Inhaltsverzeichnis
Wie man schlanker wird *
Ein Lob auf die Luftverschmutzer, eine politische Rede *
Das Biokind *
Nur keine Hektik - oder ein Morgen bei uns. *
Unter Freunden *
Wie ich Musikkritiker wurde *
Wir machen den Weg frei *
Die Katastrophenjenny *
Alfa, der Fortschrittliche *
Hat unsere Regierung gesagt *
Antiviren *
Der Mann, der dagegen war *
Die Kirchenmaus *
Der Camper *
Äh *
Wie man schlanker wird
Ich habe Übergewicht, oder anders, ich bin für mein Gewicht zu klein. Nun kann ich an meiner Länge kaum etwas ändern, außer, dass ich vielleicht ein paar Zentimeter größer erscheine:
Ich könnte mir Schuhe mit besonders hohen, eingearbeiteten Absätzen kaufen, das macht bis zu sieben Zentimeter laut Schuhreklame, ich könnte mir meine Haare aufwellen lassen, macht vielleicht zwei Zentimeter, aber so viele Haare habe ich nun auch nicht, als dass es ohne Perücke ginge, ich kann lang gestreifte Kleidung tragen, aber irgendwie ist das alles unbefriedigend.
Als ich zum dritten Mal meine Kleidung erneuern musste, jedes Mal eine Nummer größer, die Socken ausgenommen, und als ich den Mut aufbrachte, mir eine Waage zu kaufen und mich darauf stellte, weil mein Bauch nach dem Mittagessen und zwei Bieren schon wieder etwas mehr über dem Gürtel hervorquoll, beschloss ich, abzunehmen.
Nun ist Abnehmen eine Wissenschaft, wie ich feststellte. Zunehmen geht anscheinend von selbst, denn mir ist noch kein Buch unter die Finger gekommen mit einem Titel, der lauten könnte: „Wie werde ich dicker?"
Nein, immer heißt es:
„Wie werde ich schlanker?", „Der Weg zur idealen Figur", „Iss Dich schlank!" und so weiter.
Da ich leidenschaftlich gern esse, beschloss ich, mich schlank zu essen.
Früher habe ich immer gesagt: „Ich kann so viel essen, wie ich will, ich nehme nicht ab!" Jetzt muss ich leider Diät halten.
In der Buchhandlung unseres Städtchens gab es nur wenige Bücher über Diäten. Ich wollte angesichts der großen Bedeutung meines Vorhabens sicher gehen. So fuhr ich in die nächste Großstadt und fand dort einen Buchladen, der fast zwanzig Diätbücher hatte, die verschiedene Diäten beschrieben, versteht sich.
Also kaufte ich mir zunächst fünf Bücher, um sie nacheinander auszuprobieren.
Als erstes machte ich eine Eierkur. Morgens, mittags und abends gab es Eier, nichts als Eier zu essen.
Es gab fast eine Woche lang Eier, und da es gesunde Eier sein sollten, fuhr ich zu einem Biobauerneierhof und kaufte ein.
Der Erfolg war enorm: Als ich mich erst einmal an das ständige Eieressen gewöhnt hatte, konnte ich morgens sechs, mittags sieben und abends acht Eier vertilgen.
Nur, mein Gewicht wurde nicht geringer, im Gegenteil, ich nahm leicht zu.
Also, diese Diät war nicht ideal.
Aber es gab ja auch noch andere Diäten, zum Beispiel die Kartoffeldiät.
Also aß ich Kartoffeln. Nicht roh, versteht sich, sondern gekocht, gebraten, gebacken, gegrillt oder gedünstet. Schließlich sollte man Kartoffeln als Therapie essen, also aß ich und aß ich und aß ich.
Ich habe sie nicht mehr gezählt, wie ich es bei den Eiern getan habe.
Nur, mein Gewicht wurde nicht geringer, im Gegenteil, ich nahm zu.
Vielleicht war es doch die falsche Diät, denn wenn es so viele Diäten gibt, könnte es ja sein, dass jeder Körper auf seine eigene anspricht.
Also probierte ich weitere Diäten aus: die Obstdiät, die nur dazu führte, dass ich im Mund Obstpickel bekam, die Körnerdiät, die zu einem tadellosen Stuhlgang führte, und weil ich nun einmal so bin, dass ich gerne esse, aß ich auch viele Körner, die ohne Zweifel gesund sind, denn ich nahm nach wie vor nicht ab, sondern zu.
Ich probierte auch die Sahnediät, da ich gehört hatte, dass Sahne an sich nicht dick macht. Aber auch hier waren alle Hoffnungen, jung und schlank auszusehen, vergeblich.
Vielleicht war mein Appetit einfach zu groß.
Ich musste weniger essen und mehr trinken. Also trank ich: Milch, Bier, Wein und alles Mögliche, denn inzwischen hatte ich gelesen, dass eine Diät ausgewogen sein müsste.
Ich nahm weiter zu und musste mir schon wieder neue Unterwäsche, neue Hemden und einen neuen Anzug kaufen, erneut eine Nummer größer.
Ich war unglücklich und bekämpfte mein Unglück mit einigen Tafeln Schokolade, bis mir einfiel, dass ich dann noch schneller zunehmen würde, wenn ich so weitermachte.
Da gab es nur noch eins: Appetitzügler, Abführtabletten und Schlankheitsmittel aus der Apotheke.
Also begab ich mich in die nächste Apotheke und ließ mich beraten. Der Apotheker meinte zwar, das dies nicht der richtige Weg sei, aber ich bestand darauf, dass er mir vier verschiedene Abführmittel, drei Sorten Appetitzügler und noch sechs weitere Schlankheitsmittel verkaufte, drei als Pillen, zwei in Pulverform und die letzte war flüssig. Ich bezahlte fast zweihundert Euro, aber dafür würde ich ja in Zukunft keinen neuen Anzug mehr gebrauchen, jedenfalls keinen, der wieder eine Nummer größer war, so hoffte ich.
Zunächst nahm ich Abführmittel. Aber was nützen sie, wenn sie nichts zum Abführen haben? Also musste ich erst einmal essen, am besten das, was die Diäten vorgeschlagen hatten: Kartoffeln mit Eiern und Sahne.
Der Appetit war gut, die Abführmittel wirkten, ich musste ständig laufen, aber nach ein paar Tagen war mein Gewicht nicht geringer geworden.
Also waren die anderen Mittel an der Reihe, zur Kontrolle mit derselben Grundlage aus Kartoffeln mit Eiern und Sahne.
Wieder zeigt die Waage keinen Erfolg.
Das Gewicht war erneut gestiegen.
Ich probierte die Appetitzügler. Ich aß sie löffelweise, aber auch sie schienen nicht bei mir anzuschlagen.
Ich probierte die sechs Schlankheitsmittel - und nahm weiter zu.
Ob es an der Waage lag?
Vielleicht war die Waage defekt.
Ich kaufte eine neue Waage, eine mit Hundert-Grammeinstellung. Aber das Ergebnis war noch ungünstiger. Die Waage zeigte jetzt unbarmherzig zusätzlich die Grammmenge an.
Dies war also auch nicht der richtige Weg.
Aber wozu gibt es Sport? Da laufen unzählige Menschen in ihren Jogginganzügen durch den Wald, da hopsen sie auf Trampolins, leisten in Fitnesszentren Schwerstarbeit und werden gertenschlank, jedenfalls behauptet das die Reklame für Jogginganzüge.
Selbst wenn ich nicht gertenschlank werden würde, etwas wollte ich doch abnehmen.
Ich dachte mir, dass Jogging, verbunden mit frischer Luft, genau das richtige wäre. Nun bin ich von Natur aus faul und bequem, und so fiel mir das Joggen schwer. Ich bekam einen Muskelkater, einen zerrissenen Jogginganzug, weil der Hund eines Freundes, der mich begleitete, unbedingt spielen wollte und nahm tatsächlich ab. Aber als ich nach dem zweiten Lauf drei Liter Wasser getrunken hatte, weil der Durst übermächtig geworden war - ich hatte heldenhaft auf Bier verzichtet - da war das alte Gewicht wieder an der Waage abzulesen.
Ich kaufte mir ein Trampolin, denn ich hatte gehört, dass fünf Minuten Trampolinspringen einen Waldlauf von zwanzig Minuten ersetzen sollte, außerdem würde mein Jogginganzug heil bleiben.
Ich hopste und hopste und hopste, aber das Gewicht blieb.
Dann nicht auf die sanfte Tour, dachte ich.
Ich besuchte das Fitnesszentrum.
Dort trainierte ich.
Meine Ausgaben stiegen, mein Gewicht auch, denn jetzt hatten sich um den Bauch, an den Beinen, den Armen und am Oberkörper dicke Muskelstränge gebildet, die natürlich auch ihr Gewicht mitbrachten.
Vielleicht hätte ich zur Mister Germany-Wahl gehen sollen, wenn ich nicht so klein gewesen wäre, aber ich wollte ja abnehmen!
Also war auch dieser Weg falsch.
Yoga! Diese Erleuchtung ging mir beim Durchblättern eines Volkshochschulverzeichnisses auf. Aber das war gar nicht so einfach, denn die Muskelpakete hinderten mich daran, jene grazilen Bewegungen zu machen, die man in Yogabüchern bewundern kann. Ich wurde zwar beweglicher und machte Kopfstand, jeden Tag eine halbe Stunde lang. Der Kopf wurde gut durchblutet, der Körper elastischer, und weil ich viel ruhiger und gelassener wurde, nahm ich weiter zu. Ich kam mir vor, wie ein kleiner Buddha.
Nun blieb nur noch das Fasten übrig, was ich eigentlich hatte vermeiden wollen.
Dass dies erfolgreich sein kann, wusste ich, denn Gandhi sah auf den Bildern nach dem Fasten sehr schlank aus.
Also fastete ich. Und tatsächlich, dies schien die einzige Möglichkeit zu sein, abzunehmen.
Nach neununddreißig Tagen fühlte ich mich schon wie ein Strich. Die Waage war zwar nicht ganz meiner Meinung, aber sie zeigte doch deutlich weniger an.
Wer wird es nicht verstehen, dass ich sogleich als junger und ranker Mann, allerdings mit vielen Fastenfalten über den ganzen Körper, in die Stadt fuhr, um mich neu einzukleiden. Meine frühere, enge Kleidung hatte ich fort gegeben, weil sie eben zu eng geworden war.
Und da ich beschloss, schlank zu bleiben, gab ich vorsichtshalber alle zu groß gewordenen Kleidungsstücke weg.
Aber leider ist die Tücke des Objekts doch größer, als der gute Wille.
