonbons in einer Tüte."

Der Schokoladenkringel sang es so entsetzlich falsch, dass selbst Thomas, der doch sein bester Freund war, dachte:

„Hoffentlich lernt er bald, besser zu singen. Er singt ja wie mein Vater."

Er sang dies „Ach du meine liebe Güte, sechs Bonbons in einer Tüte" immer wieder von vorn, jedes Mal etwas anders, und dazwischen stopfte er sich Schokolade in den Mund.

Allerdings muss ich sagen, dass er Thomas auch Schokolade abgegeben hat.

In der Schule sollte er zunächst in die erste Klasse.

Aber nach drei Tagen konnte er alles und vieles sogar besser als die anderen Schüler.

„Dann versuchen wir es mal mit der zweiten Klasse", sagte Herr Krach, als Frau Tischbein, die Klassenlehrerin, ihm von den Fortschritten des neuen Schülers berichtete.

Die zweite Klasse, in der Thomas war, erwies sich nach vier Tagen als zu leicht und so kam er in die dritte Klasse.

Aber auch in der dritten Klasse wusste er sehr schnell mehr, als alle anderen, ausgenommen dem Lehrer, der ja immer am meisten weiß.

„Also die vierte Klasse", seufzte Herr Krach.

„Herr Schlüssel, übernehmen Sie den Schokoladenkringel."

Hier in der vierten Klasse gefiel es dem Schokoladenkringel richtig gut.

Schreiben, na ja, das ging so einigermaßen. Rechnen, das konnte er ganz gut, aber am allerbesten war er im Sport.

Er konnte laufen und springen. Und er konnte schwimmen.

Das dritte Kapitel

Olympiareif

Auf dem Stundenplan stand Sport. Die Klasse sollte zum Schwimmen.

Die Mitschüler, die wussten, dass der Schokoladenkringel sehr gut laufen und springen konnte, wollten wissen, ob er auch schwimmen könne.

„Ich weiß es nicht", sagte er. „Ich muss es erst ausprobieren."

Im Schwimmbad war die 4a die einzige Klasse.

Herr Klein, der Sportlehrer, ließ alle an den Beckenrand treten.

„Ich zähle bis drei, dann springt ihr ins Wasser. Hier ist es noch nicht so tief, dass ihr Angst haben müsst."

Er zählte:

„Eins - zwei - drei", und bei drei sprangen alle in das Wasser.

Der Schokoladenkringel tat, als ob er untergehen würde. Er zappelte und prustete in dem flachen Wasser, als ob er ein Nilpferd wäre - obwohl ein Nilpferd sicher nicht so prustet und zappelt.

Die anderen Kinder lachten:

„Der kann ja noch nicht mal schwimmen", riefen sie.

„Ruhe, Kinder, Ruhe!" rief Herr Klein. „Wer kann schon richtig schwimmen?",

Acht Kinder meldeten sich und auch der Schokoladenkringel.

„Was, du?", lachten die anderen. „Du gehst ja unter wie eine Bleiente."

„Wollen wir wetten, dass ich schwimmen kann?", fragte der Schokoladenkringel, „dass ich schneller bin als ihr alle?"

„Wetten wir", riefen die Klassenkameraden, die ihn nicht genug kannten, denn sonst hätten sie lieber nicht gewettet.

„Wetten wir um eine Tafel Schokolade. Ich bekomme von jedem von euch eine Tafel, wenn ich schneller bin als ihr. Wenn ein anderer schneller ist als ich, bekommt jeder eine von mir."

Das war ein Angebot! Die Schwimmer nahmen es an.

Herr Klein, der gerade den Bademeister begrüßte, hatte von dieser Wette nichts mitbekommen. Sicher hätte er sie sonst verboten.

Die Schwimmer sollten nun zeigen, wie schnell sie waren.

Sie stellten sich am Beckenrand auf.

„Ich zähle bis drei", erklärte Herr Klein. „Bei drei springt ihr ins Wasser und schwimmt los, bis zum Ende der Bahn und dann wieder zurück."

Er zählte:

„Eins - zwei - drei", und dann sprangen die Kinder. Nur der Schokoladenkringel blieb am Beckenrand stehen.

„Wolltest du nicht mitschwimmen?", fragte Herr Klein den Schokoladenkringel. „Oder kannst du nicht schwimmen?"

„Doch", war die Antwort, „gleich."

Die anderen Kinder lachten.

„Er traut sich nicht! Er traut sich nicht!", riefen sie im Chor.

Aber den Schokoladenkringel kümmerte das ganz und gar nicht.

Als die Schwimmer den anderen Beckenrand erreicht hatten, stieg er ganz gemütlich ins Wasser, und mit einem Mal legte er los, mit einer solchen Geschwindigkeit, wie selbst Herr Klein sie bei keinem Schwimmer jemals gesehen hatte.

Als die Kinder gerade die Hälfte des Rückweges hinter sich hatten, war der Schokoladenkringel schon am anderen Ende, und dann überholte er sie alle.

Er stieg aus dem Wasser und setzte sich auf den Beckenrand.

„Nun legt mal los, ihr lahmen Enten", rief er. „Oder könnt ihr nicht schneller?"

Der Schokoladenkringel war Sieger geworden und hatte die Wette gewonnen.

Keiner der Klassenkameraden lachte mehr über ihn. Sie hatten vor ihm einen Riesenrespekt.

Am nächsten Tag brachte jeder der acht Schüler eine Tafel Schokolade zur Schule mit, und der Schokoladenkringel verteilte sie so, dass jeder aus der Klasse etwas von ihm bekam.

„Allein wollte ich sie auch nicht essen", erzählte er uns beim Mittag. „Ich hätte sonst bestimmt den Schokoladenpudding nicht mehr geschafft. Und das wäre doch schade, nicht wahr?"

Der nächste Tag begann mit Musikunterricht.

„So, Kinder, wir haben einen neuen Schüler bekommen, wie sich sehe", eröffnete Frau Münsterin die Stunde.

„Ich habe gehört, wie gut du schwimmen kannst, Schokoladenkringel. Nun wollen wir sehen, wie es mit dem Singen ist."

„Ich kann gut singen!", behauptete der Schokoladenkringel und war davon auch fest überzeugt. „Ich glaube, im Singen bin ich noch besser als im Sport."

„Dann wollen wir mal ein Lied von dir hören", schlug Frau Münsterin vor. „Du kannst es dir auch selbst aussuchen."

Der Schokoladenkringel überlegte einen Augenblick.

„Jetzt fällt mir eins ein", sagte er. „Das gefällt Ihnen ganz bestimmt."

Er stellte sich vor die ganze Klasse und begann zu singen:

„Auch du meine liebe Güte, sechs Bonbons in einer Tüte. Ach du meine liebe Güte, sechs Bonbons in einer Tüte. Ach du..."

Laut und falsch konnte er schon singen, der Schokoladenkringel.

Frau Münsterin hielt sich nach den ersten Tönen die Ohren zu. Sie war nämlich sehr musikalisch.

„Aufhören, aufhören!", rief sie.

Der Schokoladenkringel hörte auf zu singen.

Die Klasse, die zuerst still war, brüllte plötzlich vor Lachen los.

Der Schokoladenkringel sah erstaunt aus.

„Warum soll ich aufhören? Warum lacht ihr denn so? Ihr seid gemein! Gemein seid ihr!"

Er war den Tränen nahe.

So schön hatte er gesungen, und nun gefiel es keinem.

„Ich kann viel besser singen, als die meisten Schlagersänger", trumpfte er auf.

Die Klasse lachte noch lauter.

„Wirklich!"

„Wenn Du hier im Musikunterricht besser als im Schwimmen sein willst, dann musst du noch etwas üben", sagte Frau Münsterin.

„Üben? Meine Mutter sagt, ich singe einzigartig. Und die versteht etwas mehr von Musik als ihr alle."

Die Klasse kicherte.

„Du gibst den Schlagersängern wohl auch eine fünf?", wandte er sich an seine Lehrerin.

„Das weiß ich nicht", meinte Frau Münsterin. „Bei mir hat noch kein Schlagersänger vorgesungen. Aber nimm es nicht übel. Du wirst es bestimmt noch lernen, und außerdem bist du je ein ganz großer Sportler."

Der Schokoladenkringel war nicht nachtragend und hatte bald wieder seine gute Laune.

Die Klasse übte noch ein Winterlied und dann klingelte es.

Auf dem Nachhauseweg sang der Schokoladenkringel auf dem Vogelbeer- baumweg noch einmal sein Lieblingslied, laut und so gut, wie er es konnte.

„Auch du meine liebe Güte, sechs Bonbons in einer Tüte."

Er schüttelte den Kopf.

„Ich kann mir nicht helfen", dachte er. „Ich finde das Lied sehr schön, und schlecht singe ich auch nicht."

Vielleicht wirst du den Schokoladenkringel einmal singen hören, und dann kannst du dir selbst ein Urteil darüber bilden, ob Frau Münsterin Recht hatte oder nicht.

Der Schokoladenkringel hatte richtig Spaß an der Schule bekommen, jedenfalls meistens.

Manchmal geht dir das doch auch so, oder?

Die Klassenkameraden lachten nicht mehr über ihn, sondern nur noch mit ihm.

Oft war er bei Freunden eingeladen und brachte Freunde mit nach Hause, und bei einem Besuch lernte er auch einen Mann kennen, mit dem er sich im Laufe der Zeit richtig anfreundete:

Es war, Jan, der Erfinder.

Aber davon später einmal.

Jedenfalls gehörte der Schokoladenkringel zu uns, und niemand konnte sich vorstellen, dass es einmal eine Zeit ohne ihn gegeben hatte.

In der Schule wurde er im Laufe der nächsten Monate in einigen Fächern besser.

Nur im Singen, da haben sich seine Töne nicht verändert.

Aber man kann ja nicht überall gut sein, nicht wahr?

 

 

Das vierte Kapitel

Bei Tante Amalie

Der Schokoladenkringel war schon eine ganze Weile bei uns.

Natürlich war er nicht nur in unserem Städtchen bekannt, nein, eigentlich schon in ganz Deutschland, jedenfalls bei denen, die unsere Zeitung gelesen haben. Denn eines Tages hatte uns der Reporter besucht und hinterher so viel geschrieben, dass fast eine Seite gefüllt war.

Alle Verwandten hatten inzwischen von ihm gehört und natürlich auch Fotos bekommen.

Am 15. Mai nun bekam der Schokoladenkringel eine Postkarte von unserer, nein, jetzt musste es heißen von seiner Tante Amalie aus Büsum.

Büsum, musst du wissen, ist ein kleines Nordseebad und liegt in Schleswig-Holstein.

Auf der Postkarte, die einen Heuler, das ist ein junger Seehund, zeigt, stand:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Hurra", rief der Schokoladenkringel, als er die Postkarte gelesen hatte.

„Ich hab´ eine Einladung! Ich hab´ eine Einladung!", und dann tanzte er durch das ganze Haus und freute sich.

Die Sommerferien begannen.

Der Schokoladenkringel packte seine Sachen. Er konnte das schon ganz allein. Dann schloss er sein Zimmer zu, das plötzlich nicht mehr zu finden war.

Ich habe ja von diesem seltsamen Zimmer erzählt.

Wir fuhren mit dem Auto nach Hannover, wo wir ihn in den Zug setzten.

Er war inzwischen sehr selbstständig geworden, und wir brauchten uns um ihn keine Sorgen zu machen.

Um seinen Hals hing ein Pappschild, auf dem stand:

 

 

Aussteigen in Büsum.

Beim Umsteigen in Neumünster

bitte helfen.

 

 

Der Schokoladenkringel hatte uns selbst darum gebeten. So ganz geheuer war ihm diese erste Bahnfahrt, die er ganz allein machte, dann doch nicht gewesen.

Der Zug fuhr an, und nun war er ganz auf sich gestellt.

Die Fahrt ging durch die große Stadt Hamburg, und in Neumünster, mitten in Schleswig-Holstein, musste er umsteigen.

Aber das war leichter, als er gedacht hatte.

Der Zug nach Büsum hielt auf der anderen Seite des Bahnsteiges, und es gab genug Zeit, um ein Abteil zu finden, in dem er seine beiden Reisetaschen abstellen konnte.

Es war heiß gewesen, als er in Hannover abfuhr, und es wurde noch heißer, als der Zug in Büsum ankam und der Mann mit der roten Mütze rief:

„Büsum, hier ist Büsum. Endstation. Alles aussteigen!"

Der Schokoladenkringel schwitzte so sehr, dass er am liebsten im Abteil geblieben wäre, nur um nicht auf den heißen Bahnsteig gehen zu müssen.

Es war wirklich sehr, sehr heiß.

Tante Amalie hatte schon nach dem Schokoladenkringel Ausschau gehalten.

Weil er als letzter ausstieg, meinte sie, dass er vielleicht gar nicht mitgekommen sei.

Aber dann kletterte eine kleine, braune, verschwitzte Gestalt aus dem vorletzten Wagen des Zuges, und Tante Amalie eilte auf sie zu.

„Da bist du ja, Schokoladenkringel", begrüßte sie ihn.

„Bist du meine Tante Amalie?", fragte der Schokoladenkringel.

„Ja", sagte sie, „das bin ich. Hast du eine gute Fahrt gehabt?"

„Aber natürlich. Schokoladenkringel fahren immer gut. Aber sag mal, woran hast du mich denn erkannt?"

„Einmal habe ich ein Foto von dir, mein Junge", entgegnete die Tante. „Und dann erkennt doch jeder, dass du der Schokoladenkringel bist."

Sie lachte. „Dein Vater hat mir schon einiges von dir erzählt."

Das stimmte. Der Schokoladenkringel war unverkennbar der Schokoladenkringel. Und tatsächlich habe ich Tante Amalie mehrmals von ihm erzählt. sie wusste einiges von ihm, aber noch lange nicht genug, sonst hätte sie sich nicht so oft über ihn gewundert.

Aber wer kann schon einen Menschen genügend kennen und dann gar einen Schokoladenkringel?

Die beiden gingen langsam durch die Gluthitze vom Bahnsteig durch das Bahnhofsgelände in den Ort hinein.

Tante Amalie wohnte in der Fischergasse, die von der Hafenstraße aus zu erreichen ist.

Seit ihrer Hochzeit lebte sie in dem kleinen Haus Nr. 6, und als ihr Mann starb, das ist schon lange her, mochte sie ihr Häuschen nicht verlassen.

Aber einsam war sie eigentlich nie gewesen, dazu hatte sie in Büsum zu viele Freunde und Bekannte.

Sie kamen an der Clemenskirche vorbei, dem alten Büsumer Fischerkirchlein.

Die Hitze drückte immer mehr.

„Jetzt kommen wir in die Hafenstraße, und dann ist es nicht mehr weit", tröstete Tante Amalie den stöhnenden Schokoladenkringel.

„So, da sind wir", sagte sie nach einigen Schritten, die sie noch zurückzulegen hatten.

Sie schloss die Tür auf.

„Ich mache dir erst einmal das Zimmer zurecht. Vorhin bin ich nicht mehr dazu gekommen. Du bleibst am besten in der Küche, da ist es am kühlsten!"

Sie gingen ins Haus.

In der Küche war es tatsächlich kühler als draußen.

„Hast du auch einen Kühlschrank?", wollte der Schokoladenkringel wissen.

„Du möchtest sicher etwas trinken. Schau mal nach, was du findest."

Der Schokoladenkringel öffnete die Kühlschranktür, und köstliche Kälte schlug ihm entgegen.

„Könnte man nicht ...?" Ein Gedanke keimte in ihm auf.

Und er tat es.

So schnell er konnte, räumte er den ganzen Kühlschrank aus, stellte alles auf den Küchenfußboden, nahm die Zwischenböden heraus, setzte sich dann selbst hinein und machte die Tür hinter sich zu.

Normalerweise sollte man das nicht tun, denn man kann dabei ersticken. Der Schokoladenkringel wusste das nicht. Er hatte einfach Glück, wie so oft in seinem Leben.

Als Tante Amalie wieder in die Küche kam, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen:

„Nein, so etwas! Dieser Bengel!"

Seufzend wollte sie den Kühlschrank wieder einräumen. Aber dann rührte sie fast der Schlag, als sie die Tür öffnete. Da kam doch der Schokoladenkringel aus dem Kühlschrank, reckte und streckte sich und sagte:

„Das hat gut getan. Jetzt bin ich wieder richtig frisch."

Tante Amalie brauchte jetzt wirklich ihre Tasse Kaffee. Aber auch der Schokoladenkringel bekam seine Kanne Kakao und ein riesiges Stück Schokoladentorte, nachdem er Tante Amalie erst beim Einräumen des Kühlschrankes hatte helfen müssen.

„Wenn du deine Sachen ausgepackt hast, gehen wir in die Stadt und machen Besorgungen", sagte Tante Amalie nach dem Kaffeetrinken. „Sicher möchtest du zum Abendbrot etwas Leckeres."

Der Schokoladenkringel konnte sich nicht vorstellen, dass es etwas Schöneres gab als Schokolade, Schokoladeneis, Schokoladenpudding und Schokoladentorte, aber den Ort wollte er auch sehen.

 

 

Das fünfte Kapitel

Die Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe

In der Stadt war es immer noch heiß. Es wehte nicht das kleinste Lüftchen, was in Büsum selten genug vorkommt.

Tante Amalie und der Schokoladenkringel bummelten durch die kleine Altstadt, und viele drehten sich nach dem ungleichen Paar um, denn einen richtigen lebendigen Schokoladenkringel bekommt man, jedenfalls in Büsum, nicht alle Tage zu sehen.

Neben der Apotheke „Zum goldenen Hering" gab es den Fleischer, und dorthin wollte Tante Amalie.

„Ich schau mich mal um", sagte der Schokoladenkringel, denn als er die Apotheke gesehen hatte, war ihm eine Idee gekommen.

„Gut, mein Junge", meinte Tante Amalie. „Wir treffen uns hier in einer halben Stunde wieder."

Der Schokoladenkringel schwitzte immer noch.

Und nun musst du wissen, dass ein Schokoladenkringel ja Kakao schwitzt, und der ist klebrig, und das mögen manche Menschen gar nicht gern und der Schokoladenkringel ebenso wenig.

Der Schokoladenkringel betrat die Apotheke.

„Guten Tag, Herr Apotheker", begrüßte er den Mann im weißen Kittel höflich.

„Guten Tag", erwiderte der Apotheker Herr Balsam, der sich gerade zu den Regalen gedreht hatte.

„Was möchten … Äh …?"

Vor lauter Überraschung konnte er nicht weitersprechen, denn auch der Apotheker Balduin Balsam hatte noch nie einen lebendigen Schokoladenkringel gesehen.

„Ich bin der Schokoladenkringel", stellte sich der Schokoladenkringel vor.

„Angenehm, sehr angenehm. Und ich bin Apotheker Baldrian, äh, Balduin Balsam", sagte Herr Balsam und verbeugte sich leicht, denn er konnte mit dem, was er sah, überhaupt nichts anfangen und dachte, er träumte.

„Ich möchte etwas gegen das Schwitzen haben", bat der Schokoladenkringel.

Herr Balsam erwachte aus seiner Erstarrung. Wenn ein Kunde etwas haben will, dann kann es kein Traum sein, dachte er.

„Ich habe hier die Antischwitzsalbe, dann habe ich Salbeitee und schließlich Dragees zum Einnehmen."

„Nein, ich suche etwas Bestimmtes", verlangte der Schokoladenkringel.

„Etwas Bestimmtes?", fragte Herr Balduin Balsam.

„Ja, haben Sie, haben Sie - äh – Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe?"

„Wie bitte?", Herr Balduin Balsam schien sich verhört zu haben.

„Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe", erwiderte der Schokoladenkringel geduldig, „einfache Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe."

„Die habe ich nicht. Davon habe ich auch noch nie etwas gehört."

Der Apotheker rieb verlegen sein Kinn.

„Können Sie mir welche machen?", wollte der Schokoladenkringel wissen.

„Ja, natürlich. Das heißt, nein. Wie macht man die denn?"

„Ich bin doch kein Apotheker", erwiderte der Schokoladenkringel. „Vielleicht haben Sie alte Rezeptbücher, in denen das steht."

Der Apotheker überlegte, dann holte er eine kleine Trittleiter und stieg hinauf. Ganz oben auf dem Regal, auf dem alte Porzellanvasen mit so klangvollen Aufschriften wie „aqua destillata", „oleum ricini" oder „fructus anisi" standen, lehnten sich drei alte, in Leder gebundene Bücher mit sehr alten Rezepten gegen die Wand.

Dort schaute der Apotheker nach.

„Scho ... Schok ... Schola ...", das erste Buch war durchgeblättert. Hier war das Rezept nicht zu finden.

Das zweite Buch kam an die Reihe: „Scho ... Schok ... Schokoss ..." Auch hier war nichts zu finden.

Das dritte Buch war seine letzte Hoffnung:

„Scho ... Schok ... Schoko ... Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe, ja, hier steht es: Schoko-laden-kringel-schwitz-nicht-mehr-salbe!"

Vor Aufregung wäre Herr Apotheker Balduin Balsam beinahe von der kleinen Trittleiter gefallen.

Er stieg herunter und legte das Buch auf den Verkaufstisch.

„Wir brauchen: Schokoladeneis, drei Kugeln, feines Kinderöl, Kinderpuder, alles erhitzen, zusammenrühren, erkalten lassen. Mehr nicht!"

Sein Gesicht war vor Aufregung ganz rot geworden.

„Sag mal, warum steht so etwas in diesen alten Büchern?", wollte er wissen.

„Vielleicht sind Schokoladenkringel schon alt, und sicher hat es schon früher mal einen Schokoladenkringel gegeben, der geschwitzt hat", antwortete der Schokoladenkringel.

Der Apotheker wollte sich gar nicht beruhigen.

„Wenn ich das am Stammtisch erzähle, glaubt mir das kein Mensch", murmelte er vor sich hin.

Dann fiel ihm wieder ein, was er noch brauchte.

„Geh doch mal nebenan zur Eisbar von Franco", befahl er, „und hole mir drei Kugeln Schokoladeneis! Wir brauchen die zur Salbe. Die anderen Zutaten habe ich hier."

Der Schokoladenkringel lief drei Häuaer weiter zu Francos Eisbar.

„Ich hätte gern drei Kugeln Schokoladeneis", verlangte er.

„Zum Mitnehmen oder hier zum Essen?", wollte der Verkäufer wissen.

„Nicht zum Essen! Der Apotheker braucht sie zur Salbe."

„So etwas", murmelte der Eismann. „Was die heute alles aus Eis machen. Mir kann's ja egal sein."

Der Schokoladenkringel bezahlte die drei Kugeln und lief wieder zum Apotheker.

Herr Balsam hatte inzwischen die Zutaten bereitgestellt: eine Flasche allerfeinstes Kinderöl und Kinderpuder.

Jetzt tat er das Eis, viereinhalb Teelöffel Kinderöl und einhundertsiebenund- zwanzig zwei-drittel Gramm Kinderpuder in eine Schale, stellte sie über einen Gasbrenner, zündete ihn an, und als sich die Schale langsam erwärmte, rührte er alles gründlich zusammen, genau so, wie es in dem Rezept beschrieben war.

Dann goss er den Inhalt in eine Dose, auf der ein goldener Hering abgebildet war, klebte einen Zettel darauf mit der eigenhändigen Aufschrift:

Schololadenkringelschwitznichtmehrsalbe und darunter gedruckt: Apotheke zum Goldenen Hering, Inhaber Balduin Balsam Büsum und stellte die Dose in seinen Kühlschrank.

Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe

Apotheke zum goldenen Hering

Inhaber Balduin Balsam, Büsum

Nach fünfzehn Minuten war die Salbe abgekühlt, und in der Dose befand sich die allerbeste Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe, die es auf der Welt gabt, wobei ich annehme, dass es die einzige überhaupt war.

„Was muss ich bezahlen?", fragte der Schokoladenkringel und kramte sein Taschengeld aus der Hosentasche.

„Nichts, gar nichts. Ich habe so viel gelernt, dass ich dir's umsonst mache", antwortete der Apotheker.

„Danke", sagte der Schokoladenkringel. „Das ist wirklich riesig großzügig."

Das fand der Apotheker Balduin Balsam auch, und er beschloss, bei der nächsten Salbe mehr zu nehmen.

„Auf Wiedersehen", verabschiedete sich der Schokoladenkringel.

„Komm doch mal vorbei und erzähl´ mir, ob sie geholfen hat", bat der Apotheker.

Der Schokoladenkringel versprach das, aber dazu kam es nicht mehr, wie wir nachher sehen werden.

Auf der Straße rieb er sein Gesicht, seine Arme, seine Beine und den Hals mit der Salbe ein - und tatsächlich, er hörte auf zu schwitzen.

Die Salbe war wirklich gut.

Wenn du einmal einen Schokoladenkringel schwitzen siehst, dann kannst du ihm ja sagen, wo er diese Salbe kaufen kann.

Der Schokoladenkringel hatte Tante Amalie ganz vergessen, sie ihn aber auch, denn in dem Fleischerladen gab es so interessanten Gespräche über die Nachbarn, dass die Zeit wie im Fluge verrann.

Erst nach einer Stunde fiel Tante Amalie der Schokoladenkringel wieder ein.

„Ach, der arme Junge", jammerte sie. „Nun hab´ ich ihn ganz vergessen. Na, dafür hab ich ihm aber ein schönes Eisbein mitgebracht, das wird ihm heute Abend gewiss gut schmecken."

Der arme Junge kam gerade im selben Augenblick zum Treffpunkt wie Tante Amalie.

Er erzählte begeistert von seiner Salbe, und Tante Amalie berichtete alles, was sie im Laden gehört hatte.

Der Schokoladenkringel tat so, als ob ihn alles interessierte und dachte dabei an das Abendbrot, bei dem es wohl etwas Besonderes aus Schokoladen geben würde.

Und was die Geschichten der Tante anbetraf, so hatte er in der Schule gelernt, gleichzeitig wegzuhören und so auszusehen, als ob er maßlos interessiert sei.

Als Schüler lernt man so etwas von allein.

Die arme Tante Amalie war aber sehr enttäuscht, dass der Schokoladenkringel das Eisbein ganz und gar nicht mochte und stattdessen lieber die letzten Stücke der Schokoladentorte aß.

Das sechste Kapitel

Kapitän Piepenbrink

Am nächsten Tag war es windiger geworden und damit etwas kühler.

Der Schokoladenkringel wollte dennoch endlich baden.

Aber bevor er Tante Amalie seine neuesten Wünsche vorbringen konnte, weil die Wellen recht hoch waren, würde sie sicher dagegen Einwände haben, rief sie schon:

„Schokoladenkringel! Schokoladenkringel! Komm doch mal!"

Der Schokoladenkringel polterte die Treppe herunter. Er hatte gerade seine Badehose aus dem Koffer geholt und hielt sie noch in der Hand.

„Was gibt´s denn?", fragte er.

„Geh doch mal herunter zum Hafen, mein Junge. Du kannst mir ein paar Krabben holen."

„Krabben?", fragte der Schokoladenkringel. „Was ist das?"

Er hatte noch nie in seinem Leben Krabben gegessen, ja, er wusste noch nicht einmal, was Krabben sind. Aber das geht andern Kindern ja auch so und manchmal sogar den Erwachsenen.

„Krabben", erklärte Tante Amalie, „Krabben sind eine Art von kleinen, von ..., von ..., nun Krabben sind eben Krabben."

Tante Amalie schüttelte den Kopf.

„Dass ich dem Bengel nicht einmal erklären kann, was Krabben sind", dachte sie. „Warum weiß der das auch nicht, wo doch jeder Krabben kennt."

Aber da irrte sie sich eben, nicht wahr?

„Also, man kann Krabben essen, und sie schmecken ausgezeichnet."

„Dann sind sie aus Schokolade", stellte der Schokoladenkringel fest, der sich nicht vorstellen mochte, dass etwas anderes auch gut schmecken konnte.

„Aber nein", antwortete Tante Amalie entsetzt. „Krabben werden mit einem Krabbenkutter gefangen. Und darum sollst du sie im Hafen holen."

„Wie können Krabben dann überhaupt genießbar sein, wenn sie nicht aus Schokolade sind", dachte der Schokoladenkringel, aber er sagte lieber nichts.

„Du gehst hinunter zum Hafen", erklärte Tante Amalie. „An der Mole sind die Kutter, und auf einem, der BÜS 17 findest du Kapitän Piepenbrink. Das ist ein alter Freund von mir. Der ist jetzt noch auf dem Kutter. Aber beeile dich, sonst geht er in die „Rote Laterne" zum Mittagessen!"

Du musst wissen, dass ein Kutter ein kleines Motorschiff zum Fisch- oder Krabbenfang ist. Die Kutter haben nicht immer einen Namen, haben aber immer die Anfangsbuchstaben ihres Heimathafens und eine Nummer auf die Schiffswand gemalt, und weiter musst du wissen, dass man Krabben literweise kauft.

„Nimm das gelbe Litermaß mit! Der Kapitän soll es voll machen. Und hier ist das Geld."

So ging der Schokoladenkringel zum Hafen herunter und suchte die BÜS 17.

Nach langem Suchen fand er das Schiff, einen kleinen, recht alten, nicht unbedingt verrosteten aber auch nicht auf Hochglanz gebrachten Kahn mit dem Zeichen „BÜS 17" am Bug und am Heck.

Ein alter Mann, dessen weiße Haare unter einer Pudelmütze hervorsahen, die er trotz des warmen Tages trug, eine Stummelpfeife im Mund, hantierte an der Krabbentonne.

„Guten Tag", begrüßte ihn der Schokoladenkringel. „Sind Sie der Kapitän Piepenbrink?"

„Das will ich wohl meinen, dass ich das bin", antwortete der Mann auf dem Kutter. „Sieht man das nicht? Und wer bist du?"

„Ich bin der Schokoladenkringel", sagte der Schokoladenkringel. „Sieht man das nicht?"

„Potzblitz und Klabautermann", polterte der Kapitän los. „Natürlich kann man das sehen. Und was willst du?"

„Ich soll einen Liter Krabben holen und soll schöne Grüße von Ihrer Freundin bestellen."

„Von wem? Meiner Freundin? Von welcher denn?" Der Kapitän lachte, dass ihm fast die Pfeife aus dem Mund fiel und er sie festhalten musste.

„Von meiner Tante Amalie sind die Grüße."

„Von Amalie, ach so."

Der Kapitän wurde gleich freundlicher.

„Von Amalie. Lebt das alte Haus also auch noch? Drei Tage habe ich sie nicht gesehen. Für eine Freundin ziemlich lange Zeit, findest du nicht? - Also, Amalie ist deine Tante? Dann musst du ja der Schokoladenkringel sein, von dem sie mir erzählt hat. Und ich dachte, sie hat nur ein wenig zu tief ins Glas geschaut, meine alte Freundin!"

„Ich sollte die Erfindung einer betrunkenen alten Frau sein? Das ist doch die Höhe!"

Der Schokoladenkringel wurde ordentlich wütend.

„Na, na. Ganz ruhig, junger Freund", sagte der Kapitän.

„Bin ich ja auch. Aber jetzt will ich meine Krabben haben oder wie das Zeug heißt!"

„Zeug nennst du das? Ich denke, ich komme gleich mal mit längs und setze meiner Amalie den Kopf zurecht, weil sie mir einen solchen Grünschnabel schickt."

Und damit nahm der Kapitän das Litermaß und füllte es aus der Krabbentonne mit kleinen Krabben. Das heißt, klein waren sie nicht, aber sie kamen dem Schokoladenkringel so vor, weil er sie sich größer vorgestellt hatte.

Der Kapitän nahm noch eine Tüte zusätzlich mit und dann trat er auf die Mole.

„Ich muss hier eben noch Bescheid sagen, dass sie sich den Fang holen", sagte der Kapitän.

Er ging zu einem großen Backsteingebäude, das nicht weit von der Liegestelle stand und rief durch das offene Fenster:

„Hej, Hannes, kannst meinen Fang holen? Ich muss eben mal meine alte Freundin besuchen."

„Okay, Käppen", hörte der Schokoladenkringel noch eine Stimme aus dem Fenster, dann wanderten sie die Hafenstraße hoch und bogen in die Fischergasse ein:

ein großer, breitschultriger Mann mit Pudelmütze, ausgebeulten Hosen und einem leicht schmutzigen, grauen Rollkragenpullover und ein Schokoladenkringel mit kurzer Hose, einem roten T-Shirt und Sandalen.

