Siehst du…

 

Christian B. Hell

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Familie

und

einige meiner besten Freunde, die dafür vielleicht einen Sinn haben.

 

 

 


Statt eines langen Vorwortes oder vieler Entschuldigungen:

 

   

Ich habe erst seit kurzer Zeit entdeckt,

wie unser Leben voller Poesie,

voll Wehmut und voll schöner Augenblicke

und dabei vollgestopft mit Phantasie.

 

Mir scheint, als ob ich ganz neu sähe,

was um mich ist und was in mir.

Einst war ich blind, jetzt stell ich neue Fragen

und stelle sie, mein Freund, auch dir.

 

Wenn dir das unbequem, was ich geschrieben,

steck´s in den Ofen, leg es in die Glut.

Doch hoffe ich, dass unter meinen Freunden

gar mancher ist, der dies nicht tut.



Statt eines Vorwortes

Inhalt

In dieser Jahreszeit

1   Herbst.

2    Regenlied  I

3    Regenlied II

4    Rezept Roggenwein

5    Novemberende

6    Advent

7    Der dicke Spatz

8    Weihnachtslied

9     Der Schnee

10   Winter

11   Zum neuen Jahr

12   O Frühling, komm

Phantasie und Wirklichkeit

13   Phantasie

14   Der Dieb

15   Die Wanderpralinen

16   Die Stühle

17   Baddelbaddelbaddeldu

18   Der erste große Schock meines Lebens

19   Wie der Schokoladenkringel zu uns kam

20   Bei Tante Amalie

21   Die Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe

22   Jan und die grünen Brötchen.

Siehst du

23   Siehst du?

24   Flötentöne

25   Flötentöne - Variation

26   Der Pianist - Knüttelverse

27   Die Botschaft des Meisters

28   Tina

29   Für meine Frau

30   Samstagnachmittag

31   Zum Geburtstag

32   Meine Mutter

33   Bauernschicksal

34   In der Dorfkneipe

35   Berlin

Für Mignon

36   Zivilisation

37   Kinderschmerz

38   Komm mit aufs Land

39   Mignons Lied - heute

40   Vision

41   Was wir tun können.

Dein kleiner Blumenstrauß

42   Wenn du einsam bist.

43   Du meine letzte Rose

44   Dein kleiner Blumenstrauß

45   Wind

46   Fromme Wünsche

47   Eine Wolke

48   Manchmal I

49   Manchmal II

Antworten

50   Selbsteinsicht

51   Hände

52   Paraphrase zum 23. Psalm

53   Fragezeichen

54   Zum Schluss


dieser Jahreszeit

 

 

1

 

Herbst

 

Welch großer Künstler ist doch unser Herbst bei Sonne!

Tief taucht er seinen Pinsel in den Farbtopf ein

und überzieht die ganze Welt zu unsrer Wonne

mit einem warmen rot-braun-goldnen Schein.

 

Den Äpfeln malt er ihren roten Bauch im Nu

ein jedes Buchenblatt bekommt den goldnen Hauch.

Die Chrysanthemen blüh´n im Garten immerzu,

und er vergisst auch nicht den kleinsten Strauch.

 

Die Astern recken ihren blauen Kopf im Beet,

die Hagebutte trägt die roten Früchte stolz,

die Luft am frühen Morgen kühler weht,

ein kleiner Spatz sitzt hinten auf dem Holz.

 

Es ist so still, so friedlich in der Welt am Morgen.

Da, eine Spinne in dem Netz im Morgentau.

Ich möcht mir etwas von der Kunst des Herbstes borgen,

doch er malt schöner, das weiß ich genau.   

 

 

 

2

 

Regenlied  I 

 

Der Regen rinnt,

die Blätter triefen,

der Baum lässt seine schweren Zweige hängen,

wie Arme ohne Mut.

 

Der Regen rinnt.

Und doch -

am nächsten Tage scheint die Sonne,

und alles, alles wird jetzt wieder gut.

 

 

 

 

  

3

 

Regenlied II

 

Der Regen rinnt.

Ich fühle mich geborgen

in meinem Mantel, meinem Hut.

Die Gummistiefel patschen

durch die Pfützen.

Es regnet,

und das ist so gut.

 

Der Regen rinnt,

die dunklen Dächer triefen.

Die Menschen bleiben alle gern zu Haus.

Die allermeisten Nasen schniefen,

gar mancher zieht die Nase kraus.

 

Der Regen rinnt.

Ich liebe diesen Regen.

Er hüllt mich ein und alle, die allein.

Er kommt von oben,

und er ist ein Segen.

Und hinterher trink ich den Roggenwein.


 

 

 

4

 

Rezept Roggenwein

 

Man nehme einen großen Einkochtopf und fülle ihn mit fünfzehn Litern Leitungswasser, die handwarm sein sollten. Dann schütte man vier Pfund Roggen­körner hinein, die man in Reformhäusern oder Bio­läden bekommt. Dazu werden neun Pfund Zucker hinein gerührt und ein Würfel Backhefe, der vorher schon aufgelöst sein kann

Täglich sollte man einmal umrühren, damit der Zucker sich gut löst. Etwaiger Schaum kann abge­nommen werden.

Nach zehn Tagen wird ein Pfund Zucker karame­lliert und dazu gerührt. Man karamelliert ihn am be­sten in einer Bratpfanne und schüttet die heiße Masse in kochendes Wasser, das so lange weiter ­kocht, bis sich alles aufgelöst hat.

Nach dem Abkühlen wird diese Flüssigkeit in den Einkochkessel gegossen.

Jetzt sollte man vier Tage lang täglich einmal um­rühren.

 

Die ersten vierzehn Tage sind herum. Man kann das Gefäß auch länger stehen lassen.

Jetzt die Flüssigkeit in einen Gärbehälter umfüllen. Die Roggenkörner kommen auf den Komposthau­fen.

Der Gärbehälter, den man in Drogerien bekommen kann, sollte fünfzehn Liter fassen.

Er wird mit einer Gummikappe und mit einem Gär­röhrchen verschlossen und im Keller, im Schlaf­zimmer oder wo auch immer, drei Wochen stehen­ gelassen.

Danach wird er umgefüllt und zwar so, dass der Bodensatz zurückbleibt. Dazu nimmt man entwe­der einen zweiten Gärbehälter oder zwei Eimer, aus denen man nach der Reinigung den alten Gär­behälter füllt. Das Umfüllen gelingt am besten mit einem Schlauch, den man ansaugt.

Der Roggenwein muss drei bis viermal je drei Wo­chen in dem Gärbehälter ruhen, bis er in die Flaschen (Mineralwasserflaschen mit Schraubverschluss) gefüllt werden kann.

Je länger der Wein liegt, desto runder wird er.

 

Der Roggenwein dürfte rund 17% Alkohol haben und schmeckt wie eine Mischung aus Portwein und Sherry.

Da, denn Prost!

 


 

Novemberende

 

Die Bäume stehen nackt und kahl,

verlieren ihre Blätter.

Die Vögel ziehen ohne Zahl

gen Süden bei dem Wetter.

Die Mütter suchen langsam aus

dem Schrank die dicken Socken.

Vater macht winterfest das Haus

und sagt: Bald schneit es Flocken.

 

Und langsam breitet Plätzchenduft

sich aus vom Dach bis Keller.

Draußen herrscht kalte Winterluft,

die Sterne scheinen heller.

 

Der erst´ Advent steht vor der Tür,

bald brennen rote Kerzen.

Dann kommt auch schon der Nikolaus,

und uns wird´s warm im Herzen.

 

 

 

6

 

Advent

 

So gehen unsre Tage hin:

mit Freude und mit Kummer.

Und mancher Mensch ist, der da weint

sich abends in den Schlummer.

 

Du Licht, scheinst in der Dunkelheit,

die unser Herz umhüllt.

Ein Schimmer nur, doch gilt sein Wort,

das sich an uns erfüllt.

 

Er spricht zu mir: "Fürchte dich nicht!

Ich will dir Freude geben.

Das Dunkel wird nicht immer sein,

der Lichtschein bringt das Leben.

 

Mein Licht scheint in der Finsternis,

Warte nur kurze Zeit,

dann wird es heller sein in dir.

Es ist jetzt nicht mehr weit.

 

Denn ich verschenke diese drei:

den Glauben, Hoffnung, Liebe.

Sie sind für dich, dass Dunkelheit

bei dir nicht weiter bliebe."

 

Du Licht, scheinst in der Dunkelheit,

bald soll es Morgen werden.

Dann wird nur Freude sein und Glück

bei Menschen hier auf Erden.

 

 

 

 

 

7

 

Der dicke Spatz

 

Auf unserm Dache flucht und schreit

und schimpft ein dicker Spatz,

denn in dem Garten schleicht umher

des Nachbarn schwarze Katz.

 

Der dicke Spatz, er säß´ so gern

im Vogelfutterhaus,

doch Nachbars Katze trieb ihn da

wohl ziemlich schnell heraus.

 

Sie möchte ihn ja gar zu gern

als Mittagsbrot verzehr´n.

Doch unser Spatz, der will das nicht,

darum kann ich ihn hör´n.

 

Auf unserm Dache sitzt der Spatz

und rührt sich nicht vom Fleck.

Er denkt, vielleicht geht

endlich doch

das Katzenvieh mal weg.


 

 

 

 

8

 

Weihnachtslied

 

In einer Nacht in Bethlehem,

da ist ein Kind geboren

Gott wurde Mensch, sonst wären wir

wohl alle schon erfroren.

 

In jener Nacht in Bethlehem

Maria stillt ihr Kind.

Und mancher Nachbar steht dabei,

und er bleibt dennoch blind.

 

In dieser Nacht in Bethlehem,

da sind die Hirten hier.

Sie beten ja das Baby an:

"Mein Gott, du kommst zu mir."

 

Seit damals bist Du unter uns,

in unsrer armen Welt.

Du willst selbst in mein Herz einzieh´n,

weil es dir so gefällt.

 

Du sagst: "Du bist nie mehr allein,

seit ich auf Erden kam.

Und meine Liebe schenk ich dir,

nimm sie nur völlig an."

 

In jener Nacht in Bethlehem,

da fing dies Wunder an

und dauert weiter fort und fort,

für Kind und Frau und Mann.

                             

9

 

Der Schnee

 

Der Schnee hüllt unsre Welt ganz ein,

er fällt bei Nacht und Tag,

und dabei friert es Stein und Bein.

Es ist schon eine Plag.

 

Der Schnee liegt auf der ganzen Welt,

auf Straßen und auf Bäumen.

Auch wenn es mir noch so missfällt,

ich muss den Gehweg räumen.

 

Der Schnee dämpft allen lauten Lärm,

macht sogar Autos leise;

ich hör dabei von Herzen gern

manch liebe Winterweise.

 

Der Schnee verdeckt, was dunkel ist,

macht alles neu und weit.

Auch du, mein Freund, jetzt ruh´ger bist

und nimmst dir viel mehr Zeit.

 

Der Schnee bremst Hetze, du kannst ruh´n.

Mit Schnee kehrt Frieden ein.

Du kehrst zurück und sitzest nun

beim warmen Kerzenschein.

 

 

Der Schnee das Haus anheimelnd macht,

im Herd Bratäpfel schmoren.

Eisblumen wachsen über Nacht,

draußen gibt´s kalte Ohren.

      

                           

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10

 

Winter

 

An meinem Fenster sind ganz heimlich über Nacht

Eisblumen weiß und leuchtend aufgegangen.

Der Winter hat sie gestern mitgebracht.

Ihr Leute, er hat wirklich angefangen.

 

Der Schnee knirscht unter meinen Winterschu­hen.

Ich holt´ die wärmste Jacke schon herbei.

Am liebsten würd´ ich morgens länger ruhen,

doch wer macht meinen Gehweg dann schnee­frei?

 

Der Atem geht wie eine Wolke vor mir her,

die Nase und die Ohren werden kalt.

Die Tiere haben es im Winter schwer

und kommen näher zu uns aus dem Wald.

 

Die Meisen und der Dompfaff kommen jeden Tag,

sie holen sich ihr Futter aus dem Haus.

Und in dem Keller knabbert, welche Plag,

seit kurzem eine winzig kleine Maus.

 

Der erste Schneemann, der schon fast vergessen,

lehnt müde an der Scheunenwand.

Nur seine Nase hat ein Reh gefressen.

S´ist Winter in dem Tecklenburger Land.

 

 

 

 

11

 

Zum neuen Jahr

 

Die Tage eilen und die Stunden,

die Zeit hält ihre Hand auf und sagt: Gib!

Wir geben ihr, was wichtig wir gefunden,

die bittren Tränen und auch, was uns lieb.

 

Die Schuld, die wir auf uns geladen,

die Chancen, die wir haben oft vertan,

sie sollen uns im neuen Jahr nicht schaden.

Er sagt zu dir: Mein Kind, fange neu an.

 

So heilt die fließend Zeit die Wunden,

lässt Knospen sprießen, duftend Blüten treiben.

Die Zukunft wächst, wo früher du zerschunden.

Und Glaube, Hoffnung, Liebe bleiben.

 

Gib hin das Jahr in Gottes Hände

mit allem, was es war und dir gegeben,

und nimm das neue als Versprechen an.