Nach ein paar Wochen hatte ich den Eindruck, dass mein Anzug geschrumpft sein musste und ebenfalls das Hemd, dessen Kragen sich nicht mehr schließen ließ.
Nach zwei weiteren Wochen begann ich zu ahnen, dass es nicht an der Kleidung lag, sondern an mir und nach sechs weiteren Wochen hatte ich mein Maximalgewicht wieder.
Ich fühlte mich wie ein ab- und zunehmender Mond.
Was blieb mir anders übrig, als neue, weitere Anzüge, Hemden und Unterwäsche zu kaufen, die ich tragen würde, bis ich wieder eine erfolgreiche Fastenkur hinter mir hatte.
Und wie es jetzt ist?
Ich habe zwei Kleidungsgrößen im Schrank: Die eine ist für die wenigen Tage nach dem Fasten und die andere für die übrige Zeit. Der Gürtel zeigt mir nun an, wie weit es noch bis zur nächsten Fastenkur ist.
Ich weiß jetzt jedenfalls, wie ich abnehmen kann.
Nur mein Kleiderschrank kann nicht abnehmen. Er beginnt, aus seinen Nähten, beziehungsweise aus seinen Fugen zu platzen.
Ein Lob auf die Luftverschmutzer.
Eine politische Rede
Ein Lob auf die Luftverschmutzer!
„Heute wird allgemein gegen sie vorgegangen und fast jedermann will die reine Luft.
Welch ein Unsinn!
Denn erstens gibt es so etwas wie „reine" Luft überhaupt nicht, außer sie ist chemisch rein, und das wollen diese Leute ja gar nicht und zweitens kann man nicht gleichzeitig Wohlstand, Arbeit, Freizeit, Konsum, also die Welt von heute und saubere Luft haben.
Und ich bitte Sie, wer will denn in die Zeit vor dreihundert Jahren zurückkehren, wo es keinen einzigen Fernseher gab.
Sie etwa?
Ich auch nicht.
Sehen Sie, und deshalb plädiere ich für die Luftverschmutzung, eine wirkliche Luftverschmutzung, hervorgerufen durch eine florierende Industriegesellschaft, denn allein ihr gehört die Zukunft.
Sie glauben mir nicht?
Ich will es Ihnen erklären:
Je verschmutzter die Luft sein darf, desto weniger müssen Fabriken für die Luftreinhaltung ausgeben.
Logisch, nicht wahr?
Sie können also billiger produzieren, brauchen keine Rücksichten zu nehmen, alles floriert, und Sie mein Freund, haben den Vorteil davon: Arbeit, Auskommen, preiswerte Produkte, und damit verbunden genug Freizeit.
Sie fragen: Was wird denn aus dem Menschen und aus der Natur?
Ganz einfach.
Dafür gibt es ja unsere Industrie.
Unsere Industrie wird für jeden Menschen eine Gasmaske, pardon, eine Luftmaske, herstellen, die er außerhalb seines Hauses trägt, meinetwegen auch innerhalb, wenn er unbedingt die Fenster aufreißen will und auf eine Luftschleuse an der Tür verzichtet.
Stellen Sie sich vor: Jeder Mensch wird eine solche Luftmaske tragen, welch eine industrielle Revolution, welch ein Aufschwung der Wirtschaft!
Kleine und große Firmen können sich daran beteiligen, neue Konzerne werden aus dem Boden schießen, der Zubehörhandel entwickelt eine ungeahnte Blüte. Neue Werke entstehen, denn schließlich wollen nicht nur die Masken hergestellt werden, sondern auch die Filter, die erneuert werden müssen, weil sie alle die Stoffe ausfiltern, die in der Luft sind.
Man kann dann ein Recycling der Filter vornehmen und alle Stoffe zurückgewinnen, die in unserer Industrie als Grundstoffe benötigt werden.
Die Mode wird die Gasmasken, Verzeihung, die Luftmasken, entdecken. Es wird vielleicht, nein sicher, Lehrstühle, sogar Hochschulen für die Gestaltung der Luftmasken geben. Wortschöpfer und Dichter werden sich ihrer bemächtigen.
Das menschliche Angesicht bekommt durch die Maler einen besonderen Reiz, ja, die Geschichte der Menschheit wird neu gemalt und ein menschliches Antlitz ohne diesen Luftfilter ist dann konturlos und nackt wie ein sonst verborgener Körperteil.
Industrie, Handel und Kunst werden einen ungeahnten Aufschwung nehmen.
Die Gasindustrie kann die zum Atmen benötigte Luft herstellen. Nicht nur in langweiligen Variationen, beileibe nicht, sondern mit wahrer Kunst und Abwechslung:
Menschen im Gebirge können Meeresluft einatmen, im Flachland Höhenluft, Parfums können beigegeben werden, jeder kann sich individuelle Düfte mischen, Biofans sogar den eines Naturmisthaufens.
Ist das etwa nichts?
Der Staat hätte natürlich da auch seine Hand im Spiel. Dabei müsste nur garantiert werden, dass einem Menschen nicht die Maske entrissen wird, sozusagen als staatliche Reglementierung für die, die nicht die Regierungspartei unterstützen.
Aber Todesurteile gibt es heute ja auch.
In Diktaturen werden die Herrschenden sicher verbieten, dass der Duft der weiten Welt in den staatlich hergestellten Mischungen vorhanden ist.
Aber es könnten dann Verhandlungen zwischen den Staaten stattfinden, dass auf Tauschbasis die Düfte doch überall zu bekommen sind, zum Beispiel: Den Duft von Dallas usw. gegen mehr Handelsfreiheit oder anderes.
Die Sozialämter können sozusagen eine „Sozialhilfeluft" ausgeben. Es muss ja nicht sein, dass alle die gleiche Luft atmen, wo kämen wir da hin!
Schließlich ist die Luftmaske das ideale Mittel für Historiker, Psychiater und andere Berufsgruppen.
Historiker können sich besser in eine Zeitepoche einfühlen, wenn sie deren Duft einatmen, zum Beispiel den von brennenden Trümmern, wenn sie über einen Krieg berichten wollen, wobei bei Forschungen über Ludwig XIV sicher ein anderer Duft nötig ist.
Psychiater könnten aus einer Luftprobe ihres Klienten schließen, warum er so geworden ist und Ärzte eine einfache und für die Krankenkasse preiswerte Luftveränderung verordnen.
Und selbst Berufsschullehrer oder Lehrmeister können ihren Lehrlingen an Hand der Luftzusammensetzung zeigen, wie eine gute Suppe oder eine Torte sein muss.
Eine ganz neue Nasenkultur entsteht. Wo bisher die Nase verkümmert ist, wie jeder weiß, wenn er an die enorme Riechfähigkeit eines Hundes denkt, wird unser Riechorgan eine ungeahnte Blüte erleben.
Diese Nasenkultur wird ohne Zweifel zu dem Höhepunkt der menschlichen Entwicklung führen, weil sie eine ideale Verknüpfung von menschlichem Erfindergeist und deren Verwirklichung darstellt.
Aber wie ist es mit der Umwelt und den Tieren, werden Sie fragen.
Mit einigen Tieren ist es ganz einfach, und die anderen sterben demnächst ohnehin aus.
Die nützlichen Tiere bekommen ebenfalls eine Maske. Und da die Rinder oder Schweine dann zum Beispiel bestimmte Medikamente oder Hormone einatmen, braucht man nicht mehr die lästige Spritze, die so oft eine Hormonanreicherung ans Tageslicht kommen ließ.
Sie meinen, das ist gesundheitlich gefährlich?
Aber wieso denn?
Man kann ja die Hormone weltweit zulassen und jeder Luft gleich ein Mittel beigeben, das etwaige Nebenwirkungen unschädlich macht, oder, man kann die Tiere gleich so züchten, dass sie in der sogenannten verschmutzten Luft leben können, auch ohne Luftmaske, was auf Generationen gesehen auch für die Menschen gelten könnte, denken wir bloß an den Segen der Genveränderung. Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Das würde unsere Industrie sicher nicht zulassen, weil das einem Ende der Nasenkultur gleichkäme und nebenbei dem Ende unserer wirtschaftlichen Entwicklung.
Und was mit der Umwelt geschieht?
Wozu brauchen wir denn eine Umwelt, wenn die Industrie für genug Atemluft sorgt?
Bäume, Blumen und Gräser werden doch jetzt auch systematisch vergiftet, es will nur niemand zugeben.
Eigentlich spricht alles für eine Nasenfilterkultur.
Vielleicht sollten wir eine Partei zur Proklamation und Durchsetzung unserer Ziele gründen. Schatzmeister und Sponsor kann dann jemand von Krupp oder Höchst werden, denn da spart man ja die enormen Kosten für neue Luftfilter der Schornsteine ein.
Wäre das nicht ein lohnenswertes Ziel?
Ich erwarte dringend Ihre Zustimmung, deren ich mir bereits gewiss bin!"
Das Biokind
Als ihn der biologische Blitz traf, lag seine Frau noch auf der Entbindungsstation.
Und weil er ein gewissenhafter Mann war, kaufte er sich unverzüglich eine ganze Reihe von biologischen Werken und studierte sie, so schnell, wie es seine Zeit erlaubte, zunächst einmal die über die natürliche Geburt.
Leider waren seine Frau, die Krankenschwestern und die Ärzte noch nicht vom biologischen Blitz berührt worden. Sie lehnten die Methoden, die er ihnen zur Entbindung vorschlug, rundweg ab.
„Was nicht ist, kann noch werden", dachte er. „Wenn unser Kind schon nicht biologisch zur Welt kommt, dann soll es wenigstens biologisch aufgezogen und erzogen werden."
Als seine Frau nach Hause kam, fand sie das Haus verändert vor.
Neue Teppiche, echt Wolle, wie er stolz betonte, lagen in jedem Zimmer, ein großes Paket Kernseife stand im Bad, die Dosennahrung hatte er verschenkt, ebenso das ganze Mehl und allen Zucker. Dafür stand im Keller ein Eimer mit Honig und sein Sack Weizen, natürlich biologisch gezogen.
Er hatte auch die Mühle nicht vergessen, mit der man mit der Hand das Mehl mahlen konnte.
Wenn schon neue Geräte, dachte er, dann jedenfalls keine elektrischen.
Er hatte auch an ein Kinderbettchen gedacht.
Als praktisch-biologisch denkender Mann sagte er: „Wozu eigentlich Höschenwindeln oder Tücher? Die Natur macht es auch anders. Schließlich sind Tiere abgehärteter als Menschen. Warum? Weil sie biologischer leben. Du legst das Kind einfach auf die Matratze", erklärte er seiner Frau. „Und deckst es mit dieser Wolldecke zu. Das reicht!"