„So, da sind wir", sagte der Kapitän. „Jetzt will ich doch mal sehen, was Amalie für Augen macht, wenn sie mich leibhaftig vor sich sieht."

Und tatsächlich, Tante Amalie bekam ganz große Augen und wurde sogar ein klein wenig rot.

„Na, so was", sagte sie. „Der Herr Kapitän persönlich. Was führt dich zu mir?"

„Der Schokoladenkringel, ein ordentlicher Rum und natürlich du", lachte der Kapitän.

Tante Amalies Gesicht wurde noch röter, vor Verlegenheit oder vor Freude, das konnte der Schokoladenkringel, der mir davon erzählt hat, nicht mehr so genau sagen.

„Dann kommt man alle beide herein", sagte Tante Amalie.

In der Küche goss sie dem Kapitän zuerst einen Rum ein, denn einen Kapitän Piepenbrink ohne seine Stummelpfeife und ohne einen Rum konnte man sich in Büsum gar nicht vorstellen.

Aber Tante Amalie dachte bei allem ganz praktisch: „Ihr beiden esst bei mir Mittag", sagte sie resolut. „Dafür helft ihr mir jetzt beim Krabbenpulen."

Alles Protestieren half nichts. Die beiden mussten pulen helfen.

Für die, die nicht wissen, was das ist, will ich es erklären:

Die Krabben sind von einer Schale umgeben. Man hält die Schale mit der linken Hand fest, und mit zwei Fingern der rechten Hand dreht man den Inhalt mit einem Griff heraus.

Der Kapitän hatte als alter Krabbenfischer im Krabbenpulen eine große Übung, Tante Amalie war fast ebenso schnell, nur der Schokoladendkringel war sehr, sehr langsam.

Du wirst das sicher verstehen, wenn du mal in Büsum oder in Friedrichskoog oder irgendwo anders, wo es frische Krabben von einem Kutter zu kaufen gibt, zum ersten Mal Krabben pulst.

Es dauerte nicht lange, da waren alle Krabben fertig und die Kartoffeln gar.

„Nun wollen wir mal", sagte Tante Amalie und stellte die Schüssel mit den dampfenden Kartoffeln auf den Tisch. Rührei mit Krabben und Speck waren dann auch schnell fertig.

 

Das siebente Kapitel

Der Kapitän erzählt

Der Kapitän hatte einen guten Appetit, Tante Amalie schmeckte es auch, nur der Schokoladenkringel verzog sein Gesicht.

„Was hast du denn?", fragte Tante Amalie. „Schmeckt es dir etwa nicht?"

„Doch, das schon", antwortete der Schokoladenkringel. Er wollte nicht unhöflich sein. „Aber hast du vielleicht Schokoladenstreusel?"

„Schokoladenstreusel? Aber natürlich, da oben im Schrank. Warte, ich hole sie dir."

Tante Amalie stand auf und musste zuerst Tüten und Dosen mit Zucker, Mehl und Grieß wegräumen, bis sie eine letzte Packung Schokoladenstreusel fand, denn der Schokoladenkringel hatte unter den Vorräten an Schokoladenstreuseln schon tüchtig aufgeräumt.

Und zum Entsetzen der Tante und des Kapitäns bestreute der Schokoladenkringel das Rührei mit Speck, die Krabben und die Kartoffeln dick mit Schokoladenstreuseln.

„Schokoladenkringel vertragen das nicht anders", erklärte er, als er die Gesichter der beiden sah.

„Na, denn Prost", meinte der Kapitän und trank sein Glas aus. Heimlich aber dachte er:

„Den Bengel werde ich mal mitnehmen und ihm die Flausen austreiben."

Als sie nach dem Essen gemeinsam abgewaschen hatten, bat der Schokola- denkringel den Kapitän:

„Kannst du nicht ein paar Geschichten von früher erzählen?"

Der Wunsch, zum Baden zu gehen, war vergessen. Ein richtiger Kapitän ist eben doch spannender.

„Also, als ich Schiffsjunge war", begann der Kapitän, „Das ist schon lange her. Warte mal, das muss so, um", er überlegte und fuhr dann fort: „Ist ja auch egal, da bin ich erst mal meinen Eltern ausgebüxt.

Weißt du, mein Vater hatte einen kleinen Laden in Tecklenburg, mit Heringen und Sauerkraut und Holzschuhen und so was, und da sollte ich bei ihm lernen. Das war aber nichts für mich. Ich wollte schon immer auf See.

Und so bin ich eines Tages aus dem Haus, bin nach Hamburg gewandert und hab mich da anheuern lassen, auf einem ganz alten Kahn. Ansprüche kannst du da nicht stellen.

Ja, das war so ein Seelenverkäufer, so nennen wir solche Schiffe.

War ein Windjammer, aber was für einer. Die Segel waren geflickt, das Deck dreckig, das Essen, na ja, da kann man schon Heimweh kriegen.

Einen Motor hatte sie auch, unsere ´Stern von Hamburg´. Für Windstille war der da. Das heißt, eigentlich war sie ja ein Dampfer mit Segeln oder ein Segelschiff mit Dampf. Der Kapitän, warte mal, ich glaube, der hieß Petersen, ja, Karl Petersen.

Ich musste zuerst das Deck schrubben. Muss wohl jeder Moses mal"

„Was ist ein Moses?", fragte der Schokoladenkringel.

„Moses nennt man den Schiffsjungen, den jüngsten, und da keiner jünger war als ich, war ich eben der Moses", erklärte der Kapitän.

„Also, wir schipperten aus Hamburg ab, und ich hab erst kurz vor der Abfahrt meinen Eltern eine Postkarte geschrieben. Die hatten sich schon Sorgen gemacht. Aber was sollten sie machen? Ich war je auf hoher See und Polizei, die einen von Bord holen konnte, gab es damals nicht.

Also, wo war ich? Ja, wir schipperten die Elbe herunter. Ich glaube, wir hatten Getreide geladen, und ich musste den Kahn schrubben. War gar nicht so einfach, bei dem Dreck.

Ich hab oft geflucht. Schrubben hätte ich auch zu Hause können. Na ja, endlich hatte ich den ganzen Kahn auch sauber, als wir über den Äquator kamen. Die Reise sollte jedenfalls nach Australien gehen. Ziemlich weit weg, jedenfalls für damals.

Als wir beim Äquator waren, blieb der Wind weg. Am ersten Tag kratzte der Kapitän am Mast. Das macht man immer, wenn der Wind kommen soll. Nur, das ganze Kratzen half nichts.

„Dann ab in die Boote", sagte der Kapitän Karl Petersen, Kuddel nannten ihn die anderen heimlich. Und dann mussten wir alle ran, die anderen Matrosen und ich, obwohl ich der jüngste war und nicht genug Kräfte hatte.

Zwei Ruderboote wurden vor das Schiff gespannt.

Wir ruderten einen ganzen Tag, aber es sah aus, als ob wir keinen Meter vorwärts kamen.

Am nächsten Tag meinte der Kapitän: „Dann müssen wir wohl heizen."

Nun war das man ein alter Kahn, unser Seelenverkäufer, aber die Dampfmaschine lief, und wir brauchten nicht mehr zu rudern.

Ja, und nach drei Tagen kam ein Sturm, so ein richtiger Orkan. Der schüttelte das Schiff durch. Und dann verrutschte die Ladung, und dann lagen wir schief und dann fielen dem Koch noch die glühenden Kohlen aus dem Herd. Unser Schiffskoch hatte gerade etwas viel Rum getrunken, gegen die Seekrankheit sagte er immer, und die Glut vertrug unser Schiff nicht und fing an zu brennen.

Na ja, mit Löschen war da nicht viel. Wir hatten Mühe, in die Boote zu kommen. Aber bei dem Sturm war das mal so eine Sache. Unser Dampfer soff schnell ab. Drei von den vier Booten schlugen um, und ich wurde von einer Welle über Bord gespült.

Das ist man so eine Sache, mitten im Meer, mutterseelenallein. Da denkst du bloß, etwas trockener könnte es auch sein.

Na, ich bin dann eine ganze Zeit im Wasser gewesen, bis ich eines der umgestürzten Boote fand. Wurde aber auch höchste Zeit, denn hinter mir war ein Hai. Richtig hungrig sah der aus.

Na, der konnte mir nun nichts mehr anhaben.

Ich trieb also viele Tage und Nächte auf dem Meer, dann sah ich eine Insel.

Nun drohte mein Boot abzutreiben, und da bin ich einfach an Land geschwommen. Der Hai immer hinter mir her. Aber ich war flinker.

Tscha, und dann war ich am Land. Ganz allein. Keine Menschenseele weit und breit.

Ich hab mir erst mal ein paar Kokosnüsse vom nächsten Baum geholt. Musste ziemlich hoch klettern. Und dann hab ich sie gegessen und ordentlich geschlafen.

Ja, und am nächsten Tag bin ich losgezogen und hab mir mal die Insel angesehen. Schön war sie schon, aber ein bisschen einsam.

Eines Tages fand ich eine Höhle, oben in den Bergen, und davor lehnte ein Skelett, so ein richtiger Knochenmann.

„Hej", dachte ich, „gibt es hier Seeräuber?"

Aber das Skelett war schon ziemlich alt. Jedenfalls, als ich es anstieß, zerfiel es zu Staub.

Ich hab mir dann die Höhle angesehen. Da stand so ein Kasten, ganz hinten, gut versteckt. Ich zieh ihn nach vorne und dabei reißen mir die Taue ab, die als Trageschlaufen dran waren, und ein Brett bricht heraus.

Und was seh´ ich da? Diamanten, Gold, Perlen, ein Vermögen. Ja, so was findet man da. Aber was nützt das? Ohne Schiff kam ich hier nicht weg.

Ich hab erst mal die Kiste versteckt, für alle Fälle. Ein paar Diamanten hab ich mir eingesteckt.

Ja, und ein paar Tage später kam in der Nähe ein Schiff vorbei. Ich hab gar keine Zeit mehr gehabt, das andere aus der Kiste zu holen. Aber ich war froh, als die mich sahen und mitnahmen.

Dem Kapitän hab ich den ersten Diamanten gegeben, als Dank, dass er mich mitgenommen hat."

„Und die anderen Diamanten?", fragte der Schokoladenkringel.

„Die anderen? Ich glaube, zwei hab ich meinem Vater geschenkt, der hat sich dann das Hotel „Zu den beiden Diamanten" gebaut und für den Rest hab ich mir später meine BÜS 17 gekauft", erklärte der Kapitän.

„Stimmt das denn auch alles?", wollte der Schokoladenkringel wissen.

„Wenn ein Kapitän das erzählt, dann muss es wohl stimmen", meinte Tante Amalie. „Kapitäne lügen nie, sie spinnen nur Seemannsgarn."

Es war Abend geworden. In der kleinen Küche roch es nach Pfeife, Rum, Kaffee und Kakao.

„Weißt du was?", sagte der Kapitän. „Wenn du willst, nehme ich dich morgen, nein, besser übermorgen mit zum Krabbenfang."

„O ja", rief der Schokoladenkringel begeistert, „das ist ein prima Vorschlag!"

Und obwohl Tante Amalie davon zunächst nichts wissen wollte, weil sie es für viel zu gefährlich hielt, musste sie zum Schluss nachgeben.

 

Das achte Kapitel

Auf Krabbenfang

Am nächsten Abend musste der Schokoladenkringel früh ins Bett, denn Kapitän Piepenbrink wollte schon um vier Uhr in See stechen.

Um drei Uhr klingelte der Wecker.

„Aufstehen, Schokoladenkringel, aufstehen!" weckte ihn Tante Amalie.

„Ich bin noch so müde", hörte sie seine Antwort.

Du wirst das sicherlich verstehen, denn wer so früh aufstehen muss, ist wirklich noch sehr, sehr müde.

„Papperlapapp", rief die Tante. „Wer Krabben fangen will, muss früh aufstehen. Das ist hier so. Oder willst du lieber hier bleiben?"

Das wollte der Schokoladenkringel nun doch nicht. Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als aufzustehen.

Das Waschen ging ungewöhnlich schnell, denn er dachte sich: „Wenn ich auf dem Schiff bin, ist ja genug Wasser da. Wozu soll ich mich jetzt schon nass machen?"

Glücklicherweise merkte Tante Amalie nichts davon, dass der Schokoladenkringel eine Trockenwäsche gemacht hatte.

Sie war in der Küche damit beschäftigt, dem Schokoladenkringel Kakao zuzubereiten und ein paar Brote, dick bestrichen mit Schokoladencreme. Außerdem sollte er noch drei Tafeln Schokolade mitnehmen.

„So, Junge, nun iss erst mal ordentlich", ermahnte ihn Tante Amalie, als er die Treppe herunterkam. „Wer nichts im Magen hat, der kann auch nichts ausspucken, und das ist bei Seekrankheit schlecht, sagt mein alter Freund, der Kapitän immer."

Und tatsächlich bekam der Schokoladenkringel Hunger, als er den großen Becher Kakao sah und die Brote, die dick mit Schokoladencreme bestrichen waren. Und so langte er tüchtig zu,

„Hier ist deine Tasche mit den Broten, der Schokolade und einer Thermoskanne mit heißem Kakao", sagte Tante Amalie, als der Teller leer war.

„Dass du ja nichts vergisst. Und hier ist der Schal und die dicke Jacke, die musst du mitnehmen, weil es da draußen kalt ist. Und dass du mir nur keinen Rum trinkst! Hörst du?"

Tante Amalie war richtig besorgt, so wie manche Mütter auch vor lauter Sorge vergessen, dass ein Abenteuer wirklich abenteuerlich sein muss, wenn es ein Abenteuer sein soll, selbst ohne Rum.

Aber was auf Tante Amalie zukam, konnte ja auch keiner ahnen.

Kurz vor vier Uhr brachte Tante Amalie den Schokoladenkringel zum Hafen.

„Ich dachte schon, ihr hättet verschlafen", empfing sie der Kapitän.

„Wir verschlafen?", empörte sich Tante Amalie. „Der Schokoladenkringel war schon ganz früh munter. Und ich bin auch munter, das siehst du ja."

Das war zwar übertrieben, aber Tante Amalie wollte so einen Vorwurf ihres Freundes nicht auf sich sitzen lassen.

Der Kapitän brummte noch etwas in seinen Bart und sagte dann:

„Komm, Junge, es geht los."

Und damit warf er den Motor an.

Der Motor spuckte und stotterte ein bisschen, kam dann aber schnell auf Touren.

Der Kapitän machte die Leinen los und dann schob sich die stolze BÜS 17 langsam vom Pier ab.

„Dass du mir ja auf den Jungen aufpasst!" rief ihm Tante Amalie nach.

„Klar, ich bring ihn heil zurück", brüllte der Kapitän gegen den Motorlärm an.

Langsam tuckerte der Krabbenkutter zum Hafenausgang.

Und dann sah der Schokoladenkringel, dass sie nicht die einzigen waren, die auf Krabbenfang fuhren.

Überall im Hafenbecken legten die Kutter ab, und als sie durch die Schleuse fuhren, die den Hafen gegen Hochwasser und Stürme schützte, sahen sie vor sich einige Krabbenkutter, die schon vor ihnen aufgebrochen waren.

„Die wollen alle Krabben fangen?", staunte der Schokoladenkringel. „Gibt es denn so viele?"

„Es gibt schon genug", antwortete der Kapitän. „Jedenfalls noch. Wir Büsumer Fischer haben unser Auskommen, auch dann, wenn Landratten wie du Krabben nur mit Schokoladenstreuseln essen."

„Dafür bin ich eben ein Schokoladenkringel", lachte der Schokoladenkringel. „Und Schokoladenkringel können nun einmal Krabben pur nicht vertragen."

„Wie gut", meinte der Kapitän, der prächtiger Laune war, „dass ich nur einen von deiner Sorte kenne."

Weiter draußen bekamen die Wellen kleine Schaumkronen und das Schiff fing an zu stampfen.

Hoch und runter, hoch und runter, hoch und runter ging der Bug, der Vorderteil des Schiffes.

Der Kapitän sah sich besorgt nach dem Schokoladenkringel um, der es sich am hinteren Mast bequem gemacht hatte.

„Ob er bald seekrank wird?", fragte er sich.

Wenn dir vom vielen Schaukeln seekrank wird, dann wird dir ganz übel. Das Gesicht wird gelb und grün und du musst die Möwen füttern oder dem Neptun opfern, der ein Gott der alten Römer war, so nennt man das etwas vornehmer, wenn sich einer übergeben muss.

Aber beim Schokoladenkringel war nichts zu merken, nur, dass er allmählich müde und vom Schaukeln in den Schlaf gewiegt wurde.

Der Schokoladenkringel erwachte, als der Kutter drehte.

„Wir sind da!" rief der Kapitän gegen den Wind.

„Wo sind denn die anderen?", wollte der Schokoladenkringel wissen.

„Die haben ihre eigenen Fanggründe. Schau da nach Backbord hinüber. Da siehst du einen."

Und tatsächlich sah der Schokoladenkringel, jedes Mal, wenn die Wellen die BÜS 17 etwas hoben, einen anderen Kutter.

„Jetzt die Bäume herunter, und danach wollen wir mal sehen, was es gibt."

Der Kapitän ließ mit der Motorwinde die am Mast befestigten Stangen herunter, an denen die Krabbennetze hingen.

Der Kutter kreuzte hin und her. Dazwischen wurden die Netze geleert, und langsam füllten sich die Laderäume.

„So, Pause!", rief der Kapitän.

Die beiden Seemänner setzten sich auf eine Kiste und packten ihre Brote aus.

„Hast du denn auch ein ordentliches Speckbrot mitbekommen?", wollte der Kapitän wissen.

„Speckbrot?", nein, bloß nicht!

„Sieh hier, ein Brot mit Schokoladencreme, Schokolade und eine Thermoskanne voll Kakao."

Der Kapitän lachte. „Da bleib ich doch lieber bei meinem Speckbrot und dem Kaffee."

Hinter dem Steuermannshaus stand der ölbefeuerte Kessel. Dort kochten schon die ersten Krabben. Und immer wieder holte der Kapitän sie mit einem Sieb heraus und warf neue hinein.

„Ich denke, das war´ s", sagte der Kapitän, als die Laderäume voll waren. „Du hast mir Glück gebracht, mein Junge. Sonst habe ich noch nie so viel gefangen."

„Fahren wir gleich wieder zurück?", fragte der Schokoladenkringel, der sich allmählich langweilte. Er hatte sich die Fahrt mit dem Kapitän interessanter vorgestellt.

„Auf dem schnellsten Wege und mit Volldampf", war die Antwort.

Der Wind, der den Tag über abgeflaut war, wurde wieder etwas stärker, und der Kutter stampfte auf und ab durch die weißen Wellenkämme. Dem Schokoladenkringel ging alles viel zu langsam.

„Können wir nicht schneller fahren?", wollte er wissen.

„Aber Junge, bei dem Wind? Wir sind doch schon fast so schnell wie ein D-Zug."

„Wie ein D-Zug? Das hier ist eine lahme Ente mit Gipsbein", lachte der Schokoladenkringel.

„Da soll doch mal der Klabautermann dazwischenfahren!", schimpfte der Kapitän. „Wenn du eher an Land willst, kannst du ja schwimmen."

Der Kapitän wusste nicht, dass der Schokoladenkringel ein so guter Schwimmer war, sonst hätte er das nicht gesagt, denn was jetzt kam, daran dachte er später nur noch mit Grausen.

„Wollen wir wetten, dass ich schneller bin als du?", fragte der Schokoladenkringel scheinheilig.

„Gut, um was?"

„Um drei Tafeln Schokolade, wenn ich gewinne und um eine Flasche Rum, wenn du gewinnst."

Der Kapitän hätte jetzt argwöhnisch werden müssen, aber er merkte noch immer nicht, was der Schokoladenkringel vorhatte.

Er sagte nur:

„Abgemacht", und dann musste er wieder nach den Krabben sehen.

Und in dem Augenblick, als der Kapitän sich um die Krabben kümmerte und sich umdrehte, zog der Schokoladenkringel seine warme Jacke aus, warf den Schal beiseite und sprang über Bord, und mit einem eleganten Schwung tauchte er in den Wellenbergen unter.

Als der Kapitän sich wieder zu dem Schokoladenkringel wenden wollte, sah er nur noch die Jacke, die Tüte mit den Broten und die Thermoskanne, die sein kleiner Passagier hatte liegen lassen, und dann, als er begriff, dass der Schokoladenkringel nicht mehr an Bord war, blieb ihm fast das Herz stehen.

„Mann über Bord!", rief er, so laut er konnte, obwohl niemand da war, der ihn hörte.

Und dann warf er einen Rettungsring in das Wasser, dorthin, wo der Schokoladenkringel über Bord gefallen sein musste.

 

 

 

Das neunte Kapitel

Wette gewonnen

„Mann über Bord", rief der Kapitän noch einmal und lief zum zweiten Rettungsring. Dieser Rettungsring hatte eine lange Leine, die er in der Hand behielt, als er ihn in die Wellen warf.

Der Kapitän glaubte fest daran, dass ein Unglück geschehen war. Eine Welle, ein Windstoß musste dem Schokoladenkringel das Gleichgewicht gekostet haben.

An die Wette dachte er überhaupt nicht mehr, und dass die warme Jacke und der Schal dort lagen, beachtete er nicht.

Aber selbst wenn er gewusst hätte, wie gut der Schokoladenkringel schwimmen konnte, wäre es dem Kapitän nie in den Sinn gekommen, dass sein kleiner Passagier wegen dreier Tafeln Schokolade mitten im Meer von Bord springen würde, nur, weil es ihm an Bord zu langweilig war.

Angestrengt suchte der Kapitän die Wellenberge und Wellentäler um das Schiff ab.

Er konnte den Schokoladenkringel nicht erblicken.

So blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Funkgerät zu gehen und den Seenotkreuzer zu alarmieren, der in Büsum neben der Schleuse vor Anker liegt.

Die anderen Krabbenkutter, die in der Nähe waren, kamen so schnell sie konnten zur Hilfe und suchten das Meer ab.

Aber vergeblich.

Sie fanden keinen Schokoladenkringel.

Müde und traurig, ja, eigentlich verzweifelt, fuhr der Kapitän mit seinem Krabbenkutter zurück.

Er hatte doch Tante Amalie versprochen, auf den Schokoladenkringel aufzupassen.

Und nun dies!

Der Schokoladenkringel aber fühlte sich in seinem Element.

Er konnte schwimmen - und wie!

Vielleicht lag das daran, dass Schokoladenkringel in grauer Vorzeit im Meer gelebt haben, vielleicht in einem Kakaomeer?

Leider hat er mir darüber nie etwas berichtet. Er sagte mir nur, dass er auch nicht wüsste, warum er so gut schwimmen konnte.

Der Schokoladenkringel tauchte unter den Wellenbergen hinweg, ließ sich wie ein flacher Stein von Wellenkamm zu Wellenkamm tragen und bewältigte die lange Strecke bis zum Ufer in nur einer halben Stunde.

Das Einzige, was ihm nicht gefiel, war, dass das Nordseewasser so salzig schmeckte und nicht so süß wie Kakao.

Da er in seinen Kleidungsstücken geschwommen war, sah er wie ein begossener Pudel aus, als er bei der Hafenschleuse an Land stieg.

Einige Kinder spielten in der Nähe.

„Hast du in deinen Anziehsachen gebadet?", fragte ein kleines Mädchen.

„Ja", sagte der Schokoladenkringel. „Ich bin etwas geschwommen."

„Du kannst schwimmen?", fragte das Kind.

Aber der Schokoladenkringel kümmerte sich nicht weiter um die Jungen und Mädchen, die ihn bestaunten.

Er lief zum Haus von Tante Amalie, und weil die Haustür verschlossen war - Tante Amalie war wohl in den Ort zum Einkaufen gegangen - stieg er durch ein offenes Wohnzimmerfenster, setzte sich zu erst in den Sessel vor dem Fernseher und schlief dann ein.

Daran, dass Kapitän Piepenbrink sich Sorgen machen würde, daran dachte der Schokoladenkringel überhaupt nicht. Er träumte vielmehr von einer Tasse mit heißem Kakao und einem riesigen Schokoladeneis.

Inzwischen war Tante Amalie vom Einkaufen gekommen.

„Wann der Kapitän und der Schokoladenkringel wohl kommen?", dachte sie. „Ich will schon das Mittagessen machen. Die beiden werden tüchtigen Hunger haben."

Die Kartoffeln begannen gerade zu kochen, als der Kapitän kam.

„Da seid ihr ja", begrüßte ihn Tante Amalie. „War´s schön? Aber - wo ist denn der Schokoladenkringel?"

Sie sah den Kapitän fragend an.

„Nun setzt dich erst mal hin, Amalie", sagte der Kapitän. „Ich gieß dir dein Himbeerwasser ein."

Tante Amalie trank für ihr Leben gern Himbeerwasser.

„So - und jetzt erzähl ich dir, was los war."

Tante Amalie wartete gespannt. Der Kapitän wirkte so feierlich, als ob etwas Besonderes passiert sei.

„Also, wie soll ich es sagen? Also", der Kapitän wusste einfach nicht, wie er beginnen sollte. „Also, der Schokoladenkringel, der Schokoladenkringel ist wohl, ist wohl ertrunken."

Da war es heraus.

„Ertrunken? Der Schokoladenkringel? Aber das geht doch nicht!", rief Tante Amalie, und dann wurde sie ohnmächtig.

Der Kapitän goss sich erst selbst einen Rum ein und dann versuchte er, Tante Amalie ein Glas Rum einzuflößen.

„Brrr", sagte sie und erwachte. „Was stinkt hier so nach Rum?" Aber dann fiel ihr ein, was der Kapitän gesagt hatte.

„Ertrunken, hast du gesagt? Einfach ertrunken? Aber du wolltest doch auf ihn aufpassen. Nein - das kann nicht wahr sein!"

„Doch, Amalie, es ist wahr. Wir haben alles abgesucht."

Und dann erzählte der Kapitän von der Wette und wie der Schokoladenkringel plötzlich über Bord gefallen sein musste, ohne dass er, der Kapitän, es bemerkt hatte.

Der Schokoladenkringel wachte von den lauten Stimmen des Kapitäns und Tante Amalies auf. Noch schlaftrunken, denn er war ja wirklich früh aufgestanden,und das Schwimmen war anstrengend gewesen, also schlaftrunken ging er durchs Wohnzimmer zur Küche.

Er öffnete die Küchentür.

„Hallo, da seid ihr ja", begrüßte er sie.

Er sah, wie der Kapitän plötzlich kreidebleich wurde und wie Tante Amalie, die ihm den Rücken zuwandte, zusammenzuckte.

„Aber was ist denn hier los?", wollte der Schokoladenkringel fragen, da hörte er, wie der Kapitän sagte:

„Ein Gespenst, ich seh´ ein Gespenst!"- und dann setzte er sich auf den Stuhl, der neben ihm stand, weil er vor Schreck fast ohnmächtig geworden war.

Der Kapitän hatte schon oft gehört, dass Ertrunkene als Geister erscheinen und denen Vorwürfe machen, die Schuld an ihrem Tode waren. Aber er hatte so etwas noch nie selbst erlebt.

„Ein Gespenst. Du bist doch ertrunken. Geh weg!", stammelte der Kapitän.

„Quatsch", sagte der Schokoladenkringel. „Ich bin kein Gespenst und auch kein Geist. Ich habe bloß die Wette gewonnen. Hast du die Schokolade gleich mitgebracht?"

„Du lebst wirklich?" Der Kapitän konnte das kaum fassen und wurde vor Freude und Erleichterung nun selbst ein klein wenig ohnmächtig und sank auf den Stuhl zusammen, was du vielleicht verstehen kannst.

Tante Amalie drehte sich herum. Dann stand sie auf.

„Junge", sagte sie, „Junge, ich hab gar nicht gewusst, was ich glauben soll."

Und dann nahm sie den Schokoladenkringel, so nass wie er war, in die Arme und drückte ihn ganz fest an sich. Dass sie dabei selber ganz nass wurde, kümmerte sie überhaupt nicht.

Und dir wäre es bestimmt auch nicht anders gegangen.

Der Schokoladenkringel hat natürlich seine drei Tafeln Schokolade bekommen.

Der Kapitän aber wollte ihn, jedenfalls in den nächsten drei Wochen, nicht mehr auf seinem Schiff zum Krabbenfang mitnehmen.

Aber gute Freunde sind die beiden deshalb doch geworden.

Das zehnte Kapitel

Der Hauptgewinn

Der Schokoladenkringel war nun schon fast zwei Wochen in Büsum. Er kannte jede Straße, aber am Strand kannte er sich natürlich am besten aus.

Tante Amalie hatte auch nichts mehr dagegen, dass er allein zum Baden ging, denn dass er schwimmen konnte, hatte sie jetzt ja gemerkt.

Unter den Menschen, die in Büsum lebten und unter den Urlaubern kannten die meisten den Schokoladenkringel, denn das Abenteuer mit der Wette war nicht unbekannt geblieben, und ein Reporter der „Büsumer Nachrichten" hatte Tante Amalie besucht und den Schokoladenkringel fotografiert und dann einen großen Artikel geschrieben.

Der Schokoladenkringel musste mächtig aufgeschnitten haben, denn unter den Dingen, die er besonders gut können sollte, gehörte nach Meinung des Reporters auch das Singen.

Dabei weiß jeder, der den Schokoladenkringel kennt, dass er viel kann, aber singen kann er nun wirklich nicht.

Aber wenn du jetzt immer noch denken solltest, dass der Schokoladenkringel eine Erfindung von mir ist, dann irrst du dich. Es gibt ihn wirklich, und vielleicht triffst du einige von denen, die ihn damals in Büsum kennen gelernt haben, oder du schaust einfach in dem Zeitungsarchiv der „Büsumer Nachrichten" nach, da steht gleich auf der ersten Seite, in der Nummer 59 vom Freitag, dem 30. Juli seine Geschichte.

An diesem Freitag ging Tante Amalie zum Wochenmarkt und kaufte dem Schokoladenkringel sechs Tombolalose.

Eine Woche später sollte das große Dithmarscher Heimatfest sein, mit einem Festzelt im Hafenkoog und einem Flugtag auf dem Flugplatz von Büsum, der an der Straße nach Heide vor dem Ort liegt.

Als erster Preis dieser Tombola lockte eine Ballonfahrt für zwei Personen, und die hätte der Schokoladenkringel gar zu gerne gewonnen.

Gleich nach dem Einkaufen öffnete der Schokoladenkringel in der Küche die Lose.

„Mist!", rief er nach dem Öffnen des ersten Loses. Es war eine Niete.

„Mist!", rief er beim zweiten Los.

„Mist!", erklang es zum dritten Mal.

Tante Amalie, die am Herd stand und Schokoladenpudding kochte, sagte laut:

„Du, hier scheint es zu stinken - nach Mist."

Der Schokoladenkringel hörte sie gar nicht.

„Mist!"

„Mist!"

„Na, na", ermahnte ihn Tante Amalie.

„Hurra! Eine Nummer!"

Nun musst du wissen, dass bei dieser Tombola jedes Los mit einer Nummer einen Gewinn bekam, und zusätzlich wurde aus allen diesen Nummern der Hauptgewinn gezogen.

Der Schokoladenkringel war die ganze Woche lang aufgeregt.

„Ob ich den Hauptgewinn bekomme?", fragte er Tante Amalie immer wieder.

Du weißt sicherlich, dass nicht jeder einen Hauptgewinn bekommen kann, aber spannend ist es doch. Ich habe jedenfalls bei einer Verlosung nur zwei Mal gewonnen: Einmal waren es Lockenwickler, die ich wirklich nicht gebrauchen konnte, und das andere Mal war es ein Spielzeugauto, das ich einem kleinen Jungen geschenkt habe.

Das Heimatfest begann mit einem großen Kinderfest am Sandstrand.

An diesem Sonnabend war der Schokoladenkringel besonders aufgeregt. Er hatte das Gefühl, als ob etwas ganz Großes passieren müsste.

Schon eine Stunde vor der Auslosung stand der Schokoladenkringel mit vielen anderen vor der Kurverwaltung am Hafen. Und als um sechs Uhr der Hauptgewinn ausgelost wurde, hatte er wirklich das große Los gewonnen, den „Rundflug" in dem Freiluftballon.

Natürlich war es kein echter „Rundflug", weil der Wind aus Nord-West kam, sodass der Ballon bis Meldorf treiben würde, wo er vor der Stadt auf den Meyerschen Wiesen sicher landen sollte.

Am Sonntagnachmittag sollte es vom Flugplatz aus losgehen.