Es ist vom Gott der Liebe

und bringt Leben.


12

 

O Frühling, komm

 

Ich sehne mich nach dir, o Frühling komm.

Nach Todeskälte bringe Leben,

den ersten Blütenhauch, das schüchtern Grün,

lass deinen Atem durch die Lande schweben.

 

Du weckst das Leben auf, o Frühling komm.

Nach langem Schlafe bringst du Sonne.

Du atmest wach, was starr und tot zuvor,

schaffst ersten Grund zum Leben und zur Wonne.

 

Du bringst die Wärme mit, o Frühling komm.

Es ist so eisig in den Welten.

Die Menschen frier´n sich gegenseitig ab.

Wie könnt sich eine Seele nicht erkälten?

 

So komm in unser Herz, o Frühling komm!

Erfülle uns mit Licht und    

Wärme,

dass Menschen wieder

blühen froh und frei,

dass Leben möglich

in der Nah und Ferne.


                

 

Phantasie und Wirklichkeit

 

13

 

Phantasie

 

Stell dich vor mit einer roten Nase

oder Ohren wie ein Osterhase.

Stell dir vor, du wärest lang zwei Meter

oder auf der Alm der Geißenpeter.

 

Stell dir vor, du hättest große Gaben,

könntest dich an deiner Weisheit laben.

Stell dir vor, du wärest nie allein

oder könntest völlig glücklich sein.

 

Stell dir vor, du hättest - was verloren -

Kinderwünsche neu geboren.

Stell dir vor, du hättest diese Phantasie.

Hab doch Mut! Warum tust du das nie?

 


14

 

er Dieb

 

Da ist ein Dieb, der stielt die Zeit

und packt sie ein in Säcke.

Schau nur umher, vielleicht find´st du

solch einen um die Ecke.

 

Er schleppt sie an den finstern Ort.

"Kannst du mir welche geben,

oder ist deine gleichfalls fort?

Das wär´ ein traurig Leben."

 

Denn seit der Dieb mich heimgesucht

bin ich ständig in Eile.

Ich hab den Kerl schon oft verflucht,

schon eine ganze Weile.

 

Vielleicht kauf ich mir neue ein,

schließ sie in den Tresor

und sag: "Mein Freund, komm du zu mir,

wir setzen uns davor."

 

Dann habe ich, soviel ich will,

und niemand soll sie rauben.

Ich gehe sorgsam mit ihr

um,

das magst du mir wohl

glauben.


15

 

Die Wanderpralinen oder eine fast wahre Ge­schichte

 

Ich habe eine Mutter.

Nun, fast  jeder hat eine Mutter, aber diese, von der ich berichte, ist eine besondere Mutter.

Sie ist klein und zierlich und hat wundervolles sil­bernes Haar, das aber ist auch nicht einmalig.

Aber sie ist jetzt schon über achtzig Jahre alt und fuhr bis vor kurzer Zeit mit ihrem Fahrrad kreuz und quer durch Hamburg, wo sie wohnt.

Das ist schon seltener.

Sie sagt jedes Mal, wenn wir uns nach ihrem Ge­sundheitszustand erkundigen: „Was wollt ihr denn? Mir geht es sehr gut“, auch wenn es ihr nicht sehr gut geht und sich andere längst ins Bett gelegt hät­ten.

Sie ist wirklich nicht die gesundeste, obwohl sie mit zweiundsiebzig Jahren noch eine Israelreise machte, wobei ihr am Oberlauf des Jordans einge­fallen ist, dass sie ja Wasser für die Taufe unseres Sohnes mitbringen könnte, und obwohl sie einige Jahre später, als sie in Südafrika ihre Schwester besuchte, sich in der Wüste gründlich verirrt hatte, ist sie eine sehr findige Frau.

Wahrscheinlich hat sie damals nur ihr Lieblings­wort gesagt: „Hoppsassa.“

Wer hat schon so eine Mutter?

Aber das Bemerkenswerteste an ihr ist ihre Be­scheidenheit und Sparsamkeit, wenn es um sie selbst geht und ihre Großzügigkeit, wenn es um Geschenke für andere geht.

Und nur deshalb konnte diese Geschichte, von der ich berichten will, passieren.

Als meine Mutter Geburtstag hatte, der wievielte es war, weiß ich jetzt nicht mehr, denn sie wurde ja wirklich nicht älter, schenkte ihr Bruder ihr eine große Schachtel Pralinen. Sie bedankte sich dafür, und weil sie dachte, damit könnte sie jemandem eine besondere Freude machen, hob sie sie für die­se besondere Gelegenheit auf.

Diese Gelegenheit ergab sich, als sie Weihnachten zu uns kam. Sie überreichte uns die Pralinen und meinte, dass wir sie sicherlich gern äßen, zumal ich so schlecht aussähe.

Nun war ich damals gerade wieder einmal der Meinung, dass ein schlanker Mann viel gesünder lebt, als ein dicker und versuchte deshalb, trotz der Weihnachtstage, abzunehmen.

Meiner Frau ging es damals ebenso, und da es sich um alkoholgefüllte Pralinen handelte, kamen sie auch für unsere Kinder nicht in Frage.

Also legten wir unsere Pralinen zunächst in den Keller.

In der Osterzeit dachten wir wieder an die Prali­nen. Und da mein Bruder Geburtstag hatte und ich gleichzeitig wusste, dass er in Bezug auf Schlank­heit andere Maßstäbe setzte als ich, wickelten wir sie aus dem etwas zerrissenen Weihnachtspapier aus und in Geburtstagsgeschenkpapier ein. So wanderten die Pralinen nach Stuttgart.

Mein Bruder hatte sich über diese Aufmerksamkeit sehr gefreut. Da er aber gerade mehrere Pralinen­kästen bekommen hatte, wickelte er den Kasten zwar aus, legte ihn aber für die nächsten Gäste zurück.

Wenige Tage später kam unsere Mutter, um ihn zu besuchen. Und als sie wieder abfuhr, hatte sie als  Reiseproviant diesen Pralinenkasten in ihrem Ge­päck.

Sie wusste natürlich nicht, welche Reise die Prali­nen schon gemacht hatten, und so dachte sie, wir hätten uns seinerzeit über ihre Pralinen gefreut, und da gerade Muttertag war, könnte meine Frau eine kleine Aufmerksamkeit und zugleich eine Stärkung gut gebrauchen.

So schickte sie die Pralinen mit einer Karte und vielen guten Wünschen nach Broch- terbeck.

Nicht etwa, dass meine Frau das Alter der Pralinen geahnt hätte, es waren aber Pralinen mit Likör, und da sie, konsequent wie immer, seit zwei Wochen auch nicht das kleinste Tröpfchen Alkohol zu sich nahm - außer im Hustensaft - wanderte unser Prali­nenkasten nach Kiel, als wir im Sommer meine Schwester für ein paar Tage besuchten, sozusagen als Blumen, die wir dann aber doch noch im eige­nen Garten gepflückt hatten.

Einige Monate später hatte meine Mutter Geburts­tag, und als ich sie besuchte, um ihr zu gratulieren, sah ich den bewussten Pralinenkasten auf ihrem Geburtstagstisch. Sie zeigt ihn mir stolz.

„Schau, von deiner Schwester. Dieses gute Herz hat wieder an mich gedacht und mir diesen schö­nen Kasten geschenkt.“

Dass sie die Pralinen sicher gut gebrauchen könnte, um sie weiter zu verschenken, daran dachte sie an diesem Tage nicht, zumindest sagte sie davon kein Wort.

Sie aß sie aber auch nicht, sondern legte sie in das Fach, in das sie wohl die Geschenke legte, mit de­nen sie dann anderen eine Freude machen wollte.

Nach einiger Zeit besuchte sie ihren Bruder und brachte statt der Blumen einen wunderschönen Kasten Pralinen mit, einmal, weil sie dachte, ihr Bruder würde sich darüber freuen, und dann  hatte er ja einen Garten mit Blumen. Wozu sollte sie ihm einen Strauß kaufen, wo sie doch ein so schönes Geschenk hatte?

Also landete der Kasten dort, wo er hoffentlich seinen Weg begonnen hatte.

Als wir diesen Onkel besuchten, war meine Fa­stenperiode vorüber, und ich dachte mir, ein paar Pralinen würden mir gut tun. Also durfte ich als erster den Kasten öffnen. Ich begann an der Stelle, die etwas ramponiert aussah, nichtsahnend, was mir blühte.

Unser Sohn hatte nämlich, als der Kasten das erste Mal bei uns war, heimlich eine Praline probiert und statt dessen, weil er dachte, er müsse etwas ande­res dafür hineinlegen, oder weil er nur so gespielt hatte, für Ersatz gesorgt und ein kleines Gummitier eingewickelt und hineingelegt, das später von ihm und der ganzen Familie händeringend gesucht wur­de. Und weil er damals so viele Tränen vergossen hatte und uns rebellisch machte, erinnerte ich mich an eben dieses kleine Tier ganz genau.

Die Pralinen schmeckten etwas eigenartig, aber vielleicht kam mir das nur so vor.

Es machte einige Mühe, den Weg des Pralinenka­stens zu rekonstruieren, einen Weg, auf dem er viele, viele glücklich gemacht hatte.

Kann man das von einer Pralinenschachtel sagen, die gleich aufgegessen wird?

 

 

16

 

Die Stühle

 

Es gab einmal eine Zeit, da waren die Stühle in unserem Wohnzimmer sehr unzufrieden mit sich und der Welt.

„Immer müssen wir herumstehen“, sagten sie.

„Wir müssen uns gefallen lassen, dass die Leute sich auf uns setzen, aber von der weiten Welt be­kommen wir gar nichts zu sehen.“

Und so beschlossen sie eines Tages, ihr Wohn­zimmer, das heißt eigentlich unser Wohnzimmer, zu verlassen und niemals mehr wiederzukommen.

Das Fenster war leicht von innen zu öffnen. Selbst die Stühle schafften das. Und dann gingen sie, schön hintereinander, auf dem Bürgersteig die Burgstraße herunter.

Die Leute, die zur Burg aufsteigen wollten, wun­derten sich sehr, denn wer hat schon fünf Stühle so ordentlich hintereinander auf dem Bürgersteig ge­hen sehen.

Die Stühle nahmen den Weg über die lange Straße und wanderten auf die große Weserbrücke zu.

Dort machten sie erst einmal Pause, denn ihr könnt euch wohl denken, dass Stühle, die sonst immer im Wohnzimmer stehen, trotz ihrer vier Beine das Wandern nicht gerade gewohnt sind.  So holten sie erst einmal Luft und überlegten, wie es weiterge­hen sollte.

Da sahen sie, wie ein großer Lastkahn die Weser abwärts  fuhr. Nun wussten die Stühle, dass die We­ser abwärts Bremen liegt und dass von dort aus viele Schiffe in die ganze Welt fahren.

„Lasst uns den Kahn nehmen“, sagte der Stuhl, der am Fenster stand und der wohl der eifrigste war. „Wir brauchen dann nicht so weit zu wandern und können gleich in die weite Welt fahren.“

„O ja“, sagte der Stuhl, der in der Nähe der Hei­zung stand und der immer schon etwa bequem war. „Ich denke, das sollten wir tun. Meine Füße sind schon ganz müde.“

Und so sprangen alle fünf, gerade, als der Lastkahn unter der Brücke hervorkam, auf das Deck.

Glücklicherweise hatte sich keiner der Stühle ein Bein gebrochen oder verstaucht, was an sich ein Wunder war, denn sie hatten allesamt sehr steife Beine.

Der Kapitän hatte ein Rumpeln gehört und drehte sich in seinem Führerhäuschen um. Da sah er die Stühle.

„Verflixt und zugenäht“, dachte er, „wie kommen die denn da hin. Da hat mir doch wohl jemand die­ses Gerümpel auf mein Schiff geworfen.“

Die Stühle hätten sicher dagegen protestiert, Ge­rümpel genannt zu werden, wenn sie die Gedanken des Kapitäns gekannt hätten.

Ich selber fand unsere Wohnzimmerstühle ja auch nicht schlecht, nur etwas leichtsinnig, was ich ih­nen später auch gesagt habe.

Der Kapitän kam also aus seinem Führerhäuschen und schmiss die fünf Stühle kurzerhand ins Wasser.

Nun mussten die Stühle sehen, dass sie wieder ans Land schwammen, und zwar möglichst schnell, denn das Wasser war recht kalt, und ein Schnupfen kann für Stühle sehr unangenehm werden.

Wenn ich mir vorstelle, ich sitze auf einem Stuhl, der plötzlich zu niesen oder zu husten anfängt, gar nicht auszudenken ...

Also, den Stühlen blieb nichts anderes übrig, als schnell ans Land zu schwimmen. Sie taten das dann auch, aber das Wasser war dreckig und ein Stuhl sagte mir später, dass er etwas von dem salzi­gen Zeug geschluckt habe, das in der Weser war und es habe entsetzlich geschmeckt.

Die Stühle kamen an den Weserwiesen ans Land, und dort beschlossen sie, doch wieder ins Wohn­zimmer zurückzukehren.

So machten sie sich auf den Weg, pudelnass wie sie waren.