„Und wenn er sein kleines oder großes Geschäft macht?"
„Beim Kleinen ist das kein Problem: Die Matratze besteht aus Torf und saugt sofort alles auf. Beim Großen auch nicht, denn da nimmst du einfach etwas Torf ab und bringst es in den Garten. Dann haben wir gleich guten Dünger."
Sie deckte die Decke auf und sah sich die Matratze an:
Es war einfacher, festgestampfter Torf, nicht einmal mit einem Laken abgedeckt.
„Ein Laken könntest du unserem Sohn doch gönnen."
„Gut, einverstanden. Dann musst du das Laken mit dem großen Geschäft auswaschen. Immerhin werden wir dann etwas Torf sparen."
Es versteht sich von selbst, dass er nur Holzspielzeug kaufte, das, wenn überhaupt, nur biologisch gestrichen war.
Da das Kind im Frühling geboren war, sollte es so schnell wie möglich an die frische Luft.
„Ich habe dir ein Jutenetz mitgebracht", sagte er eines Tages.
„Wozu?" wollte sie wissen.
„Wir könnten das Kind in das Netz legen, nackend natürlich, damit es sich abhärtet, und das Netz unter den Apfelbaum hängen. Wenn es dann einmal muss, düngt es gleich den Baum."
Er war überaus praktisch.
Schließlich kaufte er ihr ein paar Lämmer, Hühner, Gänse und Enten und pachtete die Wiese neben dem Haus.
„Du kannst jetzt jederzeit frische Eier haben", sagte er. „Und solange unser Junge noch im Netz hängt, brauchst du dich überhaupt nicht um ihn zu kümmern. Er sieht die Wolken und die Blätter, hört die Tiere und ist an der frischen Luft. Was sollte es besseres für ein Kind geben?"
Endlich war sein Urlaub zu Ende. Er fuhr jeden Tag in die Stadt.
„Eigentlich müssten wir konsequent sein", sagte seine Frau eines Tages beim Frühstück.
„Das sollte man", antwortete er, „besonders, wenn es um biologische Dinge geht."
„Ich habe mir gedacht, dass wir unser Auto verkaufen?"
„Bitte was?" Er schien sich verhört zu haben.
„Ja", sagte sie. „Wir könnten uns doch ein Pferd kaufen oder einen Esel, und du reitest jeden Tag zur Arbeit. Das ist doch viel biologischer, nicht wahr?"
Ihm blieb vor Schreck das Brötchen im Mund stecken, natürlich ein Biovollkornbrötchen, selbstgebacken.
„Das kann doch nicht Dein Ernst sein?"
„Warum nicht?"
„Ich auf einem Esel! Nicht auszudenken!"
„Aber es ist biologischer. Und deinen Compu- ter müssten wir eigentlich auch verkaufen. Schreib doch lieber mit der Hand."
„Etwa mit der Gänsefeder?"
„Warum nicht? Gänse haben wir ja."
Seine Frau schien ebenfalls vom biologischen Blitz getroffen zu sein, während die Wirkung bei ihm ein ganz klein wenig abgeflaut war.
Allmählich stiegen sie völlig auf Vollwertkost um, biologisch, versteht sich.
Morgens gab es Müsli, selbstgeschrotet, mittags Salat mit Frikadellen aus Grünkern und abends Milch von den Schafen.
Die eigenen Matratzen wurden durch Torfsäcke ersetzt, jeglicher Kunststoff war verpönt und selbst das Toilettenpapier war recyceld.
Vor kurzem wechselten sie ihre Kleidung. Nicht mehr Baumwolle war in, nicht mehr nur selbst gesponnene Wolle, sondern die Felle ihrer Schafe.
Sie sahen aus, als ob sie aus der Steinzeit kämen.
Inzwischen sind sie auch in eine Erdhöhle umgezogen.
„Das ist biologischer", erklärten beide.
So leben sie: Gesund und werden sicher steinalt, zweihundert Jahre oder mehr, obwohl die Steinzeitmenschen, die ja biologisch lebten, gar nicht so alt geworden sein sollen.
Jedes Mal, wenn ich dort zu Besuch bin, servieren sie die besten Vollkornfladenbrote, die es auf der Welt meines Wissens nach gibt, jedes Mal frisch im Steinofen gebacken. Und ich übernachte in der Höhle, auf einem mit Schaffellen überzogenen Torfsack. Solch einen Luxus gibt es immerhin für alte Freunde, während der Sohn am liebsten auf Hinkelsteinen schläft. Aber der ist ja von Geburt an abgehärtet.
Nur keine Hektik - oder ein Morgen bei uns.
Der Wecker klingelt: 5.3o Uhr.
Aufstehen, ins Bad, Toilette, auf die Waage, Zähne putzen, rasieren, ein halbes Glas kaltes Wasser trinken, zwei Minuten Bauchtraining, die Yogafans nennen das „Agnisara Dhauti", natürlich muss das Badezimmerfenster offen sein, auch im Winter, dann heiß und kalt duschen, danach in der Duschkabine noch einmal zwei Minuten Bauchtraining, irgendwie muss der „Rettungsring" doch wegzubekommen sein, abtrocknen, die andere Hälfte des Wasserglases schlückchenweise austrinken, mit der Wurzelbürste den ganzen Körper abbürsten, das Gesicht nicht ausgenommen, die Haare mit der Drahtbürste durchwalken. Etwas muss man ja für seine Gesundheit tun, wenn man über fünfzig ist.
5.52 Uhr:
Beim Verlassen des Bades Fenster schließen und den Heizungsthermostaten auf eins stellen, die Kinder sind nicht so abgehärtet, in die Küche sprinten, dort das Fenster schließen, den Heizkörper aufdrehen, die Zeitung aus dem Briefkasten holen, einen Blick auf die Titelseite werfen und sie auf den Küchentisch legen.
5.59 Uhr:
Ins Studierzimmer gehen, das Fenster ist offen, es ist angenehm kühl, weil die Heizung natürlich über Nacht abgestellt ist, die Übungsmatte liegt noch von gestern auf dem Boden. Jetzt innerhalb von acht Minuten dreißig Mal den „Sonnengruß" machen, eine gymnastische Yogaübung, jedenfalls ist sie für mich gymnastisch, dann flach auf den Rücken legen, tief Atem holen, entspannen, zehn Mal den Oberkörper auf dem Rücken liegend aufrichten, die Beine unter der Liege, wieder kurz entspannen und Atem holen.
6.13 Uhr:
Thomas muss geweckt werden. Also hoch in das obere Stockwerk, den Sohn aufwecken, wieder herunterkommen, die Wolldecke falten und auf ihr fünfzehn Minuten Kopfstand machen und dabei tief durchatmen, um für den Tag Kraft zu schöpfen, danach eine Minute knien, dabei schnell und tief durchatmen und wie eine Dampfmaschine durch die Nase schnaufen.
Aufstehen, die Decke zusammenfalten, die Matte aufrollen, das Fenster schließen, die Heizung anstellen, anziehen und ab in die Küche
6.35 Uhr:
Irgendwann habe ich getrödelt, ich muss wohl fünf Minuten eher aufstehen, denn Michael wollte um 6.3o Uhr geweckt werden.
Also hoch in das obere Stockwerk und den Jüngsten wecken, wieder herunter in die Küche, den Boiler einlaufen lassen, ihn anschalten, die Kaffeemaschine fertigmachen, so konsequent bin ich dann doch nicht mit der Gesundheit, dass ich auf Kaffee verzichte, Möhren schälen, zwei große Äpfel vierteln, der Tisch ist schon am Abend gedeckt und die Geräte, Schüsseln und Kannen stehen bereit, sonst ist das Frühstück nicht zeitig genug zu schaffen. Äpfel und Möhren werden im Hacker zerkleinert, inzwischen ist das Teewasser heiß und kann auf den Mate und auf den schwarzen Tee für Thomas laufen.
6.45 Uhr:
Im Radio beginnt der Landfunk mit dem ausführlichen Wetterbericht: Wieder Regen! Aus dem Kühlschrank Milch für Michael holen, der gerade kommt, Haferflocken auf den Tisch stellen, Zucker und Schokoladenstreusel für den Jüngsten, die Müslischalen, Kaffeesahne, vielleicht reicht sie noch zum Frühstück und ich muss keine neue aus dem Keller holen, ein Yoghurt, inzwischen hat der Mate und der schwarze Tee lange genug gezogen und wird in die Thermoskannen gegossen, aus dem Kühlschrank Butter, Marmelade und Käse für Thomas nehmen, Schwarzbrot aus dem Brotfach, dabei entdecke ich, dass die geschroteten Leinsamen nicht an ihrem Platz, sondern im Hängeschrank stehen.
Thomas kommt.
Glücklicherweise hat heute niemand Halsschmerzen, sonst wäre noch ein Salbeitee fällig.
Endlich komme ich dazu, die gehackten Äpfel und Möhren auf den Tisch zu stellen.
6.55 Uhr:
Thomas muss noch etwas Geld zur Schule mitnehmen, Michael fragt nach seinem Taschengeld.
Ich wollte mich gerade hinsetzen und eine Tasse Kaffee trinken, muss aber erst mein Geld suchen, das sich in einer Jackentasche oder dem Mantel befindet, der an der Garderobe hängt.
7.oo Uhr:
Die Nachrichten beginnen. Die Kinder wollen beide während des Frühstücks den gleichen Zeitungsteil lesen. Michael geht dann aber nach oben und putzt sich die Zähne, sein Freund Christian kommt durch die Terrassentür in die Küche, um unseren Jüngsten zur Schule abzuholen, Michael kommt aus dem Bad herunter, kontrolliert seinen Ranzen, ich habe seinen Apfel geviertelt, den er mitnimmt.
7.o5 Uhr:
Die Nachrichten sind zu Ende. Ich bin beim Frühstücken. Thomas geht nach oben und putzt sich die Zähne, ich kann in Ruhe drei Minuten die Zeitung lesen.
7.1o Uhr:
Michael und Christian verlassen das Haus durch die Vordertür, um zur Bushaltestelle zu gehen. Thomas kommt vom Zähneputzen herunter und kontrolliert umständlich seine Schultasche.
7.14 Uhr:
Thomas geht durch die Terrassentür zur eben derselben Bushaltestelle, ich kann das Frühstück und die Morgenlektüre beenden.
Welche herrliche Ruhe ist eingekehrt.