Tante Amalie wollte nicht mitfliegen. Deshalb bat der Schokoladenkringel Kapitän Piepenbrink: „Fliegst du mit? Bitte! Ich verspreche dir, dass ich bestimmt keine Dummheiten mache."

Der Kapitän hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend, weil aber sein kleiner Freund versprochen hatte, nun wirklich keine Dummheiten zu machen, willigte er ein.

„Aber nur, wenn du wirklich nichts anstellst!"

Das war die Bedingung.

„Dreifaches Ehrenwort", versprach der Schokoladenkringel.

Er versprach dies noch einmal hoch und heilig und überlegte, wo er denn zum

Kuckuck bei einer Ballonfahrt Dummheiten machen könnte.

Um halb drei kam der Bus aus Büsum am Flugplatz an. Der Schokoladenkringel, Tante Amalie und der Kapitän meldeten sich im Hauptgebäude.

„Du hast also den Ballonflug gewonnen", begrüßte ihn Herr Hansen, der Geschäftsführer. „Herzlichen Glückwunsch. Ich habe von dir in der Zeitung gelesen. Ich freue mich, dass eine so berühmte Person bei uns ist."

Und dabei zwinkerte er Tante Amalie und dem Kapitän zu, die er kannte. „Liebe Frau Fischer, lieber Herr Kapitän, auch Sie beide herzlich willkom- men."

Er schüttelte beiden die Hände.

„Der Ballon steht schon startbereit. Sie können schon einsteigen. Übrigens, wer fliegt denn mit?"

„Ich nicht!", entrüstete sich Tante Amalie. „Mir wird schon ganz schwindelig, wenn ich mir vorstelle, wie ich da oben über den Wolken fliege."

„Dafür fliege ich mit", erklärte Kapitän Piepenbrink. Er wollte nicht zugeben, dass er mindestens ebenso aufgeregt war, wie der Schokoladenkringel.

„Sie können schon zur Startbahn gehen. Der Pilot und die Bodenmannschaft werden gleich nachkommen", sagte der Geschäftsführer.

Sie betraten das Flugfeld.

Rechts und links sahen sie die kleinen Sportmaschinen, die schon am Vormittag ihre Kunststücke gezeigt hatten. Um einige Segelflugzeuge standen viele Kinder. Ein weiteres Segelflugzeug setzte gerade zur Landung an.

„Da drüben ist unser Ballon!", rief der Schokoladenkringel. „Komm, wir wollen einsteigen!"

Der Ballon war mit seinem Korb am Boden verankert.

„Langsam, langsam", riet der Kapitän. „Ohne den Ballonführer können wir sowieso nicht losfliegen."

Aber der Schokoladenkringel konnte es nicht abwarten, er musste unbedingt einsteigen.

Er lief voraus und kletterte in den Korb.

Der Korb des Ballons ist ein richtiger, großer, würfelförmiger Korb. An den Seiten hängen Beutel mit Sand, die geöffnet werden und ihren Inhalt verlieren, wenn der Ballon während der Fahrt noch höher steigen soll. Der Korb war mit vielen Seilen an dem Ballon befestigt, und Seile hielten den Ballon mit der Gondel am Boden. Er war verankert wie ein Schiff.

Der Schokoladenkringel kletterte also in den Korb. Er hatte seine Tasche mit dem Proviant bei sich: Brote, dick mit Schokoladencreme bestrichen, die drei Tafeln Schokolade, die er gewonnen hatte, eine große Thermosflasche Kakao und, weil Sonntag war, ein großes Stück Schokoladentorte.

Er verstaute die Tasche unter der Bank, legte seine Jacke dazu und wartete auf den Kapitän und auf Tante Amalie.

Endlich waren die beiden angekommen.

Sie standen vor dem Korb.

Der Kapitän sah die Gondel und die Seile kritisch an.

„Hoffentlich halten die auch", meinte er.

„Warum sollten die nicht halten", spottete der Schokoladenkringel. „Sie sehen bestimmt stabiler aus, als die Taue auf deinem Kutter."

„Ich warte noch auf die Mannschaft", sagte der Kapitän und ging nicht weiter auf die Stichelei ein. Ihm war etwas unheimlich zumute.

Er dachte an das seltsame Gefühl, das er immer noch hatte, und dann schaute er, als ob er etwas ahnte, in den Himmel.

Da sah er sie, eine Windhose, die auf den Flugplatz zuraste.

„Nein!", rief er. „Nein, nur das nicht!"

Aber es war schon zu spät.

Die Windhose wirbelte einige Flugzeuge beiseite, warf die Menschen durcheinander und raste auf den Ballon zu.

Tante Amalie wurde zur Seite geschleudert, der Ballon wurde wie von einer starken Hand durchgeschüttelt, seine Verankerung gab nach, der Kapitän konnte sich gerade noch an einem Seil festhalten -

und dann hob der Ballon vom Boden ab.

„Hilfe! Hilfe!", jammerte Tante Amalie.

„Verdammter Mist", knurrte der Kapitän, der sich am Seil festhielt. „Das war also mein komisches Gefühl."

Und schon war der Ballon zehn, zwanzig, dreißig Meter über dem Boden und trieb nach Süd-Süd-Ost ab.

Das elfte Kapitel

Hoch oben

Der Schokoladenkringel, der von der Windhose auf die Bank gedrückt worden war, rappelte sich wieder auf. Er merkte am Schaukeln, dass der Ballon nicht mehr am Boden verankert war.

Als er dann über den Rand der Gondel herabsah, erblickte er unter sich die kleiner werdende Landschaft.

Er bekam es mit der Angst zu tun.

Später hat er das nur sehr ungern zugegeben.

Aber er wurde wieder schnell mutiger, ja, er musste sogar lachen, als er den Kapitän sah, der einige Meter unter der Gondel an einem Seil hing, so, als wollte er den riesigen Ballon nach unten ziehen.

„Komm doch hoch!", rief der Schokoladenkringel nach unten. „Hier ist genug Platz!"

„Versuch ich ja schon!", schnaufte der Kapitän nach oben.

Und tatsächlich hangelte Kapitän Piepenbrink sich langsam an dem schwingenden Seil hoch, klammerte sich an dem Korb fest und kletterte dann in die Gondel.

„Puh, das war harte Arbeit", stöhnte er.

Die beiden Ballonfahrer schauten nach unten.

Ganz leise hörten sie die Sirene der Flugplatzfeuerwehr, ganz klein war der Flugplatz geworden, der immer weiter in den Hintergrund rückte.

„Die können uns jetzt auch nicht mehr helfen", knurrte der Kapitän.

„Brauchen die auch nicht", lachte der Schokoladenkringel. „Wir machen unsere Fahrt allein."

„Freu dich nicht zu früh", warnte der Kapitän. „Wir wissen nicht, wie wir wieder herunterkommen sollen und wo der Wind uns hintreibt."

Dem Schokoladenkringel war das allerdings egal. Er hatte sein Leben lang, jedenfalls solange der bei uns in Vlotho wohnte, gewünscht, fliegen zu dürfen. Und jetzt flog er. Er flog sogar auf so abenteuerliche Weise, dass er es sich schöner gar nicht vorstellen konnte.

Jetzt tauchte die Nordsee unter ihnen auf. Meldorf war nach einiger Zeit weit im Osten zu erkennen.

Je höher der Ballon stieg, desto heftiger wurde der Wind. Die Windhose war weitergezogen oder hatte sich aufgelöst, aber der Ballon nahm nun erst richtig Fahrt auf.

Unter sich sahen sie Friedrichskoog, dann überflogen sie die Neulandhalle und dann waren sie schon über der Elbe.

Durch ein Fernglas, das sie unter der Sitzbank fanden, entdeckten sie große Überseeschiffe, die nach Hamburg wollten, einen Öltanker, einen Frachter und dann ein Fährschiff, das nach England fuhr.

Der Wind drehte sich und kam vom Westen. Der Ballon wandte sich elbaufwärts, nach Brunsbüttelkoog, wo die große Schleusenanlage des Nord-Ostseekanals ist.

„Wie kommen wir nur herunter?", fragte der Kapitän schon wieder.

Er wusste nicht, dass ein Ballon eine Reißleine hat, an der man ziehen kann, um das Gas aus dem Ballon zu lassen, wenn man landen will.

„Ich finde es hier oben schön", erklärte der Schokoladenkringel.

„Meinetwegen können wir noch ein paar Tage oben bleiben."

„Warte ab, bis es Nacht wird und kalt ist, dann wirst du wünschen, im eigenen warmen Bett zu liegen."

Der Schokoladenkringel konnte sich das zwar nicht vorstellen, war aber viel zu sehr damit beschäftigt, Brunsbüttelkoog und die Schiffe auf der Elbe durch das Fernglas anzusehen, als dass er Lust hatte, zu widersprechen.

„Da, Hubschrauber!"

Dem Ballon näherten sich zwei Hubschrauber.

„Was wollen die denn?", dachte der Kapitän, „uns zur Landung zwingen, wo wir selbst nicht einmal wissen, wie?"

Einer der Hubschraube kam ganz in die Nähe. Mit einer Flüstertüte, einem Lautsprecher in Tütenform, rief der Copilot etwas herüber.

„Die wünschen uns gute Reise", lachte der Schokoladenkringel und winkte vergnügt.

„Quatsch!" sagte der Kapitän. „Wir sollen etwas tun."

Er versuchte angestrengt, aus den Wortfetzen klug zu werden.

„Leinen - am Korb", mehr verstand er nicht.

„Also Leinen am Korb, na, dann wollen wir mal sehen, ob wir die richtige Leine erwischen."

Er zerrte an einer Leine. Nichts änderte sich.

Er machte die nächste Leine los, und jetzt hatte er Erfolg.

Etwas fiel nach unten: die Sandsäcke, jedenfalls einige, und der Ballon, leichter geworden, stieg immer höher und höher.

„Verflixt und zugenäht", schimpfte der Kapitän, „das war die falsche Leine."

Der Ballon ließ die beiden Hubschrauber unter sich zurück.

Der Schokoladenkringel klatschte vor Vergnügen in die Hände.

„Jetzt wird es lustig. Ob wir bald bei den Sternen oder auf dem Mond landen?"

Natürlich wusste er genau wie du, dass das nicht möglich ist. Eine Fahrt zum Mond hätte er doch zu gerne mitgemacht.

Aber diese war ja schon abenteuerlich genug.

Der Wind wurde in den höheren Luftschichten stärker und kam wechselnd aus Nord bis Nord-Ost, sodass der Ballon im Zickzackkurs nach Südwesten trieb.

Allmählich wurde es langweilig.

Der Schokoladenkringel knabberte lustlos an einem Schokoladencremebrot, der Kapitän stopfte sich eine neue Pfeife.

Eine Stunde war vergangen. Unten sahen sie eine große Stadt.

„Wo sind wir?", wollte der Schokoladenkringel wissen.

Der Kapitän sah nach unten.

„Das müsste Bremen sein. Ja, da ist der Hafen, und der Fluss da unten, siehst du ihn, das ist die Weser! Wir sind, warte einmal", er rechnete nach, „wir sind etwa einhundert Stundenkilometer schnell."

„Ist das viel?", fragte der Schokoladenkringel.

„Ja, sehr viel. Auf der Erde wäre das ein kräftiger Sturm, ja, ein Orkan. Und wenn wir nicht mit dem Sturm treiben würden, wäre das hier ganz schön zugig."

„Und wie weit fliegen wir noch? Ganz um die Erde?"

„Das glaube ich nicht", sagte der Kapitän. „Aber wie weit? Das weiß ich wirklich nicht. Ein Ballon fliegt normalerweise nicht so schnell und so weit wie unser."

„Dann haben wir eben keinen normalen Ballon, und schließlich sind wir ja auch keine normalen Ballonfahrer, sondern außergewöhnliche Menschen", stellte der Schokoladenkringel fest.

„Du vielleicht", antwortete der Kapitän gereizt, denn er machte sich schon Sorgen, wo die Fahrt wohl hingehen würde und wie sie wieder zur Erde gelangen könnten.

Der Schokoladenkringel wurde müde und schlief ein. Nach einer Stunde weckte ihn der Kapitän: „Schau, da unten ist die Porta Westfalica mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal und die Weser."

„Und da ist Vlotho, schau mal Kapitän, da wohne ich. Ob wohl mein Papa nach oben schaut?"

Ich hatte tatsächlich von Tante Amalie einen Anruf bekommen, der allerdings etwa verworren klang, sodass ich nicht richtig verstanden hatte, was nun eigentlich passiert war.

Der Ballon sei fortgeflogen. „Ja, was soll er denn anderes tun?", dachte ich.

Aber dass es der war, den ich gegen sechs Uhr von unserem Hause aus sehen konnte, sehr, sehr hoch und von der Sonne angestrahlt, dass konnte ich nicht ahnen.

Also machte ich mir keine Sorgen und dachte, der Schokoladenkringel wird schon nach seinen Ferien bei Tante Amalie genug erzählen.

Der Ballon flog weiter und weiter.

Unter sich sahen sie das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Der Schokoladenkringel hatte seinen Schulausflug hierher gemacht und konnte dem Kapitän von den alten Geschichten mit den Römern erzählen.

„Ja", sagte der Kapitän, „als ich jung war, da haben wir oft gesungen: Als die Römer frech geworden simserimserimserim oder so ähnlich. Das waren noch Zeiten. Damals lebte meine Schwester Amanda noch, die dann im Mittelmeer über Bord gespült wurde und wohl ertrunken ist. Wir haben jedenfalls nie wieder etwas von ihr gehört."

Der Kapitän erzählte aus seiner Kinderzeit.

„Dass der auch mal jung war", dachte der Schokoladenkringel. „Ich möchte den mal mit kurzer Hose und ohne Pfeife sehen." Er kicherte bei diesen Gedanken.

Der Kapitän erzählte weiter aus seiner Kinderzeit, diesmal schien es kein Seemannsgarn zu sein, das er spann.

Wieder wechselte der Wind.

Allmählich wurde es kalt.

Der Schokoladenkringel trank seinen Kakao und aß eine der drei Tafeln Schokolade. Der Kapitän holte sich eine Flasche Rum aus seiner Jacke. Er hatte sie vorsichtigerweise mitgenommen.

Beide zogen ihre Anoraks an.

Plötzlich fuhr der Kapitän hoch:

„Du, hör mal. Wir müssen mit unseren Vorräten vorsichtig umgehen, mit dem, was wir zum Essen und zum Trinken haben. Wer weiß, wann wir landen."

„Haben wir denn keine Notverpflegung?", wollte der Schokoladenkringel wissen.

Er kam sich wie auf einer Nordpolexpedition vor.

„Gute Idee", lobte der Kapitän. „Lass uns nachsehen."

Es dauerte nicht lange, da fanden sie tatsächlich einen kleinen Wasservorrat, einige Dosen mit Getränken und Trockenverpflegung ganz unten in der Bank.

„Dann können wir ja bis Afrika fliegen", stellte der Schokoladenkringel fest, als er auch noch fünf Tafeln Schokolade entdeckte.

„Beschrei das nur nicht", warnte der Kapitän. „Bei diesem Ballon ist alles möglich."

 

Das zwölfte Kapitel

Ein nächtlicher Flug

Der Sturm trieb den Ballon auf das Ruhrgebiet zu.

„Vielleicht kommen wir hier herunter", hoffte der Kapitän. „Es kann doch sein, dass wir endlich sinken und an einem Fabrikschornstein hängen bleiben."

Allerdings war ihm bei diesem Gedanken auch nicht wohl, selbst wenn er nicht gleich in einem Hochofen landen würde.

Aber an Sinken war nicht zu denken. Hoch über dem Ruhrgebiet trieb der Ballon nach Süden.

Zwischendurch schien der Sturm an Heftigkeit zuzunehmen, denn der Ballon wurde hin und wieder schneller.

Unten auf der Erde musste viel passiert sein. Der Kapitän dachte an die Schiffe, die unterwegs waren, und er wusste, dass es viele umgeknickte Bäume und abgedeckte Hausdächer geben würde. Oder war es nur hier oben so schlimm?

War der Sturm vielleicht der Grund, dass seit der Elbe niemand versucht hatte, ihnen zu helfen?

Vielleicht hätte man mit einem Gewehr ein Loch in die Hülle schießen können - oder wäre der Ballon dann explodiert, wie früher einmal ein Zeppelin in Amerika?

Womit war der Ballon überhaupt gefüllt?

Der Kapitän wusste es nicht, und auf jede Frage folgten neue.

Es war zwecklos, darüber nachzudenken. Sie waren dem Ballon ausgeliefert.

Der Schokoladenkringel war allerdings glänzender Laune. Er schaute ständig nach unten und fragte dem Kapitän Löcher in den Bauch, während der Ballon weitertrieb, ziemlich genau nach Süden.

Unter sich sahen sie den Rhein, Düsseldorf mit dem großen Flughafen, auf dem wegen des Sturmes glücklicherweise kein Flugzeug landen und starten konnte. Köln zog unter ihnen vorbei, und der Schokoladenkringel erkannte aus der Vogelperspektive den Kölner Dom.

Der Schokoladenkringel gähnte. Die Aufregung und das ständige nach unten Schauen hatten ihn müde gemacht, und plötzlich war er eingeschlafen.

„Der hat es gut", dachte der Kapitän. „Wenn ich wenigstens schlafen könnte."

Langsam wurde es dunkel.

Der Kapitän trank noch einen Schluck aus seiner Flasche und aß etwas von der Notverpflegung, denn er hatte sich keine Brote mitgenommen.

Manchmal sah es aus, als ob der Ballon ganz langsam wurde oder sogar stillstehen würde. Aber die hell erleuchteten Dörfer und Städte zogen unter ihnen vorbei, bis sie in der Ferne verschwanden und vor ihnen neue auftauchten.

Dann, gegen Mitternacht, der Kapitän wusste selbst nicht mehr, wo sie waren, schlief er auch ein.

Irgendwann in der Nacht wachte er auf. Er hatte von einem großen Vogel geträumt, der auf sie zugeschossen kam und den Ballon zerhacken wollte. Er hatte Angst.

Da sah er, was es mit dem Traum auf sich hatte. Ein Flugzeug näherte sich. Es war eines jener alten Propellermaschinen, die nicht so schnell fliegen konnten, wie ein Düsenjäger. Aber es kam direkt auf den unbeleuchteten Ballon zu.

„Sieht uns denn keiner? Verdammt, der rammt uns doch. Passt doch auf, ihr Idioten!", brüllte der Kapitän. Aber der Pilot schien den unbeleuchteten Ballon nicht wahrzunehmen.

In seiner Angst riss der Kapitän an der Leine, an der die anderen Sandsäcke hingen.

„Hoffentlich reicht das", konnte er nur noch denken.

Dann polterten die Sandsäcke Richtung Erde und der Ballon machte einen Sprung nach oben.

Nur wenige Meter unter dem Ballon zog das Flugzeug vorbei. Der Korb schaukelte von dem Luftzug, und der Schokoladenkringel wurde von der Bank geschleudert und wachte auf.

„Was ist denn los?", fragte er verschlafen. „Wer schmeißt mich denn aus dem Bett?"

Aber dann begriff er. Er sah die Rücklichter des Flugzeuges und hörte den Lärm der Motoren.

„Da haben wir aber Glück gehabt", sagte der Kapitän. „Wenn ich nicht so seltsam geträumt hätte und aufgewacht wäre, hätte es uns bestimmt gerammt. Dafür sind wir jetzt wieder gestiegen."

„Macht nichts", meinte der Schokoladenkringel. „Ich wollte sowieso nach Afrika."

Dann legte er sich wieder auf die Bank und war sofort eingeschlafen.

Bei dem Kapitän dauerte es etwas länger. Er träumte wirres Zeug, von einem Flugzeug, auf dem er als Reiter saß und durch Tante Amalies Stube flog, obwohl das in Wirklichkeit gar nicht möglich war. Aber so ist das ja mit den Träumen, das weißt du ja selbst.

Am frühen Morgen wachten sie auf. Unter dem Ballon erkannten sie Bergspitzen, die im Nebel schwammen. Es sah wunderschön aus, wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre.

„Die Alpen", sagte der Schokoladenkringel ehrfürchtig. „Wie schön das ist."

„Ja", meinte der Kapitän, „jetzt ein anständiges Frühstück wäre mir lieber: Ein Topf Kaffee, ein weiches Ei und sechs Brötchen."

„Sechs Brötchen?", staunte der Schokoladenkringel. „Kapitän, du bist ein Vielfraß!"

Aber gegen einen Becher heißen Kakao hätte der Schokoladenkringel auch nichts einzuwenden gehabt.

Er durfte gar nicht daran denken. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen.

Der mitgebrachte Kakao war bereits ausgetrunken, seine eigene Schokolade war aufgegessen. Aber er hatte noch eines der Brote, das Tante Amalie ihm mitgegeben hatte. Dazu aß er eine Tafel Schokolade aus der Notverpflegung. Das war sein Frühstück.

Wann würde es wieder etwas richtig zum Essen geben? Der Schokoladenkringel wusste es nicht und ebenso wenig der Kapitän.

Der Sturm flaute langsam ab.

„Ob wir in den Bergen landen können?", fragte der Schokoladenkringel.

„Ich weiß es nicht. Wir brauchen einen sehr hohen Berg. Wenn der Wind uns dahin treibt, dann vielleicht", antwortete der Kapitän.

Die Berge wurden höher und höher. Und dann trieben sie tatsächlich auf einen hohen, eisbedeckten Bergriesen zu.

Auf der Nordseite war ein schroffer Abhang. Wegen des Nebels war nicht zu sehen, ob und wie weit man nach unten klettern konnte.

Es schien ein bekannter Gipfel zu sein, denn sie sahen schräg vor sich das Gipfelkreuz, auf das der Ballon langsam zutrieb.

„Anker raus!" brüllte der Kapitän plötzlich.

Der Schokoladenkringel zuckte vor Schreck zusammen.

„Wir landen hier."

Und mit einer Behändigkeit, die keiner dem Kapitän zugetraut hätte, warf er den kleinen Anker des Ballons, der außen am Korb befestigt war, nach unten.

Glücklicherweise verfing er sich an den Drahtseilen des Gipfelkreuzes. Es gab einen Ruck.

Der Ballon stand still.

Wie gut, dass der Wind sich inzwischen gelegt hatte, sonst hätte der Anker den großen Ballon nicht gehalten.

„Wir wollen mal nachsehen, wo wir eigentlich sind", sagte der Kapitän.

Es war hier oben tüchtig kalt. Der Schnee und das Eis strahlten eine winterliche Kälte aus.

Aber die beiden Ballonfahrer achteten nicht darauf.

Dem Schokoladenkringel konnte die Kälte ohnehin wenig anhaben, denn er fühlte sich ja sogar in einem Eisschrank wohl.

Nun warf der Kapitän die Strickleiter über Bord und kletterte zum Gipfelkreuz herunter.

Am Kreuz war ein Kasten angebracht, in dem das Gipfelbuch steckte.

„Mont Blanc" las der Kapitän.

Da waren sie also auf dem höchsten Berg Europas gelandet.

Was aber jetzt weiter?

„Das müssen wir genau überlegen", dachte der Kapitän.

Herunterklettern im Nebel, ohne Bergausrüstung und mit normalen Schuhen wäre sehr leichtsinnig gewesen.

Er steckte das Gipfelbuch ein, als Erinnerung, wie er nachher sagte.

„Also, sonst glaubt uns das ja doch keiner."

„Was hast du denn da?", fragte der Schokoladenkringel, als der Kapitän in die Gondel zurückgeklettert war.

„Das Gipfelbuch. Wir sind auf dem Mont Blanc. Ich nehme das Buch mit. Aber herunterklettern? Das ist zu gefährlich."

Zum Herabsteigen hatte der Schokoladenkringel auch keine Lust.

„Aber ein paar Zettel müssen wir doch hinterlegen, damit die nächsten wissen, dass wir hier gewesen sind. Außerdem muss da etwas zum Eintragen liegen."

Der Kapitän sah das ein. Er riss die letzten freien Seiten aus dem Buch.

Diesmal kletterte der Schokoladenkringel zum Gipfelkreuz herunter und steckte die Seiten in den Kasten.

Auf einem der Blätter hatten sie geschrieben:

„Kapitän Piepenbrink aus Büsum und der Schokoladenkringel aus Vlotho waren am 8. August während einer abenteuerlichen Ballonfahrt hier. Wo die Reise hingeht? Wir wissen es nicht."

Das dreizehnte Kapitel

Über Wasser und Wüste

Inzwischen war wieder Wind aufgekommen.

Der Ballon zerrte an dem Anker. Wolken zogen am Himmel auf und verdeckten die aufgehende Sonne.

„Ich glaube, wir sollten ablegen", sagte der Kapitän. „Hier scheint doch kein ruhiger Hafen zu sein."

Mit viel Mühe gelang es ihnen, den Anker vom Kreuz zu lösen. Es wurde höchste Zeit, denn der Wind pfiff schon stärker, ja, er schien wieder zum Sturm werden zu wollen.

„Sieht nach einem ausgewachsenen Orkan aus", dachte der Kapitän.

Der Himmel bezog sich mehr und mehr, es wurde noch kälter, einzelne Schneeflocken trieben durch die Luft.

„Wie im Winter", meinte der Kapitän. „Einen Pelzmantel könnte ich gut gebrauchen."

Da sie nichts anderes machen konnten, als sich ihrem Schicksal zu überlassen, kauerten sich die beiden Ballonfahrer in den Korb, um wenigstens vor dem kalten Wind geschützt zu sein.

Als sie wieder über den Rand der Gondel schauten, waren die Berge verschunden,

Stattdessen breitete sich ein starker Dunst aus. Dabei musste der Ballon ziemlich schnell fliegen, denn der Wind pfiff durch die Seile.

„So stell ich mir ein Segelschiff vor", sagte der Schokoladenkringel.

„Du hast recht, nur dass mir Wasser sympathischer ist", antwortete der Kapitän.

Der Schokoladenkringel fand das nicht. Ihm machte alles noch Spaß.

Viele Stunden trieben sie weiter. Die Sicht war und blieb schlecht. Ab und zu regnete es. Hin und wieder flogen sie durch dicke Nebelbänke.

Die Geschwindigkeit, mit der sie reisten, ließ sich nicht abschätzen.

Doch dann wurde der Nebel dünner, riss auf und unter sich sahen sie die Küste eines Meeres und eine große Stadt.

„Wo mögen wir sein?", fragte der Schokoladenkringel.

„Entweder am Atlantik - nein - so weit können wir noch nicht getrieben sein - oder - ich glaube, das könnte das Mittelmeer sein."

„Das Mittelmeer? Ja, dann sind wir ja gleich in Afrika", freute sich der Schokoladenkringel.

„Hoffentlich nicht", brummte der Kapitän.

„Warum nicht? Willst du denn im Meer landen, wo du nicht einmal so gut schwimmen kannst wie ich?"

Der Kapitän murmelte etwas in seinen Bart.

„Welche Stadt das ist, ich weiß nicht. Das könnte aber Nizza sein, oder Genua oder Marseille. Oder doch eine andere?"

Nach der Kälte, dem Regen und dem Nebel taten die warme Mittelmehrluft und die Sonne gut. Die feuchten Kleidungsstücke trockneten schnell.

Die Fahrt des Ballons wurde jetzt etwas langsamer.

Es wurde Abend.

Die Küste lag weit hinter ihnen. Sie sahen weiter nichts, als das Meer.

„Ich will jetzt schlafen", sage der müde Schokoladenkringel. „Du kannst mich ja wecken, wenn wir in Afrika sind."

Unter ihnen lag das Meer und nichts als das Meer; und über ihnen wölbte sich der Himmel mit seinen Sternen und dem Mond.

Von dem Vorrat waren noch drei Tafeln Schokolade und ein wenig Brot übrig, das Wasser mochte bei großer Sparsamkeit noch einen Tag reichen. Aber was war dann?

Der Kapitän grübelte und grübelte, aber er fand keine Lösung.

„Dieser verflixte Hauptgewinn", dachte er. „Wenn der Schokoladenkringel ihn nur nicht gewonnen hätte."

Aber was half das Wenn und das Aber? Er hatte ihn nun einmal bekommen und er, der Kapitän, war mitgeflogen. Ob er wohl glücklicher gewesen wäre, wenn der Schokoladenkringel und Tante Amalie in diesem verflixten Ballon gesessen hätten und er in seinem Krabbenkutter? Er glaubte es nicht.

Über sich sah er den leuchtenden Sternenhimmel, den großen Bären, Orion, die ganze Milchstraße. Er kannte sie alle, die Sternbilder, besser als du und ich. Schließlich war er ja auch ein Kapitän.

Aber was half ihm das alles, wenn er den Ballon nicht steuern, ja, nicht einmal anhalten konnte, wie es bei einem Schiff möglich war.

Allmählich schlief er auch ein.

Die Sonne war schon aufgegangen, als der Kapitän aufwachte.

Unter sich sah er das Meer und vor sich, noch in weiter Ferne, kam eine Küste in Sicht. Es musste Afrika sein.

„Afrika", dachte er. „Afrika, da wollte der Schokoladenkringel doch hin. Nun hat sich sein Wunsch erfüllt. Aber wann landet dieser verflixte Ballon endlich?"

„Sind wir schon da?", hörte er die Stimme des Schokoladenkringels hinter sich.

„Ja, du Langschläfer, da vorne ist Afrika."

Der Schokoladenkringel sprang auf:

„Hurra! Afrika, wir kommen!"

Dabei warf er beide Arme vor Begeisterung in die Höhe.

Dem Kapitän aber war gar nicht nach Begeisterung zumute.

Er dachte an die viel zu kleinen Lebensmittelvorräte.

„Was haben wir noch zu essen?", wollte der Schokoladenkringel wissen.

„Nicht viel", erklärte der Kapitän. „Etwas Brot, etwas Schokolade und ein wenig Wasser."

„Das ist nicht viel. Aber wir landen ja nachher."

„Und wie will der Herr das machen?", fragte der Kapitän.

„Ach ja, das geht ja gar nicht. Hab ich ganz vergessen", antwortete der Schokoladenkringel kleinlaut. „Meine ganze gute Laune ist weg."

Die Küste kam näher.

Dann sahen sie unter sich ein paar Dörfer, eine Straße, in der Ferne ein Gebirge, und dann begann die Wüste, trostlos und weit.

„Sollen wir etwa in der Wüste verhungern oder verdursten?", dachte der Kapitän.

Er öffnete die vorletzte Wasserdose - und dabei schnitt er sich.

Einen Augenblick sah er den blutenden Finger an, ganz verdutzt - und dann rief er plötzlich:

„Ich hab´s! Ich hab´s! Dass ich nicht vorher darauf gekommen bin. O, ich Riesenwalross!"

„Was ist denn los?", frage der Schokoladenkringel erstaunt. „Bist du übergeschnappt?"

„Nein, aber ich weiß jetzt, wie wir den Ballon zur Erde bringen können."

Und dann erklärte er dem Schokoladenkringel, was er tun musste.

„So einfach ist das? Da hättest du aber auch früher rauf kommen können."

Der Kapitän kletterte an den Seilen, die den Korb mit dem Ballon verbanden, nach oben. In der Hosentasche hatte der die leere Wasserdose.

Als er den Ballon erreichte, band er sich mit einem Seil fest und schabte dann mit dem scharfen Deckel der Wasserdose an der Hülle des Ballons.

Er schabte und schabte und plötzlich mache es „Pfiffschsch" und Gas entwich aus der Hülle. Der Kapitän machte das Loch noch etwas größer und kletterte dann wieder in die Gondel.

„Hat´s geklappt?", fragte der Schokoladenkringel.

„Prima", antwortete der Kapitän. „Bald können wir landen."

„Mitten in der Wüste?"

„Wenn es sein muss, dann ja."

Inzwischen waren sie schon eine ganze Zeit lang über die Wüste geflogen.

Der Ballon bekam seine ersten Falten, und je länger es dauerte, desto mehr wurden es.

Und dann kam der Augenblick, an dem beide Ballonfahrer merkten, dass sie an Höhe verloren.

Noch eine Stunde und dann noch eine und dann näherten sie sich immer mehr dem Boden.

Und jetzt kam der Moment, an dem die Gondel über den Wüstensand schleifte, ein paar hundert Meter, die Ballonhülle fiel in sich zusammen und blieb in Fahrtrichtung liegen.

Die beiden Insassen steigen aus.

Die Ballonfahrt war zu Ende.

Wie aber wie sollte es jetzt weitergehen?

Niemand wusste es.