Sie wanderten über die Bahnhofsstraße, durch die Lange Straße, vorbei an Hotel Schulten, die Burgstraße hoch.

Die Vlothoer haben sich umgesehen, denn so viele nasse Stühle, die hintereinander auf dem Bürger­steig trotteten, hatten sie noch nie gesehen.

Ganz heimlich, still und leise sind unsere Stühle dann durch das noch angelehnte Fenster gestiegen und haben sich auf ihre alten Plätze  gestellt.

Etwa eine Stunde später sind wir dann ins Wohn­zimmer gekommen und haben uns sehr gewundert, dass sich unter jedem Stuhl eine kleine Pfütze breit­machte und dass das Polster ganz nass war.

Da wir keinen Hund hatten, konnten wir uns das nicht erklären, und es hat lange gedauert, bis mir die Stühle von ihrem Ausflug erzählt haben.

Ich glaube,

sie haben sich

sehr geschämt.


 

 

 

17

 

Baddelbaddelbaddeldu

 

Es war einmal ein Papagei, der hieß Baddel- bad­delbaddeldu. Baddelbaddelbaddeldu lebte in einem großen Zoo in einer riesigen Stadt und war dort wohl der bekannteste Bewohner.

Jedesmal, wenn jemand vor seinem Käfig stand, sagte Baddelbaddelbaddeldu:

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu.“

Und die Leute, die davorstanden, antworteten: „Guten Tag, Baddelbaddelbaddeldu.“

Und so kam es, dass sehr bald nicht nur alle Zoo­wärter Baddelbaddelbaddeldu kannten, sondern die ganze Stadt, und kein Tag verging, an dem nicht die krächzende Stimme von Baddelbaddelbaddeldu zu hören war:

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu.“

Und alle Leute sagten freundlich:

„Guten Morgen, Baddelbaddelbaddeldu“, oder: „Wie geht es Dir, Baddelbad- delbaddeldu?“ oder etwas Ähnliches.

Baddelbaddelbaddeldu antwortete darauf nichts, weil er kein weiteres Wort konnte, aber das mach­te nichts, denn er war durch diesen einen Satz: „Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu“, so berühmt geworden, dass alle ihn für das klügste und höflichste Tier des ganzen Zoos hielten.

Und das soll ja auch unter den Menschen so sein: Wer sich selbst genügend oft vorstellt, gilt zuletzt als unübertrefflich, gleichgültig, wie wenig er auch zu sagen weiß.

 

Eines Tages vergaß ein Wärter, den Käfig zu schließen, als er dem Papagei das Abendbrot brachte.

Und als Baddelbaddelbaddeldu das bemerkte, dachte er:

„Das trifft sich gut. Ich hatte ohnehin vor, mir ein­mal die Welt anzusehen.“

Und so machte er sich auf und flog davon.

Er flog die Nacht, einen ganzen Tag und dann noch eine Nacht, und ganz früh am Morgen setzte er sich in einem kleinen Dorf in einen großen Baum, der mit­ten im Dorfe stand.

„Sicher werden bald Menschen kommen, die mich begrüßen“, dachte er.

Er musste eine ganze Weile warten, aber dann sah er den ersten Menschen.

„Irgendwie hat er Ähnlichkeit mit einem unserer Nachtwächter“, dachte Baddelbaddel- baddeldu. Der Mann kam näher, und dann begann er scheußlich schief zu singen:

„Hört ihr Herrn und lasst Euch sagen, unsre Uhr...“, und als er so weit war, stand er unter dem Baum und Baddelbaddelbaddeldu begrüßte ihn als höfli­cher Papagei mit seinem: „Guten Tag, ich bin Bad­delbaddelbaddeldu.“

Als der Mann aber den Papagei hörte, bekam er einen großen Schreck.

„Ein Gespenst, ein Gespenst!“ rief er und lief so schnell er konnte davon.

„Komische Sitten haben die Leute hier“, dachte Baddelbaddelbaddeldu. „Ich denke, ich warte noch ein wenig.“

Es dauerte nicht lange, da kam ein Milchwagen daher. Der Fahrer saß so, dass man meinen konnte, er würde jeden Augenblick einschlafen, aber sein Pferd wusste den Weg. So hielt der Wagen direkt unter dem Baum. Der Milchkutscher wollte gerade eine Milchkanne von der Bank nehmen und auf den Wagen stellen, da hörte er eine Stimme von oben:

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu.“

Da bekam der Fahrer einen solchen Schrecken, dass ihm die Milchkanne aus der Hand rutschte und die Milch sich über seine Hose und seine Schuhe ergoss. Er hatte dabei Mühe, das Gleichgewicht zu behalten, und bei dem Versuch, sich aufzurichten, stieß er gegen die Peitsche, die dem Pferd auf den Rücken fiel, das nun seinerseits dachte:

„Ich muss mich wohl beeilen“ und begann, loszug­aloppieren.

Dabei verlor der Kutscher endgültig das Gleichge­wicht, und der Milchwagen raste davon.

„Nicht einmal Guten Tag sagen können die hier“, dachte  Baddelbaddelbaddeldu. Aber er wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es doch noch höfli­che Menschen in diesem Dorf gab. Und so warte­te er weiter.

Nach einiger Zeit kamen Kinder, die hier auf den Schulbus warteten.

„Aha, Kinder“, dachte Baddelbaddelbaddeldu. „Die sind bestimmt höflicher als die Erwachsenen.“ Und er freute sich schon darauf, mit ihnen zu re­den.

Die Kinder lärmten unter dem Baum, als Baddelb­addelbaddeldu sie begrüßte.

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu“, krächzte er aus dem Baum.

Die Kinder waren so mit sich selbst beschäftigt, dass sie Baddelbaddelbaddeldu überhaupt nicht hörten.

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu“, krächzte der Papagei nun schon viel lauter.

Aber erst beim dritten „Guten Tag, ich bin Bad­delbaddelbaddeldu“, hörten die Kinder ihn.

Und da sie so eine krächzende und für sie unheim­liche Stimme noch nie in ihrem Leben gehört hat­ten, schrieen sie vor Entsetzen auf:

„Ein Geist, ein Gespenst!“ riefen sie und liefen so schnell sie konnten fort.

„Wie sind die Leute hier doch unhöflich“, dachte Baddelbaddelbaddeldu. „Nicht einmal die Kinder wollen mich begrüßen.“

Aber er mochte noch nicht aufgeben und wartete weiter auf höfliche Menschen, mit denen er sich unterhalten konnte.

Nach einiger Zeit kam ein Mann angelaufen. Von weitem sah er aus, wie ein Wärter im Zoo, und Baddelbaddelbaddeldu freute sich schon darauf, endlich mit „Guten Tag, Baddelbaddelbaddeldu“, begrüßt zu werden. Der Mann hatte ein ganz rotes Gesicht.

„Bestimmt ist er so schnell gelaufen, um mich zu begrüßen“, dachte Baddelbaddelbaddeldu. Der Mann kam näher, und als er unter dem Baum stand, rief Baddelbaddelbaddeldu voller Freude: „Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu.“

Aber der Mann mit dem roten Gesicht und der Uniform dachte gar nicht daran, Baddelbad- delbaddeldu freundlich zu begrüßen. Er schrie viel­mehr nach oben:

„Komm herunter, sonst kannst du etwas erleben!“

„Nanu“, dachte Baddelbaddelbaddeldu, „was hat der nur?“

Er versuchte es noch einmal:

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu.“

„Kannst du nicht hören? Komm sofort herunter, oder es knallt!“

„Vielleicht hat er mich nicht verstanden“, dachte Baddelbaddelbaddeldu und sagte noch einmal, ganz laut und ganz deutlich:

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu, Bad­delbaddelbaddeldu!“

Aber der Dorfpolizist schien sein Lebtag noch nie im Zoo gewesen zu sein und kannte Baddelbad­delbaddeldu offensichtlich nicht. Er holte vielmehr seine Pistole aus der Tasche und rief: „Ich zähle jetzt bis drei. Wenn du bis dahin nicht herunter­kommst, dann knallts! Eins...“

„Guten Tag, ich...“, versuchte Baddelbaddel- bad­deldu es noch einmal.

„...zwei...“, sagte der Polizist.

„...bin Baddelbaddel-...“

„...drei!“

„...-baddel-...“

und noch bevor Baddelbaddelbaddeldu ausgeredet hatte, schoss der Polizist in die Luft.

Es knallte so laut, dass Baddelbaddelbaddeldu ei­nen mächtigen Schreck bekam und beinahe vom Baum gefallen wäre. Aber dann reckte er sich und dachte:

„Was sind das hier für unhöfliche Menschen, die nicht einmal grüßen können. Ich denke, ich fliege zurück zu meinen Freunden!

Und dann flog er auf der anderen Seite des Baumes fort, so dass der Polizist nicht einmal sehen konnte, welch berühm­ten Besuch das Dorf bekommen hatte.

 

Der Papagei flog den Tag, eine Nacht und noch einen Tag, und am Abend war er wieder bei seinen Freunden im Zoo. Der Käfig stand noch immer offen, und todmüde setzte sich der Papagei auf seine Schlafstange.

Am nächsten Morgen gab es eine große Begrü­ßung.

„Guten Tag, Baddelbaddelbaddeldu!“ weckte der Wärter Baddelbaddelbaddeldu auf.

Und der antwortete erfreut, aber etwas müde:

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu.“

In Windeseile sprach es sich im Zoo herum, dass Baddelbaddelbaddeldu wieder zurückgekommen war.

Der Herr Zoodirektor kam selbst, um Baddelbad­delbaddeldu zu begrüßen:

„Guten Tag, Baddelbaddelbaddeldu, da bist Du ja wieder!“ Und der Papagei antwortete: „Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu.“

Als aber der Zoo geöffnet wurde und die Besucher hereinströmten,  begrüßten sie Baddel- baddelbad­deldu an diesem Morgen ganz besonders herzlich, denn in der Stadt hatte sich herumgesprochen, dass Baddelbaddelbaddel- du weggeflogen war. Es hatte auch in der Zeitung gestanden, sogar auf der ersten Seite mit einem großen Bild, vielleicht erinnerst Du Dich noch daran.

In dem Zoo aber hörte man den ganzen Tag, viel öfter als sonst:

„Da bist Du ja wieder, Baddelbaddel- baddeldu“ und die krächzende Stimme, die antwortete:

„Guten Tag, ich bin Baddelbaddelbaddeldu.“

 

Baddelbaddelbaddeldu aber freute sich, dass er wieder zu Hause war,

denn manchmal werden

Be­rühmtheiten nur zu

Hause geschätzt, beson-

ders dann, wenn sie

nicht mehr zu sagen

haben als: „Guten Tag,

 ich bin Baddelbaddel-

baddeldu.“

 


18

 

Der erste große Schock meines Lebens

 

Als ich vier Jahre alt war, musste ich jeden Tag nach dem Mittagessen meinen Mittagsschlaf hal­ten. Vielleicht war das auch schon so gewesen, als ich jünger war, aber daran erinnere ich mich nicht mehr.

Ich weiß nur, dass ich diesen Mittagsschlaf, im Ge­gensatz zu jetzt, aus ganzer Seele hasste.

Und so beschloss ich eines Tages, gleich nach dem Mittagessen, auszubüxen.

Das Ziel war klar.

Im Nachbardorf, unserem Kirchdorf, wohnte der Pastor.

Wir waren, wenn wir mit Pferd und Wagen zur Kirche fuhren, anschließend immer etwas bei sei­ner Familie geblieben.

Die Eltern unterhielten sich, und wir Kinder spiel­ten mit den Kindern des Pastors.

Und daraus hatte sich bei mir festgesetzt:

Pastors Kinder dürfen immer spielen. Sie müssen nie im Haushalt mithelfen, nie im Garten arbeiten, sie müssen sicher auch keinen Mittagsschlaf ma­chen, sie dürfen einfach immer spielen.

Dieses Pfarrhaus also war mein Ziel.

Nur der Weg dorthin war mir zuerst nicht ganz klar.

Da gab es einen, der war nur drei oder vier Kilo­meter lang, aber der führte durch den Wald, und diesen Weg waren wir nur selten gefahren.

Ihn wollte ich nicht nehmen, weil ich Angst hatte, mich zu verlaufen.

Es blieb also nur der längere Weg von fünf oder sechs Kilometern über die Landstraße übrig.

Fünf Kilometer sind für einen Vierjährigen eine ganze Strecke, aber die Alternative war nur der verhasste Mittagsschlaf, und die Belohnung, mit Pastors Kindern spielen zu dürfen, wog alles auf.

Mit diesen Gedanken machte ich mich auf den Weg, und er wurde deshalb auch nicht lang.

Als ich am Pfarrhaus ankam, freute ich mich schon.

Ich drückte den Klingelknopf.

Der Pastor selbst machte mir auf.

Wie er aussah, weiß ich nicht mehr, aber ich kann mir denken, dass er sehr erstaunt über meinen Be­such war.

„Spielen willst du mit den Kindern?“, fragte er. „Aber die sind gar nicht hier, die sind mit der Mutter beim Pilzesammeln.“

Zuerst begriff ich gar nichts, aber dann wurde mein Erstaunen zu einem regelrechten Schock:

Pastors Kinder müssen arbeiten, Pilze suchen, ha­ben keine Zeit zum Spielen, sind nicht da. Umsonst - ganz umsonst der lange Weg.