7.30 Uhr:
Ich räume den Tisch ab, spüle das Geschirr, soweit es nicht in den Geschirrspüler passt, räume die Nahrungsmittel in Schränke und Kühlschrank, lege die Zeitungen zusammen, wische über den Tisch, die alten Zeitungen von gestern kommen in den Keller zum Altpapier, Geschirr und Töpfe sind jetzt wieder in ihren Schränken, schnell mit dem Lappen über Tisch und Arbeitsplatten gewischt: die Küche ist wieder tip-top.
Das große, geordnete Chaos ist vorüber.
7.45 Uhr:
Jetzt kann ich an den Schreibtisch gehen.
Wie gut, dass meine Frau übermorgen aus ihrer Kur kommt. Ich habe sie schon gebeten, mir ihr Zimmer in Bad Ruhig zu reservieren, nicht wegen des Frühstücks, beileibe nicht.
Denn wer meint, dass es bei uns etwas hektisch zugeht, der irrt sich gewaltig. Er sollte erst einmal in der Mittagszeit oder am Abend hier sein.
Morgens ist doch alles ganz ruhig und normal. Oder etwa nicht?
Unter Freunden
In Sommern wie diesen bin ich gern in Italien, treffe alte Freunde und lebe ganz ohne Stress.
Ich sitze in Francos Taverne, in der Toskana, in dem kleinen Ort, der manchmal von Touristen überlaufen ist.
Schummriges Licht, leise Musik und roter, schwerer Wein.
Eigentlich sollte ich das, was ich jetzt sage, nicht aufschreiben, aber es liest ja sowieso niemand, und wer es doch liest, nimmt es nicht ernst, ein Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist.
Der Wein scheint nicht ganz frei von Chemie zu sein.
Was tut’s, wir leben in einer modernen Zeit.
Ich bewundere die schmalen, langen Finger von Giovanni, meinem Freund und kann mehr ahnen als spüren, wie er meine Brieftasche aus der Jacke zieht.
Talent hat der Junge, wirklich.
Aber ich lasse mir nichts anmerken. Er soll seine Freude haben.
Schließlich sind wir Freunde und unter Freunden verdirbt man sich nicht das Geschäft.
Nachher hole ich mir eine andere, von dem fetten Bankier, der neben mir im Hotel wohnt und sie beim Schlafen immer auf seinen Nachttisch liegen lässt.
Das vierte Glas schmeckt etwas bitter.
Ich nippe nur, dann tausche ich es gegen das von Michelangelo aus, der sich gerade umgedreht hat.
Er hat mir vorhin erzählt, wie er seinen Chef umgebracht hat, mit Blausäure im Wein. Der hatte einen so schönen Wagen.
Leider hat Michelangelo seinen eigenen heute Mittag gegen eine Mauer gefahren.
Er dachte, er brauchte einen neuen Wagen, meinen, jetzt braucht er nur noch einen Sarg.
Ich habe ja mein Glas mit ihm getauscht.
Jeder hat eben seine Spezialgebiete.
Ich zum Beispiel habe immer kleine Tabletten bei mir.
Darum weiß ich auch, wie das mit ganz leicht bitter schmeckendem Wein ist.
Dann ist es am besten, schnell das Glas mit jemand anderem zu tauschen.
Natürlich habe ich auch ein Messer in der Tasche - und ein Taschentuch, wegen der Blutflecke.
Ich finde es unappetitlich, wenn da einer umkippt und man sieht gleich den Blutfleck auf meiner Manschette.
Denken Sie nicht, ich wäre bei so vielen Arbeitsweisen Dilettant.
Ich beherrsche noch mehr.
Warum musste zum Beispiel der Herr Meyer sich ausgerechnet im falschen Augenblick umdrehen, als ich seine Juwelen genauer ansehen wollte. Da hat er nun seinen Schädelbruch.
Jedenfalls hat dieser Derrick, oder wie der Typ aus München nun wirklich heißt, immer noch nicht herausbekommen, wie und womit das geschehen ist.
Schließlich muss man vielseitig sein.
Eine gute Ausbildung, Doktor oder so, reicht da noch nicht. Ohne Training läuft nichts.
Also, bis demnächst.
Und bringen Sie Ihre Brieftasche mit, gut gefüllt, versteht sich.
Seiens doch so freundlich.
Gell?
Wie ich Musikkritiker wurde
Ich muss vorausschicken, dass ich unmusikalisch bin, obwohl Sie das vielleicht nicht glauben werden, wenn Sie mich nicht singen gehört haben.
Aber ich bin's.
Dafür habe ich eine Frau und zwei Söhne, die recht passabel Klavier spielen, um nicht zu sagen, dass sie Spitze sind.
Wie das nun einmal bei Vätern ist, die Söhne haben, die etwas können, von dem sie selbst nichts verstehen, schlägt ihr Vaterherz höher, wenn ihre Sprösslinge mit ihren Fähigkeiten an die Öffentlichkeit treten.
So auch bei mir.
Als unser Ältester mit neun Jahren in seiner Musikschule vorspielte, neben vielen anderen Kindern, dachte ich, dieses weltbewegende Ereignis müsse in die Zeitung, damit es die Welt auch bewegte.
Also schrieb ich einen Artikel über den Musikabend.
Ich lobte mehr, als dass ich tadelte, machte Mut, den die jungen Musiker ja brauchten und brachte einen glänzenden Artikel zustande, der in unserer Zeitung gedruckt wurde.
Als sich das noch einmal wiederholte, wurde ich beim dritten Vorspiel von einem anderen Vater aufgefordert, etwas über diesen Abend zu schreiben.
Ich tat es, obwohl mein Sohn diesmal nicht mitspielte.
Über Anfänger zu schreiben, ist nicht schwer. Etwas von verstecktem Genie, Können, das sich noch entfalten muss, viel Fleiß und Einfühlungsvermögen stimmen immer.
Nach kurzer Zeit bat mich die Zeitung um die Kritik eines Musikabends in dem Nachbarstädtchen, da der eigene Kritiker erkrankt war.
Ich fuhr hin und nahm die ganze Familie mit.
Es war kein großartiger Abend, aber soll man als Kritiker Böses schreiben?
Hinterher beriet mich meine Familie am Küchentisch, was ich schreiben sollte.
Die Reaktion war durchaus positiv, die der Zeitung und die der Musiker, die sich bei mir bedankten.
Den nächsten Abend, den ich im Auftrag der Zeitung rezensieren sollte, musste ich allein besuchen.
Aber wir hatten Schallplatten und CD´s zu Hause und so schrieb ich den Text von der Hülle ab, änderte hier und änderte da ein wenig, und der Artikel war fertig.
Von jetzt an konnte ich mich kaum vor Aufträgen retten.
Ich wurde bekannt, geachtet und sogar gefürchtet.
Wo ich jetzt auftauche, bei den inzwischen häufigen Konzerten meiner Söhne oder bei anderen Darbietungen, immer werde ich nach meiner Meinung gefragt.
Wenn ich mich nur räuspere, zucken die Musiker schon zusammen.
Hin und wieder höre ich, was das musikkundige Publikum in der Pause oder zum Schluss sagt und schreibe es auf.
Ich habe inzwischen gelernt, ein bedeutendes Gesicht zu machen und sehr diplomatisch mit vielen geheimnisvollen Worten und Ausdrücken möglichst nichts zu sagen.
Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren, den, ein anerkannter Fachmann zu sein, obwohl ich fast taub bin.
Wir machen den Weg frei
„Wir machen den Weg frei", las ich auf dem Prospekt meiner Bank.
Ich hatte da ein Konto, nicht groß, meist im Minus, nur zum Ersten eines jeden Monats für einen oder zwei Tage ausgeglichen.
Nun hatte mein alter Wagen seinen Dienst aufgegeben, aus Altersschwäche.
Ich musste einen Neuen haben.
Aber woher das Geld nehmen?
„Ich könnte es mir borgen", dachte ich, „aber wer borgt mir schon genug?"
Ein Bankeinbruch war mir zu riskant, so ungeschickt, wie ich mich anstelle, und ein Lotteriegewinn zu unsicher.
„Wir machen den Weg frei."
Dieses Wort ging mir nicht aus dem Sinn. Bisher war er mir verbaut.
Ich zog also meinen besten Anzug an und ging zu meiner Bank.
„Ich möchte gern einen Kredit aufnehmen", sagte ich am Schalter.
„Kommen Sie doch bitte zum Filialleiter", antwortete der Bankbeamte.
Im Zimmer des Filialleiters, er war noch nicht Direktor, roch es förmlich nach Geld.
„Ich hätte gerne einen Kredit", bat ich verschüchtert.
„Wie viel?", wollte der Filialleiter wissen.
„Nun, ich muss einen neuen Wagen haben und ..."
„... Wie viel?"
„Vielleicht zwanzigtausend?"
„Gut. Haben Sie Sicherheiten?"
„Bitte, was?"
„Sicherheiten. Haben Sie ein Haus zum Beispiel?"
„Nein."
„Schön, dann nehmen wir den Kraftfahrzeugbrief als Sicherheit."
Ich willigte ein.
Der Filialleiter füllte einen Bogen aus.
„Bitte unterschreiben Sie hier."
Zu Bankbeamten habe ich unbegrenztes Vertrauen, sonst hätte ich genauer angesehen, was ich da unterschrieben hatte.
Der Filialleiter war neu und so musste es wohl dazu gekommen sein, dass der Beamte beim Buchen dessen Schrift nicht lesen konnte und statt der zwanzigtausend den Betrag um zwei Nullen erweiterte.
Der Autohändler zeigte mir seine Wagen.
Mir gefiel ein etwas älteres Modell, das nach guten, alten Zeiten und gewesenem Reichtum aussah.
Es kostete auch nur etwas wenig mehr als vierzehntausend.
„Wollen Sie mit Scheckkarte bezahlen oder bar?"
Ich bezahlte per Scheckkarte.
Da ich an diesem Wochenende meinen Urlaub im Bayerischen Wald beginnen wollte, bat ich die Bank, den Rest des Geldes an meine Wirtin, Frau Hinterhuber in Freyung zu überweisen.
Ihr Konto hatte ich, und ich rief sie an, dass ich das Geld nicht bar mitnehmen wollte. Sie solle es abheben und auf mein Zimmer legen.
Aber meine Abfahrt verzögerte sich, und so war mein Geld viel eher da, als ich.
Meine Wirtin hatte daraufhin nichts Eiligeres zu tun, als mir ein Konto bei ihrer Bank einzurichten. Einen so hohen Betrag wollte sie weder im Haus noch auf ihrem Konto haben.
Natürlich erzählte sie überall, dass da ein Preuße käme, der ungeheuer viel Geld geschickt hatte, wahrscheinlich um hier Geschäfte zu machen.