 

Das vierzehnte Kapitel

Hab´ ne Tante in Marokko

Du kennst sicher das Lied von der Tante in Marokko.

Der Schokoladenkringel dachte an dieses Lied, als er aus der Gondel kletterte, obwohl weder er noch der Kapitän wussten, ob sie in Marokko oder anderswo gelandet waren.

Nur, dass es die Sahara war, in der sie jetzt neben ihrer Gondel standen, war ihnen klar.

Die Steppe war weit im Norden zurückgeblieben. Sand, aufgetürmt zu Wanderdünen, umgab sie, eine heiße und trockene Welt.

Wie sollten sie hier jemals fortkommen?

Dem Schokoladenkringel ging das Lied von dieser sagenhaften Tante nicht aus dem Kopf.

Der Kapitän setzte sich in den Sand und starrte vor sich hin. Mit seinem ungepflegten Bart sah er aus wie ein Räuberhauptmann.

Die Landung des Ballons war nicht unbemerkt geblieben. Einige Stunden weiter, in der Wüste rechnet man nach Kamelreitstunden, wie bei uns nach Autostunden, stand ein Zeltdorf.

Es war in einer Oase aufgebaut und in ihr lebte ein Beduinenstamm.

Aber es war kein gewöhnlicher Stamm. Das Besondere an ihm war nämlich, dass der Häuptling eine Frau war.

Ihre Krieger hatten ihr von dem Ballon berichtet, wobei sie Mühe hatten, ihn zu beschreiben, denn sie hatten im Leben noch nie so etwas gesehen. Es war also ein großes Ei, das sich vom Himmel der Erde näherte, und je näher es der Erde kam, desto faltiger wurde es.

Und dann sah es aus, als ob aus dem großen Ei noch ein kleines käme, nicht rund, sondern eckig.

Wurde ein neues Himmelsei geboren?

Die Krieger berichteten:

„Wir haben ein seltsames Himmelsei gesehen, Stammesfürstin Am-an-dah", sagte der älteste der Krieger zu der Fürstin, die im Schatten eines Zeltes saß.

„Reitet hin und seht nach", befahl die alte Fürstin. „Und wenn ihr etwas findet, bringt es her."

Die Krieger konnten sich zwar nicht vorstellen, was sie bei dem Himmelsei finden konnten, aber die Weisheit und die Erfahrung der alten Fürstin war so groß, dass es nichts zu geben schien, was sie nicht wusste.

Und nur deshalb war sie, eine Frau und dazu noch unverheiratet, Fürstin dieses Stammes geworden.

So ritten die Krieger los. Sie ritten Stunde um Stunde in die Richtung, in die das Himmelsei geflogen war.

Und als sie die große Düne von Aga-Aga erreichten, sahen sie unter sich, zwischen zwei kleinen Dünen das, was von dem Himmelsei übrig geblieben war.

Ihnen war unheimlich zumute.

Das große Ei musste seinen ganzen Inhalt verloren haben, denn sie konnten sehen, dass die Schale dort im Sand lag, wie ein großer Sack.

Als sie vorsichtig näher ritten, erkannten sie, dass das kleine Ei auch dort lag und als sie sich noch mehr näherten, sahen sie die beiden Gestalten: den einen bärtig, groß, mit weißen Haaren, der andere eine kleine Gestalt, wie sie noch nie eine gesehen hatten.

Das ist natürlich kein Wunder, denn der Schokoladenkringel war noch nie in Afrika gewesen und die Beduinen noch nie in Vlotho oder in Büsum. Woher sollten sie ihn auch kennen?

Etwas ängstlich ritten sie zu den beiden hin.

Der Anführer grüßte höflich:

„Salam ...", mehr verstanden die beiden nicht, denn keiner konnte die Beduinensprache. Der Kapitän war in seiner Jugendzeit eifriger Karl-May-Leser gewesen, der Schokoladenkringel kannte auch einige Werke von ihm. Dennoch reichte das, was sie verstanden, nicht weit.

Der Anführer der Beduinen, noch bärtiger als der Kapitän, stieg ab, verneigt sich und deutete auf die Kamele.

„Wir sollen wohl mitkommen", meinte der Kapitän. „Immerhin besser, als zu verhungern oder zu verdursten."

Mit viel Mühe bestiegen sie zwei reiterlose Kamele. Der Kapitän rutschte zuerst auf der anderen Seite wieder herunter und musste es noch einmal versuchen, bis er einigermaßen fest saß. Beim Schokoladenkringel, der ja viel sportlicher war, ging alles viel besser. Er saß ganz sicher im Sattel und hielt sich an den Zügeln fest.

Du wirst die Schwierigkeiten des Kapitäns sicher verstehen, wenn du selbst einmal ein Kamel besteigen musst. Probier es doch mal in einem Zirkus.

Die Beduinen untersuchten das Himmelsei.

Sie erkannten, dass die Ballonhülle aus einem ihnen unbekannten Stoff war und dass man sie zusammenrollen und mitnehmen konnte.

So zerrten sie die Hülle mit viel Mühe aus den Seilen, wickelten sie zusammen und luden sie auf ein Kamel. Die Seile steckten sie in den Korb und banden diesen auch auf ein Kamel.

Nun konnten sie sich auf den Rückweg machen.

„Sind wir nun Gefangene oder Ehrengäste?", fragte der Kapitän.

„Woher soll ich das wissen?", antwortete der Schokoladenkringel. „Ich finde es jedenfalls schön, einmal auf einem richtigen Kamel zu reiten. Wer weiß, wo jetzt die Reise hingeht."

Sie ritten Stunde um Stunde.

Inzwischen war es Abend geworden. Es wurde kühler. Der Hunger begann sich zu regen, die Kehle war ausgetrocknet.

Wenn du so eine Tour einmal mitmachst, dann wirst du merken, wie anstrengend es ist, durch die Wüste zu reiten und dabei Hunger und Durst zu haben.

Der Schokoladenkringel stellte sich vor, wie schön es sein müsste, ein ganz großes Schokoladeneis zu lecken. Aber davon wurde der Durst nur noch größer. Dem Kapitän ging es nicht anders, als er an ein Glas Bier dachte.

Endlich schienen sie am Ziele zu sein.

Aus der Dunkelheit schälten sich Palmen heraus und ein Zeltdorf, in dem kleine Feuer den „Marktplatz" erhellten.

Die Karawane wurde stürmisch begrüßt. Kinder, Hunde, junge Ziegen, Frauen und Männer quirlten plötzlich durcheinander. Vor dem größten Zelt sahen sie eine vermummte Gestalt, die sich äußerlich kaum von den Beduinen unterschied.

„Das da müsste der Häuptling sein", vermutete der Kapitän.

Der Schokoladenkringel nickte zustimmend.

Der Häuptling hob die Hand. Es wurde still, und dann sagte er etwas in einer Sprache, die die beiden Ballonfahrer nicht verstanden.

Der Anführer der Reiter gab den Kamelen ein Zeichen. Sie legten sich auf den Boden und die beiden Reisenden mussten absteigen.

Die Beine der Ballonfahrer waren ganz steif.

Zwei bewaffnete Beduinen brachten sie zu der Feuerstelle vor dem großen Zelt.

Der Häuptling sah die beiden an, dann, auf einen Wink hin, brachten Frauen Sitzkissen.

Sie durften sich dem Häuptling gegenüber hinsetzen.

„Who are you? Qui êtes vous?", fragte der Häuptling mit einer seltsamen hohen Stimme.

Der Schokoladenkringel und der Kapitän verstanden wenigstes die erste Frage: „Wer seid ihr?"

„Eine seltsame Stimme", dachte der Kapitän. „Und dann spricht er auch englisch."

Der Schokoladenkringel, der das ganze Abenteuer sehr spannend fand, aber großen Hunger und Durst hatte, antwortete als erster und zwar auf Deutsch:

„Wir sind Ballonfahrer. Das kann man doch sehen. Ich bin der Schokoladenkringel und das da ist mein bester Freund, der weitgereiste Kapitän Piepenbrink aus Büsum."

Bei den Worten des Schokoladenkringels zuckte der Häuptling zusammen.

Dann stellte sich der Kapitän vor.

Und kaum war die Vorstellung beendet, da sagte der Häuptling mit einer unverkennbaren Frauenstimme auf Deutsch:

„Das ist doch nicht möglich."

„Das ist doch möglich!", polterte der Kapitän los.

„Moment mal, Sie sprechen ja Deutsch", und ehe der Kapitän und der Schokoladenkringel sich von ihrer Verblüffung erholt hatten, nahm der Häuptling seinen Schleier beiseite und die beiden sahen das bartlose Gesicht einer Frau.

„Gustav, Gustavlein!", rief die Frau.

„Gustav, Gustavlein?", der Kapitän staunte immer mehr. Wer war dieser Häuptling, der eine Frau war?

Woher wusste sie, wie er mit Vornamen hieß und woher kannte sie seinen Kindernamen?

„Ich bin Amanda, Gustav, deine Schwester Amanda! Kennst du mich denn gar nicht mehr?"

Der Kapitän konnte gar nicht so schnell denken, wie die Ereignisse auf ihn zupurzelten.

„Sie sind - du bist meine Schwester Amanda? Aber die ist doch als junges Mädchen im Mittelmeer über Bord gespült worden und ertrunken."

„Nein, nein, nein, die ist nicht ertrunken", antwortete die Frau. „Deine Schwester sitzt hier vor dir als Fürstin Am-an-dah, als Herrin dieses Beduinenstammes."

„Das ist doch nicht möglich", dachte nun selbst der Kapitän.

Und ehe die beiden Beduinen, die auf die Fremden aufpassen sollten, es verhindern konnten, sprang der Kapitän auf, nahm seine Schwester in die Arme und drückte ihr einen großen Kuss auf die Stirn.

Die Wachen wollten sich auf den Kapitän stürzen, denn sie dachten, er wollte ihre Fürstin ermorden. Am-an-dah konnte sie gerade noch zurückweisen.

„Igittegittegitt", rief sie dann. „Das kratzt aber."

Dem Kapitän war das gleichgültig. Er hatte seinen Bart und die Bartstoppeln vergessen, ja, sogar seinen Hunger und seinen Durst, was du vielleicht verstehen kannst.

Schließlich hatte er seine Schwester seit über fünfzig Jahren nicht mehr gesehen.

Der Schokoladenkringel war nüchterner:

„Wenn ihr mit der Knutscherei fertig seid, könnten wir vielleicht Abendbrot essen."

Am-an-dah befreite sich aus den Armen ihres Bruders.

Die Beduinen sahen ihre Fürstin ratlos an. Wie konnte sie es zulassen, sich von dem Gefangenen umarmen zu lassen? Das war etwas so Ungeheuerliches, dass keiner wusste, ob er mit dem Dolch eingreifen sollte oder nicht.

Aber die Fürstin klärte die Lage schnell.

In ihrer Beduinensprache erklärte sie, dass die Gefangenen frei seien und dass der große, bärtige Mann ihr Bruder sei, der mit dem Himmelsei aus der Ferne gekommen sei, um sie, die Fürstin zu besuchen.

„Und jetzt", befahl sie, „wollen wir ein Fest feiern!"

Und so geschah es auch.

Wenn du wissen willst, was da am Abend in der Oase unter dem Sternenzelt serviert wurde, so will ich es dir berichten:

Als Vorspeise gab es Schafskäse, frische Datteln, Milch von Ziegen und Honig.

Dann wurde Reis gebracht, Brot und gebratenes Hammelfleisch. Dazu gab es kühles Wasser.

Dem Kapitän, der seit dem Abflug aus Büsum nichts Ordentliches hatte essen können, schmeckte es vorzüglich.

Nur der Schokoladenkringel musste sich viel, viel Honig erbitten, damit das Essen für ihn genießbar wurde, denn Kakao und Schokoladenstreusel konnte er für den Hammelbraten nicht bekommen, der Arme!

Natürlich gab es nach dem Abendessen viel zu erzählen, und die Sonne ging fast auf, als sie sich in einem Gästezelt zu Bett legten, das heißt auf weiche Felldecken. Aber so, wie die ich die beiden kenne, hätten sie selbst auf hartem Felsboden geschlafen.

Am nächsten Tag standen der Kapitän und der Schokoladenkringel erst gegen Mittag auf. Und ich denke, dass du das verstehen kannst.

Das Frühstück, das eigentlich schon Mittagessen war, bestand aus kaltem Hammelfleisch, Fladenbroten und ein paar Datteln. Der Kapitän bekam dazu noch einen Becher heißen Kaffee.

Nur Kakao hatte die Küche der Fürstin nicht zu bieten.

Natürlich bestaunte das Dorf die Abenteuer der beiden Ballonfahrer.

Die Fürstin Am-an-dah musste alles in die Beduinensprache übersetzen. Ob es immer ganz richtig war, bezweifelte selbst der Schokoladenkringel, obwohl es ihm mächtig gefiel, als „Reisender mit dem großen Himmelsei" gefeiert zu werden. Und als bester Freund des Bruders einer Fürstin zu gelten, hat er sehr genossen.

Das Dorf stand in einer Oase, das heißt, es gab einige Palmen und vor allem Wasser. In der Nähe waren einige Steppengebiete, auf denen die Tiere des Stammes weideten.

Ansonsten lebten diese Beduinen am Rande der großen Sandwüste, der Sahara, und die Städte und Dörfer in denen Europäer lebten, waren weit weg.

Der Kapitän befand sich in einer Zwickmühle.

Er wäre gerne noch einige Wochen bei seiner Schwester geblieben, hätte aber andererseits auch gern Tante Amalie benachrichtigt und vor allem uns, die Eltern des Schokoladenkringels oder besser, die Pflegeeltern, obwohl von Pflege kaum die Rede sein konnte.

„Du kannst dir denken, dass unsere Leute in Büsum und besonders in Vlotho sich Sorgen machen", sagte der Kapitän zu seiner Schwester.

„Wie können wir ihnen bloß sagen, dass wir noch leben und dass es uns gut geht?"

Die Fürstin wusste aber Rat. Sie hatte nicht umsonst den Ruf, eine sehr kluge Frau zu sein.

„Wir schicken eine Gruppe unserer Krieger zum nächsten Lager der Ölsucher. Dort gibt es gewiss Funkgeräte. Wir müssen ihnen nur das, was du nach Deutschland telegraphieren willst, in englischer Sprache mitgeben, denn deutsch versteht hier niemand."

Und so wurde es gemacht.

Der Kapitän schrieb eine kurze Nachricht auf, die Beduinen brachten sie mit einem Ritt von drei Tagen zum nächsten Lager der Ölsucher.

Das Telegramm haben wir in das Fotoalbum geklebt, das dem Schokoladenkringel gehört.

Du kannst es da nachlesen.

Der Kapitän und der Schokoladenkringel wollten noch ein paar Tage Urlaub machen, und dann sollte sich die Karawane mit den Resten des Ballons zur nächsten Hafenstadt begeben, wo gleichzeitig Waren für den Stamm eingekauft werden konnten.

Der Schokoladenkringel freute sich jedenfalls schon darauf, nach Hause zu kommen.

 

Das fünfzehnte Kapitel

Der Überfall

In diesen Tagen lernte der Schokoladenkringel richtig auf Kamelen zu reiten, sowie die Sprache der Beduinen, jedenfalls einige Brocken.

Er lernte, wie man mit einem Säbel umgeht und durfte auch mit den alten Gewehren des Stammes schießen.

„Ich möchte gerne mal allein ausreiten, einen ganzen Tag", bettelte der Schokoladenkringel. Der Kapitän war sehr dagegen. Er wollte nicht, dass noch kurz vor der Heimfahrt etwas passierte.

Doch die Fürstin Am-an-dah war anderer Meinung.

„Wenn ein Junge so gut reiten und schießen kann, wie der Schokoladenkringel, dann kann er auch allein ausreiten. Schließlich weiß auch das Kamel, wie es nach Hause kommt, falls sich sein Reiter verirrt haben sollte, jedenfalls, dann, wenn kein Sandsturm kommt"

Und damit war die Erlaubnis gegeben.

Am Abend wurde die Verpflegung eingepackt:

Ein Fellsack mit Wasser, genug Fladenbrote, Honig und eine Tasche mit frischen Datteln. Auf gebratenes Hammelfleisch hatte der Schokoladenkringel verzichtet.

Als Reittier durfte er das weiße Kamel der Fürstin einen ganzen Tag nehmen.

Noch bevor die Sonne aufging, wurde er geweckt und nach einem kurzen Frühstück begann der Ritt.

Das Reiten auf einem Kamel ist eine herrliche Sache. Der Reiter sitzt viel höher als auf einem Pferd und kann auch viel weiter sehen.

Der Schokoladenkringel wollte einen Ausflug in das nächste Gebirge machen. Er hatte sich den Weg gut beschreiben lassen und wollte zu dem grünen See, der von Felsen umrahmt ist, an dem man hin und wieder Diamanten finden kann, die den größten Reichtum des Stammes ausmachten.

Er dachte: „Wenn ich dort ein paar Diamanten finde, nehme ich sie mit und schenke sie meinem Papa."

Das Gebirge war nicht schwer zu finden. Nachdem er über die große Düne Aga-Aga geritten war, dort, wo der Ballon damals landete, sah er das Gebirge in der Ferne.

Er suchte den Eingang in das Tal der Schlangen, und nach einer weiteren Stunde fand er den grünen See, der in einem Talkessel lag. Im Schatten der Felsen rastete er.

Das Wasser in dem Fellsack war warm und schmeckte nicht sonderlich gut. Aber die Datteln entschädigten ihn für alles.

Und dann machte er sich auf die Suche nach Diamanten.

Ungeschliffene Diamanten unterscheiden sich kaum von gewöhnlichen Steinen.

Aber der Schokoladenkringel hatte sich im Lager der Fürstin Rohdiamanten zeigen lassen, und tatsächlich, nach einigem Suchen fand er vier wunderschöne Diamanten im Sand und steckte sie ein.

Jetzt wurde es Zeit, zurückzureiten.

Den Weg zur Düne Aga-Aga hatte er sich gemerkt.

Aber als er dort angekommen war, passierte das Unglück.

Plötzlich, jedenfalls für den Schokoladenkringel, ein echter Wüstensohn hätte es schon vorher bemerkt, verdunkelte sich der Himmel, ein unheimliches Heulen erfüllte die Luft, und dann brach einer der gefürchteten Sandstürme los.

Der Sand pfiff durch die Luft.

In kurzer Zeit blieb dem Schokoladenkringel fast die Luft weg. Von den Beduinen hatte er gelernt, dass es unter solchen Umständen am besten ist, dass sich das Kamel auf den Boden legt und der Reiter sich in seinen Windschatten kauert.

So ließ er das Kamel sich hinknien und rutschte aus dem Sattel. Das Kamel streckte sich in den Sand. Der Schokoladenkringel kuschelte sich an den Bauch des Tieres.

Jetzt war er, wenn er sein Tuch über das Gesicht zog, einigermaßen vor dem Sand geschützt. Dennoch drangen die feinen Körner in Augen, Mund und Nase.

Erst nach Stunden hörte der Sandsturm auf.

Der Schokoladenkringel und das Kamel mussten sich mühsam aus dem Sandberg wühlen, der über ihnen lag.

Alles schien jetzt überstanden zu sein, nur, die Landschaft sah ganz anders aus.

Die Dünen waren nicht mehr dieselben, die Spuren des Kamels waren nicht mehr zu entdecken, die Sonne war noch immer verdeckt und die Berge im Hintergrund nicht auszumachen, weil die Luft noch voller Staub war.

Der Schokoladenkringel klopfte den Sand aus der Kleidung, stieg auf das Kamel und ritt los.

Die Richtung, meinte er, müsste wohl stimmen.

Aber wenn man nicht so ganz sicher ist und die Gegend nicht so ganz genau kennt, kann man sich leicht verirren. Und genau das passierte dem Schokoladenkringel.

Sein Weg führte viel weiter nach Süden, als es gut war.

Es wurde Abend, es wurde Nacht. Er fand den Weg nicht mehr.

In den Satteltaschen hatte er noch ein wenig zum Essen und Wasser, aber was nützte ihm das?

In der Wüste gibt es keine Straßenecken, an denen man Menschen nach dem Weg fragen kann.

Gegen Mitternacht beschloss er, etwas zu schlafen. Das Kamel legte sich in den Sand, er selbst kauerte sich an das Tier. Die Zügel hatte er um sein Handgelenk gebunden, damit sein Reittier nicht weglief. Er schlief unruhig und träumte von Männern, die ihn ausrauben wollten.

Als die Sonne aufging, wachte er auf. Die Berge konnte er nicht mehr sehen. Die Dünen um ihn herum waren zu hoch.

Er stieg wieder auf sein Kamel und ritt in die Richtung, von der er annahm, dass es die richtige wäre.

Gegen Mittag kam ihm die Gegend immer unbekannter vor.

Und dann sah er in der Ferne eine Karawane.

„Das sind bestimmt die Leute, die die Fürstin Am-an-dah geschickt hat, um mich zu suchen", dachte er.

Er ritt auf die Männer zu, die noch zu weit weg waren, als dass er ihnen zurufen konnte.

Als die Reiter ihn erblickten, änderten sie ihre Richtung und kamen auf ihn zu.

Sie waren bewaffnet und sahen irgendwie wilder aus, als die Beduinen, die er in der Oase kennengelernt hatte.

„Salam", begrüßte er sie.

Aber niemand grüßte wieder.

Die Männer starrten das weiße Kamel an, und als der Schokoladenkringel den Namen Am-an-dah nannte, lachte einer aus der Gruppe.

Sie umringten ihn, der Anführer ritt nahe an ihn heran.

Dann nahm er sein Gewehr, zeigte auf den Schokoladenkringel, dann auf den Boden und dann wieder auf den Schokoladenkringel.

Als dieser wieder sagte, dass dies Kamel Am-an-dah gehörte, die Beduinen verstanden nur den Namen, lachte auch der Anführer und sagte etwas sehr drohend, was der Schokoladenkringel nicht verstand.

Er merkte aber, dass er absteigen sollte.

Kaum war er aus dem Sattel gerutscht, da stand schon ein anderer Beduine neben ihm, fesselte ihn, setzte ihn auf ein anderes Kamel und band ihn dort fest.

Alles Sträuben und Schimpfen halt nichts.

Es war aus.

Er war gefangen.

Im Lager der Fürstin machte man sich Sorgen, als der Schokoladenkringel am späten Abend noch immer nicht zurück war.

Noch in der Nacht wurden Suchtrupps ausgeschickt, aber sei fanden ihn nicht.

Erst am nächsten Tag entdeckte ein Krieger Kamelmist und dann das Taschentuch des Schokoladenkringels, das vom Sand halb verdeckt, bei der Gefangennahme aus seiner Hosentasche gefallen war.

Die Fürstin war ratlos:

„Es könnte sein, dass er überfallen und entführt wurde. Die meisten Spuren sind verweht, aber an dem Kamelmist können wir sehen, dass noch andere Tiere dort waren."

Nicht nur die Fürstin machte sich Vorwürfe.

Sie hätte einen erfahrenen Krieger mitschicken sollen, statt den Schokoladenkringel allein losreiten zu lassen.

Dem Kapitän ging es nicht anders.

Er fühlte sich für seinen kleinen Reisekameraden verantwortlich.

Er war verzweifelt.

So viele Abenteuer hatten sie nun schon gemeinsam bestanden - und nun dies.

Das sechzente Kapitel

Verkauft

„So ist das also, wenn man gefangen ist", dachte der Schokoladenkringel.

Sie waren nun schon fünf Tage unterwegs.

Er ritt auf einem alten Kamel, zwar nicht mehr gefesselt, aber wie sollte er auch fliehen?

In der Mittagspause und nachts wurde er wieder gefesselt: ein Sklave, der keine Freiheit mehr hatte.

Dazu kamen die Hitze, die Trockenheit und der Durst. Der Schokoladenkringel fühlte sich wie eine Backpflaume, gar nicht mehr wie er selbst.

Wie lange mochte die Reise noch dauern?

Wohin würde sie ihn führen?

Nach zwei Wochen schmerzte vom ungewohnten Reiten der Po, und alle Gelenke taten im weh.

Der Durst war so groß, dass er meinte, er könnte die ganze Nordsee austrinken, wenn sie nur aus Kakao wäre.

Die Landschaft hatte sich in den letzten Tagen langsam verändert.

Während sie die meiste Zeit durch die Wüste geritten waren, wurde der Boden steiniger, und bald tauchten die ersten Grasbüschel auf, und dann kam eine Steppe, die immer saftigere Gräser hatte und sogar Büsche und vereinzelt Bäume.

Es gab einige Wasserstellen, an denen sich die Kamele satt trinken konnten.

Waren die Beduinen während des Wüstenrittes recht schweigsam, wurden sie im Grasland immer lebhafter.

Aber endlich erreichten sie in der dritten Woche ein Dorf.

Dieses Dorf bestand aus runden Hütten, die aus Lehm gebaut waren. Die meisten Dächer waren mit Blättern, einige mit Schilf oder Stroh gedeckt.

Wohnten die Beduinen hier?

Es sah nicht so aus.

Vor dem Dorf wurden Zelte aufgeschlagen, während die Reiter auf ihrer Reise unter freiem Himmel übernachtet hatten, nur in Decken gehüllt.

Es schien hier also einen längeren Aufenthalt zu geben.

Ein Lagerfeuer wurde angezündet.

Der Anführer ritt ins Dorf. Als er nach einiger Zeit zurückkam, schickte er zwei seiner Krieger los, die nach etwa einer Stunde bepackt wieder kamen. Sie hatten Einkäufe gemacht.

Der Schokoladenkringel bekam wieder das flache, trockene Brot, diesmal aber frisches Wasser. Er trank, soviel er konnte, und das war eine ganze Menge, auch wenn es nicht wie Kakao schmeckte. Aber er hatte ja schon auf so viel verzichten müssen: auf Schokolade und Schokoladenpudding, auf Schokoladeneis und Schokoladentorte.

Wenn er nur an diese Köstlichkeiten dachte, wurde ihm ganz schwarz vor Augen. Und dabei hatte er sich früher nie vorstellen können, dass ein Schokoladenkringel ohne Schokolade und Kakao länger als einen Tag leben konnte.

Am nächsten Tag, der Schokoladenkringel hatte die ganze Nacht traumlos geschlafen, gut bewacht und gefesselt, schien es etwas besonders zu geben.

Im Dorf waren Trommeln zu hören, Rufe und Geräusche wie von vielen Menschen.

Sollte ein Fest gefeiert werden?

Es gab kein Fest, jedenfalls kein solches Fest, wie es sich der Schokoladenkringel vorgestellt hatte.

Es gab einen Markt.

Der Schokoladenkringel wurde gefesselt und zum Dorfplatz geführt.

Und jetzt merkte er, was die Beduinen vorhatten:

Er sollte als Sklave verkauft werden.

Zuerst war er darüber entsetzt.

Dann dachte er: „Schlimmer als jetzt kann es ja doch nicht mehr kommen."

Und nun hatte sogar seinen Spaß daran.

„Wie viel werde ich wohl kosten?", fragte er sich.

„Ob die mich nach Gewicht verkaufen, oder nach Größe oder nach Seltenheitswert?"

Und dann hoffte er: „Wenn doch mein Papa mich jetzt kaufen würde", und er bekam dabei sogar ein wenig Heimweh, was du sicherlich verstehen kannst.

Von überall her schienen die Menschen gekommen zu sein.

Viel wurde gekauft und verkauft:

Ziegen und Hühner,

Kamele und Schafe,

Getreide in Säcken,

Töpfe und Krüge,

Felle und Stoffe,

Fleisch und Melonen,

Brot und Wasser -

und sogar ein richtiger Schokoladenkringel.

Er war der einzige, der in die Sklaverei musste.

Die ersten Neugierigen kamen.

Der Schokoladenkringel stand gefesselt neben den Beduinen, die ihn bewachten.

Einer der Marktbesucher schien zu fragen, was das denn für ein Tier sei, das so angezogen wie ein Mensch zum Verkauf dastand.

Der Beduine antwortete, aber der Schokoladenkringel verstand ihn nicht.

„Verflixt", dachte er. „Warum habe ich nicht genug beduinisch gelernt? Dann wüsste ich doch, was die hierüber mich reden."

Andere Interessenten kamen.

Einige betasteten ihn: seine Nase, seine Arme, seine Beine, seinen Bauch. Einer machte seinen Mund auf, um zu sehen, ob seine Zähne auch gut seien.

Aber der Schokoladenkringel biss ihm schnell in den Finger, sodass er die Hand mit einem Schmerzensschrei zurückzog.

So ging das den ganzen Tag.

„Die wollen mich wohl nicht", dachte er erbittert. „Bin ich, der berühmte, weitgereiste und musikalische Schokoladenkringel etwa nichts wert?"

Er wurde ordentlich wütend.

Aber am Abend kam doch noch ein Interessent.

Der Schokoladenkringel sah ihm an, dass er reich war. Es war ein recht dicker Neger, viel dunkler als die Beduinen und sehr selbstbewusst.

„Er sieht aus, als ob er mit mir verwandt ist", dachte der Schokoladenkringel. Er fand ihn gleich sympathisch.

Der Mann ging, nein, watschelte auf die Beduinen zu und sah sich den Schokoladenkringel genau an:

von vorne, von hinten, von rechts und von links, nur von oben und von unten ging es nicht. Dann fragte er nach dem Preis, feilschte etwa zehn Minuten lang, weil das Wesen, das er kaufen wollte, ihm doch sehr fremd erschien. Und dann, der Schokoladenkringel hielt die Luft an, wurde er tatsächlich gekauft.

Der dicke Neger zahlte aus einem Beutel, den er unter seinem Umhang hervorholte, einige Goldstücke in die Hand des Beduinen.

Wie viele es waren, konnte der Schokoladenkringel nicht erkennen.

„Hoffentlich bin ich etwas wert", dachte er. Andererseits gönnte er den Beduinen nicht einmal einen Pfennig. Schließlich hatten sie ihn geraubt.

Und das war doch ziemlich unverschämt, meist du nicht auch?

Der Neger trug an seinem Handgelenk eine kleine Pfeife, in die er jetzt blies.

Sofort kam aus der Menge ein anderer Neger, der dem Schokoladenkringel ein Seil um den Hals band, die Fußfesseln abnahm und ihn abführte, so wie man einen Hund führt, nur dass sein Opfer nicht auf vier Beinen lief.

„Schöne Methoden habt ihr hier", schimpfte der Schokoladenkringel.

Der dicke Neger zuckte zusammen. Das Wesen konnte sogar ordentlich sprechen, wenn er auch seine Sprache nicht verstand. Es musste sofort wissen, wer der Herr im Hause war.

Und so nahm der Mann eine Peitsche, die er an seinem Gürtel trug, und zog sie dem Schokoladenkringel über den Rücken.

„Au! Das bekommst du wieder, du, du Hanswurst", drohte er.

Nur es gab keinen, der diese Drohung verstehen konnte. Seine Sympathie mit den Negern war verflogen.

Der dicke Mann aber lachte, und dann wurde der Schokoladenkringel immer weiter an den Rand des Dorfes gezogen, wo er ein paar Zelte entdeckte und ein paar Pferde.

„Aha", erkannte er. „Die kommen aus einer anderen Gegend als die Beduinen, weil sie Pferde haben und keine Kamele."

Du wunderst dich vielleicht darüber, dass man Menschen verkauft und mit der Peitsche schlägt. Leider gibt es das noch immer, dass Kinder und Erwachsene verkauft werden. Früher haben die Europäer, die doch Christen waren, sehr viele Neger geraubt und nach Amerika verkauft. Und was das Auspeitschen anbetrifft, es gibt heute noch viele Menschen, die meinen, dass man mit Schlägen am besten erziehen kann.

Daher ist das, was dem Schokoladenkringel passierte, gar nicht so ungewöhnlich, wie es dir vielleicht scheint, weil du das große Glück hast, in einem Land oder in einer Zeit oder bei Menschen zu wohnen, bei denen es anders ist.

Der Schokoladenkringel wurde gefesselt und in ein Zelt gelegt und schlief diese Nacht recht schlecht. Kein Wunder, denn dir würde es in einem Bett und ohne Fesseln auch besser gefallen.

Am nächsten Tag brachen die Neger auf.

Der Schokoladenkringel erkannte, dass der dicke Neger der Anführer war. Vielleicht war er sogar der König eines großen Volkes oder er war ein Stammesfürst, wie Am-an-dah bei dem Beduinenstamm.