Der Pastor musste mir meine Enttäuschung angese­hen haben. Er lud mich in das Haus ein - was sollte er schon anderes machen - setzte mich in sein Stu­dierzimmer, gab mir ein Buch mit vielen Bildern und sagte:

„Meine Frau und die Kinder werden bald wieder­kommen.“

Dann musste ich ihm diese Ausreißerge- schichte beichten, und der Erfolg war, dass er bei meinen Eltern anrief, die mich noch gar nicht vermisst hat­ten und meinten, dass ich ausnahmsweise einmal länger schlief.

Nach einiger Zeit - ich erinnere mich noch, dass ich bereits das dritte Bilderbuch durchblätterte - kam die Frau des Pastors mit den Kindern und mit Kör­ben voller Pilze.

„So, jetzt erst einmal in die Küche. Wollt ihr ein Schmalzbrot?“

Die Kinder wollten, der Pastor auch, und alle langten kräftig zu, bis auf mich, der ich keinen Bis­sen herunterbekommen konnte.

„Hast du denn keinen Hunger?“, wurde ich gefragt.

Doch, Hunger hatte ich schon, aber „in der Küche esse ich nicht, das bin ich nicht gewohnt!“

Nun muss man wissen, dass in den alten pommer­schen Gutshäusern so viel Raum war, dass die Kin­der der „Herrschaften“ nur selten in der Küche aßen.

Und so wurde mir eine Schmalzstulle auf einem Teller in das Esszimmer gebracht, wo alle anderen um mich herumstanden und zusahen, wie der Aus­reißer sein Schmalzbrot verzehrte.

Ob sie sich damals über mich amüsierten? Ich neh­me wohl an.

Sehr bald holte mich unser Kindermädchen mit dem Fahrrad ab.

Den Mittagsschlaf musste ich nachholen,

So streng waren damals die Sitten.

                                                                 

  

 

19

 

Wie der Schokoladenkringel zu uns kam.

 

Das, von dem ich hier berichte, hätte sich überall ereignen können.

Warum gerade in Vlotho und bei uns? Ich weiß es nicht. Vielleicht nur deshalb, weil Thomas einen solch seltsamen Wunsch gehabt hatte.

 

Vlotho ist ein kleines Städtchen an der Weser. Es schmiegt sich an zwei Hügel, im Süden an den Winterberg und im Norden an den Amtshausberg mit seinen alten Burgruinen.

In diesem Städtchen wohnten wir.

Wir, das sind meine Frau, Christina, unsere Toch­ter, damals elf Jahre alt, Thomas, der in die zweite Klasse ging, der zweijährige Michael und ich selbst.

Unser Haus lag an der Burgstraße, die von der Stadt zum Amtshausberg emporführte.

 

Wir hatten den ersten Weihnachtstag, und es be­gann zu schneien.

Wir saßen im Esszimmer beim Mittagessen. Es gab Salat, Rinderbraten, Rotkohl, Kar- toffeln und zum Nachtisch eine Schokoladenspeise.

Draußen fielen die Flocken immer dichter.

Thomas sagte: „Nachher will ich zum Schlit- tenfah­ren. Wer kommt mit?“

Niemand wollte mitkommen.

Christina, genannt Tina, wollte ihre Freundin Ela besuchen, und wir Eltern freuten uns schon auf unseren Mittagsschlaf.

„Ich seh´ schon, ihr wollt nicht mit“,  fuhr Thomas fort.

„Fahr doch mit Bernd.“

„Bernd ist doch bei seiner Oma. - Wenn ich nur jemanden hätte, der mitkommen will und wenn es ein Schokoladenkringel ist.“

Wie er darauf kam, wusste er hinterher auch nicht zu sagen. Es schien, als müsste alles so kommen.

 

Im Wohnzimmer nebenan stand unser Weihnachts­baum. Und in diesem Wohnzimmer machte es plötzlich:

„plopp“,

ganz einfach:

„plopp“,

 

nicht besonders laut, aber so, dass wir es hören konnten.

Und dann öffnete sich die Glastür, und herein kam ein Schokoladenkringel, ein richtiger Schokoladen­kringel mit zwei Armen, zwei Beinen und einem Kopf.

Wir waren zuerst ganz sprachlos, denn einen rich­tigen Schokoladenkringel hatten wir noch nie gese­hen.

Du etwa?

„Wer bist du?“ fragten wir.

„Ich bin der Schokoladenkringel. Ihr habt mich doch gerufen.“

Wir ihn gerufen?

Aber dann fiel uns ein, was Thomas gesagt hatte: „Wenn ich nur jemanden hätte, der mitkommen will und wenn es ein Schokoladenkringel ist.“

„Nun setzt dich erst einmal hin“, sagte Helga, mei­ne Frau. „Wen du stehen bleibst, ist es so ungemüt­lich. Sicher hast du Hunger.“

Der Schokoladenkringel ließ sich nicht zweimal bitten und nahm Platz.

Tina holte einen Teller und Besteck aus der Küche.

„Guten Appetit. Am besten ist es, wenn du dir selbst nimmst. Du weißt ja, wie groß dein Hunger ist.“

Der Schokoladenkringel schaute mit gekrauster Stirn auf den Tisch.

„Nein“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Schoko­ladenkringel können so etwas nicht essen. Das vertragen sie nicht.“

„Und was vertragt ihr dann?“ wollten wir wissen.

„Schokoladenkringel“, so erklärte uns der Schoko­ladenkringel, „vertragen zum Beispiel Schokola­deneis, Schokoladenpudding, Scho- koladenstreus­el, Schokoladentorte und natürlich Schokolade. Und sie trinken am liebsten Kakao.“

Nach dieser Erklärung dachten wir:

„Das kann ja heiter werden.“

Aber Thomas, der sich den Schokoladenkringel herbeigewünscht hatte, tröstete ihn und sagte:

„Du musst nicht traurig sein, Schokoladenkringel. Wir haben noch Nachtisch, prima Schokoladen­pudding.“

 

Der Tisch wurde abgeräumt, und Tina brachte die Schüssel mit dem Schokoladenpudding aus der Küche.

Der Schokoladenkringel bekam ganz große Augen. Das war genau das, was er sich wünschte.

Und weil er so großen Hunger hatte, bekam er als erster sein Puddingschälchen, voll bis an den Rand.

Aber noch ehe ein anderer das eigene Schälchen gefüllt bekam, war seines schon leergegessen. Und ehe einer von uns Erwachsenen sagen konnte: „Schling den Pudding nicht so herunter“, hatte er Tina sein Schälchen hingehalten und bettelte:

„Ich hab doch so großen Hunger. Bitte, bitte gib mir noch mehr!“

So kam es, dass der Schokoladenkringel den gan­zen Nachtisch allein aufaß, die ganze Schüssel, und dann aß er noch zwei Tafeln Schokolade von unseren bunten Tellern und ein großes Stück Pfef­ferkuchen mit Schokoladenüberzug, und dazu trank er ein großes Glas Kakao.

Jetzt war er endlich satt.

 

Nach dem Abwasch, Tina und Thomas stellten das Geschirr weg und der Schoko-ladenkringel half, so gut es ging, wollte Thomas mit seinem neuen Freund zum Rodeln gehen.

Der Schnee hatte den Amtshausberg inzwischen mit einer dünnen, weißen Decke überzogen.

Ich meinte, der Schnee sei doch nicht dick genug, aber die beiden bestanden darauf, Schlitten zu fah­ren.

Da der Schokoladenkringel keine Winterkleidung hatte, zogen wir ihm die grüne Ersatzhose von Thomas an, Tinas gelbe Jacke und die Fausthand­schuhe meiner Frau. Alles passte wie angegossen.

 

Nach zwei Stunden kamen die beiden zurück.

„Toll war das“, berichtete Thomas.

„Überall, wo wir gefahren sind, lag genug Schnee. Nur die anderen blieben öfter mit ihren Schlitten hängen.“

Ich hatte ein eigenartiges Gefühl und schaute den Schokoladenkringel scharf an. Hatte der etwa...?

Aber der blickte mich nur treuherzig an, und ich bin mir heute noch nicht sicher, aber ich meine, er hat­te mir mit seinem rechten Auge zugeblinzelt.

 

Ansonsten ging der Tag recht normal zu Ende.

Die Kinder hatten vom Schlittenfahren einen tüch­tigen Appetit mitgebraucht. Thomas aß zwei Stück Kuchen, der Schokoladenkringel vier, aber nur, weil es ihm so gut schmeckte, wie er betonte. Dazu trank er eine ganze Kanne Kakao aus, weil er seit so langer Zeit nichts getrunken hatte. Dann spielten wir mit den Kindern Brettspiele und sangen Weihnachtslieder, wobei sich herausstellte, dass der Schokoladenkringel eine ganze Menge kannte, aber entsetzlich falsch sang, etwa so, wie ich selber. Er wurde mir richtig sympathisch.

 

Natürlich versuchten wir herauszubekommen, wo­her er kam, wie alt er war, was er bisher getan hat­te, wo seine Eltern wohnten; aber er wusste auf keine Frage eine Antwort.

„Das fällt mir bestimmt später noch ein“, tröstete er uns. „Und wenn ich es euch dann erzähle, freut ihr euch doch auch, oder etwa nicht?“

Später haben wir dann einiges von ihm erfahren, aber viel war das nicht. Vielleicht wusste er selbst nicht mehr.

 

In dieser ersten Nacht schlief der Schokoladen­kringel auf einer Luftmatratze in Thomas Kinder­zimmer.

Später haben wir ihm dann ein eigenes Zimmer eingerichtet, es lag zwischen dem Bad und dem Kinderzimmer, nur ...

Das war so:

Als der Schokoladenkringel sagte:

„Jetzt möchte ich richtig bei euch wohnen, so als euer Kind, oder doch wenigstens als Pflegekind“, da überlegten wir, wo er sein Zimmer haben konn­te.

Er wusste es ganz genau:

Zwischen dem Zimmer von Thomas und dem Bad wollte er wohnen.

Nur war das gar nicht möglich, weil es da kein Zimmer gab, da gab es bloß die Wand.

Als wir ihm das erklärten, sah er uns ganz merk­würdig an und meinte:

„Kommt doch mal mit.“

So stiegen wir die Treppe hoch, und tatsächlich, zwischen dem Bad und dem Kinderzimmer gab es plötzlich ein leeres Zimmer mit einer richtigen Tür, die ebenfalls früher nicht da gewesen war.

Konnte der Schokoladenkringel zaubern?

Und genauso merkwürdig war, dass jedes Mal, wenn er sich später auf Reisen befand,  das Zimmer und die Tür verschwanden, so, als wären sie nie da ge­wesen.

Sehr seltsam fanden wir das. Du würdest das si­cher auch nicht anders finden.

 

Aber bei aller Aufregung, die wir noch mit dem Schokoladenkringel hatten, spielte das schon keine Rolle mehr. An diesem Abend schlief er noch in Thomas Zim­mer.

Am zweiten Weihnachtstag hatten wir uns schon so sehr an ihn gewöhnt, dass wir gar nicht merkten, dass er erst vor einem Tag zu uns gekommen war, sozusagen als Weihnachtsgeschenk.

 

Der Schokoladenkringel hat in seiner Zeit bei uns sehr viel erlebt, das heißt, eigentlich wohnt er ja noch immer bei uns, wenn er zum Hause ist.

Von seinen vielen Abenteuern hat er uns aber nach und nach erzählt.

 

 

 

 

20

 

Bei Tante Amalie

 

Der Schokoladenkringel war schon eine ganze Weile bei uns.

Alle Verwandten hatten inzwischen von ihm gehört und natürlich auch Fotos bekommen.

 

Am 15. Mai nun bekam der Schokoladenkringel eine Postkarte von unserer, nein, jetzt musste es heißen von seiner Tante Amalie aus Büsum.

Büsum, musst du wissen, ist ein kleines Nordsee­bad und liegt in Schleswig-Holstein.

Auf der Postkarte, die einen Heuler, das ist ein junger Seehund, zeigt, stand:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Hurra!“ rief der Schokoladenkringel, als er die Postkarte gelesen hatte.

„Ich hab´ eine Einladung! Ich hab´ eine Einladung!“ und dann tanzte er durch das ganze Haus und freu­te sich.

 

Die Sommerferien begannen.

Der Schokoladenkringel packte seine Sachen. Er konnte das schon ganz allein. Dann schloss er sein Zimmer zu, das plötzlich nicht mehr zu finden war.

Ich habe dir ja schon von diesem seltsamen Zim­mer erzählt.

Wir fuhren mit dem Auto nach Hannover, wo wir ihn in den Zug setzten.

Er war inzwischen sehr selbständig geworden, und wir brauchten uns um ihn keine Sorgen zu machen.

Um seinen Hals hing ein Pappschild, auf dem stand:

 


 

 

Der Schokoladenkringel hatte uns selbst darum gebeten. So ganz geheuer war ihm diese erste Bahnfahrt, die er ganz allein machte, dann doch nicht gewesen.