Das sprach sich schnell herum, zumal ich durch mein Auto einen sehr gediegenen Eindruck machte.
An meinem ersten Urlaubstag suchten mich der Landrat und der Stadtdirektor auf und boten mir drei Millionen an, wenn ich bei ihnen investieren würde.
Am nächsten Tag kam der Direktor meiner neuen Bank aus München und sagte, dass diese drei Millionen schon eingezahlt worden seien und dass die Bank weitere fünf Millionen dazugegeben hätte. Er wollte sich nur noch meine Unterschrift holen, dass ich damit einverstanden sei, dass er mein Hausbankier bleiben dürfte.
Einen Tag später kam der Herr Wirtschaftsminister. Er bedankte sich, dass ich in den strukturschwachen Gebieten neue Werke errichten wolle und gab mir einen Scheck von über fünf Millionen.
Ich wollte mich nicht so schnell festlegen.
Er verstand das und sagte, ich solle es mir reiflich überlegen. Natürlich würde er noch weitere Mittel in Aussicht stellen.
Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass meine alte Bank, die, die den Weg frei macht, mir zu viel überwiesen hatte.
Ich konnte es jetzt anstandslos mit den Zinsen für vier Tage zurückzahlen.
Dabei stieg ich in der Achtung meiner hiesigen Bank, denn wer so einfach fast zwei Millionen überweist, Verzeihung, transferiert, muss schon ein bedeutender Mann sein.
Als ich zurückfuhr, hatte ich mich immer noch nicht entschieden.
Ich lasse jetzt die Zinsen auf mein altes Konto in Brochterbeck überweisen.
Seitdem bin ich in der Achtung der Dorfbewohner sehr gestiegen.
Ich gelte als Millionär und Wirtschaftsfachmann und werde von allen Städten und Gemeinden der Umgebung mit Geschenken überschüttet. Jeder hofft, dass ich bei ihm mein Geld investiere.
Die Universität will mir demnächst den Ehrendoktor für Wirtschaftswissenschaften geben.
Jeder sieht in mir den Mann, der der Wirtschaft aus ihrer Talsohle helfen kann.
Ich lasse sie bei diesem Glauben.
Hoffnungen soll man nie zerstören.
Die Katastrophenjenny
In unserem Ort gab es einen kleinen „Tante Emma Laden", dessen Besitzerin den Spitznamen „die Katastrophenjenny" hatte, obwohl sie sonst Emma hieß, Emma Schmidt.
Warum man sie die „Katastrophenjenny" nannte?
Sie erzählte von all den kleinen und großen Katastrophen, die in unserem Ort in jeder Familie an der Tagesordnung sind, beziehungsweise, sie wurden erst durch ihre Erzählungen zu Katastrophen. Und sie berichtete von ihnen so spannend und mit so viel Phantasie, dass die berühmte Morgenzeitung aus Norddeutschland dagegen zu einem frommen Kirchenblatt wurde.
Eines Tages aber zeigte sie, wie sehr sie den Namen zu Recht trug.
Es fing damit an, dass mein Nachbar, der Emil, keinen Zucker für seinen Frühstückskaffee hatte. Und da es Sonntag war, rief er im Laden an.
In einem Dorf wie bei uns kann man das machen.
„Morgen Emma. Sag mal, kann ich die Gerti zu Dir schicken, damit sie mir Zucker holt? Unser ist gerade alle und Kaffee ohne Zucker...Brrrr."
Emils Frau besuchte gerade ihre Mutter, und Emil war mit seiner Tochter allein zu Hause.
„Schick sie mal rüber, Emil", meinte Emma.
Sie überlegte gerade, dass es doch fast eine Katastrophe sein müsse, wenn einer keinen Zucker hat, wenn er unbedingt welchen braucht und dass...
„Übrigens, hast Du schon gehört, Emil? Schneiders Friedrich ist gestern Abend mit seinem Auto bei Glatteis gegen seine eigene Hofeinfahrt gefahren! Für ihn wurde es beinahe zur Katastrophe, denn..."
Emil hörte sie noch sagen: „...warte mal, bei mir ist gerade das Licht ausgegangen."
Das war das letzte, was er von ihr direkt hörte.
Als sie telefonierte, kochte ihr Kaffee über und verursachte einen Kurzschluss.
Sie legte den Hörer neben das Telefon und ging zur Kellertreppe, in der Hand eine Taschenlampe, um den Sicherungsknopf herein zu drücken.
Aber der Sicherungsknopf sprang wieder heraus, weil die Kaffeemaschine noch zu feucht war.
Sie schlurfte also in die Küche zurück, zog den Stecker heraus und begab sich erneut zum Sicherungskasten über der Kellertreppe.
Als sie die Sicherung wieder herein drücken wollte, hörte sie hinter sich ein Rascheln, bekam einen Schreck, sagte „huch" und ließ die Taschenlampe fallen, die die Kellertreppe herunterfiel und unten klirrend aufschlug, wobei irgendetwas zu Bruch ging.
Sie tappte zurück zur Küche, suchte die Streichhölzer und eine Kerze und versuchte jetzt, die Sicherung erneut herein drücken.
Aber sie sprang wieder heraus.
Sie versuchte es noch mal, ohne Erfolg.
Sie musste eine neue Sicherung holen, die aber bei den Vorräten im Keller lag.
Sie stieg also die Kellertreppe herunter, rutschte auf der letzten Stufe aus, konnte sich gerade noch am Geländer festhalten, ließ dabei aber die brennende Kerze fallen.
Und diese brennende Kerze fiel in die Lache, die durch die Taschenlampe verursacht war, die eine Flasche mit Reinigungsbenzin heruntergerissen hatte.
Der Keller stand in Flammen, die Katastrophenjenny auch.
Sie versuchte noch, die Treppe heraufzukommen, was ihr aber nicht mehr gelang.
Inzwischen hatte der ganze Keller Feuer gefangen, das an den vielen Pappkartons reichlich Nahrung fand.
Emils Gerti, die in der Zwischenzeit vergeblich an der Tür geschellt hatte, sah die Flammen, lief zum nächsten Haus, in dem Meyers Gustav wohnte, der der Hauptmann oder Chef unserer Feuerwehr ist, und versuchte ihn aus dem Bett zu klingeln.
Inzwischen brannte das Erdgeschoss.
Meyers Gustav hatte aber, wie alle Feuerwehrleute im Ort, bis früh in den Morgen den neuen Wagen der Feuerwehr befeiert, und es brauchte einige Zeit, bis ihn seine Frau wachgerüttelt hatte.
„Es brennt, Gustav, wach auf! Es brennt!"
Gustav wurde wach und drückte auf den Feuermelder, der die Sirenen des Dorfes aufheulen ließ.
Dummerweise wusste niemand mehr, wo der Schlüssel für den neuen Feuerwehrwagen war.
Die Freude über das Auto, das sehr viel schneller und wirkungsvoller jeden Brand bekämpfen konnte, war groß gewesen, die Feier entsprechend.
Als der alte Wagen ausrückte, schlugen die Flammen schon aus dem Dach.
Das Haus der Katastrophenjenny war nicht zu retten. Die Besitzerin auch nicht mehr.
Selbst bei der Beerdigung machte die Katastrophenjenny ihrem Namen alle Ehre.
Als der Sarg nämlich in das Grab gesenkt wurde, riss eines der beiden Seile und der Sarg rutschte herunter.
Das wäre vielleicht gar nicht so schlimm gewesen, wenn nicht der erste der Sargträger einen Schreck bekommen hätte und hinterher rutschte und der junge Geistliche, der am Grabe stand und die Beerdigungsrede halten wollte, es ihm gleich machte, als er versuchte, diesen Sargträger zurückzuhalten.
Während des anschließenden Beerdigungs- kaffees im größten Gasthof unseres Ortes gab es ein Gewitter. Zuerst fiel der Strom aus und der Kaffee wurde bei Kerzenlicht getrunken, und hinterher musste die Feuerwehr fünfzehn Keller leer pumpen.
Die Katastrophenjenny hat wirklich einen würdigen Abgang gehabt.
Wir vermissen sie sehr, denn jetzt müssen wir uns als Ersatz für die fehlenden Dorfkatastrophen jene berühmte Morgenzeitung aus Norddeutschland kaufen und wissen nicht einmal, was in unserem Dorf los ist.
Alfa, der Fortschrittliche
Der fortschrittliche Mann schreitet fort.
Die fortschrittliche Frau ebenfalls.
Aber ich will hier lieber von Alfa, dem Fortschrittlichen berichten, weil ich ihn besser kennengelernt habe, soweit man das von einem fortschrittlichen Mann sagen kann, der ja immer schneller fortschreitet, als seine Umgebung.
Also:
Alfa, der Fortschrittliche, irgendeinen fortschrittlichen Namen muss er ja haben, ist gegen jeden Stillstand und damit gegen den Rückschritt.
Versteht sich.
Wer rastet, der rostet!
Und deshalb ist er auch immer beschäftigt, pausenlos, hetzt hierhin und dahin, macht dies mit und das. Ohne ihn läuft nichts, und die andern hinken sowieso hinter ihm her.
Und Stillstand ist Rückschritt.
Für ihn.
Innehalten, überlegen, wohin es geht oder wohin er geht, und ob nicht der Rückschritt der bessere Fortschritt sei, das liegt bei ihm nicht drin.
Er schreitet also fort, er liebt den Fortschritt.
Er liebt ihn, weil der Fortschritt notgedrungen alles besser werden lässt, in seinen Augen.
Das Alte ist nicht vollkommen, das Neue kann nur besser sein.
Und wenn das Neue Fehler hat, dann eben nur, weil es fortschreitend noch etwas Besseres gibt.
Natürlich ist ein Auto besser als ein Esel, eben moderner, fortschrittlicher.
Und wenn viele Menschen ein Auto haben, dann sind sie alle fortschrittlicher, als wenn sie nur einen Esel ihr Eigen nennen, versteht sich, obwohl die Straßen verstopft sind, es nach Abgasen stinkt und die Umwelt leidet. Aber es ist eben fortschrittlicher, also gut.
Man kann dagegen ja etwas tun: neue und breitere Straßen bauen, die Landschaft zubetonieren.
Und da der fortschrittliche Mensch sich bewegen muss, irgendwohin fährt, Hauptsache, es geht vorwärts, müssen neue Straßen her.
Wohin sie führen, ist dabei gleichgültig, es darf nur nicht zu solchen Katastrophen kommen, wie zu einem Stau, denn dann steht der Verkehr, und wo es keinen Fortschritt gibt, da gibt es nur einen Rückschritt und da der, der rastet, rostet ...