Die Männer hatten alles verkauft, was sie als Handelsware mitgebracht hatten und hatten das erworben, was sie brauchten.

Der Schokoladenkringel bemerkte, dass die Pferde mit Stoffballen, Fellen und Säcken beladen wurden.

Dann brachen sie auf.

Der Schokoladenkringel ritt auf einem alten Gaul. An Flucht war bei den viel besser berittenen und bewaffneten Kriegern dieses Stammes nicht zu denken.

Die Reise ging nach Süden, soviel konnte er an dem Sonnenstand erkennen.

Teilweise stand die Sonne sogar senkrecht über ihnen.

Nach vielen Tagen hatten sie die Sonne mittags sogar im Rücken.

Der Ritt dauerte Tage um Tage. Zuletzt hatte der Schokoladenkringel es aufgegeben, das Datum auszurechnen, das sie jetzt haben mussten.

Dafür bemühte der Häuptling sich, ihm seine Sprache beizubringen, und weil der Schokoladenkringel ein gelehriger Schüler war, konnte er sich bald leidlich verständigen.

„Ich bin dein Herr", sagte der Anführer. „Ich bin ein mächtiger König, und werde dich meiner Frau als Diener schenken."

Was sollte der Schokoladenkringel darauf antworten?

 

Das siebzehnte Kapitel

Als Sklave der Königin

„Wie lange die Reise noch gehen mag?", fragte sich der Schokoladenkringel nach vielen Tagen. Es ging ihm kaum besser als bei den Beduinen, die ihn geraubt hatten. Der Po tat weh, alle Gelenke schmerzten.

Aber dann, eines Abends, hatten sie ihr Ziel erreicht: ein Dorf mit runden Hütten, noch mehr Kindern, Frauen und Hunden, die die kleine Karawane freudig begrüßten.

Der Schokoladenkringel wurde von allen bestaunt. Nicht wegen seiner Hautfarbe, die unterschied sich nicht von der der Dorfbewohner, sondern wegen seines merkwürdigen Aussehens, denn einen wirklichen, lebendigen Schokoladenkringel hatten die Dorfbewohner noch niemals gesehen.

Die Frau des Stammesfürsten begrüßte ihren Mann. Sie trug einen kostbaren Goldreif um den Hals und goldenen Schmuck im Haar.

Dies musste also eine Königin sein und ihr Mann ein König.

„Hier, das habe ich dir mitgebracht", sagte der König und zeigte auf den Schokoladenkringel. „Es wird dein neuer Diener sein."

Die Königin bedankte sich.

Dann wurde der Schokoladenkringel gefesselt in eine Hütte gelegt, diesmal aber auf ein Fell, das über Stroh ausgebreitet war.

Sollte dies seine neue Wohnung werden?

Er schlief vor Erschöpfung sofort ein und merkte nicht einmal, dass das Dorf ein großes Fest feierte, das bis zum frühen Morgen dauerte.

Am nächsten Morgen wurde er geweckt. Er war noch ganz schlaftrunken.

Ein alter, magerer Neger, der auch in der Hütte schlief, ohne dass der Schokoladenkringel das bemerkt hatte, rüttelte ihn wach.

„Aufstehen, arbeiten!"

„Ohne Frühstück?", fragte der Schokoladenkringel in der Sprache der Neger.

„Erst arbeiten, dann essen", war die Antwort.

Der Schokoladenkringel musste die Reste des Festes zusammenkehren:

abgenagte Knochen,

Scherben von Tonkrügen,

zerbrochene Holzlöffel.

Dann erst durfte er aus einer Holzschüssel einen Hirsebrei essen, ohne Schokoladenstreusel.

Jetzt sollte die Hütte der Königin gesäubert werden, Getreide war in einer großen Steinmühle zu mahlen, Holz wurde zusammengesucht, kurz, es war ein Tag, der nur aus Arbeit bestand.

Am Abend bekam er noch einmal einen Körnerbrei, wieder ohne Schokola- denstreusel und Wasser statt Kakao.

So verging ein Tag nach dem anderen.

Abends sank er todmüde auf sein Lager, morgens musste er wachgerüttelt werden.

Wo er auch war und was er auch tat, immer waren kräftige Männer in der Nähe, sodass es unmöglich war, einfach zu fliehen.

Unter den vielen Kindern des Königs war auch ein kleines Mädchen, rund und pummelig, das eine richtige Naschkatze war.

Es hatte braune Augen und krause, schwarze Haare, wie alle Kinder des Stammes.

Der Schokoladenkringel musste ab und zu auf den Feldern nach süßen Kartoffeln suchen. Das Mädchen begleitete ihn dann und erbettelte sich regelmäßig ein paar kleine Knollen.

„Du bist bestimmt kein gewöhnlicher Sklave", sagte das Mädchen eines Tages.

„Ich bin der Sohn eines ...", er wollte Pastors sagen, aber statt dessen sagte er „ … eines Medizinmannes."

„Dein Vater ist Medizinmann? Das ist ja noch mehr als ein König."

Das Mädchen wunderte sich.

„Und wie bist du dann hergekommen?"

Der Schokoladenkringel versuchte, so gut es ging, von seiner abenteuerlichen Reise zu erzählen. Aber in den Ohren des Mädchens klang es ganz anders, als der Schokoladenkringel es meinte.

„Auf den Wolken bist du geritten", staunte das Mädchen. „Dann musst du einen mächtigen Feind haben, der stärker ist als dein Vater, sonst hätte der dich schon lange befreit."

„Ja", sagte der Schokoladenkringel. „Wenn mein Vater wüsste, wo ich bin, dann würde er mich euch abkaufen und dann könnte ich wieder nach Hause."

„Möchtest du denn wieder nach Hause?", wollte das Mädchen wissen.

„Aber natürlich."

Der Schokoladenkringel verstand nicht, warum das Mädchen danach fragte. War es nicht sonnenklar, dass es zu Hause besser war als in der Sklaverei?

Das Mädchen überlegte:

„Wenn ich verkauft würde, dann fände ich das sehr interessant."

„Wären deine Eltern nicht traurig, wenn du weg wärest?"

„Traurig? Ich weiß nicht. Wir sind doch so viele Kinder. Sind deine Eltern denn traurig?"

„Ganz gewiss. Mein Vater, meine Mutter und meine Geschwister werden mich sehr vermissen."

„Sie sollen nicht traurig sein", sagte das Mädchen. „Ich will dir helfen, dass du nach Hause kommst."

„Wie willst du das machen?"

„Ich weiß nicht. Vielleicht ...?", das Mädchen überlegte. „Vielleicht kannst du nachts einfach weggehen."

„Wie denn? Ich bin doch gefesselt."

„Ich hole ein Messer. Dann können wir die Stricke durchschneiden und du kannst weggehen."

„Aber was sagt denn dein Vater, der mich gekauft hat und deine Mutter, der ich gehöre?"

„Du bist mein Freund, und darum helfe ich dir. Ich will nicht, dass deine Familie traurig ist. Und außerdem kann dein Vater uns ja wieder Geld zaubern, wenn du zu Hause bist."

Das Mädchen war nicht davon abzubringen, dass ihr Freund Sohn eines mächtigen Zauberers oder Medizinmannes sei, wie sie sich ausdrückte.

„Wie soll ich ihr nur danken?", überlegte der Schokoladenkringel.

Er wusste wohl, dass seine kleine Freundin gern Süßes aß.

Ja, das war die Lösung!

Er konnte ihr etwas von dem Kakao geben, den er bei der Arbeit ausschwitzte.

„Komm her", sagte er. „Ich will dir etwas zeigen."

Und damit hielt er ihr seinen Arm unter die Nase.

„Hm, das riecht gut, wie ... wie ...", sie hatte keinen Namen dafür.

„Leck einmal."

Das Mädchen leckte und verzog überraschst das Gesicht. Solche Herrlichkeit hatte sie noch nie gekostet.

„Wenn du mir das Messer bringst, gebe ich dir als Belohnung noch mehr davon", versprach der Schokoladenkringel.

Endlich war der Abend gekommen, an dem der Schokoladenkringel fliehen wollte.

Es sollte im Dorf ein großes Fest geben, und wenn alle müde waren, war das die beste Gelegenheit zur Flucht.

Als die Erwachsenen mit Essen, Trinken und Tanzen beschäftigt waren, schlüpfte das Mädchen in die Hütte.

„Wer ist da?", fragte der Schokoladenkringel.

„Ich", kam die Antwort. „Ich habe dir auch das Messer mitgebracht."

„Schneide mir die Armfesseln durch", verlangte der Schokoladenkringel.

Vorsichtig durchtrennte sie die Fesseln.

Der Schokoladenkringel massierte seine Arme.

„Hier, leck!"

Das Mädchen schleckte den Kakao, den er aus seinen Armen knetete.

„Jetzt musst du aber gehen. Lebe wohl, kleine Freundin."

„Leb wohl, mein Freund", verabschiedete sich das Mädchen, „und komm gut nach Hause, Schokoladenkringel!"

Sie schlüpfte aus der Hütte.

Ruhig blieb der Schokoladenkringel auf seinem Lager liegen. Das Messer versteckte er unter der Decke.

„Vielleicht kommt doch jemand und schaut nach. Sicher ist sicher", dachte er.

Das Fest nahm seinen Lauf. Die Teilnehmer wurden immer fröhlicher und lauter. Irgendwann kam dann doch noch ein Mann und schaute nach dem Gefangenen. Der aber tat, als schliefe er fest.

Ein paar Stunden später wurde es still.

Der Schokoladenkringel wartete noch etwas, dann löste er seine Beinfesseln, schlich leise aus der Hütte und wandte sich zum Ausgang des Dorfes.

Vor dem Dorf befand sich die Pferdeweide. Die Tiere waren angepflockt. Der Pferdehirte war am Feuer eingeschlafen.

Vorsichtig schlich der Schokoladenkringel an den Hunden vorbei. Die Tiere erkannten ihn, wedelten nur mit den Schwänzen und rollten sich dann wieder zum Schlafen zusammen.

„Ich muss das Pferd des Königs nehmen", sagte er sich. „Es ist das schnellste Tier. Wenn ich auf ihm fliehe, holt mich niemand mehr ein."

Vorsichtig schnitt der die Riemen aller angepflockten Pferde durch, zuletzt das Seil, an dem der prächtige Schimmel des Königs angebunden war.

Er schwang sich auf das Tier, stieß einen schrillen Schrei aus und galoppierte davon, die anderen Pferde hinter sich herlockend.

Der Pferdehirte erwachte, und was er im Mondschein sah, verschlug ihm die Sprache. Alle Pferde, die er sorgfältig angepflockt hatte, rasten davon.

Der Hirte hetzte die Hunde los, die die Herde zusammentreiben sollten, aber die Pferde liefen dadurch nur noch schneller.

Dann blies er in sein Horn.

Das Dorf wurde munter.

Schlaftrunkene Bewohner eilten aus ihren Hütten. Der König tobte, als er erfuhr, dass alle Pferde fort waren. Es würde bestimmt einen Tag dauern, bis die Hunde die Tiere zurückgetrieben hätten.

Erst später bemerkte der König, dass der Schokoladenkringel fehlte, und noch länger dauerte es, bis er wusste, dass sein Sklave auf seinem Schimmel, dem schnellsten und wertvollsten Tier, geflohen war.

Der Schokoladenkringel aber ritt weiter, immer nach Süden. Er war wieder frei.

Das achtzehnte Kapitel

Auf der Flucht

Der Ritt ging nach Süden.

Das Pferd zeigte, wie schnell es war.

Es wurde Morgen, es wurde Mittag, es wurde Abend.

Erst in der anbrechenden Dunkelheit fühlte der Schokoladenkringel sich so sicher, dass er eine Pause einlegen konnte.

Er sprang ab, knotete den Strick, an dem das Pferd angebunden war, an die Zügel, und schlang ihn dann um sein Handgelenk, damit es nicht weglaufen konnte.

Er legte sich neben einen großen Stein und war sofort eingeschlafen.

Mitten in der Nacht wachte er von einem eigenartigen Rauschen auf. Das Rauschen wurde immer lauter, und mit einem Mal prasselte ein Regen vom Himmel, wie er ihn noch nie erlebt hatte.

In wenigen Augenblicken wurde er durch und durch nass. Da es aber trotz des Regens warm blieb, machte ihm die Nässe nichts aus.

Er lehnte sich an den Stein. Die Regenfluten ergossen sich über ihn. Er öffnete den Mund, und sofort war er voller Regenwasser.

Es war, als ob du unter einer Dusche stehst und das Wasser in deinen Mund strömen lässt.

Der Schokoladenkringel trank und trank. Es schmeckte zwar nicht so gut wie Kakao, aber nach dem langen Ritt ohne Essen und Trinken und ohne Pause kam ihm die Welt im Regen wie ein Paradies vor.

Nach einer Stunde hörte der Regen so schnell auf, wie er gekommen war.

Da er jetzt völlig durchnässt war, konnte er nicht mehr einschlafen.

Lange lag er wach.

Dann sah er, wie sich der Himmel im Osten rötete. Und plötzlich erreichten ihn die ersten Strahlen der Sonne.

„Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis es heiß wird", dachte er. „Ich sollte weiterreiten."

Und so schwang er sich auf sein Pferd, das sich inzwischen gut ausgeruht hatte.

„Auf geht´s!" rief er laut. „Auf zur Heimat!"

Aber der Weg dahin war noch weit.

Bald wandte der Schokoladekringel sich nach Südosten. Warum er dass tat, wusste er später auch nicht mehr, denn er hatte keine Landkarte und kannte Afrika auch nicht so gut, dass er sagen konnte:

„Dieser Weg und kein anderer bringt mich nach Hause."

Im Laufe der Tage wurde aus dem Grasland sehr saftiger Boden. Dann tauchten immer mehr Büsche auf, dann immer mehr Bäume.

Hin und wieder kam er an eine Wasserstelle, an der sich Ross und Reiter satttrinken konnten.

Ab und zu traf er Hirten, die ihm trockenes Fladenbrot schenkten, sodass er nicht verhungerte.

So gingen die Tage dahin, und dann, eines Abends sah er die dichte Mauer des Urwalds vor sich.

„Was soll ich mit dir machen, mein braver Kamerad?", fragte der Schokoladenkringel das Pferd. „In den Urwald kann ich dich nicht mitnehmen." Er überlegte. „Ich glaube, ich schenke dir deine Freiheit. Leb wohl mein Freund."

Das Pferd sah ihn traurig an, so, als verstünde es, dass der Abschied gekommen war.

Aber als der Schokoladenkringel ihm einen Klaps gab, wieherte es und galoppierte davon.

„Vielleicht findest du eine Gefährtin", dachte der Schokoladenkringel. „Dann kannst du eine Familie gründen, und sicher wird daraus eine ganze Wildpferdherde."

Der Schokoladenkringel legte sich unter den nächsten Baum und schlief ein.

Am frühen Morgen begann die Wanderung durch den Urwald.

Ab und zu pflückte er einige Beeren gegen den Durst und den Hunger.

Aber es ist gar nicht so leicht, im Urwald vorwärts zu kommen. Bäume, Büsche, umgestürzte Urwaldriesen versperren den Weg so, dass du viele Umwege machen musst und zum Schluss nicht mehr weißt, in welche Richtung du dich wenden sollst.

So erging es dem Schokoladenkringel auch.

Dazu kam, dass sein Hunger immer größer wurde. Die wenigen Beeren, die er fand, reichten nicht aus, um den Hunger zu stillen.

Eines Tages, es war der vierte oder fünfte Tag, der Schokoladenkringel wusste es hinterher auch nicht mehr ganz genau, sah er einige Pilze, die braun waren, fast so braun, wie er selbst.

Der Hunger quälte ihn so sehr, dass ihm fast alles egal war.

Er beugte sich herunter und probierte ein kleines Stückchen.

Gerade wollte er es wieder ausspucken, weil der Bissen im ersten Moment bitter schmeckte, da aber schien es ihm, als ob sich der Geschmack veränderte. Es war, als ob er Schokolade im Mund hatte.

Er brach ein weiteres Stückchen ab und dann noch eins und dann, als sich der Schokoladengeschmack nicht änderte, aß er, soviel er nur konnte.

„Was wie Schokolade schmeckt, kann nicht giftig sein", sagte er sich.

Aber er irrte sich, denn es war eben keine Schokolade, die er aß.

Als er nämlich nach einer kleinen Ruhepause weitergehen wollte, wurden seine Beine weich. Ihm wurde schwindelig, vor seinen Augen drehte sich alles und dann bekam er furchtbare Bauchschmerzen.

Gleichzeitig wurde ihm abwechselnd heiß und kalt.

Er dachte:

„Muss ich jetzt sterben? Ist dies das Ende?"

Dann wurde er ohnmächtig.

Als der Schokoladenkringel nach drei Tagen erwachte, tat sein Bauch noch immer weh, und er fühlte sich schwach.

Da hörte er über sich ein dünnes Stimmchen:

„Was muss das doch für ein Dummkopf sein, der diese giftigen Pilze isst. So dumm ist kein Tier, das ich kenne."

Der Schokoladenkringel dachte, dass diese Stimme zu einem Traum gehörte, denn wer kann schon Tiere verstehen, und außerdem, wie sollte jemand mitten im Urwald seine Sprache sprechen können?

Er rieb sich die Augen.

„Ja, jetzt wird er wach, der Dummkopf", hörte er ein anderes Stimmchen. „Geschieht ihm recht. Warum isst er auch diese Giftpilze."

Jetzt wurde der Schokoladenkringel wirklich wach.

Giftpilze?

Ja, Giftpilze hatte er gegessen.

Aber wieso konnte er die Sprache des Vogels verstehen? Das konnte es doch nicht geben. Sicher träumte er immer noch.

Er hörte eine andere Stimme, wieder dies dünne Zwitschern, aber deutlich merkte er, dass es ein anderer Vogel war.

„Du hast Recht. Je größer ein Tier ist, desto dummer scheint es zu sein. Und dies muss ein außergewöhnlich dummes Tier sein."

„Ich ein dummes Tier? Nun reicht´s aber!", fuhr der Schokoladenkringel auf.

„Wer redet da mit uns?", fragte der erste der beiden Vögel.

„Ich. Dein außergewöhnlich dummes Tier", antwortete der Schokoladenkringel.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er nicht nur die Sprache der Vögel verstand, sondern dass er auch mit ihnen sprechen konnte.

Sollte das an den Pilzen liegen?

Dann war es ja gut, dass er sie gegessen hatte.

„Du sprichst unsere Sprache?", fragten die Vögel, „dann bist du wohl doch kein so dummes Tier. Entschuldige bitte."

„Gern geschehen", sagte der Schokoladenkringel großzügig.

„Da seht ihr, wen ihr vor euch habt: den weltberühmten, weitgereisten und musikalischen Schokoladenkringel."

„Ach so. Du bist berühmt. Bisher haben wir noch gar nichts von dir gehört. Aus welchem Nest kommst du eigentlich?"

„Aus welchem Nest?"

„Natürlich. Jeder muss doch aus einem Nest kommen."

„Mein Nest ist weit weg, im Norden, in Vlotho an der Weser."

„Dann bist du also ein Zugvogel, wie die Störche."

„Ja, so etwa könnte man es nennen."

Der Schokoladenkringel hatte keine Lust, den beiden Vögeln die ganze Geschichte zu erzählen.

Dann fiel im ein:

„Sagt mal, wohin geht es in dieser Richtung?", und dabei zeigt er nach Süden.

„Dorthin?", fragten die Vögel. „Dorthin geht es immer geradeaus."

„Und in die andere Richtung?"

„Da geht es auch immer geradeaus."

„Ihr seid dumm", sagte der Schokoladenkringel. „Ich will wissen, wo ich hinkomme, wenn ich in die Richtung gehe?"

„Da kommst du immer geradeaus hin", war die Antwort. „Du fliegst einfach über die Bäume und dann bist du da."

„Ich kann doch nicht fliegen."

„Dann hast du selber Schuld. Warum hast du es nicht rechtzeitig gelernt."

Den beiden Vögeln wurde die Unterhaltung zu langweilig. Sie flogen davon.

Der Schokoladenkringel aber stapfte weiter durch den Urwald.

Jetzt hörte er, wie sich die Vögel unterhielten, aber es interessierte ihn nicht.

Es ging doch immer nur um das Essen und um die Kinder.

Nur einmal hörte er in einem Nest einen ordentlichen Familienkrach.

„Wie bei den Menschen", dachte der Schokoladenkringel. „Ob ich wohl jemals wieder zu den Menschen kommen werde?"

Er hatte ordentlich Sehnsucht nach Hause und eigenartigerweise sogar nach der Schule.

 

Das neunzehnte Kapitel

Fips mit dem roten Fleck

So arbeitete er sich weiter fort durch den Urwald. Stunde um Stunde, Kilometer um Kilometer.

In das Konzert der Vögel mischten sich andere Stimmen: Schlangen zum Beispiel.

Aber dann hörte er einen Tiger:

„Aaoooh! Ich habe Hunger und rieche Fleisch, süßes Fleisch. Da kommt etwas, das ganz süß riecht. Aber Fleisch scheint das auch zu sein. Ich glaube, ich hole es mir. Aaoooh!"

Der Schokoladenkringel bekam es mit der Angst zu tun.

„Ein Tiger", dachte er. „Wie soll ich mich wehren? Ich muss mich retten!"

Im Urwald war es plötzlich still geworden. Es war, als ob die Welt den Atem anhalten würde. Alle anderen Tiere hatten vor diesem großen Raubtier Respekt, wenn auch die Vögel vor ihm sicher waren.

Da hörte der Schokoladenkringel über sich ein feines Stimmchen:

„Komm hoch, komm hoch! Gefahr! Gefahr!" rief es.

Und dann sah er, wie eine Liane, dick wie das Ankertau von Kapitän Piepenbrinks Krabbenkutter, heruntergelassen wurde.

Der Schokoladenkringel ergriff die Liane und kletterte an ihr nach oben in die Bäume.

Es war höchste Zeit, denn der Tiger hatte bereits zum Sprung angesetzt und verfehlte seine Beute um eine Handbreite.

„Aaoooh!" hörte der Schokoladenkringel das Gebrüll. „Ist dieser haarlose Affe mir doch entkommen!"

„Ich ein haarloser Affe", schimpfte der Schokoladenkringel vor sich hin. „Unverschämtheit. Sitten sind das hier im Urwald." Er schüttelte entrüstet den Kopf.

Immer höher kletterte er an der Liane. Und dann sah er auf einer Astgabel den sitzen, der ihm geholfen hatte: ein Affe, etwas kleiner als er selbst.

„Komm her, komm her", rief der kleine Affe. Dann nahm er den Schokoladenkringel an die Hand und zog ihn auf die Astgabel.

„Danke", sagte der Schokoladenkringel. Er hatte sich schon fast daran gewöhnt, nicht nur die Sprache der Tiere zu verstehen, sondern sie auch zu sprechen.

„Wir wollen hier fort", rief das Äffchen, packte den Geretteten und sprang mit ihm weiter von Baum zu Baum in den Wald.

„Wer bist du?", fragte der Schokoladenkringel etwas außer Atem.

„Ich bin Fips mit dem roten Fleck", antwortete das Äffchen, das auf dem Kopf eine Stelle hatte, an der die Haare deutlich roter waren, als auf dem übrigen Fell.

„Und wer bist du? Von deiner Sorte habe ich noch keinen gesehen."

„Ich bin der weltberühmte, weit gereiste und musikalische Schokoladenkringel", stellte sich der Schokoladenkringel vor.

„Du hast einen langen Namen", sagte Fips mit dem roten Fleck. „Ich nenne dich Schoko."

Der Schokoladenkringel war damit einverstanden.

„Und was machst du hier?", wollte das Äffchen wissen.

„Eigentlich wollte ich nur einen Spazierritt durch die Wüste machen. Dann bin ich in den Urwald gekommen. Aber der Tiger da unten, der scheint einen ordentlichen Hunger zu haben."

„Ach, der ist fast immer hungrig", erklärte Fips mit dem roten Fleck. „Wir Affen ärgern ihn, indem wir seine Beute verscheuchen oder sie wenigstens warnen. Vielleicht hat er eines Tages einen so großen Hunger, dass er dann wegwandert."

„Wo wir gerade von Hunger reden", meinte der Schokoladenkringel, „ich habe seit langer Zeit nichts mehr gegessen, nur ein paar giftige Pilze. Ich habe sehr, sehr großen Hunger. Hast du etwas für mich zum Essen?"

„Was isst du denn?", wollte Fips mit dem roten Fleck wissen.

„Am liebsten esse ich Schokolade oder Schokoladeneis, Schokoladentorte oder Schokoladenpudding."

„Schokoladendingsbums oder wie das heißen soll, so ein Wort gibt es bei uns gar nicht und dann kann es die Sache auch nicht geben."

„Doch, doch", entgegnete der Schokoladenkringel. „In meinem Land gibt es das. Ehrlich."

„Nein", sagte das Äffchen. „Bestimmt nicht. Du musst dich irren. Ich kenne fast alles, was es gibt." So ein Affe war er.

„Aber ich habe Bananen. Willst du die haben?"

Bananen waren natürlich keine Schokolade, aber der Schokoladenkringel hatte schon ganz anderes gegessen, Krabben zum Beispiel oder trockenes Brot, sodass er bei seinem Hunger auch Bananen essen würde.

Er wollte keinen Streit beginnen und sagte darum höflich: „Doch, Bananen vertragen Schokoladenkringel auch."

Fips mit dem roten Fleck führte ihn zu einem Bananenbaum. Dort hingen die schönsten Früchte, und wenn sie aus Schokolade gewesen wären, wäre der Schokoladenkringel sich wie im Schlaraffenland vorgekommen. So aber wurde er wenigstens satt, obwohl er am liebsten auf die Bananen Schokoladenstreusel gestreut hätte.

Fips mit dem roten Fleck stellte den Schokoladenkringel seinem Stamm vor. Der Oberaffe, ein altes Tier, sah ihn an.

„Kannst du auch klettern?", fragte er ihn.

„Etwas schon", antwortete der Schokoladenkringel.

„Dann musst du es lernen. Ohne zu klettern kann niemand im Urwald leben."

Das stimmte. Der Schokoladenkringel hatte das am eigenen Leibe erfahren.

„Was kannst du denn sonst?", wollte der Oberaffe wissen.

„Ich kann schreiben und lesen, rechnen und schwimmen. Ich kann auch singen."

„Singen", wollten die Affen wissen, „singen, was ist das?"

Der Schokoladenkringel überlegte, wie er das den Affen erklären konnte.

„Am besten, ich mache es euch vor."

„Ist das denn nicht gefährlich?", wollte eine Affenmutter wissen, die ihr kleines Baby auf den Armen hielt.

„Nein, nicht gefährlich, sondern wunderschön", erklärte der Schokoladenkringel.

„So schön wie Bananen?", wollte Fips mit dem roten Fleck wissen, denn er aß leidenschaftlich gern Bananen.

„Noch viel schöner."

Und dann stellte sich der Schokoladenkringel auf eine Astgaben und begann zu singen:

„Ach du meine liebe Güte, sechs Bonbons in einer Tüte."

Er sang es mehrmals hintereinander, und die Affen lauschten hingebungsvoll.

So etwas Schönes, Gewaltiges hatten sie noch nie gehört.

Sie waren eben Affen und nicht besonders verwöhnt, was die Kunst anbetrifft.

Der Schokoladenkringel lebte bei den Affen. Er war ihr Gast und zog mit ihnen von Baum zu Baum.

Eines Tages sagte der Oberaffe zu ihm:

„Wir wollen dich als Ehrenaffen in unseren Stamm aufnehmen."

Was sollte der Schokoladenkringel dazu sagen?

Der Termin der Aufnahme wurde festgesetzt: Es sollte in zwei Nächten sein.

Da der Schokoladenkringel bisher der einzige Fremde war, der in den Stamm aufgenommen werden sollte, denn alle anderen Affen waren in ihm geboren, hatte der Oberaffe sich etwas Besonderes ausgedacht:

Der Schokoladenkringel musste als Aufnahmegeschenk einen Bananenbaum suchen, den der Stamm noch nicht kannte.

Als der Stamm das erfuhr, freuten sich die Affen.

Nur Fips mit dem roten Fleck war traurig.

„Das ist sehr schwer. Aber ich darf dir helfen, Schoko. Allein findest du keinen Baum, den wir nicht kennen. Aber wir beide zusammen, wir werden das schon schaffen."

Der Schokoladenkringel freute sich, dass Fips mit dem roten Fleck ihm helfen wollte. Denn er selbst wusste nicht, ob es ihm allein gelingen konnte, einen unbekannten Bananenbaum zu finden.

An nächsten Morgen machten die beiden Freunde sich auf die Suche. Sie durchstreiften die ganze Gegend, aber immer wieder sagte Fips mit dem roten Fleck: „Diesen Baum kennen wir schon."

„Dann müssen wir eben weiter weggehen", sagte der Schokoladenkringel.

„Aber in welcher Richtung?"

Da fiel dem Schokoladenkringel sein erstes Gespräch mit den Vögeln ein.

„Ich habe noch gar nicht versucht, sie zu fragen", dachte er. „Ich Dummkopf."

„Komm, Fips, ich habe eine Idee." Er zog seinen Freund zu einem der Bananenbäume, die sie schon vorher aufgesucht hatten.

„Den kennen wir doch schon", sagte Fips mit dem roten Fleck.

„Ich weiß, warte nur ab."

Und dann nahm der Schokoladenkringel eine Banane in die Hand

„Hört zu, ihr Vögel und bitte, helft mir!" rief er in den Wald.

Sogleich kamen einige Vögel, die ihn hatten rufen hören. Sie setzten sich auf die Blätter des Bananenbaumes.

„Ich bitte euch, helft mir", rief er ihnen in ihrer Sprache zu.

„Ich habe mein Nest verloren und suche ein neues. Aber ich darf erst dann in einem neuen Nest wohnen, wenn ich einen Baum finde, der diese Früchte hat", und dabei hielt er die Banane hoch. „Und dieser Baum muss denen, die mich in ihr Nest nehmen, unbekannt sein. Wo gibt es in der Richtung", und jetzt zeigte er nach Süden, „solche Bananenbäume?"

Der Schokoladenkringel hatte nicht vergessen, dass er nach Süden wollte, weil er nur dort an einen Fluss kommen konnte, der zum Meer hinführte.

Die Vögel hielten Rat.

Schließlich sagte ein großer Papagei:

„In der Richtung gibt es ein Bergland, in dem die Teufel des Urwaldes wohnen. Dort gibt es Bäume mit solchen Früchten."

„Danke", sagte der Schokoladenkringel. „Ich danke euch. Nun werde ich sicher in ein neues Nest aufgenommen."

Die Vögel flogen davon.

Als der Schokoladenkringel erzählte, was er von dem Papagei gehört hatte, sträubten sich dem kleinen Affen die Haare.

„Dorthin können wir nicht. Da wohnen die Teufel des Urwaldes, hat der Papagei gesagt? Weiß du denn nicht, dass die Teufel so gefährlich sind, dass sie jeden töten, der in ihre Nähe kommt?"

„Unsinn", behauptete der Schokoladenkringel. „Ich sage dem Oberaffen, dass dort neue Bananenbäume sind. Komm, wir gehen zum Stamm zurück."

Sie wanderten durch die Baumwipfel zurück.

„Bei den Teufeln des Urwaldes sind uns unbekannte Bananenbäume?", fragte der Oberaffe. „Dorthin können wir nicht. Das ist zu gefährlich. Die Teufel des Urwaldes töten jeden, der in ihre Nähe kommt. Das weiß doch jeder hier im Urwald."

 

 

Das zwanzigste Kapitel

Die Teufel des Urwalds

Der Schokoladenkringel war traurig.

Nur weil die Affen an die Teufel des Urwalds glaubten, sollte er nicht in die Familie aufgenommen werden?

Er hatte doch so sehr gehofft, dass dieser Stamm ihm einen Weg zeigen konnte, auf dem er zu einem Fluss kommen würde. Allein war dies alles zu gefährlich. Das konnte er sich ausrechnen.

„Also gut", entschied der Oberaffe. „Wir nehmen dich auf, dann ziehen wir an den Rand der Berge und du holst aus dem Land der Teufel des Urwaldes die Bananen."

Das war ein Wort, mit dem alle einverstanden waren, die, die Angst vor den Teufeln des Urwaldes hatten und die, die die Neugierde doch dahin trieb.

Der Tag der Aufnahme war gekommen.