Der Zug fuhr an, und nun war er ganz auf sich ge­stellt.

Die Fahrt ging durch die große Stadt Hamburg, und in Neumünster, mitten in Schleswig-Holstein, musste er umsteigen.

Aber das war leichter, als er gedacht hatte.

Der Zug nach Büsum hielt auf der anderen Seite des Bahnsteiges, und es gab genug Zeit, um ein Abteil zu finden, in dem er seine beiden Reiseta­schen abstellen konnte.

 

Es war heiß gewesen, als er in Hannover abfuhr, und es wurde noch heißer, als der Zug in Büsum ankam, und der Mann mit der roten Mütze rief:

„Büsum, hier ist Büsum. Endstation. Alles ausstei­gen!“

Der Schokoladenkringel schwitzte so sehr, dass er am liebsten im Abteil geblieben wäre, nur um nicht auf den heißen Bahnsteig gehen zu müssen.

Es war wirklich sehr, sehr heiß.

 

Tante Amalie hatte schon nach dem Schokoladen­kringel Ausschau gehalten. Weil er als letzter ausstieg, meinte sie, dass er viel­leicht gar nicht mitgekommen wäre.

Aber dann kletterte eine kleine, braune, ver­schwitzte Gestalt aus dem vorletzten Wagen des Zuges, und Tante Amalie eilte auf sie zu.

„Da bist du ja, Schokoladenkringel“, begrüßte sie ihn.

„Bist du meine Tante Amalie?“ fragte der Schoko­ladenkringel.

„Ja“, sagte sie, „das bin ich. Hast du eine gute Fahrt gehabt?“

„Natürlich! Schokoladenkringel fahren immer gut. Aber sag mal, woran hast du mich denn erkannt?“

„Einmal habe ich ein Foto von dir, mein Junge“, entgegnete die Tante. „Und dann erkennt doch je­der, dass du der Schokoladenkringel bist.“

Sie lachte. „Dein Vater hat mir schon einiges von dir erzählt.“

Das stimmte. Der Schokoladenkringel war unver­kennbar der Schokoladenkringel, und tatsächlich habe ich Tante Amalie mehrmals von ihm erzählt, so dass sie einiges über ihn wusste, aber noch lange nicht genug, sonst hätte sie sich nicht so oft über ihn gewundert.

Aber wer kann schon einen Menschen genügend kennen und dann gar den Schokoladenkringel?

Die beiden gingen langsam durch die Gluthitze vom Bahnsteig durch das Bahnhofsgelände in den Ort hinein.

 

Tante Amalie wohnte in der Fischergasse, die von der Hafenstraße aus zu erreichen ist.

Seit ihrer Hochzeit lebte sie in dem kleinen Haus Nr. 6, und als ihr Mann starb, das ist schon lange her,  mochte sie ihr Häuschen nicht verlassen.

Aber einsam war sie eigentlich nie gewesen, dazu hatte sie in Büsum zu viele Freunde und Bekannte.

 

Sie kamen an der Clemenskirche vorbei, dem alten Büsumer Fischerkirchlein.

Die Hitze drückte immer mehr.

„Jetzt kommen wir in die Hafenstraße, und dann ist es nicht mehr weit“, tröstete sie den stöhnenden Schokoladenkringel.

 

„So, da sind wir“, sagte sie nach wenigen Schrit­ten, die sie noch zurückzulegen hatten.

Sie schloss die Tür auf.

„Ich mache dir erst einmal das Zimmer zurecht. Vorhin bin ich nicht mehr dazu gekommen. Du bleibst am besten in der Küche, da ist es am kühl­sten.“

Sie gingen ins Haus.

In der Küche war es tatsächlich kälter.

„Hast du auch einen Kühlschrank?“ wollte der Schokoladenkringel wissen.

„Du möchtest sicher etwas trinken. Schau mal nach, was du findest.“

Der Schokoladenkringel öffnete die Kühlschrank­tür, und köstliche Kälte schlug ihm entgegen.

„Könnte man nicht ...?“ Ein Gedanke keimte in ihm auf.

Und er tat es.

So schnell er konnte, räumte er den ganzen Kühl­schrank aus, stellte alles auf den Küchenfußboden, setzte sich dann selbst hinein und machte die Tür hinter sich zu.

Normalerweise sollte man das nicht tun, denn man kann dabei ersticken. Der Schokoladenkringel wusste das nicht. Er hatte einfach Glück, wie so oft in seinem Leben.

 

Als Tante Amalie wieder in die Küche kam, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen:

„Nein, so etwas! Dieser Bengel!“

Seufzend wollte sie den Kühlschrank wieder ein­räumen. Aber dann rührte sie fast der Schlag, als sie die Tür öffnete. Da kam doch der Schokoladen­kringel aus dem Kühlschrank, reckte und streckte sich und sagte:

„Das hat gut getan. Jetzt bin ich wieder richtig frisch.“

Tante Amalie brauchte jetzt wirklich ihre Tasse Kaffee. Aber auch der Schokoladenkringel bekam seine Kanne Kakao und ein riesiges Stück Schoko­ladentorte, nachdem er Tante Amalie erst beim Einräumen des Kühlschrankes hatte helfen müssen.

 

„Wenn du deine Sachen ausgepackt hast, gehen wir in die Stadt und machen Besorgungen“, sagte die Tante nach dem Kaffeetrinken. „Sicher möch­test du zum Abendbrot etwas Leckeres.“

Der Schokoladenkringel konnte sich nicht vorstel­len, dass es etwas Schöneres gab als Schokolade, Schokoladeneis, Schokoladenpudding und Schoko­ladentorte, aber den Ort wollte er auch sehen.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

21

 

Die Schokoladenkringelschwitznichtmehr- salbe

In der Stadt war es immer noch heiß. Es wehte nicht das kleinste Lüftchen, was in Büsum selten genug vorkommt.

Tante Amalie und der Schokoladenkringel bum­melten durch die kleine Altstadt, und viele drehten sich nach dem ungleichen Paar um, denn einen richtigen Schokoladenkringel bekommt man, je­denfalls in Büsum, nicht alle Tage zu sehen.

Neben der Apotheke „Zum goldenen Hering“ gab es den Fleischer, und dorthin wollte Tante Amalie.

„Ich schau mich mal um“, sagte der Schokoladen­kringel, denn als er die Apotheke gesehen hatte, war ihm eine Idee gekommen.

„Gut, mein Junge“, meinte Tante Amalie. „Wir treffen uns hier in einer halben Stunde wieder.“

Der Schokoladenkringel schwitzte immer noch.

Und nun musst du wissen, dass ein Schokoladen­kringel ja Kakao schwitzt, und der ist klebrig, und das mögen manche Menschen gar nicht gern und der Schokoladenkringel eben so wenig.

 

Der Schokoladenkringel betrat die Apotheke. „Guten Tag, Herr Apotheker“, begrüßte er den Mann im weißen Kittel höflich.

„Guten Tag“, erwiderte der Apotheker Herr Bal­sam, der sich gerade zu den Regalen gedreht hatte.

„Was möchten...Äh...“

Vor lauter Überraschung konnte er nicht weiter­sprechen, denn auch der Apotheker hatte noch nie einen Schokoladenkringel gesehen.

„Ich bin der Schokoladenkringel“, stellte sich der Schokoladenkringel vor.

„Angenehm, sehr angenehm. Und ich bin Apothe­ker Baldrian, äh, Balduin Balsam“, sagte Herr Bal­sam und verbeugte sich leicht, denn er konnte mit dem, was er sah, überhaupt nichts anfangen und dachte, er träumte.

„Ich möchte etwas gegen das Schwitzen haben“, bat der  Schokoladenkringel.

Herr Balsam erwachte aus seiner Erstarrung. Wenn ein Kunde etwas haben will, dann kann es kein Traum sein, dachte er.

„Ich habe hier die Antischwitzsalbe, dann habe ich Salbeitee und schließlich Dragees zum Ein­nehmen.“

„Nein, ich suche etwas Bestimmtes.“

„Etwas Bestimmtes?“, fragte Herr Balduin Balsam.

„Ja, haben Sie, haben Sie - äh - Schokoladenkrin­gelschwitznichtmehrsalbe?“

„Wie bitte?“ Herr Balduin Balsam schien sich ver­hört zu haben.

„Schokoladenkringelschwitznichtmehrsalbe“, er­widerte der Schokoladenkringel geduldig, „ein­fache Schokoladenkringelschwitznicht- mehrsalbe.“

„Die habe ich nicht,“ antwortete der Apotheker. „Davon habe ich auch noch nie etwas gehört.“

Er rieb verlegen sein Kinn.

„Können Sie mir welche machen?“, wollte der Schokoladenkringel wissen.

„Ja, das heißt, nein. Wie macht man die denn?“

„Ich bin doch kein Apotheker“, erwiderte der Schokoladenkringel. „Vielleicht haben Sie alte Rezeptbücher, in denen das steht.“

Der Apotheker überlegte, dann holte er eine kleine Trittleiter und stieg hinauf. Ganz oben auf dem Regal, auf dem alte Porzellanvasen mit so klang­vollen Aufschriften wie „aqua destillata“, „oleum ricini“ oder „fructus anisi“ standen, lagen drei alte, in Leder gebundene Bücher mit sehr alten Rezep­ten.

Dort schaute der Apotheker nach.

„Scho... Schok... Schokom…“, das erste Buch war durchgeblättert. Hier war das Rezept nicht zu fin­den.

Das zweite Buch kam an die Reihe: „Scho... Schok... Schokoss…“ Auch hier war nichts zu finden.

Das dritte Buch war seine letzte Hoffnung:

„Scho... Schok... Schoko... Schokoladen- kringel­schwitznichtmehrsalbe, ja, hier steht es: Schoko-laden-kringel-schwitz-nicht-mehr-salbe!“

Vor Aufregung wäre Herr Apotheker Balduin Bal­sam beinahe von der kleinen Trittleiter gefallen.

Er stieg herunter und legte das Buch auf den Ver­kaufstisch.

„Wir brauchen: Schokoladeneis, drei Kugeln, fei­nes Kinderöl, Kinderpuder, alles erhitzen, zusam­menrühren, erkalten lassen. Mehr nicht.“

Sein Gesicht war vor Aufregung ganz rot gewor­den.

„Sag mal, warum steht so etwas in diesen alten Büchern?“, wollte er wissen.

„Vielleicht sind Schokoladenkringel schon alt, und sicher hat es schon früher mal einen Schokoladen­kringel gegeben, der geschwitzt hat.“

Der arme Apotheker wollte sich gar nicht beruhi­gen.

„Wenn ich das am Stammtisch erzähle, glaubt mir das kein Mensch“, murmelte er vor sich hin.

Dann fiel ihm wieder ein, was er noch brauchte.

„Geh doch mal nebenan zur Eisbar von Franco“, befahl er, „Hole mir drei Kugeln Schokoladen­eis! Wir brauchen die zur Salbe. Die anderen Zuta­ten habe ich hier.“

Der Schokoladenkringel lief schnell zum Eismann.

„Ich hätte gern drei Kugeln Schokoladeneis“, ver­langte er.

„Zum Mitnehmen oder hier zum Essen?“

„Nicht zum Essen. Der Apotheker braucht sie zur Salbe.“

„So etwas“, murmelte der Eismann. „Was die heute alles aus Eis machen. Mir kann's ja egal sein.“

Der Schokoladenkringel bezahlte die drei Kugeln und lief wieder zum Apotheker.

Herr Balsam hatte inzwischen die Zutaten bereit­gestellt: eine Flasche allerfeinstes Kinderöl und Kinderpuder.

Jetzt tat er das Eis, viereinhalb Teelöffel Kinderöl und einhundertsiebenundzwanzig-zweidrittel Gramm Kinderpuder in eine Schale, stellte sie über einen Gasbrenner, zündete ihn an, und als sich die Schale langsam erwärmte, rührte er alles gründlich zusammen, genau so, wie es in dem Rezept be­schrieben war.

Dann goss er den Inhalt in eine Dose, auf der ein goldener Hering abgebildet war, klebte einen Zet­tel darauf mit der eigenhändigen Aufschrift:

 

 

 

und stellte die Dose in seinen Kühlschrank.

Nach fünfzehn Minuten war sie abgekühlt, und in der Dose befand sich die allerbeste Schokoladen­kringelschwitznichtmehrsalbe, die es auf der Welt gab, wobei ich annehme, dass es die einzige über­haupt war.

„Was muss ich bezahlen?“ fragte der Schokoladen­kringel und kramte sein Taschengeld aus der Ho­sentasche.

„Nichts, gar nichts. Ich habe so viel gelernt, dass es umsonst ist.“

„Danke“, antwortete der Schokoladenkringel. „Das ist wirklich riesig großzügig.“

Das fand der Apotheker Balduin Balsam auch und beschloss, bei der nächsten Salbe mehr zu nehmen.

„Auf Wiedersehen“, verabschiedete sich der Scho­koladenkringel.

„Komm doch mal vorbei und sag, ob die Salbe geholfen hat“, bat der Apotheker.

Der Schokoladenkringel versprach das, aber dazu kam es nicht mehr, wie wir nachher sehen werden.

