Die Amsel singt
Kurzlyrik - Lengerich 2011
1
Kalter Wind weht kahl-knospende Zweige
dem Frühling entgegen
bis der Sonnenschein zum Atem der Blätter und Blüten wird.
2
Hörst du das Lied der Amsel?
Morgentau liegt auf dem blühenden Krokus.
3
Eine Rosenknospe –
Welche Verheißung.
4
Der Augenblick –
ein Tropfen
in dem alle Zeit überquillt.
5
„Wie die Zeit rennt“, sagt die Schnecke.
„Wo?“ bellt unser Hund
und will mit ihr um die Wette laufen.
6
„Freiheit für den Augenblick!“
Er ist der Gefangene
zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Nichts ist er ohne gestern und morgen.
Nichts?
Nichts!
7
Wenn Lavendel violett duftet,
wie klingt ein einzelner Sonnenstrahl
am frühen Morgen?
Ich hörte ihn in meinem Garten.
Alle beim Cembalokonzert von Michael 16.4.2006 Ibbenbüren
8
Zarte Vogelstimmen
zwischen den Kirschblüten:
Der Winter ist vergangen.
9
Der Bronzegong
ruft die Stille:
- - Sie ist da.
10
Sommersonne brütet Äpfel aus.
Eine Grille zirpt.
Mein Lavendel duftet.
11
Eine Spinne senkt sich
von der Decke herab.
Ob sie musikalisch geworden ist
oder will sie auswandern?
Bei einem Konzert in einer Landkirche:
Klavier, Thomas, Freden 5.8.2007
Drei Haikus
12
Manchmal sinken
Perlen des Himmels herab
in meine Seele.
13
Zum Fluss geworden
zieht die murmelnde Quelle
schweigend ihren Weg.
14
Raunen der Stille -
ich lausche … trinke den Klang….
In mir ist Freude.
15
Morgennebel über dem Fluss -
Schon beginnt die Sonne ihn auszutrinken:
Ein Sommertag erwacht.
16
Wie im Dom
Im Dom
schwebt Musik
empor...
…wer sind wir, die wir unten bleiben müssen?
Müssen?
Warum nicht auch zum Himmel schweben?
17
Der Harzzwerg streckt seine Nase in die Luft:
„Ahhh – ein Konzert in Clausthal -
von Edward, meinem Freund!“ *)
*)Klavierkonzert a-moll von Edward Grieg
18
In der lauen Sommernacht
In der lauen Sommernacht
erwärmt der Vollmond
auch die Mäusekinder.
In der lauen Sommernacht
tanzen Glühwürmchen
die Melodie des Halbmondes.
In der lauen Sommernacht
träumt der Neumond,
er sei lauter Licht.
Zwei weitere Haikus
19
Das Gold der Sonne
fließt strömend vom Berggipfel
in das dunkle Tal.
Bei einem Konzert von Michiko Tsusa
am 29. Juni 2008 in Clausthal-Zellerfeld
20
Schwingende Töne,
wie aufprudelnde Perlen -
erfüllen das Herz.
21
Einer Pauke Donnergrollen.
Musik ist mehr,
ist wie ein Kinderlachen.
22
Die Sonne
Schweigend gleitet die Sonne über den Horizont.
Eine Amsel antwortet ihr.
Lächelnd steigt die Sonne über den Horizont.
Eine Amsel begrüßt sie.
23
Aus dem
Nichts –
klein anfangen –
groß enden -
groß anfangen
klein enden –
zurück zum
Nichts:
Spiegel der Irrealität
Michiko Tsusa am Flügel, Goslar
24
Maschsee
Ruhende glitzernde Weite,
Von Menschen umwandert.
Ein Schwan gleitet durch die Stille.
25
Etwas anders wahrnehmen
Die Dinge um mich herum
etwas anders sehen -
Worte und Töne
etwas anders hören -
Gelerntes und Erfahrenes
etwas anders begreifen -
Die Wirklichkeit in und hinter
der Wirklichkeit erfahren.
26
Wettbewerb der Nasen
Wenn man die Nase dopt,
läuft sie dann schneller?
27
Nachdenklich
Ich sage: Mein Arm, mein Körper,
meine Gedanken, mein Humor, mein Geist.
Wer bin ich, der das sagt?
Wenn ich etwas verloren habe, bin ich dann noch ich,
armlos, körperlos,
gedankenlos, humorlos, geistlos?
Wer bin ich dann?
Derselbe der ich vorher war?
28
Scherzo
Das Scherzo tanzt
wie eine Maus, die um den heißen Brei hüpft.
29
Musikhören
Träumen und den Vorhang durchdringen,
zwischen den Tönen eine andere Welt sehen
Und in ihr sein.