Der Schokoladenkringel war neugierig, wie es sein würde. So feierlich, wie eine Hochzeit, die er einmal mitgemacht hatte, oder so feierlich, wie die Schulentlassung aus der vierten Klasse?

„Wir werden es ja sehen", dachte er.

Gegen Mittag sollte die Aufnahme in den Stamm sein.

Alle Affen versammelten sich auf den Bäumen. Der Schokoladenkringel hatte sie vorher nicht gezählt. Jetzt aber sah er, dass es etwa zehn Familien sein mussten. Jede hatte bestimmt noch drei bis vier Affenkinder, dazu kamen noch einige Jugendliche, wie Fips mit dem roten Fleck.

Der Oberaffe richtete sich auf.

Er trommelte mit seinen Fäusten auf seinem Brustkorb. Dass machte er immer, wenn er etwas Bedeutendes sagen wollte.

Alle anderen Affen waren muksmäuschen still.

„Also, hier ist unser neues Stammesmitglied, der Schoko. Er gehört zu uns, solange er will. Und jetzt gibt er jedem die Hand und jedem einen Kuss."

Das war für den Oberaffen eine lange Rede gewesen. Ob andere Oberaffen mehr zu sagen haben, wusste der Schokoladenkringel auch nicht.

Alle Affen klatschten Beifall.

Der Oberaffe hatte wirklich eine sehr schöne Rede gehalten.

Jetzt musste der Schokoladenkringel von Ast zu Ast springen oder sich an den Lianen hin und her schwingen, damit er allen die Hand schütteln und ihnen einen Kuss geben konnte. Zuletzt kam der Oberaffe an die Reihe, der auch seinen Kuss bekam.

Später erzählte mir der Schokoladenkringel, dass der Oberaffe aus dem Mund gerochen, nein, gestunken hatte.

„Der hat sich bestimmt noch nie die Zähne geputzt", meinte er. Und damit hatte er bestimmt Recht.

Die feierliche Aufnahme war zu Ende.

Die Affen kletterten aufgeregt durcheinander.

Die Kinder und die Jugendlichen riefen: „Schoko, Schoko, spiel mit uns Fangen!"

Aber Fips mit dem roten Fleck legte seinen Freund ganz in Beschlag.

„Komm, wir wollen schwimmen. Gar nicht weit von hier ist ein kleiner Teich."

Schwimmen war für den Schokoladenkringel beinahe dass Schönste, was er sich denken konnte. Und so willigte er ein.

Die beiden Freunde hangelten sich von Baum zu Baum. Der Schokoladenkringel konnte es jetzt fast so gut wie die anderen Affen.

Und dann waren sie da. Unten sahen sie zwischen Felsen einen kleinen Teich mit Sandstrand und einigen Lianen, die an den Bäumen herunterhingen.

Dorthin kletterten sie und ließen sich von oben in das Wasser plumpsen.

Natürlich spritzte das mächtig, sogar so sehr, dass die Schlangen, die sich auf einer Felsplatte sonnten, von den Wasserspritzern getroffen wurden und aus ihrem Schlaf aufwachten.

„Dass euch die Teufel des Urwalds holen!", schimpfte eine der Schlangen.

„Ruhig! Beschrei sie nicht, sonst kommen sie noch her und töten uns auch", beruhigte sie eine andere.

Der Schokoladenkringel, der sie im Gegensatz zu Fips mit dem roten Fleck verstehen konnte, stutzte. Da waren sie wieder, die Teufel des Urwaldes, und sogar die Schlangen hatten vor ihnen Angst.

„Hört mir zu", rief der Schokoladenkringel zu ihnen hinüber. „Es tut mir Leid mit dem Wasser."

„Wenn es dir Leid tut, warum liegst du denn nicht so still wie wir hier? Und überhaupt, seit wann kann ein Affe unsere Sprache?"

„Ich kann sie eben", war die Antwort. „Darf ich euch etwas fragen?"

„Frage nur", sagte eine alte Schlange. „Wenn ein Affe so höflich ist, soll er auch eine Antwort bekommen."

Als Fips mit dem roten Fleck den Schokoladenkringel in der Sprache der Schlange reden hörte, erschrak er.

„Komm Schoko. Ich will aus dem Wasser. Mit wem redest du da eigentlich? Ich kann dich gar nicht verstehen!"

Der Schokoladenkringel winkte ab: „Ich bin gleich wieder da."

Und damit schwang er sich zu den Schlangen auf den Felsen.

Fips mit dem roten Fleck hielt vor Schreck die Luft an.

„Mein Freund, jetzt haben sie ihn hypnotisiert."

Er schloss die Augen und konnte nicht sehen, dass sich der Schokoladenkringel mit den Schlangen unterhielt.

„Sagt mir", fragte er sie, „was hat es mit den Teufeln des Urwaldes auf sich?"

„Du solltest diesen Namen nicht erwähnen", antwortete die älteste Schlange. „Es sind böse Geister, Dämonen, die in den Bergen wohnen. Wir fürchten sie sehr. Hüte dich, dass sie dich nicht töten oder ein anderer sie dir auf den Körper hetzt. Es gibt nichts, was so gefährlich ist, wie diese Teufel."

„Eigenartig", dachte der Schokoladenkringel. „Die Affen fürchten sie, die Schlangen auch. Ich muss versuchen, herauszubekommen, wie es mit den anderen Tieren ist, bevor ich aufbreche."

Er verabschiedete sich von den Schlangen.

„Ich danke euch, meine Freunde, lebt wohl."

Und damit sprang er wieder zu Fips mit dem roten Fleck.

Die Schlangen aber dachten: „Einen so höflichen Affen haben wir noch nie gesehen." Sie wunderten sich sehr, aber sie hatten eben noch nicht den Schokoladenkringel kennen gelernt.

Fips mit dem roten Fleck saß immer noch da, wo ihn der Schokoladenkringel zurückgelassen hatte, am Ufer des Teiches. Er hatte seine Hände vor den Augen.

Als er neben sich eine Bewegung spürte, zuckte er zusammen.

„Was hast du denn?", wollte der Schokoladenkringel wissen.

„Du lebst? Haben die Schlangen dich nicht gefressen?"

„Warum sollten sie? Ich habe sie doch nur nach den Teufeln des Urwaldes gefragt."

Fips mit dem roten Fleck war fassungslos. Wie konnte ein Affe Schlangen fragen und schon gar nach den unheimlichen Teufeln des Urwaldes?

Das ging über seinen Verstand.

Auf dem Rückweg fragte der Schokoladenkringel alle Tiere, die er traf, nach den Teufeln des Urwaldes:

Einen alten Elefantenbullen, der ein Einzelgänger war,

einen Laubfrosch,

eine grüne Mamba und andere Tiere.

Sie alle fürchteten die Teufel des Urwaldes, aber niemand so sehr wie die Schlangen. Nur wie die Teufel des Urwaldes aussahen oder wer sie waren, das wusste niemand.

Zwei Tage später befand sich der Stamm auf der Wanderung nach Süden, dorthin, wo das Bergland der Teufel des Urwalds lag und dorthin, wo es jenseits des Berglandes die großen Flüsse geben musste.

Am Rande der Berge machte der Stamm halt.

„Du musst allein gehen", sagte der Oberaffe zum Schokoladenkringel. „Bringe Bananen mit. Wir warten hier auf dich."

„Ich begleite dich, Schoko." Fips mit dem roten Fleck wollte seinen Freund in der Gefahr nicht allein lassen.

Sie zogen los.

Zuerst konnten sie sich von Ast zu Ast schnell fortbewegen. Dann wurden die Bäume seltener, dafür gab es mehr und mehr einzelne Felsen, über die sie klettern mussten.

Dann wurde es Nacht.

Der Schokoladenkringel hatte ein Bananenbündel mitgenommen, weil er nicht wusste, wie schnell sie in den Bergen etwas zum Essen finden würden. Diese Vorsorge war Fips mit dem roten Fleck lächerlich vorgekommen. Aber jetzt war er froh, dass sie etwas zum Abendbrot hatten.

In der Nacht sahen sie auf dem Berg einen roten Schein.

„Da sind die Teufel des Urwaldes." Fips mit dem roten Fleck zitterte vor Furcht.

„Das glaube ich nicht", sagte der Schokoladenkringel. „Das sieht eher nach einem Vulkan aus."

„Was ist ein Vulkan?", wollte das Äffchen wissen.

„Das ist ein feuerspuckender Berg."

„Ein Berg, der Feuer spuckt? Das ist ja noch viel schlimmer!"

„Aber nein, das ist etwas ganz natürliches", erklärte der Schokoladenkringel.

„Aus was für einem grässlichen Land musst du kommen, dass Berge, die Feuer spucken, für dich natürlich sind?" Fips mit dem roten Fleck wollte sich nicht beruhigen und schlief die ganze Nacht sehr schlecht.

Das einundzwanzigste Kapitel

Was ist ein Echo?

Am nächsten Morgen, gerade, als sie losgehen wollten, bebte der Berg, und aus seinem Inneren quoll Lava hervor. Dunkle Wolken standen über dem Gipfel. Deutlich konnte man das aus der Entfernung sehen.

„Da, die Teufel des Urwaldes kommen, um uns zu holen. Schoko, hilf mir doch!" Das Äffchen klammerte sich furchtsam an die Hand seines Freundes.

„Hab keine Angst, das geht wieder vorüber."

Und tatsächlich hatte der Berg sich nach einigen Stunden ausgetobt.

Sie stiegen weiter bergauf. Noch war es weit bis zur Lavagrenze.

„Meinst du, dass es hier Bananenbäume gibt?", wollte Fips mit dem roten Fleck wissen.

„Nein, ganz bestimmt nicht, die könnten hier nicht wachsen. Du siehst ja, es gibt hier überhaupt keine Bäume mehr. Aber ich will sehen, wie weit wir kommen."

„Warum?"

„Ach, mich interessiert das."

Der Affe schüttelte nur den Kopf. Am liebsten wäre er umgekehrt, aber allein fürchtete er sich noch mehr.

Sie mussten einen großen Umweg machen und Felsen umklettern.

Es war Abend geworden.

Und dann entdeckten sie eine Höhle.

So, wie sie aussah, war sie natürlich entstanden. Wer sollte sie hier auch sonst angelegt haben? Der Schokoladenkringel ging auf sie zu.

„Halt! Nicht dort hinein!" Fips mit dem roten Fleck wollte den Schokola-denkringel zurückhalten.

„Warum nicht? Komm doch mit hinein."

Vorsichtig näherten beide sich dem schwarzen Loch, das tief in den Berg hineinführte.

Kein Tier kam, alles war ruhig, wie tot.

„Hallo, ist da jemand?", rief der Schokoladenkringel in die Höhle hinein.

..".da jemand?", kam das Echo zurück.

„Da sind die Teufel." Fips mit dem roten Fleck zitterte.

„Keine Angst, das ist nur das Echo."

„Wie klug du bist. Du kennst sogar das Echo, das hier wohnt."

Fips mit dem roten Fleck schaute seinen Freund bewundernd an.

Der Schokoladenkringel wollte dem Äffchen nicht erklären, was es mit dem Echo auf sich hat. Es schien ihm zu kompliziert zu sein. Vielleicht konnte er es aber auch gar nicht erklären.

Sie drangen in die Höhle ein.

„Hier könnten wir eigentlich diese Nacht bleiben", beschloss der Schokola- denkringel. „Es ist mir doch zu mühsam, noch weiter zu steigen. Außerdem müssen wir ja noch die Bananenbäume finden."

Fips mit dem roten Fleck war nach langem, ängstlichem Zögern einverstanden.

In dieser Nacht blieben sie in der Höhle. Fips schlief auch viel besser, weil er nicht das rote Leuchten des Vulkans und der Lava sah, die langsam aus dem Krater quoll.

Am nächsten Morgen machten sie sich an den Abstieg.

Sie kletterten einen anderen Weg herunter, über Felsen und einige verkohlte Bäume, bis sie an einer Lichtung einen kleinen Bach sahen.

An dem Rand des Baches glitzerte etwas in der Sonne.

Der Schokoladenkringel bückte sich und hielt vor Überraschung den Atem an:

Diamanten - Diamanten?

Nein, so große Diamanten konnte es nicht geben.

Aber wenn es doch welche waren?

Dann waren sie ein Vermögen wert.

Er steckte sie ein.

Fips mit dem roten Fleck hatte sie gar nicht beachtet. Für ihn waren es glitzernde Steine, uninteressant, nicht anders als glitzerndes Wasser.

Der Schokoladenkringel schaute sich um. Gab es irgendwelche Hinweise, woher die Edelsteine gekommen waren?

Vielleicht Seeräuber, aber mitten im Urwald?

Oder ein Flugzeug, das abgestürzt war? Aber auch Flugzeugtrümmer waren nirgends zu sehen.

Vielleicht waren es doch die Teufel des Urwaldes, die ihm die Steine zum Geschenk gemacht hatten.

Je mehr er darüber nachdachte, desto verworrener wurde das Rätsel.

Aber auf viele Rätsel des Lebens gibt es keine Antwort.

Stunden später fanden sie das Wäldchen mit den Bananenbäumen.

„Die kennt bestimmt keiner von meinem Stamm. Komm, wir nehmen einige mit."

„Ich denke, wir bleiben lieber heute Nacht hier. Zum Essen haben wir genug und es wird bald Nacht werden. Morgen holen wir den Stamm hierher", sagte der Schokoladenkringel.

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf und fanden gegen Mittag ihren Stamm.

Der Oberaffe freute sich, die beiden wohlbehalten aus dem Land der Teufel des Urwaldes zurückkommen zu sehen.

„Wir haben einen Bananenwald gefunden", berichtete der Schokoladenkringel. „Er ist nur eine halbe Tagesreise weit weg. Aber die Teufel des Urwaldes haben wir nicht gesehen, nur einen Berg, der Feuer spuckt."

Der Oberaffe freute sich über die Entdeckung des Bananenwaldes. Aber über den feuerspuckenden Berg war er entsetzt.

„Ein Berg, der Feuer spuckt? Dort wohnen ganz sicher die Teufel des Urwaldes. Ich wundere mich nur, dass sie euch nicht behalten haben."

Dem Schokoladenkringel gelang es nicht, den Oberaffen davon zu überzeugen, dass ein Vulkan eine Naturerscheinung ist, vor der niemand Angst haben muss, wenn er weit genug entfernt bleibt. Der Oberaffe war eben ein echter Oberaffe.

Das Heimweh packte den Schokoladenkringel immer stärker. Irgendwo im Süden mussten doch die großen Flüsse sein.

Er fragte Fips mit dem roten Fleck:

„Ich möchte gern weiterreisen in das Land, aus dem ich gekommen bin. Kennst du vielleicht einen großen Fluss?"

„Einen Fluss? Was ist das, ein Fluss?"

„Ein Fluss ist ... ist ... ganz viel Wasser, das eben fließt. Erinnerst du dich an das fließende Wasser, an dem ich die drei glänzenden Steine gefunden habe? So ist ein Fluss, nur viel, viel größer."

„So etwas habe ich noch nie gesehen", sagte Fips mit dem roten Fleck. „Meinst du, dass es so etwas überhaupt gibt?"

„Lass uns doch den Oberaffen fragen."

Der alte und erfahrene und vielleicht etwas eingebildete Oberaffe antwortete:

„Von einem Fluss habe ich schon einmal gehört. Weit, weit im Süden soll er sein, hinter dem Gebirge. Vielleicht zehn oder zwanzig oder viele Tage und Nächte weit."

„Dort will ich hin", erklärte der Schokoladenkringel.

„Wir begleiten dich", versprach der Oberaffe und zeigte damit, wie dankbar er für den Bananenwald war.

Am nächsten Morgen zog der ganze Stamm nach Süden. Viele Tage dauerte die Reise. Es ging von Baum zu Baum, hoch über dem Boden.

Die Affen lärmten und freuten sich, denn einen so weiten Ausflug hatten sie schon lange nicht mehr gemacht.

Und eines Tages kamen sie an den Fluss.

„Was willst du hier?", fragte der Oberaffe.

„Ich will nach Hause fahren", antwortete der Schokoladenkringel.

„Bist du denn bei uns nicht zu Hause?"

„Doch, ihr seid meine Schwestern und Brüder, aber ich habe zu Hause einen Papa und eine Mama und meine Geschwister. Ich will sie wiedersehen. Ich habe so großes Heimweh."

Die Affen kannten inzwischen seine Geschichte. Er hatte sie oft genug erzählen müssen. Sie hatten zwar nicht viel verstanden und wussten auch nicht, was Heimweh ist, aber sie verstanden, dass er seinen alten Stamm wiedersehen wollte.

Das zweiundzwanzigste Kapitel

Auf dem großen Fluss

Da stand der Schokoladenkringel nun am Ufer des großen Flusses.

Wie sollte er weiterkommen? Vielleicht konnten ihm die Affen helfen, ein Boot zu bauen?

Aber dann entdeckte er die Seerosen am Ufer, die ungeheuer große Blätter hatten, und langsam wuchs in ihm ein Plan: Vielleicht könnte man ein Seerosenblatt als Boot benutzen, es mit Bananen beladen und dann losfahren?

Warum eigentlich nicht?

„Wie willst du auf dem Wasser klettern?", unterbrach der Oberaffe seine Gedanken.

„Da gibt es ja keine Bäume", warf Fips mit dem roten Fleck vorlaut ein.

„Ich nehme ein Boot", sagte der Schokoladenkringel.

„Ein Boot? Was ist das, ein Boot?", wollten die Affen wissen.

„Ein Boot ist ..., ein Boot ist ...", es war richtig schwer, den Affen zu erklären, was ein Boot ist. „Mit einem Boot kann man über das Wasser klettern, selbst wenn keine Bäume da sind."

„So ist das also", meinte der Oberaffe. „Und woher bekommst du ein Boot?"

„Ich nehme eines der großen Blätter, da ist genug Platz für mich und für Proviant."

Nur, wie sollte er das Blatt von dem Stängel lösen? Er hatte kein Messer, mit dem er den Stiel abschneiden konnte. Tauchen, und dann den Stiel abbrechen war wegen der Krokodile zu gefährlich.

Er musste sich etwas anderes ausdenken.

Sorgfältig suchte er sich ein Blatt aus, das groß genug und leicht zu erreichen war und doch Zugang zum offenen Fluss hatte.

„Ich bitte euch, meine Freunde um eure Hilfe", sagte er. „Dort drüben sind Bananenbäume. Bringt mir viele Bananen auf das Blatt dort", und er zeigte auf eines der Blätter, das er sich ausgesucht hatte.

Die Affen sprangen los und schleppten Bananenbüschel um Bananenbüschel und stapelten sie auf dem Seerosenblatt.

„Halt, halt", rief der Schokoladenkringel schon nach kurzer Zeit laut lachend. „Das reicht. Damit kann ich ja fast ein Jahr lang leben."

Der Schokoladenkringel hätte als Proviant lieber viele Tafeln Schokolade, Schokoladeneis, Schokoladentorte und Schokoladenpudding gehabt, aber immerhin waren Bananen genießbarer als Hering oder Krabben oder Schweinebraten.

Fips mit dem roten Fleck schwang sich auf das Blatt.

„Hier, mein Bruder, habe dich ein Geschenk für dich." Und dann übergab er seinem Freund einen großen, graden Ast.

Es war ein kostbares Geschenk, denn im Urwald gibt es gar nicht so viele gerade Äste, die ein Affe bekommen kann.

Der Schokoladenkringel umarmte seinen Freund: „Danke, mein Freund, danke. Ich kann dein Geschenk gut als Ruder benutzen."

„Werden wir uns wiedersehen, Schoko?"

„Ich glaube nicht. Aber du wirst mein Freund bleiben, und ich vergesse dich nie!"

„Ich dich auch nicht, Schoko."

Und dann gab der Schokoladenkringel Fips mit dem roten Fleck einen großen Kuss auf seinen Affenmund.

Fips mit dem roten Fleck wischte ihn ganz verlegen weg. Vor dem Oberaffen und all den anderen aus dem Stamm schämte er sich ein wenig, doch dabei rollten ihm Affentränen aus seinen Augen.

Aber auch dem Schokoladenkringel war ganz eigenartig ums Herz.

So ist das eben, wenn man von Freunden Abschied nimmt, auch wenn sie Affen sind.

Der Oberaffe rief seine Leute zum Aufbruch zusammen, ein letztes Zuwinken, dann verschwand der Affenstamm im Urwald.

Nun saß der Schokoladenkringel auf seinem Blatt, umgeben von Bananenbündeln.

„Wie komme ich hier bloß weiter?", grübelte er.

Da sah er, wie sich einige Krokodile näherten.

„Ob die mir wohl helfen können?"

Er hörte, wie sie von sich hinmurmelten:

„Hunger, Hunger, Hunger."

Er bekam Mitleid mit ihnen.

Gedankenverloren pflückte der eine Banane von einem Bündel und warf sie in das Wasser, und schon schossen neun Krokodile auf die Stelle zu, an der die Banane verschwunden war.

„Das ist die Idee!", rief der Schokoladenkringel da ganz begeistert.

Ihm war die Lösung seines Problems eingefallen.

„Hört zu, ihr Krokodile", rief er. „Ich gebe euch Bananen, und ihr beißt mir den Stängel von dem Seerosenblatt ab.

„Was sind Bananen?", fragten sie. „Hunger, Hunger, Hunger."

„Etwas gegen euren Hunger, hier", und damit warf er zwei weitere Bananen ins Wasser.

Die Krokodile stürzten sich auf die Früchte, aber nur die schnellsten und stärksten Tiere konnten sie schnappen.

„Hunger, Hunger, Hunger", grummelten die anderen.

„Beißt das Blatt ab, und ihr bekommt mehr."

„Was ist das, ein Blatt abbeißen?", fragten sie.

Aber obwohl er sich alle Mühe gab, ihm gelang es nicht, das den Krokodilen zu erklären.

Krokodile sind eben doch dümmer als Affen.

Der Schokoladenkringel warf noch ein paar Bananen ins Wasser. Die Krokodile schnappten zu. Und plötzlich bewegte sich das Blatt. Ein Krokodil war mit offenem Maul unter dem Seerosenblatt durchgeschwommen und hatte mit seinen scharfen Zähnen den Stiel abgetrennt.

Langsam schaukelte das Blatt in der Strömung, trieb zur Mitte des Flusses, und der Schokoladenkringel warf den Rest des Bündels ins Wasser.

Das Seerosenblatt trieb nun schon den vierten Tag auf dem Wasser.

Der Schokoladenkringel lag auf dem Rücken und genoss die Fahrt.

„Wie auf einem Segelboot", dachte er.

An den Ufern zog dichter Urwald vorbei, und wenn er sich anstrengte, konnte er die einzelnen Stimmen der Vögel unterscheiden.

Die Papageien machten einen fürchterlichen Lärm und schienen sich ständig zu streiten.

Mit ihren schrillen Stimmen übertönten sie alle anderen Tiere.

„Du hast mein Nest schmutzig gemacht!", keifte eine Papageienfrau.

„Ich kann nichts dafür, außerdem ist es Frauensache, das Nest sauber zuhalten!", schimpfte der Papageienmann nicht weniger laut.

Die Papageienkinder zeterten auch nicht eben leise.

Wenn du einmal im Tierpark bist, kannst du ja hören, wie laut diese Vögel sind.

„Manchmal wie die Menschen", dachte der Schokoladenkringel.

Am siebenten Tag sah er einen alten Elefantenbullen am Ufer stehen.

„Hallo, alter Herr!", rief ihm der Schokoladenkringel zu. „Wie geht es dir?"

„Mir geht es prächtig, kleiner Affe auf dem Fluss", war die Antwort.

Zuerst war der Schokoladenkringel tief beleidigt.

„Affe hat der Kerl gesagt. Sieht der denn nicht, dass ich der berühmte Schokoladenkringel bin?"

Aber dann dachte er an Fips mit dem roten Fleck und an den Oberaffen und an die anderen aus dem Stamm, und dann fand er gar nicht mehr, dass das Wort „Affe" eine Beleidigung war.

Mit der Zeit wurde die Fahrt langweilig.

Am Ufer gab es fast immer das gleiche Konzert, den Streit der Papageien.

Hin und wieder hörte er das dumpfe „Hunger, Hunger, Hunger" der Kroko- dile.

„Ich habe Heimweh", sagt er. „Ich möchte endlich wieder nach Hause!"

Und dabei rollten ihm einige Tränen über die Wangen.

Viele Tage war er nun schon unterwegs.

Tag für Tag gab es das gleiche zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot: Bananen, Bananen, Bananen.

Hin und wieder schöpfte er einen Schluck Wasser aus dem Fluss.

Es wurde wirklich sehr langweilig.

Eines Tages entdeckte er, dass man ja auch im Fluss schwimmen konnte.

„Warum bin ich denn nur nicht früher darauf gekommen?", fragte er sich.

Er stieg in das Wasser, schwamm um das Seerosenblatt, blieb aber immer in seiner Nähe.

„Man kann ja nie wissen, vielleicht sind einige hungrige Krokodile in der Nähe, die mehr von mir als von Bananen halten."

Und einige Tage später passierte es doch:

Der Schokoladenkringel saß auf seinem Seerosenblatt, ließ die Beine ins Wasser baumeln und balancierte den Stock, den Fips mit dem roten Fleck ihm zum Abschied geschenkt hatte, in seiner rechten Hand.

Da schoss unter dem Blatt etwas Grünes hervor.

„Hunger, Hunger, Hunger", hörte er noch, dann spürte er einen stechenden Schmerz in seinem rechten Bein, schrie auf und konnte sich noch mit letzter Kraft auf das Seerosenblatt retten.

Das Krokodil hatte ihn nur knapp verfehlt, aber sein Bein hatte von den Zähnen eine tiefe Wunde bekommen.

Er krümmte sich vor Schmerzen.

Was sollte er machen?

Verbandszeug hatte er nicht.

Wegen der Krokodile wagte er auch nicht, Wasser zu schöpfen und die Wunde auszuwaschen.

Das Bein schmerzte immer mehr.

Am Abend stellte sich Fieber ein, und am Morgen wusste er schon nicht mehr, wo er war.

Im Fiebertraum wälzte er sich zwischen den Bananenbündeln hin und her.

Er träumte von Kakao, Schokoladeneis und Schokoladentorte, von den Eltern und von Kapitän Piepenbrink.

Die Wunde eiterte.

Der Fuß schwoll an.

Das Fieber stieg, ohne dass er etwas dagegen machen konnte.

So trieb das Seerosenblatt den Strom hinab: einen Tag und dann noch einen Tag und dann noch zwei Tage.

Nur ein Wunder konnte den Schokoladenkringel noch retten.

Und das Wunder geschah!

Das dreiundzwanzigste Kapitel

Das Urwaldhospital

An einer Biegung des Stromes, einige Kilometer unterhalb des Zusammenflusses von zwei mächtigen Strömen, in der Nähe des großen Wasserfalles, stand das Urwaldhospital.

Die meisten Häuser des Krankenhausdorfes waren rund und mit Palmenblättern gedeckt. Nur das Haupthaus und die beiden Häuser der Ärzte waren rechteckig. Aber auch hier bestanden die Dächer aus Palmwedeln.

Gerade legte ein Kanu vom Ufer ab, eines jener „Einbäume", wie sie in der Gegend üblich sind.

Einer der beiden Ärzte wollte mit einigen Eingeborenen eines der Nachbardörfer besuchen, das im Landesinneren auf der anderen Seite des Stromes lag.

Da sahen sie das Seerosenblatt, das einsam dahintrieb, an sich keine Seltenheit. Aber noch nie war ein Seerosenblatt aufgetaucht, auf dem sich Bananenbündel befanden und etwas anderes, das zunächst keiner erkennen konnte.

„Los, schnell dorthin", rief der Arzt, neugierig geworden.

Die Ruderer strengten sich an, das Boot schoss in die Mitte des Stromes und erreichte das Blatt.

Und da sahen sie eine zusammengekrümmte Gestalt, dunkelhäutig, tot oder ohnmächtig.

„Los, dichter ran. - Vorsichtig - Ja, Jakob, spring rüber."

Und Jakob, ein baumlanger Neger, sprang aus dem Einbaum auf das Blatt, sah den Schokoladenkringel und rief:

„Doktor, ein Wesen, sehr krank, Bein verletzt."

Nun sprang der Arzt auf das Seerosenblatt.

Was er sah, hatte er nicht erwartet: einen richtigen Schokoladenkringel, verletzt und ohnmächtig. Er untersuchte ihn und sagte dann:

„Wir lassen ihn hier liegen und schleppen das Blatt ab."

Er sprang wieder in das Boot zurück und warf Jakob die Leine zu, und dann legten sich die Ruderer ins Zeug und schleppten das Seerosenblatt ab.

Am Ufer waren schon einige Neugierige zusammengekommen, die sehen wollten, was der Einbaum mitgebracht hatte.

„Emil, lauf ins Hospital, dringende Operation!" rief der Arzt einem der Zuschauer zu. „Schnell. Und eine Trage!"

Und so wurde der Schokoladenkringel wenige Minuten später vorsichtig von dem Seerosenblatt auf eine Trage gehoben und in den Operationsraum des Hospitals gebracht.

Der Schokoladenkringel lag auf dem Operationstisch. Die beiden Ärzte des Krankenhauses und einige Schwestern standen um ihn herum.

Das Bein sah schlimm aus.

„Müssen wir es abnehmen?", fragte eine junge Schwester.

„Nein, versuchen wir es erst mal mit einer Operation", erwiderte der ältere Arzt, Dr. Bernard.

„Schwester. Narkose. Schnell!"

Der Patient stöhnte, als die Wunde untersucht wurde.

„Ich glaube, wir müssen Blut übertragen. Schwester, Blutplasma!"

Aber je sauberer die Wunde wurde, desto mehr wunderten sich die Ärzte.

„Das gibt es doch nicht!", rief der jüngere Arzt, Dr. Nagel.

„Schau dir das an. Der hat ja gar kein Blut. Das ist doch ..., das ist doch", er probierte, „das ist doch Kakao!"

„Du hast recht", sagte Dr. Bernard.

Die beiden Ärzte und die Schwestern sahen sich an und zweifelten an ihrem Verstand. So etwas konnte es doch nicht geben!

Aber sie kannten ja auch keinen Schokoladenkringel.

Endlich überwanden die Weißkittel ihre Überraschung.

„Schwester Eva, schnell in die Küche. Wir brauchen einen Eimer Kakao zur Blutübertragung. Aber schnell. Und abkühlen lassen!"

Die junge Schwester rannte verstört in die Küche. „Total übergeschnappt die beiden", dachte sie.

„Solch Unsinn, Kakao. Aber sie sind ja die Chefs."

„Narkose verlängern!", war der nächste Befehl.

Und dann untersuchten die beiden Männer den Schokoladenkringel sehr gründlich.

„Ein Schokoladenkringel der lebt, mit zwei Armen, zwei Beinen und einem Kopf, das gibt es doch nicht. Ich bin wirklich übergeschnappt. Ich träume."

„Nein, nein, lieber Kollege. Du träumst nicht. Das ist wirklich so, obwohl ich es auch nicht fassen kann."

Aber was blieb den Ärzten und Schwestern anderes übrig, sie mussten es glauben:

Im Operationssaal des Urwaldhospitals lag ein richtiger, lebendiger, jetzt fast halbtoter Schokoladenkringel in der Narkose.

Aus der Küche kam der abgekühlte Kakao.

„Nun kann die Operation beginnen."

Der Kakao wurde in Blutbeutel gefüllt, die mit einem Schlauch mit dem Arm des Patienten verbunden waren.

Die Ärzte operierten das Bein.

Es musste gottlob nicht abgenommen werden.

Aber außer der tiefen, eiternden Fleischwunde war auch der Knochen verletzt, sodass das Bein in Gips gelegt werden musste.

Drei Stunden dauerte die Operation. Dann wurde der kleine Patient in ein Krankenzimmer gebracht.

Als er nach dem Abklingen der Narkose aufwachte, wusste er nicht, wo er sich befand.

Er erkannte ein Zimmer und meinte zuerst, dass er zu Hause sei. Dann aber merkte er, dass er in einem Krankenhaus lag.

Von außen drang der Streit der Papageienfamilien durch sein Fenster hinein. Insekten wurden durch ein Moskitonetz vor dem Fenster ferngehalten.

Ein Arzt betrat das Zimmer.

„Ist der kleine Patient wach?", fragte er.

Der Schokoladenkringel fand die Frage wirklich überflüssig.

Denn wenn er nicht wach gewesen wäre, hätte der Arzt sicher nicht gefragt.