Auf der Straße rieb er sein Gesicht, seine Arme, seine Beine und den Hals mit der Salbe ein - und wirklich, er hörte auf zu schwitzen.

Die Salbe war wirklich gut.

 

Wenn du einmal einen Schokoladenkringel schwit­zen siehst, dann kannst du ihm ja sagen, wo er die­se Salbe kaufen kann.

 


22

 

Jan und die grünen Brötchen

 

Wir saßen bei herrlichem Sonnenschein auf der Terrasse beim Frühstück.

Auf der roten Tischdecke stand unser weißes Ge­schirr, und in dem Brotkorb lagen die Brötchen, die Bäcker Weizenkorn, der unten am Vogel­beerbaumweg seinen Laden und seine Backstube hat, so wunderbar knusprig backt.

Daneben stand der Topf mit der roten Erdbeermar­melade, gelber Käse auf einem braunen Brettchen und Quark.

Wir waren alle im Grunde alle ganz zufrieden, bis ...

Ja, bis der Schokoladenkringel sagte:

„Eigentlich müssten wir grüne Brötchen haben.“

„Eigentlich was?“

„Grüne Brötchen.“

„Und warum?“

„Weil - nun, die passen besser zu den weißen Tel­lern. Und so bleiche Brötchen, die sehen doch ir­gendwie nicht so appetitlich aus.

Und stell dir vor: Grüne Brötchen, ganz dick mit gelber Butter und mit roter Marmelade oder für die, die Diät leben müssen wie Tante Grete: grüne Brötchen  mit weißem Quark, einfach cool und ...“ Er geriet richtig ins Schwärmen.

„Nein!“ sagten Thomas und Tina wie aus einem Mund.

„Deinen Geschmack kennen wir. Giftgrüne Bröt­chen, igittegittegitt. Nachher denken alle, du willst uns vergiften.“

„Quatsch! Nicht giftgrün, sondern grün wie  - wie vielleicht ein Blatt von Kiwis oder Rhabarber. Tut doch mal Butter auf ein Blatt und Marmelade. Ihr werdet sehen, wie gut das aussieht.“

Meine Frau und ich lachten, als wir uns das vor­stellten: Vielleicht sogar Brennnessel mit Butter und Kä­se?

Nur einer war still und nachdenklich geworden: Jan, der besondere Freund des Schokoladenkrin­gels und natürlich auch unser bester Freund.

Ihr müsst nämlich wissen, dass Jan ein ganz be­rühmter Erfinder ist. Er wohnt an der anderen Seite der Stadt, am Winterberg, und besucht uns sehr oft.

„Hm“, sagte Jan. „Hm, keine schlechte Idee. Man müsste...“ und dabei zog Jan einen kleinen Notiz­block aus der Tasche und machte mit seinem ange­kauten Bleistift ein paar Notizen.

Wir sahen uns an. Wenn Jan so eifrig notierte, dann dauerte es nicht lange und eine neue Erfin­dung war gemacht.

„Ich denke, der Schokoladenkringel und ich gehen nachher mal zum Bäcker“, eröffnete Jan uns nach ein paar Minuten.

Und so machten sich die beiden auf den Weg, Jan und der Schokoladenkringel.

 

Der Bäckerladen war nicht besonders voll. Ein paar Frauen holten schöne, weiße Brötchen und der Schokoladenkringel schüttelte sich innerlich. Dann verlangte eine Frau ein Vollkornbrot, und dann war noch Oma Bresel da, die immer so gern von ihren Enkeln erzählte, und bei der es deshalb etwas länger dauerte.

Endlich kamen die beiden an die Reihe.

„Was darf es denn sein?“ fragte Frau Weizenkorn.

„Grüne Brötchen“ platzte der Schokoladenkringel heraus.

„Grüne - was?“ fragte Frau Weizenkorn.

„Grü, grüne Brö, Brötchen“, sagte Jan. „Ich, ich meine, wir hät­ten gerne grüne Brö, Brötchen.“

Er fing an zu stottern. Das tat er immer, wenn er etwas aufgeregt war, und das war er meistens vor einer großen Entdeckung.

„Grüne Brötchen? Nein, die haben wir nicht“, sagte die Bäckersfrau.

„Aber Sie können doch welche backen?“, wollte Jan wissen.

„So was“, murmelte die Frau. „Da muss ich erst einmal meinen Mann fragen.“

Und mit lauter, durchdringender Stimme rief sie in die Backstube:

„Emil,  Eemiiil, komm doch mal!“

Der Bäckermeister Emil Weizenkorn kam.

Man sah ihm an, dass er ein guter Bäcker war, denn seine Torten und Brote mussten besonders gut schmecken, auch ihm, schließlich war er fast zwei Meter groß und hatte ein ordentliches Bäuchlein.

„Tag, Jan“, sagte er. „Tag, Schokoladenkringel.“

„Guten Tag, Herr Weizenkorn“, antwortete der Schokoladenkringel.

„Tag, Emil“, antwortete Jan.

„Ihr habt besondere Wünsche?“ fragte der Meister.

„Können Sie uns grüne Brötchen backen?“

„Grüne - was?“

„Grüne Brötchen“, sagte Jan.

„Nein, das kann ich nicht.“

„Und warum nicht?“

„Das geht gegen meine Bäckerehre“, meinte der Meister. „Seht mal, ihr könnt euch ja viel ausden­ken,  aber wer kauft dann noch bei mir, wenn ich grüne Brötchen habe? Das geht auf gar keinen Fall.“

Aber Jan und der Schokoladenkringel redeten so lange auf ihn ein, bis sich der Bäckermeister erwei­chen ließ.

Nur musste Jan die Farbe selbst besorgen, und er musste extra noch zweimal versichern, dass er auch ganz bestimmt grüne Brötchen haben wollte.

 

Am Nachmittag brachte Jan die Tüte mit der grü­nen Farbe zum Bäckermeister.

Der schüttelte noch einmal den Kopf und murmelte so etwas wie „soon Quatsch“ in sich hinein, aber er versprach, dass zum nächsten Tag, ganz früh, die grünen Brötchen fertig sein sollten.

 

Nun hatten Weizenkorns ein Lehrmädchen, heute heißt das eine „Auszubildende“, der die grünen Brötchen, als sie so frisch und schön grün aus dem Ofen kamen, so gut gefielen, dass sie sie erst ein­mal eines probierte.

„Cool“, dachte sie. „Was hat der Chef für prima Ideen, die machen sich bestimmt gut auf Omas Kaffeetafel.“

Erikas Oma hatte nämlich an diesem Tag ihren achtzigsten Geburtstag, und die Enkelin sollte für den Vormittag, wenn die Gäste der Stadt zum Gra­tulieren kamen, etwas mitbringen.

Sie wusste ja nicht, dass die Brötchen bestellt waren und auf keinen Fall in das Regal kommen sollten.

So nahm Erika einige Brötchen mit.

Als Jan zur Bäckerei kam, holte er die anderen ab und brachte sie uns zum Frühstück.

Tatsächlich, der Schokoladenkringel hatte recht gehabt. Die Brötchen sahen auf dem weißen Ge­schirr einfach phantastisch aus.

Und als sie erst mit Butter bestrichen und mit roter Marmelade oder mit Käse oder sogar mit Quark belegt waren, konnte man sich keinen schöneren Anblick wünschen.

Dasselbe dachte auch Erika, als sie etwas später für ihre Großmutter die Brötchen strich, und die Großmutter dachte das auch, als sie den Teller sah, und sie hätte am liebsten schon einige aufge­gessen, wenn nicht in diesem Moment die Klingel geschellt hätte.

Der erste Besucher war da. Es war der Bürgermei­ster der Stadt Vlotho, Herr Obermeier.

„Guten Tag, Frau Spiller“, sagte er. „Im Namen der Stadt möchte ich Ihnen recht herzlich zum Ge­burtstag gratulieren und Ihnen für die Zukunft alles Gute wünschen.“

„Danke, Herr Bürgermeister“, antwortete das Ge­burtstagskind.

„Und hier habe ich einen Korb für Sie.“

Der Bürgermeister hatte einen der üblichen Prä­sentkörbe mitgebracht, die vollgestopft sind mit Dingen, die  man sonst nicht kauft und die man ja auch nicht so dringend haben muss:

ein paar schön anzusehende Dosen mit Gemüse, eine Dauerwurst, aus der sich Frau Spiller gar nichts machte, ein paar Früchte, die sie sich sonst  auf dem Wochenmarkt auch nicht gekauft hätte, weil sie gar nicht wusste, wie man sie zubereitet, Avocados zum Beispiel und anderes.

Aber die Keksdose fand sie sehr schön, und schließlich war es ja rührend von dem vielbeschäf­tigten Bürgermeister, überhaupt in die Drosselstra­ße zu kommen.

Und so kam es, dass der Bürgermeister sich in das Wohnzimmer setzen musste, gerade vor den Teller mit den grünen Brötchen.

„Was ist denn das Köstliches?“, fragte er.

„Das sind grüne Brötchen“, antwortete Großmutter Spiller. „Die Erika hat sie von der Bäckerei Wei­zenkorn mitgebracht, so, als ob sie extra für mich gebacken worden wären.“

Der Bürgermeister war entzückt. So etwas Schö­nes hatte er noch nie gesehen, und weil Bäckermei­ster Weizenkorn ein guter Bäcker war, sahen die Brötchen nicht nur gut aus, sondern schmeckten auch vorzüglich.

Das fanden denn auch die anderen Gäste, der Herr Große, in dessen Hotel Großmutter Spiller früher gearbeitet hatte, der Kaufmann aus dem Nachbar­haus und die vielen anderen Gäste, die noch am Vormittag kamen.

Natürlich war ich auch da, um zu gratulieren. Ihr müsst nämlich wissen, dass ich Pastor bin und des­halb zum Gratulieren gekommen war.

Da aber waren die grünen Brötchen schon lange aufgegessen, so dass ich an diesem Tage gar nicht wusste, wie bekannt sie schon waren.

 

Zu Hause hatte der Bürgermeister aber seiner Frau von den grünen Brötchen erzählt, der Kaufmann auch und natürlich auch die anderen Gäste.

Und alle kamen am nächsten Tag in die Bäckerei:

die Frau des Bürgermeisters, die Frau des Kauf­manns, die Frau von Herrn Große und noch viele andere.

Der Bäckermeister Weizenkorn war fast in Ohn­macht gefallen, so hat es uns jedenfalls Frau Wei­zenkorn erzählt.

Alle wollten die grünen Brötchen haben.

Leider hatte Jan die grüne Farbe wieder abgeholt, so dass der Bäckermeister erst einmal mit Jan tele­fonieren musste, damit er ihm neue grüne Farbe brachte.

 

Die grünen Brötchen aber wurden in Vlotho in den nächsten Wochen so sehr gekauft, dass der Bäcker Weizenkorn eine ganze Stunde früher aufstehen musste, um genug Brötchen zu backen.

Und dann haben die Leute nicht nur in der Stadt Vlotho die grünen Brötchen gegessen, die Besu­cher von Bad Seebruch und Bad Senkelteich be­stellten sie auch und wollten sie nach der Kur auch zu Hause essen, in Düsseldorf oder in Berlin oder in New York oder da, wo du wohnst.

Und so kam es, dass Jan immer neue grüne Farbe heranschaffen musste, so dass er schließlich den Fabrikanten Pinselmüller bat, die Produktion zu übernehmen.

Der tat es dann auch gern, und Jan erfand dazu noch eine rote Brötchenfarbe, die sehr schön zu grüner Stachelbeermarmelade passte und eine blaue für Honigbrötchen.

 

Und wenn du irgendwo einmal grüne oder rote oder blaue Brötchen siehst, bei deinem Bäcker vielleicht, dann weißt du jetzt, wie sie entstanden sind.

Übrigens habe ich vor kurzem gehört, dass es in Berlin und anderswo, wo Politiker leben, jetzt Bröt­chen geben soll, die ganz eindeutig die Farben rot, grün und gelb haben. Nur die schwarzen Brötchen, die sind noch nicht erfunden. Aber vielleicht den­ken die Leute dann auch immer ans Schwarzsehen, und schwarz ist doch wirklich eine traurige Farbe, findest du nicht auch?

 

 

 

 

Und hier noch schnell das Rezept:

 

300 Gramm Mehl (Weizenmehl, es kann aber auch Vollkorn-, Roggen-, Dinkelmehl sein), ein wenig Salz, eine Tüte Back­pulver, sechs Esslöffel Milch, sechs Esslöffel Öl, 150 Gramm Quark und nach Geschmack Gewürze (z.B. Koriander, aber auch Kräuter aus dem Garten, Apfelstückchen, gehackte Mandeln oder Nüsse) und genug grüne Farbe.

Alles zusammenrühren, Brötchen formen, in den warmen Backofen schieben und bei 200 Grad 25 Minuten backen lassen.

Die grüne Farbe müsst ihr euch bei Jan in Vlotho bestellen. Schreibt ihm nur, seine Adresse kennt doch jeder, auf jeden Fall aber der Postbote.