Alfa dem Fortschrittlichen, war nie einge- fallen, das jedes Alte früher einmal bereits das Neue gewesen war.
Eigentlich hätte es ja gut sein müssen. Aber da es bald etwas Neueres als das Neue gab, war das Alte Neue schnell veraltet. In einem fortschrittlichen System kann nur die Zukunft die Beste aller Welten sein.
Schon als Kind war Alfa der Fortschrittliche
fortschrittlich.
Er machte die Hausaufgaben die er am Dienstag auf bekam, bereits am Montag.
Als Jugendlicher lief er hinter den Mädchen her, viel früher, als seine Klassenkamera- den.
Und wenn er eine eingeholt hatte, lief er ihr fort und der nächsten hinterher.
Als er heiratete, war er so fortschrittlich, dass er in Paris nachfragte, wie die Mode für das nächste Jahr sei, damit er sich einen entsprechenden Anzug schneidern lassen konnte.
Und als Verheirateter sah man, dass der Fortschritt sich auch in seiner Ehe zeigte.
Bei Spaziergängen zum Beispiel lief er seiner Frau immer ein Stück voraus.
Zuerst waren es ein paar Meter, dann wurden es immer mehr, bis er schließlich ganz weglief, Verzeihung, fortschritt.
Er war fortschrittlich in Bezug auf die Kleidung, die er trug: es musste immer die modernste sein; bei den Autos, die er fuhr: er hätte am liebsten die gekauft, die erst im nächsten Jahr gebaut wurden, und bei den Häusern, in denen, er wohnte: sie waren wenigstens zeitweise ökologisch, bevor noch die Ökologie erfunden wurde.
Alfa der Fortschrittliche, schritt im Laufe seines Lebens von der Natur zur Zivilisation fort.
Er hatte den ersten Fernseher mit Duftausstoß.
Er war der erste, der konsequent Kunststoffe einsetzte, wo es nur ging:
statt Honig aß er Kunsthonig, statt Dünger nahm er Kunstdünger und künstliche Blumen gab es bei ihm schon lange.
Schließlich hörte er, dass es in einer Klinik künstliche Glieder gab. Er ließ sich seinen rechten Arm amputieren, damit er als fortschrittlicher Mann schneller als alle anderen schreiben und rechnen konnte. Dann folgte der linke Arm und darauf beide Beine, damit er schneller fortschreiten konnte.
Am liebsten hätte er auch seinen Kopf ausgetauscht, aber die künstlichen waren noch nicht so fortschrittlich wie sein eigener.
Alfa der Fortschrittliche, liebte alles, was irgendwie nach Fortschritt aussah. Er hatte daher natürlich keine Zeit zu überlegen, wohin der Fortschritt führte. Da er konsequent fortschrittlich war, passte das Nachdenken auch gar nicht in sein Konzept. Es war einfach zu altmodisch. Wenn die Umwelt zum Beispiel vor die Hunde ging, dann war nicht der Fortschritt schuld, sondern der mangelnde Fortschritt, denn es ließ sich sicher eine Lösung finden, wie der Fortschritt für alles eine Lösung finden würde, wenn man nur schnell und lange genug fortschritt.
Auch in Sachen der Religion wollte Alfa, der Fortschrittliche, nicht beim Alten bleiben.
Das Alte Testament hatte er weit hinter sich gelassen, das, das ja den siebenten Tag als Ruhetag bestimmte und das von einer Verantwortung für Natur und Menschen sprach. Er kam zum Neuen, verließ es aber bald wieder und schritt immer weiter fort, von dem New Age zur Esoterik und dann zu dem, was dann folgte.
Alfa der Fortschrittliche, schritt so weit fort, dass er zuletzt selbst nicht mehr nachkam, bis sein Körper hinterherhinkte, weil sein fortschrittlicher Geist schneller war.
So gab er schließlich seinen Körper auf, um noch schneller fortschreiten zu können.
Endlich war er so weit fortgeschritten, dass er selbst nicht mehr wusste, wo er war. Aber das war ihm auch gleichgültig. Nur der Fortschritt zählte.
Irgendwo wird sein fortschrittlicher Geist wohl sein, die anderen kommen sicher in ein paar Jahrhunderten dahin, nur dann ist er schon viel, viel weiter
Hat unsere Regierung gesagt
Waldsterben gibt es nicht, hat unsere Regierung gesagt.
Eine Regierung hat natürlich immer Recht, besonders unsere, die so viel Informationen hat.
Schließlich gibt es Waldschadensberichte, die jährlich bekannt gegeben werden, mit den nötigen Interpretationen, versteht sich.
Die Berichte sprechen davon, dass der Wald nur zu fünfzig Prozent krank sei, dass die Steigerung der Anfälligkeit bestimmter Bäume prozentual nachließ und dass ein trockener Sommer ebenfalls immer schon kranken Bäumen geschadet hätte, wie ein zu feuchter, bei dem die natürliche Säure der Luft herabregnet, die sonst anderweitig auch auf die Erde kommen würde.
Kurz, nur das Wetter ist daran schuld, wenn etwas nicht stimmen sollte, was ansonsten eine Erfindung der Opposition ist.
Schließlich gibt es doch Oberförster, eben jene Waldbeamten, die für die Waldschadensberichte zuständig sind und die für die Regierungsmeinung die Grundlagen liefern sollen.
Nun ist der Wald ja auch ein Wirtschaftsfaktor, das versteht jeder.
Bäume müssen abgeholzt werden. Woher soll sonst das ganze Bau- und Möbelholz kommen, wenn nicht aus unseren Wäldern und natürlich aus den Regenregionen, die abgeholzt werden, bevor sie richtig krank werden können.
Und wer will es einem Förster oder dem Besitzer eines Waldes verübeln, wenn er kranke Bäume abholzt, die ohnehin bald sterben werden, damit er Holz verkaufen kann und der Wald wieder gesund aussieht.
Auf diese Weise gibt es viel weniger kranke und fast keine toten Bäume mehr.
Deshalb haben wir ja einen fast gesunden Wald.
Die paar Prozent noch kranker Bäume machen doch nichts aus.
Neuerdings hat unsere Regierung endlich wirksame Schritte gegen die Zerstörung der Wälder unternommen. Sie teilte die Schäden in vier Stufen ein und zählt die unterste nicht mehr mit. Bäume, die nur bis zu einem Viertel ihrer Blätter verloren haben, sind in Zukunft wieder gesund.
Welch ein Fortschritt in der Schadensbekämpfung!
Es ist ungefähr so, als ob ein Mensch, dessen Haut nur bis zu einem Viertel verbrannt ist, als gesund gelten kann.
Und so können wir jetzt unbesorgt leben und weiter Luft und Wasser vergiften.
Unsere Regierung weiß ja, dass alles nur halb so schlimm ist und kein Grund zur Aufregung besteht.
Aber wenn sich eines Tages, vielleicht in einem Jahr oder mehr, die restlichen Bäume weigern sollten, wieder grün zu werden, beziehungsweise ihre Nadeln zu behalten, gibt es sicher genug verschiedene Meinungen über die Ursache, so dass jede Regierung sagen kann:
„Wenn sich die Wissenschaftler nicht einig sind, was hätten wir dann tun können? Die Materie ist eben ungeheuer kompliziert. Man kann sie nicht vereinfachen. Wir haben keine Veranlassung, uns schuldig zu fühlen."
Vielleicht sieht sich eine Regierung irgendwann einmal veranlasst, einen Menschenschadensbericht herauszugeben, in dem man lesen kann, nachdem nun die Bäume tot sind, wie es um die Gesundheit der Bevölkerung bestellt ist. Ich schlage vor, man verfährt dann so, wie man es heute mit den Wäldern macht: Tote werden nicht mitgezählt und Kranke, na ja, ...
Sie wissen schon.
Darum ist unser Wald ja noch so gesund.
Übrigens, warum gibt es kein Gesetz, das einfach verbietet, darüber nachzudenken oder das wenigstens unter Strafe stellt, darüber zu reden?
Wäre doch viel einfacher, oder nicht?
Und niemand müsste beunruhigt sein.
Antiviren
Als Dr. Meyer im Labor 7 den Virus gegen den Virus der Dummheit entdeckt hatte, schien ein großes Kapitel der Menschheitsgeschichte angebrochen zu sein.
Alte Forschungen hatten schon lange darauf hingewiesen, dass an der menschlichen Dummheit ein Virus schuld sei, der sich in der gesamten Weltbevölkerung ausgebreitet habe.
Das war an sich nicht schlimm, denn wenn alle gleich dumm sind, fällt es kaum auf, dass es Dumme gibt.
Auffallen musste es nur dort, wo einige behaupteten, klüger als andere zu sein, um ihnen dann vorzuschreiben, was gut und richtig war und was nicht.
In erster Linie waren hiervon Eltern und Lehrer betroffen, aber daran haben sich ja alle Kinder seit Jahrtausenden gewöhnt.
Vor allem waren es aber Politiker, denen bis heute nicht bewusst ist, dass sie von diesem Virus befallen sind, während die anderen es hin und wieder einsehen.
Also, als Dr. Meyer den Virus gegen die Dummheit, kurz, den „Gedu-Virus" (Abk. von: gegen die Dummheit), entdeckt hatte, schien der Weg für einen ungeahnten Fortschritt der Menschheit gegeben zu sein.
Die Regierung unseres Landes ließ sich nach umfangreichen Rattenversuchen und den Fürsprachen der Industrielobby überzeugen, dass eine größere Anzahl Testpersonen zur Verfügung gestellt werden müsste.
Natürlich war kein Regierungsmitglied dabei und auch keiner der Abgeordneten, weil das Ergebnis und die Nebenwirkungen unerforscht waren, trotz der Tierversuche.
So gebot es sich, dass nur solche Freiwillige gesucht wurden, die ohnehin nichts zu verlieren hatten, zum Beispiel Sozialhilfeempfänger, Dauerarbeitslose und Studenten.
Die Wirkung war frappierend.
Die Teilnehmer der Versuchsgruppe erkannten auf Anhieb, welche Ausreden Behörden und Politiker hatten, ihnen Hilfe und Arbeit, beziehungsweise eine brauchbare Ausbildung zu verweigern.
Sie durchschauten die hohlen Phrasen, hatten konstruktive Vorschläge, die sich leicht verwirklichen ließen und brachten die Selbstsicherheit der staatlichen Stellen völlig durcheinander.
Die Angestellten der Behörden reagierten verunsichert, weil sie ja nicht mit dem Gedu-Virus in Berührung gekommen waren, und wollten bzw. konnten deshalb nicht einsehen, dass die Vorschläge der anderen durchaus vernünftig waren.