30
Die Reise nach Innen
Die Reise nach Innen braucht keinen Fahrschein -
nur ihren Anfang.
31
Die Maske
Karneval – einmal ein anderer sein.
Warum sich nicht erst einmal
selbst entdecken?
32
Mein Hund
Mein Hund riecht Dinge,
die ich nicht wahrnehme.
Hätte ich doch eine Nase
um Gott so zu finden.
33
Bei einem Konzert des Trio Saphir
mit Heike Malz, Oliver Mascarenhas, Thomas Hell und anderen am 15. Februar 2009 im NDR Landesrundfunkhaus Hannover
Wo einst nur Stille war:
Eine Tür öffnet sich weit –
Musik quillt hervor.
34
Kobolde tanzen
im nächtlichen Feuerschein
unter den Palmen.
35
Sprudelndes Wasser:
die Quellen brechen hervor,
eine Wüste grünt.
36
Töne der Orgel
schwingen sich perlend empor,
loben Gott –
und wir?
37
Ein Stift, ein Pinsel
in einer begnadeten Hand
verkünden Gottes Liebe –
ohne Worte.
38
Aus dem Herzen wird geboren,
was die Hand hervorbringt:
lauschend, zögernd, fragend , lobend
erblickt es das Licht und die Dunkelheit
dieser Welt.
Diese drei letzten entstanden bei einer Ausstellung der Künstlerin Gisela Paul in der Christuskirche Ibbenbüren 2. Mai 2010
39
Die alte Weide:
Ein schweigender Wasserfall
entspringt in der Luft.
Im Garten der Familie Paul 22. August 2010
40
Parkplatzimpressionen
Die Nacht wickelt den Parkplatz ein,
und der Mond streicht ihn halbblass an.
Ein Igel schlürt zwischen weggeworfenen
Coladosen hindurch
und findet ein Käsestückchen.
Da – eine Harley-Davidson.
Sie donnert herbei und sogleich davon.
Ein paar bekiffte Typen stehen
noch immer am Rande herum.
Das Kaufhaus träumt vom Geld.
Der Mond hält sich am Himmel fest.
Kein Stern fällt zur Erde.
41
Töne tanzen
Töne tanzen, Klänge schwingen
ihre Farben dazu singen,
füllen Luft und Kosmos aus.
Trag im Herzen sie nach Haus.
Schwingen, tanzen ist das Leben,
das die Töne uns jetzt geben:
Harmonie, Disharmonie,
wie das Leben sie vereint.
Leben ist Bewegung, Fülle.
Ohne Tanz gähnt nur die Stille,
das Erstarren ist der Tod.
Farben tanzen ihre Fülle,
gelb und grün und rot und blau,
tanzen über Berg und Hügel,
machen Pause an der Au.
42
Wenn …
Wenn deine Beine nicht mehr laufen können:
Freue Dich!
Du kannst in dein Inneres wandern und erlebst eine großartige Welt voller Wunder.
Wenn deine Augen nicht mehr sehen können:
Freue dich!
So entdeckst du das Licht, das in dir strahlt.
Du kannst in deinem Inneren
eine fantastische Welt entdecken.
Wenn deine Ohren taub werden:
Freue dich!
In deinem Inneren findest du alle Töne der verschwundenen Musik,
und du bist nicht mehr auf das Geschwätz der Leute angewiesen.
Wenn dein Geist müde wird:
Freue dich!
Du wirst schlafen können
und aufwachen im neuen Licht.
Was dir bleibt:
Freue dich!
Trio Saphir NDR Radiophilharmonie 26.Sept. 2010 in Hannover
44
Es murmelt der Bach -
Der Mond scheint über dem Berg.
Zwerge schlafen noch.
Rehe erwachen,
eilen über die Lichtung.
Hörst du den Uhu?
Wenn der erste Strahl
einen Berggipfel streichelt,
spielt im Tal das Reh.
Die Rosenknospe
taucht den Strauch in zarten Duft.
Ein Rotkehlchen singt.
Blühende Wiese.
Bienen und Hummeln sammeln
Blütenstaub, Leben.
Die Mittagssonne –
selbst Kühe suchen Schatten
in glutender Luft.
Die Schwalbe fliegt tief.
Wolken künden Gewitter.
Ein erster Blitz flammt auf.
Nach dem Gewitter –
Die Welt ist neu geboren,
Sie atmet wieder.
Töne verzaubern,
die Harmonie verwandelt
die friedlose Welt.
Musik fällt in das Herz hinein.
Dort lebt sie nun fort.
Spielfreude lächelt.
Abendstimmungen –
Lange Schatten der Sonne.
Bald schläft die Welt,
und Kobolde werden tanzen.
Urlaubsimpressionen Steiermark 2009