„Ja, ich bin wach", antwortete der Schokoladenkringel.

„Ich bin Dr. Bernard. Wie fühlst du dich?"

„Ich weiß nicht recht. Mein Bein ...." Er versuchte, sich zu erinnern. „Ich glaube, ein Krokodil ... Aber wo bin ich hier?"

„Du bist im Urwaldhospital, etwa einhundert Meilen nördlich von Carnot."

„Und wo liegt Carnot?"

„Willst du damit sagen, dass du gar nicht weißt, wo du bist?"

„Genau. Wir sind abgestürzt und - oh - mein Fuß."

„Ruhig jetzt. Du kannst deine Geschichte später erzählen, wenn es dir besser geht. Jetzt brauchst du noch viel Ruhe."

Der Schokoladenkringel glaubte das nicht, aber vor Erschöpfung schlief er gleich wieder ein.

Erst zwei Tage später wache er auf. Jetzt fühlte er sich schon viel besser.

Er musste seine Geschichte erzählen, aber ohne die Freundschaft mit den Affen und ohne ein Wort davon, dass er die Sprache der Tiere verstehen und sprechen konnte - und dennoch, keiner der Ärzte glaubte ihm so recht, dass er allein durch den Urwald gewandert war.

Wir aber bekamen ein Telegramm, in dem stand, dass er in der Zentralafrikanischen Republik sei und zwar in einem Urwaldhospital und dass es ihm gut ginge.

Natürlich haben wir dieses Telegramm in das Fotoalbum des Schokoladenkringels geklebt, neben dem Telegramm, das aus der Sahara gekommen war.

Langsam erholte sich der Schokoladenkringel.

Zuerst humpelte er an zwei Krücken durch das Hospital. Nach ein paar weiteren Tagen durfte er nach draußen.

„In fünf Tagen wird der Gips abgenommen, und dann kannst du ein paar Tage später nach Hause", eröffnete ihm Dr. Bernard eines Tages.

„Wir haben mit den Behörden telefoniert. Du bekommst einen vorläufigen Pass. Wir werden dich mit dem Einbaum zum nächsten Dorf bringen.

Dort wirst du zur Bootsstelle gebracht. Dazwischen ist nämlich ein großer Wasserfall, deshalb haben wir hier auch keine Motorboote.

Dann fährst du bis Carnot und von dort mit dem Auto bis nach Bangui, unserer Hauptstadt. Der deutsche Konsul weiß schon Bescheid. Er regelt alles Weitere."

Dem Schokoladenkringel war es recht, wenn er nur bald nach Hause kam.

Er sollte von Bangui mit dem Flugzeug nach Brazzaville fliegen und von dort nach Düsseldorf oder Paris. Sehr lieb war ihm das nicht, denn er dachte an die Ballonfahrt und daran, was alles so in der Luft passieren konnte.

Aber bevor es überhaupt so weit war, sollte noch etwas dazwischen kommen.

 

Das vierundzwanzigste Kapitel

Der Freund der Tiere

Am Morgen, bevor er abreisen sollte, war der sonst immer strahlend blaue Himmel bedeckt.

Wolken waren aufgezogen, dann begann es zum regnen, nein regnen ist viel zu sanft gesagt, es begann zu gießen, wie der Schokoladenkringel es noch nie erlebt hatte.

Und dann brach ein Sturm los.

Er pfiff durch die großen Bäume, wurde zum Orkan und plötzlich folgte ein Gewitter, wie es nur im Urwald möglich ist.

Nun sind Urwaldgewitter für Menschen, die dort leben, etwas ganz gewöhnliches.

Der Schokoladenkringel aber hatte noch nie eines erlebt.

Ängstlich flüchtete er sich zu Jakob, mit dem er inzwischen Freundschaft geschlossen hatte.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Kleiner", sagte der baumlange Neger. „Gewitter kommen, Gewitter gehen."

Es gibt Menschen, die haben eben Angst vor dem Donner und dem Blitz, und der Schokoladenkringel, so mutig er auch war, gehörte zu ihnen.

Es blitzte und donnerte, als ob die ganze Welt einstürzen wollte, und dann schien sie auch wirklich einzustürzen.

Ein Blitz hatte einen Urwaldriesen gespalten, der nun auf das Dach des Krankenhauses stürzte.

Es rumpelte und polterte, Holz splitterte, Menschen schrieen entsetzt auf.

Und plötzlich trat Ruhe ein.

Mit diesem gewaltigen Blitz hatte sich das Urwaldgewitter ausgetobt.

Es dauerte nicht lange, da beschien die Sonne das Hospital.

Aber ebenso schlimm, wie das zertrümmerte Dach war, dass die Antenne der Funkanlage zerstört war und alle Boote weggeschwemmt waren.

Zum Glück war aber niemand verletzt.

Boote konnte man wieder bauen, die Funkanlage ließ sich vielleicht wieder reparieren, das Dach auch, aber es würde einige Tage dauern, vielleicht auch ein bis zwei Wochen.

An eine Heimfahrt war jedenfalls jetzt nicht zu denken.

Am schwierigsten schien es aber, den gespaltenen Urwaldriesen vom Dach des Hospitals zu zerren.

Die Männer und Frauen machten sich an die Arbeit und räumten auf.

Aber es gab keine Kräne, und die Motorsäge war für einen solchen Urwaldriesen zu klein.

„Elefanten müsste man haben", sagte Dr. Bernard beim Mittagessen. „Die könnten den Stamm wegräumen, wenn wir ihn mit der Motorsäge vorbereiten. Aber hilfreiche Elefanten gibt es wohl nur in Indien oder im Märchen."

„Warum nur im Märchen?", wollte der Schokoladenkringel wissen. „Gibt es denn hier keine Elefanten?",

„Hier gibt es eine ganze Herde", erklärte Dr. Bernard. „Aber das sind wilde Tiere, die schon viel Schaden angerichtet haben."

„Vielleicht können wir sie bitten, uns zu helfen", überlegte der Schokoladenkringel laut.

„Was sagst du da eben?", Oberschwester Brigitte, die neben ihm saß, war fassungslos.

„Du willst Elefanten bitten, uns zu helfen?",

„Aber ja. Warum nicht? Wir könnten doch fragen."

Der Schokoladenkringel sah die teils erstaunten, teils belustigten Gesichter der Erwachsenen.

Nur Dr. Bernard schien besorgt.

„Schwester, fühlen Sie doch mal seinen Puls! Hoffentlich ist das kein Rückfall."

Jetzt war der Schokoladenkringel erstaunt, aber dann fiel ihm ein, dass er keinem erzählt hatte, dass er die Sprache der Tiere verstand. Ihm hätte ja doch niemand geglaubt.

„Ich bin nicht krank", sagte er. „Solch ein Quatsch. Es ist nur so, dass ich ...", er wusste nicht, wie er es erklären sollte.

„Also, ich habe im Urwald mal giftige Pilze gegessen, die nach Schokolade schmeckten. Hinterher konnte ich dann die Tiere verstehen und sie mich. Ja, so ist das."

Nun schüttelte auch Dr. Nagel den Kopf.

„Ab ins Bett, kleiner Mann. Schwester Brigitte, messen Sie bitte Fieber."

So sehr sich der Schokoladenkringel auch sträubte, er musste ins Bett, und seine Temperatur wurde gemessen.

Aber er hatte kein Fieber.

Inzwischen waren Jakob, der nicht nur Pfleger war, sondern auch mit der Motorsäge umgehen konnte, und die anderen an die Arbeit gegangen.

Dem umgestürzten Baum wurden die Äste abgesägt.

Aber es nützte nichts, er war zu dick und zu schwer, als dass er so einfach vom Krankenhausdach heruntergeholt werden konnte.

„Ich sollte doch die Elefanten bitten", überlegte der Schokoladenkringel. „Vielleicht helfen sie uns."

Er durfte wieder aufstehen und ging nach draußen. Das Bein schmerzte noch, aber die Wunde heilte von Tag zu Tag besser zu.

Oben, in den Bäumen, hörte er die Papageien zetern:

„Du sitzt hier herum, als ob du gar nichts zu tun hättest", keifte eine Papageienfrau ihren Papageienmann an.

„Natürlich habe ich zu tun. Ich denke nach. Stör mich nicht!"

„Was ihr Männer nur Wichtiges zu denken habt."

„Hörst du mich, Papagei? Sicher kannst du mir helfen", rief der Schokoladenkringel in den Baum.

„Meinst du mich?", fragte der Papageienmann.

„Ja, ich meine dich. Komm herunter, dann erkläre ich es dir."

Und tatsächlich flog der Papagei herunter und setzte sich auf die ausgestreckte Hand des Schokoladenkringels.

„Hör zu, mein Freund. Siehst du den umgestürzten Baum? Er ist auf das Dach gefallen. Wir brauchen Elefanten, die uns den Baum wegnehmen. Ich kann mit ihnen reden, aber ich weiß nicht, wo sie gerade sind, und ich kann nicht in den Wald hineinlaufen. Willst du sie herholen, damit ich sie um ihre Hilfe bitte?",

„Ich will es versuchen", sagte der Papagei. „Dann sieht meine Frau wenigstens, dass ich auch etwas kann."

Der Schokoladenkringel erklärte dem Papagei, wie er vorgehen sollte. Dann machte der Vogel sich auf den Weg.

Die Elefantenherde lebte gerade in der Nähe. Nun spricht kein Papagei die Sprache der Elefanten, aber ein Elefant ist so klug, dass er merkt, wenn ein Papagei ihm etwas Wichtiges erklären will. Und der Schokoladenkringel hatte glücklicherweise gerade den klügsten Papagei geschickt.

So flog der Vogel zu dem Anführer der Herde, einem alten Elefantenbullen und setzte sich vor ihm auf den Boden.

Dann flog er ein Stückchen in Richtung auf das Hospital, dann wieder zurück, hin und her, bis der alte Bulle begriff, dass in der Richtung etwas war, was ihn anging.

Er machte sich auf den Weg, und die Herde folgte ihm.

Wenig später standen die Elefanten am Rande des Urwaldes vor dem Krankenhaus.

„Hilfe, Elefanten, Elefanten!", riefen die Einwohner. Sie dachten, dass diese großen Tiere ihre Hütten und das Krankenhaus niedertrampeln würden. Von wilden Elefantenherden hatten sie schon Schreckliches gehört.

Der Schokoladenkringel aber ging furchtlos auf den Anführer der Herde zu.

„Ich danke dir, dass du gekommen bist", redete er ihn in der Elefantensprache an. „Wir Menschen erbitten von euch eure Hilfe."

„Du kennst unsere Sprache, kleiner haarloser Affe?", staunte der Elefant.

„Ja, ich kenne sie und will euer Freund sein."

„Wenn du unser Freund sein willst, dann wollen wir dir helfen. Was sollen wir tun?"

„Könnt ihr den Baum von dem Dach nehmen? Wir sind zu schwach dazu."

„Wir können das und wollen es für dich tun."

Der Anführer der Elefanten drehte sich um und befahl den andern, ihm zu helfen.

Acht Elefanten rissen und zerrten an dem Baum, bis sie ihn so zwischen Rüssel und Stoßzähnen nehmen konnten, dass sie ihn vorsichtig vom Dach hoben und an den Rand des Urwaldes legten.

Und dann, alle Menschen, die zusahen, trauten ihren Augen nicht, wie sie vorher ihren Ohren nicht getraut hatten:

„Danke", sagte der Schokoladenkringel, als die Tiere mit ihrer Arbeit fertig waren. „Kommt, ich habe etwas für euch."

Er griff in die Tasche und holte vier Tafeln Schokolade heraus.

„Dies ist für euch."

Er wickelte die Tafeln aus und steckte jedem der acht Tiere eine halbe Tafel ins Maul.

Die Elefanten quietschten vor Freude. So etwas Köstliches wie Schokolade hatten sie noch nie in ihrem Leben bekommen.

Dann streichelte er ihnen die Rüssel und sagte:

„Auf Wiedersehen, meine Freunde. Und nochmals vielen Dank."

Der Anführer trompetete zum Abschied mit seinem Rüssel einen Gruß, und dann zog die ganze Herde wieder in den Urwald.

„Das ist doch unmöglich", meinte Dr. Bernard.

„Wenn ich das nicht mit meinen eigenen Augen gesehen und mit meinen eigenen Ohren gehört hätte, würde ich dasselbe sagen", erwiderte Dr. Nagel. „Er kann tatsächlich mit den Tieren sprechen."

„Oder Elefanten waren nur zufällig hier, und er konnte besonders gut mit ihnen umgehen."

Am Abend wurde es spät.

Auf dem Hof des Hospitals gab es ein großes Palaver, denn eine so hilfsbereite Elefantenherde hatte noch niemand erlebt.

Aber keiner der Ärzte, und das waren angeblich die klügsten Leute im Hospital, wollte zugeben, dass der Schokoladenkringel wirklich mit den Tieren gesprochen hatte.

So sind eben die Erwachsenen und besonders die angeblich klugen.

Das fünfundzwanzigste Kapitel

Das geraubte Baby

Drei Tage später wurden die Bewohner des Krankenhausdorfes von einer weinenden Frau geweckt:

„Mein Kind, mein Kind!" rief sie. „Die Affen haben es geraubt!"

Die anderen Bewohner kamen aufgeregt aus ihren Hütten. Wieder gab es ein großes Palaver auf dem Hof vor dem Hospital.

Nach vielen Fragen konnte die Frau endlich erklären, was vorgefallen war: Affen waren durch das offene Fenster in die Hütte eingedrungen und hatten das Baby mitgenommen.

„Affen?", fragte der Schokoladenkringel.

„Ja, Affen", antwortete Dr. Bernard. „Die Leute hier erzählen, dass ab und zu Babies geraubt werden, die dann bei den Affen aufwachsen sollen. Natürlich ist das alles Unsinn. Aber wer weiß, jetzt glaube ich selbst fast schon daran."

Der Schokoladenkringel hatte nicht erzählt, dass er auf dem langen Weg durch den Urwald Affen als seine besten Freunde gewonnen hatte. Die anderen hatten ja auch nicht glauben wollen, dass er die Sprache der Tiere verstand.

Aber so sind die Erwachsenen nun einmal. Was sie nicht verstehen, wollen sie einfach nicht wahrhaben. Sie haben überhaupt keine Phantasie.

„Vielleicht könnte ich mit den Affen verhandeln. Wenn wir ihnen", er überlegte, „wenn wir ihnen etwas Blankes geben, Spiegel zum Beispiel, dann könnten wir das Baby eintauschen."

„Sag mal, sprichst du wirklich die Sprache der Tiere?", fragte Dr. Nagel, noch immer nicht überzeugt.

„Natürlich."

Eigentlich hätte es auffallen müssen, dass er alle Menschen im Hospital verstand und sie ihn und dass er sich mit ihnen unterhalten konnte, obwohl er weder französisch noch die Sprache der Eingeborenen gelernt hatte.

„Wie komme ich nur zu den Affen?", waren seine nächsten Überlegungen. Es musste doch einen Weg geben, mit ihnen zu verhandeln.

Vielleicht wohnten sie in der Nähe und hatten die Hütte schon lange beobachtet.

Der Schokoladenkringel wurde durch das Keifen der Papageien gestört.

Das war die Idee! Die Papageien mussten wieder helfen.

Er ging in die Küche des Hospitals, um etwas Futter für die Vögel zu bekommen.

„Futter willst du?", lachte der Koch. „Die sollen doch gefälligst selber sehen, wo sie ihr Futter herbekommen."

Aber nach langem Betteln rückte der Koch doch mit einer Tüte heraus, in der Leckerbissen für die Papageien waren.

„Und nun brauche ich noch etwas Klebeband und einen kleinen Spiegel."

Er bat Oberschwester Brigitte um beides. Sie gab es ihm, aber er erzählte ihr lieber nicht, was er vorhatte.

Dann rief er die Papageien.

Er musste eine ganze Zeit lang rufen, denn die Vögel waren mit Streiten so sehr beschäftigt, dass sie zunächst gar nichts hörten.

Aber dann kamen doch mehrere angeflogen und setzten sich vor den Schokoladenkringel auf den Boden.

Der Schokoladenkringel erklärte ihnen, was er vorhatte:

„Heute früh ist ein Menschenkind von den Affen geraubt worden."

„Wir haben es gesehen", war die Antwort.

„Ich schenke euch Futter, wenn ihr mir sagt, wo die Affen sind, und ihr bekommt noch mehr, wenn ihr mir helft."

Futter, dafür wollten die Papageien alles tun.

Der Schokoladenkringel streute einige Erdnüsse auf den Boden. Die Papageien waren begeistert.

„Fliegt los und sucht die Affen!"

Die Papageien schwärmten aus.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Papageien zurückkamen, und nach einiger Zeit kam auch der Papagei, der berichten konnte, dass die Affen sich oben auf der Klippe, nicht weit vom Hospital niedergelassen hatten.

Für Menschen waren jene Klippen aber unzugänglich.

„Was tun?", überlegte der Schokoladenkringel. „Ich muss es doch mit dem Spiegel versuchen."

Inzwischen hatten sich die beiden Ärzte, die Schwestern und die anderen vor dem Hospital eingefunden und sahen und hörten, wie der Schokoladenkringel mit den Papageien verhandelte.

Der Schokoladenkringel bat den größten Papagei zu sich.

„Ich binde dir diesen Spiegel um", erklärte der ihm. „Du musst ganz dicht an den Oberaffen heranfliegen und ihn hierher zum Hospital locken. Wenn er hier ist, schüttelst du den Spiegel auf den Boden und fliegst weg. Ich rede dann mit dem Affen. Hast du das verstanden?"

„Ja", krächzte der Papagei. „Hinfliegen, Oberaffen herbeilocken, Spiegel abschütteln."

„Sehr gut", lobte der Schokoladenkringel. „Und als Belohnung bekommst du eine extra große Tüte Futter und einen Spiegel."

„Freue mich sehr, freue mich sehr", krächzte der Papagei und flog mit dem Spiegel in Richtung Klippen. Erst jetzt erklärte der Schokoladenkringel den staunenden Zuschauern, was er vorhatte.

Alle mussten den Hof vor dem Hospital verlassen, damit der Oberaffe sich her traute.

Es dauerte nun nicht mehr lange, da kam der Papagei zurück. Er war immer nur ein Stückchen geflogen und hatte den Oberaffen hinter sich hergelockt. Auf dem Hof schüttelte er sich, und der Spiegel fiel auf den Boden.

Einen Augenblick später sprang ein großer Affe aus einem Baum auf den Hof und stürzte sich auf den Spiegel.

Der Schokoladenkringel, der still unter einem Baum gewartet hatte, rührte sich, und bevor der Affe sich wieder auf den Baum schwingen konnte, begann die kleine Gestalt zu reden:

„Warte, mein Freund, großer Häuptling des Stammes, warte."

Der Oberaffe erstarrte. Wer nannte ihn hier großer Häuptling? Wer wollte sein Freund sein?

Misstrauisch musterte er den Schokoladenkringel.

Eine solche Gestalt hatte er noch nie gesehen. Aber sie sah harmlos aus.

Er setzte sich sprungbereit auf den Boden, behielt aber den Spiegel in seiner Hand.

„Ich bin Schoko", fuhr die kleine Gestalt fort. „Ich habe den Papageien geschickt, damit du dir den Spiegel holen kannst."

Der Oberaffe überlegte, was der kleine Kerl wohl wollte.

„Ich will mit dir handeln: Du kannst noch mehr Spiegel haben und einen großen ganz für dich. Willst du?"

„Ich will", antwortete der Oberaffe.

„Und du gibst mir dafür das Menschenkind, das dein Stamm heute geraubt hat."

Der Oberaffe überlegte.

Ein Menschenbaby war etwas Besonders, andererseits ein, nein, viele Spiegel waren auch etwas Besonders, eigentlich viel besonderer.

Er kratzte sich am Kopf.

Der Schokoladenkringel erkannte, dass der Affe jetzt überlegte.

„Denke daran, mit Spiegeln wird dein Stamm etwas Besonderes sein. Man wird euch im Urwald den Ehrentitel „Spiegelaffen" geben."

Der Oberaffe überlegte weiter. „Spiegelaffe" genannt zu werden, während die anderen dann ganz gewöhnliche Affen waren, das bedeutete wirklich etwas Erstrebenswertes.

„Und außerdem, vielleicht werdet ihr auch Freunde der Menschen. Und wenn jemand krank wird, kann er hier behandelt werden", lockte der Schokoladenkringel weiter. „Diese Menschen helfen euch und ihr helft ihnen."

„Der Handel lohnt sich", dachte der Oberaffe. Und dann sagte er:

„Gut, kleiner Freund. Wir bringen dir das Menschenjunge, und du wirst uns die Spiegel bringen", und damit schwang er sich auf den Baum, unter dem der Schokoladenkringel stand und verschwand.

„Nun, was hast du erreicht?", bestürmten ihn die Menschen, als der Affe fort war.

„Sie bringen das Baby, aber ihr müsst ihnen viele Spiegel geben und einen großen für den Oberaffen. Außerdem habe ich versprochen, dass ihr ihnen helft, wenn sie krank werden."

Die Ärzte schmunzelten. Sie stellten sich einen Affen im Krankenbett vor.

Dann sagte Dr. Bernard:

„Das mit den Spiegeln ist kein Problem. Schwester Brigitte, holen Sie bitten einen Karton mit kleinen Spiegeln und einen großen Handspiegel."

Ein Karton mit Spiegeln wurde gebracht und geöffnet, ein Handspiegel danebengelegt und alle Menschen mussten den Hof wieder räumen.

Nach einer halben Stunde kamen die Affen. Eine ganze Horde schwang sich von den Bäumen auf den Hof vor dem Hospital. Eine Affenfrau hatte das Baby in den Armen. Sie legte es auf den Boden.

„Danke, meine Freunde", sagte der Schokoladenkringel.

Die Affen klatschten in die Hände. „Freunde" hatte sie sonst noch niemand genannt.

Dann packte der Schokoladenkringel die Spiegel aus.

„Hier, großer Häuptling", sagte er. „Dies ist für deinen Stamm und dieser Spiegel ist für dich."

Er nahm den großen Handspiegel und überreichte ihn dem Oberaffen.

Die Verwunderung der Affen war groß. Sie wussten zwar, dass man sich im Wasser ansehen konnte, aber ein kleines Stück trockenes Wasser, das man mitnehmen konnte um sich anzusehen, hatten sie noch nie gesehen, bis auf den Oberaffen, der ja den kleinen Spiegel des Papageien sorgsam versteckt hatte.

Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass die Mutter des Kindes am liebsten gleich in den Hof gestürzt wäre, um ihr Baby an sich zu reißen.

Aber der Schokoladenkringel hatte strengstens verlangt, dass er mit den Affen ungestört bleiben müsste.

Dafür war die Freude hinterher umso größer.

Die Mutter gab jedenfalls dem Schokoladenkringel einen ganz, ganz großen Kuss, den er nicht einmal wegwischte.

 

Das sechsundzwanzigste Kapitel

Auf dem Heimweg

In der Aufregung des Tages hatte niemand daran gedacht, dass Dr. Bernard einen Tag zuvor, als die Funkantenne wieder montiert worden war, einen Hubschrauber angefordert hatte, damit der Schokoladenkringel zur Hauptstadt gebracht werden konnte.

Der andere Weg, über den Fluss und dann über die Landstraße, war wegen der Sturmschäden noch nicht möglich.

Am Nachmittag nahmen sie Abschied:

Die beiden Ärzte, die Mitarbeiter des Hospitals, deren Angehörige und sogar die Papageien.

Am liebsten hätten sie den kleinen Kerl gar nicht mehr fortgelassen, so sehr hatten sich alle Leute im Hospital an ihn gewöhnt.

Der Schokoladenkringel nahm den Beutel mit seinen drei Diamanten mit, einen Brief des Krankenhauses an die nächsten Ärzte, die den Schokoladenkringel weiter behandeln würden, und er nahm auch die kümmerlichen Reste seiner Kleidung mit, die er als Andenken behalten wollte.

Das Hospital hatte ihm zunächst eine Hose, ein Hemd, Schuhe und Strümpfe sowie Unterwäsche gegeben, natürlich der warmen Gegend angemessen.

Ein letztes Zuwinken, und der Hubschrauber hob vom Platz vor dem Hospital ab.

Etwas wehmütig war dem Schokoladenkringel doch ums Herz, als er das Urwaldhospital unter sich versinken sah.

Aber dann erblickte er den Urwald, den großen Fluss, er und dachte an die vielen Tage seiner sonderbaren Reise und an alles, was er erlebt hatte, dass er gar nicht merkte, wie die Zeit im Fluge verging.

Unter dem Hubschrauber tauchte jetzt eine große Stadt auf, Bangui, die Hauptstadt des Landes.

Der Hubschrauber setzte auf dem Landefeld auf.

„So, da sind wir", sagte der Pilot und stellte dem Motor ab. „Da kommt ein Auto, ich glaube, es ist für dich."

„Für mich?", fragte der Schokoladenkringel.

„Ja, denkst du denn, wir lassen einen solchen Knirps wie dich mutterseelenallein hier auf dem Flugplatz?"

„Na hör mal", empörte sich der Schokoladenkringel. „Ich bin schließlich der berühmte und weitgereiste Schokoladenkringel, der ..."

„Eben", schnitt der Pilot ihm das Wort ab. „Deshalb wirst du ja auch abgeholt, weil du so berühmt bist. Komm, steig aus."

Die Hubschraubertür öffnete sich und der Schokoladenkringel kletterte die Leiter herunter.

Aus dem Auto waren zwei Personen herausgeklettert: ein Mann, der trotz der Hitze einen dunklen Anzug trug und entsetzlich vornehm wirkte und ein Mädchen oder eine junge Frau, in einem hellen Sommerkleid, die lustige, schwarze Augen hatte.

„Guten Tag", begrüßte der Mann den Schokoladenkringel. „Ich bin der deutsche Konsul Heinrich Meyer. Das hier ist meine Tochter Grit. Und du bist der Schokoladenkringel, von dem der Gesundheitsminister mir erzählt hat."

„Guten Tag, ja, das bin ich. Aber was ist ein Konsul? Und was soll ich bei Ihnen?"

Er wollte noch fragen, warum ein Konsul bei der Hitze so feierlich aussehen musste, aber er unterließ es, weil er nicht unhöflich sein wollte.

„Ein Konsul", sagte der Konsul, „ist ein Mann, der sich um Menschen kümmert, die aus dem Land kommen, für das er Konsul ist. Und weil ich hier deutscher Kaufmann bin, soll ich mich um dich kümmern, bis du nach Hause fliegst oder fährst."

„Danke", erwiderte der Schokoladenkringel. „Das ist riesig nett. Hoffentlich dauert es nicht zu lange. Ich habe nämlich ..., nämlich ...", ihm traten die Tränen in die Augen.

„..Heimweh", ergänzte die junge Frau. „Ich kenne das auch. Du brauchst dich nicht zu schämen."

Sie nahm den Schokoladenkringel in die Arme.

„Komm, wir fahren zu uns."

Grit setzte sich neben den Schokoladenkringel und legte ihren Arm um seine Schulter.

Der Konsul setzte sich ans Steuer, und sie fuhren los.

Sie durchquerten die ganze Stadt.

Nach einer dreiviertel Stunde bog der Wagen in ein großes Grundstück ein und hielt vor einem Bungalow.

„Hier wohnen wir", sagte das Mädchen. „Du wohnst natürlich bei uns, bis du abfährst."

Sie stiegen aus.

Grit führte den Schokoladenkringel zu seinem Zimmer. Es war wunderschön, viel schöner als die Krankenhauszimmer und fast so schön, wie die Bäume, in denen er mit Fips mit dem roten Fleck gelebt hatte.

„Du kannst erst mal duschen. Da hinten ist das Badezimmer. Dann essen wir Abendbrot, und hinterher erzählst du uns von der Reise, ja? Ich bin schon ganz gespannt."

Der Schokoladenkringel zog seine durchgeschwitzten Kleidungsstücke aus. Es war wirklich sehr heiß.

Aber warum mussten die Menschen immer so viel anziehen. Im Urwald war er mit viel weniger ausgekommen.

Unter der kalten Dusche war es richtig erfrischend. Als er dann in das festlich gedeckte Esszimmer kam, war ihm gar nicht mehr nach Afrika zumute.

„So, da bist du ja, mein Junge", begrüßte ihn der Konsul. „Nach dem Abendbrot kannst du gleich zu Hause anrufen. Aber jetzt wollen wir erst mal essen. Ich hoffe, es schmeckt dir."

Grit klatschte in die Hände. Aus dem Nebenzimmer kamen zwei Jungen. Sie trugen das Essen herein.

Zuerst gab es einen Teller mit Melonenstückchen. Der Schokoladenkringel wollte nicht unhöflich sein und aß sie auf.

Als zweiten Gang gab es Antilopenbraten mit Auberginensalat, Pilzen und Pommes.

Der Schokoladenkringel schluckte.

„Haben Sie ..., haben sie vielleicht bitte Schokoladenstreusel?", fragte er.

„Schokoladenstreusel?"

„Ja", er wandte sich an den Konsul. „Sie müssen nämlich wissen, dass ein Schokoladenkringel eigentlich nur Schokoladeneis, Schokoladentorte, Schokoladenpudding, Schokolade und Kakao vertragen, anderes höchstens mit Schokoladenstreuseln."

„So ist das also", lachte der Konsul. „Und ich dachte, wir könnten dir mit dem Essen eine Freude machen."

Grit klatschte in die Hände. Die beiden Jungen kamen wieder.

„Räumt bei unserem Gast ab. Ich komme eben mit in die Küche."

„Sehr wohl, mein Fräulein", sagte der ältere der beiden Jungen und blinzelte dabei vergnügt.

Es dauerte nicht lange, dann kam Grit mit einer Platte zurück, und auf der Platte lagen fünf große Stücke Schokoladentorte.

Hinterher gab es noch einen Schokoladenpudding, Schokoladeneis und einen Becher Kakao.

So gut hatte der Schokoladenkringel schon lange nicht mehr gegessen.

Gegen halb acht klingelte bei uns das Telefon.

Ich meldete mich.

Am anderen Ende der Leitung, die in Bangui aufhörte beziehungsweise begann, meldete sich der Schokoladenkringel.

Er weinte fast vor Freude.

Der Konsul erklärte mir hinterher, dass am nächsten Tage die Ausreisepapiere fertig seien.

Man wollte dann noch einkaufen, damit der Schokoladenkringel etwas zum Anziehen hätte.

Wann er genau zurückkäme, hinge allerdings vom Flugplan ab. Er wolle sich noch einmal melden.

Nach dem Telefongespräch sollte der Schokoladenkringel von seiner Reise erzählen.

Er tat es auch, aber er war nicht sicher, ob der vornehme Konsul ihm alles abnahm, was er so berichtete. Vor allem das mit der Sprache der Tiere schien für Erwachsene so unglaublich zu sein, dass sie es gar nicht erst glauben wollten.

Aber irgendwie musste der Konsul wohl doch spüren, dass etwas an der Geschichte dran war, denn wie sollte ein so kleiner Junge wie der Schokoladenkringel, ganz allein durch halb Afrika wandern. Und dazu kam die Geschichte mit den Elefanten und dem geraubten Baby.

Der Konsul hatte von dem Gesundheitsminister erst heute, kurz vor dem Abendessen davon erfahren.

Aber was er nun wirklich glauben sollte oder glauben konnte, wusste er selbst nicht.

Am nächsten Tag fuhr der Schokoladenkringel mit Grit und dem Konsul zum Einkaufen und dann zu vielen Behörden, die ihm einen Pass, Ausreisepapiere und alles das gaben, was eben für eine Ausreise nötig ist.

Nach all dem, was der Schokoladenkringel hinterher erzählte, kann ich dir nur raten, nicht allein nach Afrika zu fliegen, jedenfalls nicht so, wie der Schokoladenkringel.

Beim Abendessen konnte der Schokoladenkringel zeigen, dass er nichts Falsches erzählt hatte.

Denn gerade, als die beiden Jungen, Söhne der Köchin, Albert und Prince, die Suppe hereinbrachten, der Schokoladenkringel bekam natürlich seine Schokoladensuppe, schlängelte sich unter dem Vorhang der offenen Terrassentür eine grüne Mamba herein.

„Zizzsch, zizzsch", sagte sie. „Hier gibt es etwas zu verschlingen."

Der Schokoladenkringel hörte sie als Erster. Dann entdeckte Prince sie und ließ vor Schreck die Schüssel mit der Schokoladensuppe fallen. Und dann drehten sich der Konsul, Grit und Albert zur Seite.