Die Berichte an die Regierungskommissionen waren dann auch entsprechend.
Dennoch entschloss sich ein hoher Beamter, gegen alle Vernunft, den Gedu-Virus einer größeren Bevölkerungsschicht zukommen zu lassen.
Er ließ Viren dem Trinkwasser beimischen, was natürlich äußerst gefährlich und ein Zeichen von großer Dummheit war, wie sich schnell zeigte.
Denn nun erkannte die infizierte Bevölkerung, wie dumm sie vorher gewesen war.
Der Intelligenzquotient stieg, die Einsicht, dass allen geholfen werden müsse, auch und ebenfalls die Erkenntnis, dass die, die dies verhindern würden, nicht wert waren, ein Volk zu regieren.
Natürlich durchschauten die Infizierten, dass manche Regierungsmaßnahme nur dazu diente, beim nächsten Mal wieder gewählt zu werden. Sie durchschauten so manches, was faul war und was ich hier nicht aufzeichnen kann, weil ich nicht zu dieser Gruppe gehöre.
Die Infizierten wandten sich an die Öffentlichkeit und sogar an die Politiker, was sie lieber hätten bleiben lassen sollen.
Denn diese erkannten nun die Gefährlichkeit des Virus: er machte aufmümpfig, kritisch, förderte die eigene Meinung und ließ den obrigkeitlichen Thron wackeln.
So kam es, dass im Labor 7 alle Kulturen und Unterlagen über den Gedu-Virus vernichtet und Antiviren entwickelt wurden, die den alten Zustand wieder herstellen sollten.
Dies scheint gelungen zu sein.
Die Dummheit der Menschheit gibt es immer noch.
Und die meisten Menschen bemerken das nicht einmal.
Der Mann, der dagegen war
Es gibt Männer, die immer dafür sind und bei jeder Gelegenheit „Ja und Amen" sagen, manche aber sagen nur „Ja".
Er gehörte zu denen, die immer dagegen waren, einmal aus Prinzip gegen jede Rechthaberei anderer und dann aus Mitleid mit denen, die von den Ja-Sagern zertreten wurden.
Das war schon als Kind so.
Er sagte „Nein", wenn sich die ganze Grundschulklasse in Reih und Glied aufstellen musste.
Er sagte „Nein", wenn er einen schwarzen Konfirmationsanzug tragen sollte, wie jeder andere auch.
Er sagte „Nein", als es wieder um die Aufrüstung ging, weil er grundsätzlich dagegen war.
Dann bat man ihn, in eine politische Partei einzutreten, weil er gute Ideen hatte, die nicht mit denen des Bürgermeisters und der herrschenden Meinung übereinstimmte.
Zuerst war er in der kleinen Oppositionspartei seines Ortes und baute sie zu einer großen Oppositionspartei aus, doch nicht so groß, dass er selbst Bürgermeister werden musste.
Danach holte man ihn in das Kreisparlament und darauf in das Landesparlament, wo er zündende Reden gegen alles hielt, was die Regierung tat.
Seine Beredsamkeit wurde von den eigenen Parteimitgliedern bewundert und von seinen Gegnern gefürchtet. Sein Ideenreichtum war unergründlich, und seiner Logik wusste kaum jemand etwas entgegenzusetzen.
Er war gegen die Arbeitslosigkeit und die unzureichenden Maßnahmen der Regierung. Er war gegen die Umweltzerstörung, gegen die Industrialisierung der wirtschaftlich unterentwickelten Gegenden.
Er war gegen die Arbeitszeitverkürzung und gegen die Arbeitszeitverlängerung, gegen die Gesundheitsreform und gegen die steigenden Krankenkassenkosten, gegen starre Strukturen und gegen jede Änderung.
Es gab schließlich nichts, gegen das er nicht war.
Auch sein Privatleben zeichnete sich durch ein striktes „Nein" aus.
Natürlich war er nicht verheiratet, denn dann hätte er wenigstens vor dem Standesbeamten „ja" sagen müssen.
Er hatte keinen Videorekorder, keinen dritten Fernseher, keinen Zweitwagen und keinen Computer, dafür aber seinen Blinddarm, weil er gegen eine Operation gewesen war und auch „Nein" gesagt hatte, als der Sensenmann bei ihm anklopfte.
Er war der Nein-Sager schlechthin.
Wenn man seine Zustimmung haben wollte, dann gelang das nur, wenn man genau das Gegenteil von dem forderte, was man wollte, so konsequent war er.
Als man ihn in die Bundesleitung seiner Partei holte, gelang das nur, weil der Oppositionsführer ihn fragte: „Du willst doch sicher nicht auf der Landesebene bleiben?" Und als er „Nein" sagte, bedankte man sich, und er zog nach Berlin.
Hier zerfetzte er mit seinen Reden zuerst den Wirtschaftminister, dann die anderen Ja-Sager und zuletzt den Bundeskanzler.
Nur dem Finanzminister war er nicht gewachsen, weil dieser bei den meisten Dingen auch „Nein" sagte.
Sein Ruhm stieg ins Ungemessene und seine Partei stellte ihn in die vorderste Reihe.
Er sagte zwar wieder „Nein", aber diesmal hatte man ihn gefragt, ob er einen Posten unterhalb eines Ministers bekleiden wolle, wenn denn die Opposition die Regierung übernehmen würde.
Und dann kam die Wahl.
Die Partei mit den „Nein-Sager" wurde auf Grund seiner Beredsamkeit und seines Engagements gegen die Regierungspartei gewählt.
Man jubelte ihm zu.
Nun war er der, der mitbestimmen musste.
Als er am Wahlabend gefragt wurde, ob er das Programm seiner Partei als Minister durchsetzten wollte, war seine Antwort: „Wo denken Sie hin. Ich bin dagegen!"
Das erregte Verwunderung bei einigen Parteigenossen, ein anderer Teil dachte:
„Endlich weht auch bei uns ein frischer Wind."
Nur als man ihm dennoch die Ernennungsurkunde zum Minister überreichte, sagte er laut und deutlich: „Nein! Ich bin dagegen!"
Keine Partei kann von der Negation leben, besonders dann nicht, wenn sie regieren will.
So musste man ihm schließlich nahe legen, zu gehen.
Zu fragen, ob er nicht seinen Posten als Parteifunktionär zur Verfügung stellen wollte, wäre vergeblich gewesen. Er hätte niemals „Ja" gesagt.
So konnte man ihn nur fragen, ob er denn ständig in Berlin wohnen und dem Ansehen der Partei schaden wolle.
Er sagte „Nein" und verabschiedete sich, denn er war ein Mann strenger Grundsätze:
Er war ein überzeugter Nein-Sager.
Demnächst wird er der ehemaligen Regierungspartei beitreten, die jetzt in der Opposition ist, um in dieser Opposition wieder sinnvoll dagegen sein zu können.
Die Kirchenmaus
Ihre Karriere begann, als sie mit drei Jahren im Sandkasten eine rostige Schraube fand.
„Schau mal", Mutti, rief sie. „Ein alter Ritterzwerg, nur etwas dreckig!"
Sie war nicht davon abzubringen, dass sie einen Zwerg in Ritterrüstung gefunden hatte.
Später sammelte sie alles, was irgendwie alt war, aus der Erde kam und aus Metall oder Knochen bestand.
Mit zehn Jahren besaß sie eine ansehnliche Sammlung rostiger Nägel, einige Hühnerknochen und drei Tonscherben, von denen sie behauptete, dass sie nur von Gefäßen von Adam und Eva stammen könnten.
Mit vierzehn schwärmte sie von dem Direktor des vorgeschichtlichen Museums, der fast wie eine Mumie aussah, und alle dachten, dass sie später ihren Mann irgendwo ausgraben würde.
Natürlich studierte sie Kunstgeschichte und Archäologie und machte ihren Doktor über Grabbeigaben aus der Steinzeit.
Nur ihr Mann passte nicht in ihre Linie: Er war jung, schlank und reich und hatte als Fabrikant für Nägel - für neue Nägel - nichts mit Grabbeigaben oder Altertümern zu tun.
Als ich sie nach Jahren wiedersah, sprühte sie vor Tatendrang.
„Denk mal", sagte sie, „in unserer Dorfkirche soll eine neue Heizung eingebaut werden. Was meinst du wohl, was wir finden werden? Bestimmt Knochen von dem Gründer oder von dem ersten Kaplan."
„Oder von dem Ritter, der hier lebte. Ein Ritter, eingelegt in Rost ..."
„O, ja, prima, daran habe ich ja noch gar nicht gedacht."
Als der Bautrupp im Januar anrückte, um die Gräben für die Heizungsrohre auszuheben, stand sie schon in der Kirche.
Von früh bis spät war sie dabei, und nach Feierabend bearbeitete sie den ausgehobenen Sand mit einem Teesieb.
Sie hätte am liebsten ihr Bett neben die Baugrube gestellt.
Am fünften Tag stießen die Bauarbeiter auf ein paar Knochen.
Sie schrie auf: „Halt, anhalten, da liegt doch einer!"
Der Mann mit der Schaufel fuhr vor Schreck zusammen. Er sah eben nur ein paar Knochen.
Aber sie schob die Arbeiter beiseite.
„Sehen Sie denn nicht? Da liegt der Gründer dieser Kirche oder sogar ein Ritter. Genau an dieser Stelle musste er ja liegen! Den können Sie doch nicht so behandeln!"
„Öh - nöh", sagte der Mann. „Wenn Sie meinen?" Er schüttelte den Kopf. „Die mit ihrem Teesieb!"
Sie beugte sich zu den Knochen, ganz liebevoll und vorsichtig, wie zu einem Baby. Sie gehörten zu einer Hand.
Sorgfältig entfernte sie von ihr den Sand, so, als ob sie sie streichelte.
Noch am Abend informierte sie die Denkmalsbehörde, aber da man dort genug zu tun hatte und die Sache nicht sehr wichtig nahm, bat man sie, schließlich war sie ja promovierte Archäologin, den „Fall" weiter zu verfolgen.
Und sie verfolgte ihren „Fall":
Zunächst legte sie die Baustelle still.
Die Kirchengemeinde zog mit ihren Gottesdiensten in das Gemeindehaus.
Dann wurden die Knochen mit dem Teelöffel freigelegt.
Dauer zwei Wochen.
Nun wurden die Überreste fotografiert, gezeichnet, nummeriert und in Seidenpapier für die Umbettung oder das Museum gewickelt.
Das dauerte noch einmal zwei Wochen.
Als diese Zeit herum war, wurden die Bauarbeiter wieder geholt. Sie rückten nach vierzehn Tagen an.