 

Variation als Fladenbrote:

Aus dem gut durchgeknetetem Teig schneeballgroße Kugeln formen und auf gut eingefettete Böden von Springformen ausrollen. Auf Wunsch die Mitte mit einem Wasserglas ausstechen. Die Oberfläche mit Körnern (Sesam, Leinsamen, Sonnenblumen- oder Kürbiskernen, gehackten Mandeln oder Nüssen) bestreuen und diese in den Teig drücken. Kreuzweise einschneiden.

Backzeit bei 180-200 Grad im Umluftherd 15-20 Minuten backen. Dann vom Blech ablösen und abkühlen lassen.

Guten Appetit! 

 

 

 

Siehst du....?



23

Siehst du....?

Siehst du den kleinen Hampelmann,

wie er so herrlich hampeln kann?

Er hampelt her und hampelt hin,

das Hampeln ist sein Lebenssinn

 

Siehst du die winzig kleine Maus?

Sie knabbert Löcher für ihr Haus.

Ab Morgen wohnt sie in dem Brot,

doch Mutter sieht voll Ärger rot.

Siehst du das kleine Schaukelpferd?

Es ist das schönste auf der Erd.

Es schaukelt sich bald in den Schlaf

und träumt, es säß auf ihm ein Graf.

 

Siehst du, da steht ein kleiner Herr.

Es ist, schau nur, mein Freund, der Pièrre.

Er lacht und lacht, so laut er kann,

mein kleiner Freund, der Lustig-Mann.

 


24

 

Flötentöne

 

Unter deinen Händen

kleiner Michael aus Brochterbeck,

wird aus einem toten Holz

eine Flöte, die lebt.

Du bläst sie an,

und aus ihr

sprudeln, quellen

Töne

in ganzen Kaskaden,

wie ein Gebirgsbächlein,

frisch und fröhlich,

voller Anmut

und manchmal ruhig, getragen,

wie das breite Bett eines Baches in einer Wiese,

wenn Weiden am Ufer stehen.

 

Wie kann ein Stückchen Holz

so verzaubern.

 


25

 

Flötentöne - Variation

 

Unter deinen Händen,

deinem Atem,

kleiner Michael aus Brochterbeck,

wird aus einem toten Stückchen Holz

eine Flöte,

aus der Töne

sprudelnd quellen,

so, wie ein Gebirgsbach springt,

frisch und fröhlich,

voller Anmut

und mal ruhig und getragen,

wie das breite Bett des Baches in der Wiese,

wenn die Weiden an den Ufern stehn´.

 

Wie kann so ein Stückchen Holz

und der Atem

so verzaubern!

 


26

 

Der Pianist - Knüttelverse

 

Der Pianist, das ist ein Mann,

der unheimlich gut spielen kann.

Ob Bach, Ravel, ob Prokofieff,

er spielt sie alle aus´m effeff.

 

Wenn er so auf die Tasten haut,

mal leise und mal ziemlich laut,

dann ist das Publikum entzückt,

ja ganz und gänzlich weggerückt.

 

Auch wenn die Geige er begleitet

und seinen Horizont erweitet,

ob Fulda, Würzburg oder Wien,

(das heißt, da möcht er gerne hin,)

 

oder wenn er mit Flöten spielt,

die Bild-Zeitung gern nach ihm schielt,

dann wird sein Ruhm erst richtig groß,

für Pianisten ganz famos.

 

Nun, selbst bei einem Stadtorchester,

da haut er in die Tasten fester

und füllet Münsters Großes Haus.

Das ist der rechte Ohrenschmaus.

 

Klavierspiel ist ´ne große Kunst

und hat zumeist der Menge Gunst.

Ja, wenn er seine Preise holt,

dann fühlt er sich wie ein Glenn Gould.

 

  

 

 

27

 

Die Botschaft des Meisters

 

Die Seele der Musik

schläft in des Flügels Saiten;

wenn du ihn spielst, dann wacht sie auf,

will sie sich ganz ausbreiten.

 

Der alte Meister spricht,

durch dich, mein Sohn, in Noten;

du schlüsselst sie mir spielend auf,

er schickt dich mir als Boten.

 

Ich hör´ sein´ Botschaft wohl,

sie spricht von Freud und Leben,

von Leidenschaft und großem Glück.

Er will sie uns jetzt geben.

 

Der Töne Zauberwelt

gibst du frei alle Zügel.

In unsrer nüchtern, harten Welt,

schenkst du der Seele Flügel.


28

 

Tina

 

Schwarzes Haar, ein zierlich Körperbau

samten dunkle Haut, schön anzuseh´n,

das ist unsere kleine Tinafrau,

und ein Wesen, das so angenehm.

 

Fern aus Indien kamst du zu uns her,

warst in Mennighüffen erst zu Haus,

Vlotho, Brochterbeck, manchmal war´s

schwer,

wolltest immer schon ins Krankenhaus.

 

Krankenschwester bist du jetzt so gern,

machst die Menschen fröhlich und gesund.

Und im Urlaub geht es in die Fern:

Arbeit, Freizeit machen erst ein Leben rund.

 

Mach, mein Töchterchen, nur weiter so

auf dem Weg, den du für dich gewählt.

Mache andere gesund und froh,

und ich hoff´, dass dich nie Schnupfen quält.


29

 

Für meine Frau

 

Wenn du nicht wärest, liebe Frau,

dann wär´ dies Haus sehr leise:

ohne Musik, ohne Gesang,

ohne manch fröhlich Weise.

 

Denn Deine Stimme klingt durchs Haus,

so wie die Lerche singet,

in Keller, Küche, jedem Raum,

manch fröhlich Lied erklinget.

 

Du gabest unsern Kindern mit

die Freude an den Tönen.

So birst dies Haus fast vor Musik

von dir und unsern Söhnen.

 

Mach weiter so, es ist doch schön,

der Töne Klang zu hören.

Ich höre sie auch meistens gern,

das möchte ich wohl schwören.


30 

 

Samstagnachmittag

 

Tief unten, aus dem dumpfen Keller

klingt perlend hell ein Bach.

Die Läufe werden immer schneller,

durchdringen Wand und Dach.

 

Dann mischt mit vollem, dunklen Ton

ein Cello warm sich ein.

Die Melodie schwebt nun davon,

als wäre sie allein.

 

Nach einer kurzen Weile Frist

Vernehm´ ich neue Töne:

da bläst die Flöte der Cellist,

Oboe der erst´ der Söhne.

 

Es währt nicht lang, dann eilt hinaus,

zur Orgel lenkt den Schritt,

die Organistin aus dem Haus.

Ich bleib allein zurück.

 

Und sitz im Zimmer, trink ein Glas

und denke, was ich will.

Ein Samstagnachmittag ist das,

so friedlich und so still.

                 

             

31

 

Zum Geburtstag

 

Da ist ein Mann im Münsterland,

des Haus ist voller Töne.

Viel´ Kinder machen dort Musik

und so auch meine Söhne.

 

Da klingen Streicher durch das Haus,

Schlagzeuger, Kontrabass,

die Bläser und auch das Klavier,

Triangel, das macht Spaß.

 

Und wenn es Abend wird, dann ist

die Musik noch nicht aus,

dann eilet dieser Mann mit Frau

ins Münstersche Rathaus.

 

Oder in den Erbdrostenhof

der einst der Flammen Beute;

da spielen Flöte und Klavier,

erfreuen viele Leute.

 

Und selbst im eignen Hause spielt

so mancher gern Klavier.

 

Ich hoffe, heute höret man

eine Kostprobe hier.

 

Doch wenn der Mann Geburtstag hat,

sein Name ist Latour,

dann hören wir gar viel Musik,

sicher bis halb zwölf Uhr.


32

 

Meine Mutter

 

Von der Last der vielen Jahre

wurd´ sie hutzelig und klein.

Doch die Augen und die Haare

leuchten in die Welt hinein.

 

Alles hab ich ihr zu danken,

eine frohe Kinderzeit,

und sie lehrt´ mich, nicht zu wanken,

selbst, wenn´s Glück ist meilenweit.

 

Ein stets sonniges Gemüte

trotz der Arbeit, Stund für Stund;

Optimismus erster Güte

machen ja ihr Leben rund.

 

Hände, die nie Arbeit scheuten,

welcher Art, sie immer sei.

Und viel Gäste, die sich freuten,

immer waren Betten frei.

 

Auch, wenn wir Geschwister stritten,

blieb sie ruhig, jeden Tag,

selbst wenn ihre Nerven litten.

Ach, wir war´n oft eine Plag.

 

In den vielen, vielen Jahren

hat sie manches mich gelehrt.

Liebe hab ich stets erfahren,

Und das war ja nicht verkehrt.

 

Du hast alles mir gegeben,

was im Leben hat Gewicht.

Dass wir ähnlich weiterwirken,

etwas andres willst du nicht.

 

                                  

 

 

33

 

Bauernschicksal

 

Generationen reichten sich die Hände

auf diesem Hof und lebten in dem Haus.

Doch jetzt ist diese Zeit für euch zuende,

und ihr verlasst dies alles, müsst hinaus.

 

Ihr habt von früh bis abends spät geschafft.

Der Lohn war für die harte Arbeit karg.

Wo mancher andere zusamm´ngerafft,

da drehtet ihr um ständig jede Mark.

 

Während bei andern Wohlstand stellt´ sich ein,

trug eure Mühe doch die Früchte kaum.

So geht es vielen, ihr seid nicht allein.

Des Bauern Freiheit ist ein harter Traum.

 

Europas Politik, sie schlug euch schwer,

im eignen Lande gibt es viel zu viel.

Und eure Schulden wuchsen immer mehr,

Das Leben ist manchmal ein böses Spiel.

Ich kann verstehn, wie euch zumute ist.

Ich kannt euch all die Jahre gut genug.

 

Euch blieb nicht einmal eine kurze Frist,

bald geht ein andrer hinter eurem Pflug.

 

Bald geht ein anderer durch Stall und Haus,

geht auf den Acker, zum Gemüsebeet.

Es ist sehr bitter, wenn das alles aus,

wenn andere ernten, was ihr habt gesät.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

34

 

In der Dorfkneipe

 

Ich sehe ihre Gesichter

hinter Bierdunst

und Zigarettenqualm,

hinter nichtssagendem Geschwätz,

hinter vordergründigen Witzen.

 

Mit einem Lächeln

auf den alkoholfeisten Gesichtern

sitzen sie da

und träumen

von noch mehr Bieren,

die sie früher,

als sie jünger waren,

herunterstürzen konnten.

 

Alle Probleme unserer Welt,

der Krieg und der Hunger,

die Arbeitslosigkeit

und die Umweltzerstörung

werden ertränkt

und berühren sie nicht mehr.

 

Nichts geht in die Tiefe,

alles bleibt oberflächlich.

Vielleicht,

weil sie unerträglich ist

oder

weil keine

Tiefe da ist?


35

 

Berlin

 

Drei Tage war ich in der Stadt,

im glitzernden Berlin.

Die Menschen hatten keine Zeit,

die Luft stank nach Benzin.

 

Doch diese Stadt, sie lebt und pulst

und quirlt bei Tag und Nacht.

Es gibt die Fülle überall,

hätt´ gern mehr mitgemacht.

 

Allein der Geist versagt sich bald

bei Kunst, Kultur, Geschichte.

Zunge und Magen protestier´n

gegen zu viel Gerichte.

 

Der Charme der Stadt umfing mich schnell:

Berliner, die sind knorke,

grad, wenn sie Or´ginale sind,

rissig wie alte Borke.

 

Bei all dem Trubel fehlt die Zeit

für manches ruhig Wort

mit den Bewohnern dieser Stadt -

und leider muss ich fort.

 

Berlin ist eine Reise wert,

das hör ich immer sagen.

Nur sind drei Tage viel zu kurz

für den Geist, für den Magen.

 

Doch komm ich wieder, irgendwann

und bringe mit mehr Zeit.

Doch wann das ist, das weiß nur Gott,

Vielleicht ist es nicht weit.

     

                                                  

 

 

Für Mignon

 

36

 

Zivilisation

 

Wo bliebst du, bunter Schmetterling?

Du tanztest eins von Blum´ zu Blume,

bevor der Mensch

die Städte baute

und dich vertrieb.

 

Wo bliebst du, Baum am kleinen Bach?

Du gabest Schatten dem, der müde,

Bevor der Mensch

die Straße baute,

dich rodete.

 

Wo singst du, kleiner Vogel nun?

Du sangest einst mein Herz so froh,

Bevor der Mensch

den Platz planierte,

steril und tot.

 

Wo bliebst du, Ehrfurcht vor der Welt,

die Gott dir Mensch zum Lehen gab?

Du bautest selbst

die steinern Wüste

und Leben starb.

 

 

37

 

Kinderschmerz

Ich stelle mir die kleine Yvette vor, wie sie von ihren Eltern aufschnappt, dass der Wald krank ist und vielleicht bald sterben wird  und dass die Vögel und die Fische dann folgen werden.

Es ist Winter, und die Bäume haben ihr Laub ver­loren. Werden sie noch einmal grün werden? Wer­den die Blumen wieder blühen und die Schmetter­linge tanzen und die Vögel singen?

Und ich sehe, wie über ihr kleines Kindergesicht die Tränen laufen und sie hilflos, wie wir Erwach­senen, denkt:

 

Lieber Gott, mach die Bäume wieder grün,

und lass doch die bunten Blumen wieder blüh´n.