Grit war vor Schreck gelähmt. Den anderen ging es ähnlich, denn eine grüne Mamba ist sehr gefährlich.

Nur der Schokoladenkringel behielt die Ruhe. Er kannte Schlangen aus dem Urwald.

Und in der Schlangensprache sagte er zu der grünen Mamba:

„Zizzschs, du sollst dich schämen, Schlange, einfach so hereinzukommen. Durch deine Schuld ist meine schöne Schokoladensuppe verschüttet und der Teppich verdorben. Wenn du nicht sofort umkehrst und dieses Haus in Zukunft meidest, werde ich alle Teufel des Urwaldes auf dich hetzen. Raus mit dir!"

Die Schlange war zuerst sehr erstaunt, dass sie ein Wesen in ihrer Sprache anredete. Sie sah sich um, aber das Wesen, das zu ihr sprach, war alles andere als eine Schlange.

Als sie aber hörte, dass dieses Wesen alle Teufel des Urwaldes auf sie hetzen wollte, wenn sie nicht sogleich verschwand, packte sie ein tiefes Grauen.

Denn vor den Teufeln des Urwaldes, musst du wissen, haben die grünen Mambas noch mehr Angst als alle anderen Schlangen.

Die grüne Mamba zog sich so schnell zurück, wie sie nur konnte. Und je dichter sie der Terrassentür kam, desto schneller schlängelte sie sich heraus.

„Es sieht aus, als ob sie Angst hat", sagte Grit, als die Erstarrung von ihr gewichen war.

„Wie hast du das nur gemacht?", wollte der Konsul wissen, der wohl gehört hatte, dass der Schokoladenkringel etwas gesagt hatte, das er überhaupt nicht verstehen konnte.

„Ich habe ihr nur gesagt, dass sie sich schämen soll, so einfach hier hereinzukommen. Und dann hat sie natürlich Angst vor den Teufeln des Urwaldes. Aber so sind die Schlangen eben."

„Wovor?", wollte Grit wissen, denn die Geschichte von den Teufeln des Urwaldes hatte er am Abend vorher noch nicht erzählt. Außerdem war er auch keinem begegnet, und er hielt es für einen Aberglauben der Tiere.

„Ach, vor den Teufeln des Urwalds haben sie Angst. Davor haben doch alle Tiere Angst, besonders aber die Schlangen."

Und dann musste er auch von der Wanderung in das Bergland erzählen und von den drei Diamanten, die er gefunden hatte.

„Daher hast du sie also", stellte der Konsul fest.

„Jedenfalls vielen Dank, und die Terrassentür lassen wir lieber zu."

„Und ich gehe jetzt in die Küche, damit du deine Schokoladensuppe bekommst," sagte Grit.

Das siebenundzwanzigste Kapitel

Kapitän Piepenbrinks Sohn

Am nächsten Tag brachten der Konsul und Grit den Schokoladenkringel zum Flugplatz. Der Konsul wollte bis Brazzaville mitfliegen.

Brazzaville ist eine Stadt, die am Unterlauf des Kongo liegt. Sie hat einen großen Flugplatz und einen Hafen.

Von dort sollten sie nach Kinshasa übersetzen, wo die Fluglinien nach Deutschland ihre Zwischenlandungen machten.

In Bangui selbst konnten nur kleine Maschinen landen und starten.

Der Flug nach Brazzaville ging ohne Schwierigkeiten vonstatten.

Auf dem Flugplatz Maya-Maya stellte sich aber heraus, dass zwischen Brazzaville und Kinshasa, am anderen Ufer, zur Zeit aus politischen Gründen kein Verkehr möglich war.

„Wieder einmal", meinte der Konsul. „In ein paar Wochen sieht wieder alles anders aus. Was machen wir nun?"

Der Schokoladenkringel wusste es natürlich auch nicht. Sollte er mit dem Konsul nach Bangui zurückkehren, wo er sich doch so sehr auf seine Heimreise gefreut hatte?

„Lass uns erst mal ins Flughafenrestaurant gehen", schlug der Konsul vor. „Dort können wir weiter überlegen."

Bei einem Stück Schokoladentorte und einem großen Becher Kakao sah die Sache für den Schokoladenkringel schon ganz anders aus.

„Kann ich nicht trampen?", fragte er.

„Wie willst du das denn machen?", wollte der Konsul wissen.

„Sicher gibt es Schiffe, die nach Deutschland fahren."

„Ja, schon, aber das sind Frachter, die Holz geladen haben. Und das näch- ste geht in zwei Monaten ab."

So lange wollte der Schokoladenkringel nun auch nicht warten.

Am Nachbartisch hatten sich ein Kapitän und sein Steuermann niedergelassen. Der Schokoladenkringel erkannte sie an den Ärmelstreifen.

„So ein Saftladen", schimpfte der Kapitän. „Erst soll ich meine Ersatzteile hier abholen. Und jetzt? Was sagen die Heinis? Sie kommen erst morgen oder übermorgen oder noch später."

„Da kann man nichts machen", wollte ihn der Steuermann beruhigen. „Wir sind eben in Afrika."

„Quatsch, das haben die in Hamburg verbummelt. So wahr ich Piepenbrink heiße und in Büsum geboren bin, ich werde denen Bescheid sagen!"

Wie elektrisiert schreckte der Schokoladenkringel auf.

Piepenbrink - in Büsum geboren - seine Heimatsprache - das konnte doch nur der Sohn von seinem alten Freund sein, dem Kapitän, mit dem er die Ballonfahrt gemacht hatte.

„Ich frage ihn einfach", dachte er.

Und dann drehte er sich um und fragte:

„Herr Kapitän, sind Sie der Sohn von dem Büsumer Krabbenfischer Gustav Piepenbrink? Fahren Sie nach Hamburg? Können Sie mich mitnehmen?"

Dem Kapitän blieb beinahe das Hähnchen im Halse stecken, das er gerade aß, als ihn jemand am Nachbartisch in seiner Muttersprache anredete.

„Das ist doch ..." polterte er los. „Du kennst meinen Vater? Wer bist du denn überhaupt?"

Der Konsul hatte die Unterhaltung der beiden Seeleute nicht beachtet und war deshalb sehr überrascht, dass der Schokoladenkringel sich an die beiden Männer am Nachbartisch wandte.

„Ich bin der Schokoladenkringel", sagte der Schokoladenkringel. „Und Ihr Vater ..."

Er konnte nicht mehr zu Ende reden, weil ihm der Kapitän und der Konsul gleichzeitig unterbrachen:

„Das ist doch nicht möglich! Du der Schokoladenkringel, mit dem mein Vater die Ballonreise gemacht hat?"

Der Konsul versuchte sich vorzustellen, viel leiser und höflicher: „Meyer, Konsul für Deutschland. Ich ..."

Aber seine Worte gingen unter in dem Gelächter des Kapitäns:

„Ho ho ho hooo", lachte er. „Du der Schokoladenkringel! Ho ho ho hooo! Natürlich kommst du mit. Direkt nach Hamburg. Wenn wir nur erst die verdammten Ersatzteile bekommen."

Der Konsul konnte sich erst jetzt verständlich machen:

„Gestatten? Meyer, Konsul für Deutschland. Ich soll dafür sorgen, dass der Schokoladenkringel nach Deutschland kommt. Aber mit den Flügen klappt es mal wieder nicht."

„Kein Problem, Herr Konsul", erklärte der Kapitän. „Er ist ein Freund meines Vaters. Ich nehme den Kleinen gleich mit."

„Danke", erwiderte der Konsul. Und zu dem Schokoladenkringel gewandt sagte er: „Deine Papiere hast du ja im Koffer. Zoll ist erledigt. Willst du gleich bei dem Kapitän bleiben?"

„Ja", war die Antwort. „Vielen Dank auch für alles, Herr Konsul, und schöne Grüße an Grit. Geben Sie ihr von mir einen Kuss, weil sie so nett war."

Der Konsul wurde richtig rot, aber dann verabschiedete er sich, und der Schokoladenkringel setzte sich zu den beiden Seeleuten.

„Wir haben noch etwas Zeit. so, wie es aussieht, müssen wir noch einen Tag hier bleiben. Du kannst schon mal erzählen, bis ich meinen Kaffee bekommen habe."

Und wieder musste der Schokoladenkringel erzählen. Und wieder glaubten ihm die Erwachsenen nur die Hälfte.

„Der kann schon richtig Seemannsgarn spinnen", dachte der Kapitän, obwohl er von seinem Vater einiges über den seltsamen Passagier gehört hatte.

Am nächsten Tag kamen die Ersatzteile endlich an, und die beiden Seemänner fuhren mit dem Schokoladenkringel zum Schiff, nicht ohne uns vorher angerufen zu haben, dass sich die Ankunft verzögern würde.

Die Ersatzteile waren eingebaut.

Der Frachter konnte in See stechen.

Es war ein schönes, großes Schiff, die Atlantis, die gerade aus Australien kam und nach Hamburg, in ihren Heimathafen wollte.

Der Kapitän hatte über Funk und durch Briefe von den Abenteuern seines Vaters erfahren und wusste nun selbst nicht, was er von all dem, was er von dem Schokoladenkringel gehört hatte, glauben konnte.

Auf dem Schiff gefiel es dem Schokoladenkringel ausgesprochen gut.

Er befreundete sich schnell mit dem Schiffskoch, Herrn Noack an, und wurde bald sein besonderer Freund.

Das war sehr praktisch, denn so gut wie der Schiffskoch Noack, so erzählte mir der Schokoladenkringel später, konnte niemand Schokoladenpudding kochen. Ja, der Noack ließ den Schokoladenkringel nicht verkommen.

Die Heimreise verlief fast ohne Zwischenfälle.

Als sie aber an Frankreich vorbeikamen, zog in der Höhe der Bretagne ein Sturm auf.

Der Wind, der den ganzen Tag geweht hatte, wurde stärker und stärker.

Das Schiff kämpfte sich durch die Schaumkronen.

Die Sonne hatte sich hinter dicken Wolken versteckt.

Und dann heulte und pfiff ein Orkan, peitschte die Wellen hoch, dass das Schiff ordentlich stampfte und rollte.

Einem echten Seemann macht so ein Seegang fast gar nichts aus. Aber Otto, der kleine Schiffsjunge, wurde seekrank.

„Geh nach oben", befahl ihm der Koch, dem er gerade half. „Frische Luft tut gut."

Kreidebleich wankte der Junge an Deck. Er hielt sich an der Reling, dem Schiffsgeländer, fest.

„Du musst tief durchatmen", riet ihm der Schokoladenkringel, der sich neben ihn gestellt hatte. „Aber halte dich fest!"

In diesem Moment senkte sich der Bug des Frachters, eine große Welle schwappte zum Deck hoch und riss Otto, den Schiffsjungen, mit sich fort.

Der Kapitän, der gerade auf der Brücke war, dort, wo ein Schiff gesteuert wird, und der alles mit angesehen hatte, rief:

„Maschine Stop! Mann über Bord!"

Das große Schiff verlangsamte seine Fahrt und drehte bei.

Bei dem Wellengang und der Geschwindigkeit des Schiffes dauerte dies eine ganze Zeit. Otto war schon weit im Wasser fortgetrieben.

Da zögerte der Schokoladenkringel nicht länger. Mit einem Satz sprang er in die aufgewühlte See und schwamm so schnell er konnte, in die Richtung, in die der Junge getrieben wurde.

Nun weiß ja jeder, der den Schokoladenkringel kennt, dass es niemanden gibt, der besser schwimmen kann als er. Und so dauerte es nicht lange, da hatte er den fast Ertrinkenden erreicht.

Dreimal musste er tief in die Wellen tauchen, dann konnte er ihn endlich packen.

Aber nun galt es, gegen den Wind und die Wellen zum Schiff zurückzuschwimmen. Der Schokoladenkringel musste seine ganze Kraft aufbringen. Noch nie hatte er sich so anstrengen müssen!

Und wenn es dem Kapitän nicht gelungen wäre, ein Boot zu Wasser zu lassen, das ihm jetzt entgegen fuhr, hätte selbst der Schokoladenkringel es nicht mehr geschafft.

„Danke", sagte der Kapitän, als alle wieder an Bord waren. „Vielen Dank! Ohne dich wären wir zu spät gekommen. Jetzt verstehe ich auch, wie es damals in Büsum war, als du einfach mitten im Meer ausgestiegen bist, um an Land zu schwimmen."

Der Schokoladenkringel lachte und der Kapitän fiel in das fröhliche Gelächter ein.

„Jetzt aber abtrocknen, umziehen und heißen Rum, äh Kakao trinken!", befahl der Kapitän.

Du kannst dir sicher vorstellen, dass von jetzt ab die Schokoladentortenstücke noch größer wurden und die Schokoladeneisportionen ebenfalls.

Schließlich war der Schiffskoch der Onkel von Otto.

Und dann, eines Tages, kam Cuxhaven in Sicht, und dann fuhr der große Dampfer in Wedel am Schulauer Fährhaus vorbei und wurde von den Lautsprechern begrüßt.

Und noch etwas später legte die Atlantis in Hamburg am Schuppen 17 im Containerhafen an.

Wir hatten von der Reederei die Ankunftszeit erfahren und uns auf den Weg nach Hamburg gemacht.

 

Das achtundzwanzigste Kapitel

Wieder zu Hause

Die Herbstferien neigten sich dem Ende zu.

An ihrem Anfang war der Schokoladenkringel in Hamburg angekommen.

Wir hatte ihn von der Atlantis am Schuppen 17 abgeholt: einen Jungen, der eine solche abenteuerliche Reise hinter sich gebracht hatte, wie du sie in deinem ganzen Leben bestimmt nicht machen wirst.

Das erste, was er sagte, war:

„Ist das hier aber ein Mistwetter."

Ein Mistwetter war es, jedenfalls für den Schokoladenkringel, der aus dem warmen Afrika kam.

Der Wind schob dicke Regenwolken vor sich her, aus denen es nur so tropfte.

Und dieselben Regentropfen wurden von einem unfreundlichen Nord-West Wind noch umhergewirbelt.

Brrr - eben ein Mistwetter.

Aber für uns war es der schönste Tag des Jahres. Wir konnten unseren Schokoladenkringel in die Arme nehmen.

Unserem Jungen hatten wir einen dicken Pullover mitgebracht, einen Winterschal, dicke Socken, eine Pudelmütze, lange Hosen, ein Paar Stiefel und natürlich eine Regenjacke.

„Kommen Sie erst einmal in die Messe", lud uns der Kapitän nach der Begrüßung ein.

Die Messe ist an Bord eines Schiffes der Essraum. Auf diesem Frachtschiff gab es keine besondere Messe für die Schiffsführung. Der Kapätän, die Schiffsoffiziere und die Mannschaft aßen im selben Raum.

„Unser kleiner Passagier hat mir schon so viel von Ihnen erzählt, dass Sie für mich schon fast alte Bekannte sind", sagte der Kapitän.

„Der Schokoladenkringel kann sich jetzt umziehen, und dem Schiffsjungen die Sachen zurückgeben."

Der Schokoladenkringel, der nur leichte Sommerkleidung hatte, denn anderes gab es in Bangui nicht zu kaufen, zog sich um und gab Hose, Pullover und Anorak seinem Freund Otto wieder zurück. „Danke", sagte er. „Ohne dich wäre ich sicher zum Eiszapfen erstarrt."

„Ja, aber sicher zum Schokoladeneiszapfen", antwortete Otto.

Jetzt mussten beide lachen.

In der Messe meinte Kapitän Piepenbrink:

„Nun wollen wir doch mal sehen, was unser Koch kann. Ich möchte Sie im Auftrag unserer Reederei zu einem Abschiedsessen einladen, zu Ehren unseres Lebensretters."

Und da es gerade Mittagszeit war und wir schon eine ganze Weile auf das Schiff gewartet hatten, nahmen wir die Einladung sehr gerne an.

Du möchtest wissen, was es zu essen gab?

Nun, ein Schiffskoch kann genau so gut kochen wie ein Koch in einem Restaurant.

Und so sah dann das Menu sehr festlich aus:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Schokoladenkringel aß statt der Tintenfischsuppe eine Schokoladensuppe mit Sahnehäubchen, statt des Kängurubratens als Abschied und Dank der Reederei einen Schokoladenbraten.

Fragst du aber, wie der gemacht wird, so muss ich leider sagen, dass uns niemand das Rezept verraten hat.

Und wie er schmeckte?

Nun, eben wie ein richtiger Schokoladenbraten schmecken muss.

Der Schokoladenkringel hatte alle seine Sachen gepackt, die Sommerkleidung aus Bangui, die drei Diamanten und ein Taschentuch, das ihm Otto zum Abschied geschenkt hatte.

Auch wir verabschiedeten uns.

Unserem Schokoladenkringel standen dabei die Tränen in den Augen, richtige Kakaotränen, so rührte ihn der Abschied, obwohl er sich andererseits freute, wieder nach Hause zu kommen.

„Jetzt sind die Ferien bald zu Ende", meinte ich im Auto und dachte dabei, er würde es schwer haben, sich wieder an die Schule zu gewöhnen.

„Ferien?", fragte er ganz verständnislos. „Muss ich etwas wieder zur Schule?"

Wir konnten ihm seine Enttäuschung ansehen.

„Und ich dachte, weil ... weil ich so weit gereist bin, muss ich nie wieder in die Schule."

Wir lachten.

„So ist das nun mal. Lernen hört niemals auf, auch wenn du jetzt anders lernst als im Urwald. Aber dafür bist auf einer ganz anderen Schule, die dir sicher Spaß machen wird."

Zu Hause stellte sich der Schokoladenkringel auf den Flur - und plötzlich war seine Tür wieder da und sein Zimmer, in das sie hineinführte.

Leider haben wir wieder versäumt darauf zu achten, wie er das machte.

Und dann, am Abend, nach dem Auspacken, erzählte er wirklich alles, was er erlebt hatte, das, was du in diesem Buch gelesen hast und sogar noch einiges mehr.

 

In dieser Nacht hatte er wieder einen merkwürdigen Traum, von dem er uns am nächsten Morgen beim Frühstück erzählte.

"Ich stand im Urwald, und dann sagten die Bäume zu mir: "

Dieses Abenteuer hast du bestanden. Aber weitere werden folgen. Aber wir achten auf dich und passen auf dich auf."

Und dann bin ich aufgewacht. Und eben jetzt ist mir der Traum eingefallen. Merkwürdig, nicht?"

Ich nickte ihm zu: "Du wirst es schaffen, alle die Abenteuer und die Aufgaben. Und danach wirst du wissen, wer du bist und woher du kommst."

In Vlotho hatte sich inzwischen herumgesprochen, dass der Schokoladenkringel wieder da war.

Und so kamen am nächsten Tag die Reporter von unseren Zeitungen und wollten alles wissen, was unser Afrikareisender erlebt hatte.

„Das ist mir zu viel, das alles noch einmal zu erzählen", protestierte der Schokoladenkringel. „Ich erzähle euch etwas, und den Rest könnt ihr euch ja ausdenken."

Aber damit waren die Reporter ganz und gar nicht einverstanden.

„Und wenn wir dich zum Eis einladen?"

„Gut, aber dann müsst ihr Thomas und Tina und meine Eltern mit einladen, die essen nämlich auch gerne Eis."

Schließlich wurden wir alle zusammen eingeladen. Natürlich kam auch Michel mit, obwohl er lange nicht so viel Eis essen konnte, wie wir. Schließlich war er erst drei Jahre alt.

In Vlotho war in der Zeit, in der der Schokoladenkringel in Afrika gewesen war, eine neue Schule eingerichtet worden.

Sie stand auf dem Amtshausberg, ganz in der Nähe der alten Burgruine. Hier sollte ganz anders unterrichtet werden, als auf den „normalen" Schulen.

Die Kinder konnten sich viele Fächer aussuchen, sie konnten basteln, Sport oder Musik machen, kurz, es war eine Schule für „besondere Begabungen", wie es hieß.

Dorthin sollte der Schokoladenkringel gehen.

„Kann ich auch beduinisch lernen?", fragte er, als wir ihm erklärten, wie seine neue Schule sein würde.

„Ich will das nämlich können, wenn ich wieder in Afrika bin."

Er hatte ganz vergessen, dass er ja alle Sprachen der Welt und sogar die der Tiere verstehen und sich mit ihnen dank des Giftpilzes unterhalten konnte.

Aber wie sich später herausstellte, ließ die Wirkung des Pilzes im Laufe der Zeit nach, bis sie schließlich ganz verschwand.

Er wollte also die Sprache der Beduinen lernen.

„Wenn es genug Kinder gibt, die beduinisch lernen wollen", erklärten wir ihm „und wenn es einen Lehrer dafür gibt, dann könnte das wohl möglich werden."

„Dann wird sicher nichts daraus", sagte er. „Schade, ich glaube nicht, dass viele Kinder dazu Lust haben."

Und so war es auch. Beduinisch wurde nicht unterrichtet.

Der Direktor, Herr Matthias Schön, begrüßte ihn im Lehrerzimmer:

„Das ist also der berühmte, musikalische und weitgereiste Schokoladenkringel. Ich habe heute früh, äh, von deinen Abenteuern in der Zeitung gelesen. Wirklich, äh, außergewöhnlich, interessant, äh, ja", und dabei strei- chelte er seinen Schnurrbart.

„Deine Eltern haben dir, äh, sicher schon erklärt, wie es auf unserer Schule, äh, zugeht. Du kannst, äh, lernen, soviel du willst."

„Auch so wenig, wie ich will?", unterbrach ihn der Schokoladenkringel.

„Äh, äh, auch so wenig, wie du willst, äh", antwortete der Direktor überrascht. „Aber, äh, welcher Junge will denn, äh, dumm bleiben?"

Da hatte der Direktor auch wieder recht: Welcher Junge will dumm bleiben?

„Ich denke, äh, du gehst in die Klasse von Herrn Hungrig. Der wird dir bei der Auswahl der Kurse helfen."

„Herr Hungrig?", fragte der Schokoladenkringel. „Das erinnert mich an Krokodile."

„An was?", wollte der Direktor wissen.

„An Krokodile, die haben nämlich immer Hunger, meistens jedenfalls."

„So, so, äh", meinte der Direktor, der nichts damit anfangen konnte. Denn dass er die Tiersprache verstand, hatte der Schokoladenkringel den Reportern lieber nicht erzählt.

Die Erwachsenen würden das nicht glauben, und die Kinder lesen keine Zeitung.

So war es kein Wunder, dass Herr Schön nur „So, so" und „äh" sagte.

 

 

Das neunundzwanzigste Kapitel

In der neuen Schule

Wir brachten den Schokoladenkringel zu Herrn Hungrig, der gerade Erdkunde unterrichtete.

„Hallochen!" begrüßte der Lehrer ihn. „Du bist also der Neue. Ich habe von dir schon in der Zeitung gelesen."

„Müssen denn alle Lehrer morgens die Zeitung lesen?", dachte der Schokoladenkringel.

„Wir sprechen gerade über Erdkunde. Du kannst dir einen Stuhl nehmen und dich in den Kreis setzen."

In dieser Schule saßen nämlich alle Schüler so, dass sie sich gegenseitig ansehen konnten. Leider war dabei das Schummeln bei Klassenarbeiten sehr viel schwerer, wie sich später herausstellte. Aber welcher Schüler schummelt schon? Du etwa?

„Wie ist die Erde? Peter."

Peter stand auf.

„Die Erde ist rund, rund, wie ein Globus, nur größer."

Die Klasse lachte.

„Gar nicht schlecht, Peter", lobte Herr Hungrig.

„Ja, und es hätte nicht viel gefehlt, und wir wären mit dem Ballon um die ganze Erde geflogen", warf der Schokoladenkringel ein. „Jedenfalls sagt das der Kapitän."

„Nun, um die ganze Erde seid ihr ja nicht geflogen, aber sicher hast du gemerkt, dass die Erde rund ist."

„Ja, über dem Mittelmeer sah sie ein bisschen rund aus, das heißt, nicht die Erde, sondern das Wasser am Horizont."

„Richtig. Am Horizont des Meeres erkennt man das ganz besonders gut."

Die Klasse staunte. Der Schokoladenkringel wusste wirklich sehr viel.

„Wir wollen jetzt über Tiere sprechen, die auf unserer Erde leben", schlug Herr Hungrig vor.

„Schokoladenkringel, beginne mit den Tieren, die du in Afrika kennen gelernt hast."

„Also, in Afrika, da leben ... Soll ich mit dem Urwald anfangen?"

„Ja, fange mit dem Urwald an."

„Also, da wohnen Papageien, Affen, ..."

„Affen sind aber dumm", kam es von Markus.

„Stimmt nicht", empörte sich der Schokoladenkringel. „Die sind überhaupt nicht dumm. Weder der Oberaffe noch Fips mit dem roten Fleck und die anderen auch nicht, die ich kennen gelernt habe!"

„Du hast Affen kennen gelernt?", fragten einige Kinder. Sie hatten die Zeitung beim Frühstück noch nicht gelesen.

„Ja, ich habe Affen kennen gelernt. Und Fips mit dem roten Fleck ist mein bester Freund geworden. Er hat mir gesagt, dass er mich niemals vergessen wird."

„Wieso gesagt? Hast du ihm das Sprechen beigebracht?"

„Quatsch. Ich kann doch die Tiersprachen."

Jetzt war es heraus. Das, was der Schokoladenkringel unbedingt für sich behalten wollte und was, jedenfalls in Vlotho, eigentlich nur wir wissen sollten, hatte er selbst ausgeplaudert.

Vor Ärger biss er sich fast auf die Zunge.

„Dann hast du dich auch mit Affen unterhalten?"

„Ja, natürlich."

„Und du hasst sie und sie haben dich verstanden?"

„Ja, ich spreche doch ihre Sprache. Hab ich doch schon gesagt."

Die Kinder und Herr Hungrig staunten. Sie wussten nicht, ob der Schokola-denkringel sie auf den Arm nehmen wollte, oder ob es wirklich stimmte.

„Aber", meinten einige, „die Sprache der Tiere, die kann doch ein Mensch gar nicht sprechen."

„Ich schon."

„Nur die Affensprache?"

„Nein. Ich habe mich mit vielen Tieren unterhalten: mit Affen, mit Papageien, mit Elefanten, mit mehreren Vögeln und mit Schlangen und Krokodilen."

„Auch mit Krokodilen?"

„Ja, aber die waren besonders dumm."

Die Kinder lachten.

Keiner wollte dem Schokoladenkringel so recht glauben.

„Es stimmt", trumpfte er auf. „Es stimmt wirklich!"

„Wo hast du denn das gelernt?", wollten einige wissen.

Nun erzählte der Schokoladenkringel, wie er die giftigen Pilze gegessen hatte und dass er dann alle Sprachen der Tiere und der Menschen verstand.

„Auch die Sprache der Menschen, die in einem anderen Land wohnen?", fragte Herr Hungrig.

„Ja, auch die. Wo hätte ich denn sonst die Eingeborenensprache oder französisch lernen sollen."

„Kannst du das jetzt noch?"

„Klar."

„Gut", entschied der Lehrer. „Dann wollen wir das gleich ausprobieren:

Was heißt: Todos los dias, Pedro se levanta para ir a la schola?",

„Jeden Tag steht Pedro früh auf, um zur Schule zu gehen."

„Richtig. Und in welcher Sprache habe ich gesprochen?", wollte Herr Hungrig wissen.

„Das weiß ich nicht."

„Das weißt du nicht? Aber du hast mich doch verstanden?"

„Ja, das schon. Aber ich weiß wirklich nicht, in welcher Sprache Sie sprechen."

„Ich habe spanisch gesprochen. Machen wir noch eine Probe?"

„Gern."

„Was heißt: Jytte holder et glas med sodavand i hånden?"

„Jette hält ein Glas mit Sprudel in den Händen."

„Richtig. Das ist ja kaum zu glauben, aber das stimmt, was du übersetzt hast. Das, was ich gesagt habe, war dänisch."

„Natürlich stimmt es. Warum sollte ich lügen?"

Herr Hungrig schüttelte den Kopf. So etwas hatte er noch nie erlebt. Aber er hatte ja den Schokoladenkringel vorher noch nicht kennen gelernt.

Vor dem offenen Fenster sangen in den Bäumen einige Vögel.

„Was sagen die Vögel da draußen", fragte er.

Der Schokoladenkringel horchte nach draußen.

„Kommt mit, wir wollen Futter suchen, sagen sie. Die kleinen Menschen kommen gleich und lassen uns unser Futter hier."

„Schade, das können wir nicht nachprüfen", sagte Herr Hungrig.

„Braucht ihr auch nicht", dachte der Schokoladenkringel.

In diesem Moment klingelte es.

„Pause. Na, dann bis morgen." Und mit diesen Worten verließ der Lehrer die Klasse. Er war völlig durcheinander.

Die Schüler aber stürmten mit ihren Broten auf den Schulhof.

In der Pause versammelten sich die meisten Kinder um den Schokoladenkringel.

„Wenn die Affen deine Freunde gewesen sind, dann kannst du wohl auch wie ein Affe klettern?"

„Klar! Wollt ihr es sehen?"

Natürlich wollten das alle sehen.

Auf dem Burghof stehen einige sehr alte Kastanien. Und da sie gerade unter einem solchen Baum standen, kletterte der Schokoladenkringel behände, wie er es bei den Affen gelernt hatte, am Stamm hoch, schwang sich von Ast zu Ast und warf zum Spaß einige Kastanien nach unten.

„Was ist denn hier los?", fragte Herr Schmidt, der die Pausenaufsicht hatte.

„Der Schokoladenkringel ist da oben!" riefen die Klassenkameraden.

„Wer? Der Schokoladenkringel?", Herr Schmidt begriff nicht recht.

„Na, der Neue, von dem heute in der Zeigung steht."

Herr Schmidt hatte keine Zeitung gelesen.

Da aber traf ihn eine Kastanie.

„Jetzt ist aber Schluss damit. Komm sofort herunter. Du kannst dich doch zu Tode stürzen."

Der Schokoladenkringel kam herunter.

„Was fällt dir eigentlich ein, hier auf den Bäumen umherzuklettern? Du kannst doch abstürzen."

„Entschuldigen sie, das mit der Kastanie tut mir leid."

„Ach was, Kastanie. Aber auf den Bäumen darfst du nicht klettern."

„Warum nicht? Das sind doch schöne Kletterbäume. Und mein Vater hat mir gesagt, dass man hier in der Schule lernen kann, was man will. Und nun will ich lernen, wie gut man hier klettern kann."

„Quatsch! Du bleibst unten, verstanden?"

Der Schokoladenkringel war enttäuscht.

„So´n Saftladen", schimpfte er. „Erst versprechen die Erwachsenen alles Mögliche und hinterher darf man gar nichts mehr."

Die Pause war zu Ende.

Herr Hungrig kam auf die Gruppe zu.

„Der Schokoladenkringel soll zum Direktor kommen. Ach, da bist du ja. Es ist wegen des Kletterns", fügte er schmunzelnd hinzu.

Im Zimmer des Direktors wartete der Direktor und Herr Schmidt.

Der Schulleiter strich nervös seinen Bart.

„Äh", sagte er. „Äh, es ist nicht gut, äh, wenn du, äh, auf Bäumen umherkletterst. Äh, es könnte dir doch etwas passieren, dass du, äh, abstürzt zum Beispiel, äh."

„Aber Herr Direktor!" empörte sich der Schokoladenkringel. „Erstens sind das sehr gute Kletterbäume, viel bessere als im Urwald, und zweitens bin ich noch nie abgestürzt, und drittens hat mir mein Vater gesagt, dass man hier alles lernen kann, was man will."

„Äh, was dein Vater gesagt hat, das, äh, weiß ich nicht. Aber sei so lieb, äh, mach es nicht mehr, äh, ja? Sonst äh, machen es die anderen, äh, nach. Und die können es, äh, nicht so gut wie du."

„Aber ich könnte es ihnen doch beibringen."

„Äh, nein. Vielen Dank. Äh, lieber nicht."

Und damit entließ der den Schokoladenkringel und Herrn Schmidt.

Der Schulunterricht ging weiter.

Der Schokoladenkringel aber verlor allmählich die Fähigkeit, die Tiere und die fremden Sprachen der Menschen zu verstehen.

Er musste jetzt lernen, wie die anderen Kinder auch.

Die Wirkung der Pilze schien nachgelassen zu haben.

Und so wurde er ein ganz normaler Junge, jedenfalls so ziemlich normal.

Bis auf ...

Nein, davon lieber später.