Aber sie fanden noch am selben Tag neue Knochen, größere und stärkere.
„Hier liegt noch so ein Kerl", sagte der Mann mit der Schaufel.
„Quatsch", antwortete sie. Sie hatte jeden Spatenstich aufmerksam und argwöhnisch verfolgt.
„Das sieht eher aus wie ein Pferdeknochen."
„Sein Frühstück", murmelte einer der Bauarbeiter.
Sie legte ein Pferd bloß.
Es dauerte nur fünf Wochen.
Der gesamte Plattenbelag des Chorraumes musste aufgenommen werden.
„Hat man den Kaplan früher mit seinem Pferd begraben oder das Pferd mit dem Kaplan?", fragte ich sie.
„Das kommt darauf an", war die diplomati-sche Antwort.
Als nächstes grub sie einen Ring und dann einen Becher aus.
„Er war also verheiratet und Alkoholiker", kommentierte ich ihre Funde.
„Unsinn!" entgegnete sie. „Das könnte ein Bischofsring gewesen sein und ein Abendmahlskelch."
Sie buddelte weiter.
Inzwischen war es Sommer geworden.
Und dann fand sie eine Kette, eine einfache Kette aus Eisen, jedenfalls die Überreste.
„Verflixt", sagte sie, „doch kein Bischof! Und ich dachte, ich fände hier einen echten Heiligen."
„Ja", meinte ich, „einen Säufer."
Was sie aber am meisten erboste, war, dass sie auch die Überreste einer Maus fand, einer ganz gewöhnlichen Kirchenmaus. Sie musste sich dort vor ein paar hundert Jahren ihr Nest gebaut haben und war dann gestorben. Wahrscheinlich, weil sie den Gesang der Gemeinde nicht ertragen hatte - oder die Predigten.
Später stellte sich heraus, dass es sich „nur" um einen Bauern gehandelt hatte, der zudem gar nicht besonders alt gewesen war, nur ein paar Jahrhunderte.
Gut, dass sie nicht weiß, dass mein Garten da liegt, wo früher wahrscheinlich die Kapelle unserer längst verfallenen Ritterburg stand. Sie würde unweigerlich meine Spargelbeete umgraben.
Die Wühlmäuse hätten dann bestimmt nichts mehr zu melden.
Der Camper
„Ich bin Camper, versteht sich.
Schon als Kind habe ich gern im Zelt geschlafen.
Später bin ich viel getrampt und mit dem Fahrrad unterwegs gewesen.
Ziemlich primitiv, die damaligen Verhältnisse, darum habe ich eine Zeit lang gedacht, das Campen ist etwas für Minderbemittelte.
Prost.
Jetzt bin ich aber Supercamper.
Unsere Industrie hat das möglich gemacht, auch bei mir und hat meinem Gesin- nungswandel bewirkt.
Zuerst bin ich mit einem kleinen Wohnwagen losgezogen.
War schön, so was, mit Angeln in kleinen Bächen und Grillen mit gefundenen Stöcken. Romantisch, sach ich dir.
Dann kam ein Gasgrill, war viel bequemer, braucht nicht immer Holz suchen, kannst dein Bier viel eher trinken.
Prost, ach, schon wieder ne leere Buddel.
Als die Kinder kamen, ham wir ´nen größeren Wohnwagen gekauft, mit zwei Achsen, Kinderzimmer, Bad und so. Musste auch ´nen größeren Wagen zum Ziehen haben. Will ja nich protzen, aber son Gespann wie ich habe, findste selten, woll.
Musst ja was investieren.
Zuerst immer rum, Deutschland, ne, DDR nich, da hattn se nich mein Bier, woll.
Aber Frankreich, Mittelmeer, Türkei, Ägypten, bei die Pyramiden.
Musste bloß Bier mitnehmen.
Junge, Junge, trockene Luft ist das da, kann ich dir sagen.
Mann, nun trink doch schon. Oder machste mein Bier nich? Hick.
Mir schmeckt dat.
Also, wo warn wa ma stehengebieben, woll?
Nee, immer kannste das auch nicht machen.
Wennste Profikamper bist, dann musste auch 'nen Platz haben, sonne feste Parzelle, weißte, hicks, is fast ne richtige Heimat, woll?
Also, wenn ich an meine erste Parzelle denk, dann bekomm ich fast Heimweh.
Plumpsklo hinterm Busch.
Mann, nun trink doch schon!
Weißte, manche Leute haben son Zweithaus, mit Diener un so. Is niks für mich, woll.
Nee, soviel Kneete hab ich auch nich.
Prost.
Aber genuch zum Trinken.
War ziemlich primi, primitief.
Aber dann, als die Blagen groß wurden, da hab ich mit meine Elfriede ein Wohnmobil gekauft, son richtigen Schlitten.
Steht da unten am See.
Wat sachst du?
Du hättest da lieber einen Wohnwagen hingestellt?
Ja, Junge, du. Aber denk mal, man könnte doch mit son Mobil wieder verreisen.
Irgendwie die Katze außem Sack lassen.
Na, ja, erst mal prost.
Wenn ich an die Hecke denke, die um unsre Parzelle steht, da kommste nich mehr raus, ohne 'n großes Loch zu schneiden.
Und die Edeltanne, is schon die dritte, wär doch schade drum.
Und überhaupt, was mach ich mit meine Gartenzwerge, woll?
Ne, ne, reisen ist nich mehr.
Aber haste recht. Hicks.
Vielleicht solltste doch wieder 'nen Wohnwagen hinstellen.
Schade bloß, um die schönen Aufkleber vonne Türkei und die Pyramiden un so.
Nee, ich weiß nich.
Emil, bring doch noch mal 'nen Kasten!"
Äh
Es gibt Leute, die sammeln Telefonkarten, Freundinnen oder das Schweigen zwischen den Wörtern.
Ich sammle „Ähs".
Sie werden nicht glauben, welche fantastische Welt Ihnen da entgegenkommt.
Kürzlich nahm ich an einer Sitzung teil, bei der viele Männer und Frauen sehr sachkundig redeten. Diese Gelegenheit erwies sich als eine wahre Fundgrube für meine geliebten Ähs.
Der Nachmittag begann mit dem kräftigen Äh des Herrn Vorsitzenden, bevor er die Versammlung begrüßte, und in den folgenden zwei Stunden konnte ich die ganze Skala dieses anscheinend wichtigsten Wortes der deutschen Sprache vernehmen:
Eben von dem kräftigen und lauten Äh am Anfang und dem fast ebenso kräftigen der anderen Herren, die von sich und dem, was sie sagten, sehr überzeugt waren, bis zu dem gehauchten, fast stummen Äh einer Frau, die bescheiden und grau gekleidet in der Ecke saß.
Dann hörte man Ähs, die in ihrer Lautstärke das Gesagte übertrafen, so, als ob die anderen Worte nur einen Rahmen für die Ähs abgeben sollten.
Umgekehrt gab es Ähs, die weit unter der Bedeutung der sonstigen Worte lagen, sich aber stets als unentbehrlich erwiesen haben, sozusagen als kleine Verziehrungen.
Einer der Anwesenden beherrschte die Kunst, seine Ähs in einem gleichmäßigen lautstarken Ton über seine ganze Rede zu verteilen. Jedes Äh war genau in Länge, Tonhöhe und Stärke abgestimmt, so, als stammte es aus dem Katalog von Neckermann. Diese Ähs passten zu seiner Gestalt: er sah aus, als ob er aus eben diesem Katalog entstammte.
Andere dagegen zeichneten sich durch eine große Erscheinungsbreite ihrer Ähs aus: die Tonhöhen, die Längen, die Lautstärken variierten wie die Farben auf dem Bild eines Expressionisten.
Einer der Anwesenden war ein Schnellredner. Seine Worte benutzen die Ähs, oft zwei oder drei hintereinander, um eilig herauszusprudeln und doch zu einem Ziel, nämlich möglichst zum Satzende zu gelangen.
Sie sollten selbst einmal auf die Ähs achten, wenn sie Ihnen unter der Fülle der täglichen Wörter begegnen.
Interessant ist auch, aus welchen Bereichen des Körpers diese Ähs kommen. Bei einem werden sie tief in der Brust geboren, fast röhrend erblicken sie das Licht der Welt. Andere formen sich in der Kehle und bei wieder anderen scheinen sie oberhalb der Nase zu entstehen, leicht und hoch im Ton, so, als flögen sie davon.
Schauen Sie auch auf die Häufigkeit, mit der die Ähs zwischen den Worten oder sogar am Anfang eines Wortschwalls ihren Platz haben.
Bei einem der Anwesenden folgten sie regelmäßig allen drei, seltener aber nach vier Worten, so, als müsste der Mann sich während des Redens überlegen, was er eigentlich sagen wollte.
Nun, Nachdenken hat ja noch keinem geschadet.
Bei manchen kommt unser Äh nur einmal pro Satz vor; das sind die weniger gebildeten Äh-Sager, die einen erheblichen Mangel an diesem so wichtigen Worte offenbaren.
Und wo befinden sich die Haupt-Ähs? Der eine verwendet es fordernd ganz am Anfang, dann eine lange Pause, und dann erst folgen die mehr oder meist weniger wichtigen Worte. Andere placieren es in der Mitte oder selten am Schluss der Rede, so, wie ein Amen.
Auffallend ist jedoch, dass bei Männern dieses Wort beliebter ist als bei Frauen. Nur Frauen, die sich durch angeblich männliche Eigenschaften auszeichnen: Managementfähigkeiten und Durchsetzungsvermögen zum Beispiel, auch, wenn sie mit vielen Worten wenig zu sagen haben, zeigen einen ähnlich hohen Äh-Verbrauch wie die Männer.
Interessant wäre sicher eine Untersuchung, welche Berufsgruppen das Äh am meisten gebrauchen. Im kirchlichen Bereich scheint es jedenfalls eines der beliebtesten Wörter zu sein.
Bei Politikern hatte ich bisher leider zu wenig Gelegenheit, meine Äh-Studien am lebenden Objekt zu betreiben.
Neben den Ähs gibt es eine Reihe von Varianten: Das lange Ähhh, das Ähem, das Hmnäh oder das Hm, das Ähnäh oder auch Emnöh und das Mäh, das fast wie bei einem Schaf klingt. Im Moment versuche ich, ein Äh-Meter zu konstruieren. Dieses Gerät hat die Aufgabe, mittels eines kleinen Computers den Äh-Prozentgehalt zu messen und mit der Lautstärke der Ähs zu multiplizieren.
Auf diese Weise kann ich den größten Äh-Liebhaber feststellen und ihn für das Guiness-Buch der Rekorde vorschlagen.