//: Lieber Gott, im Winter ist es kalt.

Und die Tiere frieren in dem Wald. ://

 

Lieber Gott, schick uns den Frühling wieder her,

meine Schmetterlinge fehlen mir so sehr.

//: Lieber Gott, sind Fische denn auch krank

und die Vögel mit ihrem Gesang? ://

 

Lieber Gott, schenke dem Papi noch mehr Zeit,

dass zum Spielen er mit mir mal ist bereit.

//: Lieber Gott, ich mag doch nicht Spinat,

und schon gar nicht Paps Müslisalat. ://

 

Lieber Gott, mach doch der Mami wieder Mut,

schließlich mein ich es mit ihr ja immer gut.

//: Lieber Gott, der große Tintenfleck,

mach ihn bitte, bitte wieder weg. ://

 

Lieber Gott, meine Puppe hat Bauchweh,

und ich glaub, ihr schmerzt jetzt auch der große Zeh.

//: Lieber Gott, ich

wünsch mir doch so

viel,

aber Paps sagt

immer:

"Geh und spiel!" ://

 

 

 

38

 

Komm mit aufs Land

 

Refrain:

Komm mit mir aufs Land,

lass uns singen und tanzen,

bauen und pflanzen, was uns Leben bringt.

Komm mit aufs Land,

zu Blumen und Tieren,

du sollst jubilieren,

wo Wolken noch zieh´n.

 

Du lebst in den Mauern, mit Lärm und mit Staub,

die künstliche Luft macht dich blind und dich taub.

Du wirst ein Teil dieses grauen Lebens,

du kaufst dich ein und du lebst vergebens.

 

Refrain: Komm mit mir aufs Land ...

 

Du siehst die Soldaten, Raketen, Kanonen,

die Welt voller Waffen, sie kosten Millionen.

Du weißt, Menschen hungern und haben kein Es­sen,

die Mächtigen haben die Armen vergessen.

 

Refrain: Komm mit mir aufs Land ...

 

Du siehst Menschen hetzen, sie haben nie Zeit,

sie handeln und laufen und kommen nicht weit,

siehst andre, die raffen, sie leben nicht schlecht,

sie knebeln und treten und haben stets recht.                  

Refrain: Komm mit mir aufs Land ...

 

Schau an alles Wasser, die Luft und die Erde,

von Menschen vergiftet. Wie soll das noch wer­den?

Wir leben im Lande, bedroht von Atomen,

von Meilern und Bomben, wo können wir wohnen?

 

Refrain: Komm mit mir aufs Land ...

 

Wo sind denn die Blumen, die Tiere, das Gras?

Sie müssen ersticken im tödlichen Gas.

Wo ist denn die Liebe der Menschen geblieben?

Dies mörderisch Leben hat sie vertrieben.

 

Refrain: Komm mit mir aufs Land ...

 

Komm mit mir aufs Land, und du wirst leben,

in der Welt, wie Gott sie uns Menschen gegeben.

Du selbst gehst zugrunde, willst du hier bleiben,

brich aus aus der Bahn, dann musst du nicht leiden.

 

                                         

 

 

39

 

Mignons Lied - heute

 

Kennst du das Land, wo unsre Äpfel blüh´n,

die Bauern ihre tausend Gifte sprüh´n?

Wo Mais wächst, der gespritzt mit Athrazin.

Gib alles nur ins Bodenwasser hin.

Kennst du es wohl?

Von dort, von dort,

möcht ich mit euch, ihr meine Kinder flieh´n.

 

Kennst du die Häuser, kennst du jeden Stall,

Hormone in den Tieren überall?

Und die Belastung wird erst richtig groß,

was wird aus uns, aus unsrer Zukunft bloß?

Kennst du es wohl?

Von dort, von dort,

möcht ich mit euch, ihr meine Lieben fliehn.

 

Kennst du das Land, wo ach so oft gelogen,

wo du um die Gesundheit wirst betrogen?

Kennst du das Land, wo keiner keinem glaubt?

O Mensch, verhülle doch dein schuldig Haupt.

Kennst du es wohl?

Von dort, von dort,

möcht ich mit euch, ihr meine Freunde flieh´n.

 

Kennst du das Land,  wo mancher hoch Schorn­stein

bläst seine Gifte in die Luft hinein?

Und tausend Augen schau´n dich trauernd an:

Was hat man dir, du armes Kind getan?

Kennst du es wohl?

Von dort, von dort,

möcht ich mit euch, o ihr Geschwister  flieh´n.

 

Kennst du ein Land, in dem es ist erträglich,

in dem noch Leben für uns Menschen möglich?

Kennst du ein Land, in das sich ziehen ließ,

oder bleibt für uns nur das Paradies?

Kennst du es wohl, so sag es schnell!

Dahin, dahin,

lasst uns noch heute zieh´n.

 

 

40

 

Vision

 

Die Krankheit bricht aus, explodiert,

sie wird zum großen Beben.

Sie überzieht die ganze Welt,

vernichtet alles Leben.

Der Krieg, der Krieg, der böse Feind,

der Krieg, der Krieg, er tötet.

 

Du liebst Musik, mein lieber Sohn,

dein Cello, deine Flöte.

Bald kommt das große Platzkonzert,

da spielt man nur noch: töte!

Der Krieg, der Krieg, der böse Feind,

der Krieg, der Krieg, er tötet.

 

Was nützt dir Pièrre, mein kleiner Freund,

dein frohes Kinderlachen?

Die Menschen werden alle krank

vom Hass und all den Sachen.

Der Krieg, der Krieg, der böse Feind,

der Krieg, der Krieg, er tötet.

 

Du liebst die Blumen und den Wald,

alles was Blüten treibt.

Die Feuerwalze drüberrollt,

die Asche übrigbleibt.

Der Krieg, der Krieg, der böse Feind,

der Krieg, der Krieg, er tötet.

 

Was liegt dir, mächt´ger Präsident,

am Leben deiner Lieben?

Im Bunker ist bald alles tot,

nicht nur, der oben blieben.

Der Krieg, der Krieg, der böse Feind,

der Krieg, der Krieg, er tötet.

 

Ob Kinder, Eltern oder Greis,

wer mag noch Zukunft wagen?

Der Krieg löscht alles Leben aus,

was hilft es, dass wir klagen?

Der Krieg, der Krieg, der böse Feind,

der Krieg, der Krieg, er tötet.

 

Der Mensch wird Todesautomat,

er tötet mit Routine.

Der Knopfdruck wird zum Todeskuss,

der Menschen Guillotine.

Der Krieg, der Krieg, der böse Feind,

der Krieg, der Krieg, er tötet.

 

Die Strahlen löschen alles aus,

wer lebt wird elend sterben.

Nur Ratten werden übrig sein

und unsre Welt bald erben.

Der Krieg, der Krieg, der böse Feind,

der Krieg, der Krieg, er tötet.

 

Doch hoff ich eins, dass jede Frist,

und unser ganzes Leben

in Gottes Lieb geborgen ist.

Er will die Zukunft geben

Der Krieg wird dann zugrunde geh´n,

der Krieg, der Krieg wird sterben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

41

 

Was wir tun können

 

Nimm nicht hin,

wenn Unrecht geschieht!

Rede gegen das Unrecht an,

schreibe gegen das Unrecht an,

singe gegen das Unrecht an,

handle gegen das Unrecht an.

Und wenn du dies alles nicht kannst,

weil deine Zunge zu schwer ist,

weil dein Stift zu stumpf ist,

weil deine Stimme zu brüchig ist,

weil deine Hand gebunden ist,

dann bete gegen das Unrecht an,

damit sich

die Menschen,

die Leidenden

und die Täter

verwandeln.


 

 

 

 

 

 

 

Dein kleiner Blumenstrauß

 

42

 

Wenn du einsam bist

 

Wenn du einsam bist,

sing ein Lied für andre.

Vielleicht wächst dann

ein Baum

in deinem Herzen,

und ein Vogel lässt sich

auf seinen Zweigen nieder

und singt

ein Lied

für dich.


43

 

Du meine letzte Rose

 

Der Frost kommt über Nacht.

Ein Eishauch überzieht dich, meine letzte Rose.

Jetzt wird es Zeit, die Schere anzusetzen,

zu stutzen, was nicht überleben kann.

 

Mit Laub deck ich dich zu,

die mir geblüht, du meine letzte Rose.

Jetzt wird es Zeit für deinen Winterschlaf,

der strenge Kälte überdauern soll.

 

Der Frühling ist noch weit.

Erst gibt es Eis und Schnee, du meine letzte Rose.

Doch kommt die Zeit,

die Sonne wird dann

scheinen,

und du, du blühst noch

schöner als zuvor.


44

 

Dein kleiner Blumenstrauß

 

Für ein 11-jähriges Mädchen

 

Weißt du noch?

Einmal hast du mir

bei dem Abschied an der Tür

einen kleinen Blumenstrauß geschenkt,

den am Wege du gepflückt,

gerade als ich so sehr traurig war.

Und ich weiß,

du ahntest nichts davon.

 

Aber dieser bunte Strauß

sah in deinen kleinen Händen

wie ein Hoffnungszeichen aus.

Blüten, Gräser, kleine Blätter

haben mich den tiefen Schmerz

einen Augenblick

vergessen lassen.

 

Vielleicht sind´s die Augenblicke,

die im Leben

noch mehr zählen

als die Stunden,

denn an deinen kleinen Strauß

denke ich so gern zurück.


45

 

Wind

 

Lass mich nicht werden

wie ein Herbststurm,

der auf seiner Posaune

Trübsal in die Menschenherzen bläst,

sondern wie eine frische Brise,

die den Nebel vertreibt,

oder wie

ein sanfter Frühlingshauch,

der die Knospe der Hoffnung

wachküsst. 

    


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

46

 

Fromme Wünsche

Ich möchte gerne hundert Jahr

und etwas länger leben.

Und alle Tage würd´ ich dir

ein Morgenküsschen geben.

Das wären, rechne nach mein Schatz,

wohl viele hunderttausend Schmatz.

Die will ich dir gern geben,

das wird ein herrlich Leben.

 

 

 

47

 

Eine Wolke

 

Ich möchte wie eine Wolke sein

über der Landschaft schweben,

betrachten das Leben,

das unter mir ist:

die Wälder und Felder,

die Dörfer und Städte,

die Auen und Berge,

die Menschen sind Zwerge

von oben gesehen.

 

Aber die Wolke wird getrieben,

der Wind will sie schieben,

wohin er nur will.

 

Ich möchte nicht treiben,

will selber entscheiden

und dabei selbst bleiben

der, der ich bin;

gleichzeitig neu werden,

erfüllt hier auf Erden,

ein wahrer Mensch sein.

 

 

Die Wolke zerflattert,

vergeht mit der Zeit.

Ich bin nicht bereit,

ihr Wesen zu teilen.

 

 


48

 

Manchmal I

 

Manchmal sind es die kleinen Dinge,

die das Leben bestimmen:

Eine Amsel, die singt,

eine Blüte am Wege,

ein Sonnenstrahl,

der seinen Weg

mühsam

durch die Wolken bahnt,

oder ein Blick,

ein freundliches Wort,

ein Anruf,

eine Hand,

die über dein Haar streichelt.

 

 

 

 

49

 

Manchmal II

 

Manchmal,

wenn ich ganz traurig bin,

schleicht sich

ein Schimmer des Glücks

in mein Herz.

 

Und dann denke ich,

dass ich jenen gleiche,

die ihr Glück suchen

wie die Brille,

die sie

auf der Nase tragen.

 


 

 

 

 

 

 

 

Antworten

50

 

Selbsteinsicht

 

Ich möchte gerne fester glauben,

ganz ohne Zweifel Gott vertrau´n.

Ich möchte gerne wen´ger schwanken,

selbstsicher auf mich selber bau´n.

 

Ich würde gerne anders leben,

viel fröhlicher, voll Sonnenschein,

gewinnend, ein Magnet für jeden,

ich möchte gern ganz anders sein.

 

Und doch, wenn ich die andern sehe,

siegesgewiss und unbeschwert,

dann frag ich mich: "Wär´ das mein Leben,

ein grinsend Klotz? Ist es das wert?"

 

So will ich mich zufrieden geben,

annehmen, wie ich einmal bin.

Du, Vater, hast mich so

geschaffen,

dir kam´s nicht

anders in den

Sinn.

 


51

 

Hände

 

Ich öffne meine Hände dir,

mein Vater und mein Gott.

Du füllest sie, jahraus, jahrein,

du hilfst aus aller Not.

 

Du sagst: "Weil ich dich reich beschenk

und hab dir viel gegeben,

so öffne deine Hände dem,

der wen´ger hat im Leben."

 

Ich falte meine Hände, Gott,

wenn ich nicht weiter weiß.

Du gibst mir Kraft für jeden Tag

und sprichst dann zu mir leis´:

 

"In deine Hände, Mensch, leg ich

an Gaben viel hinein.

So packe an, denn du sollst jetzt

mein Stellvertreter sein!“

 

Ich balle meine Fäuste, Herr:

"Warum gibt es das Leid,

 

das Menschen aneinander tun?

Wann kommt Herr, deine Zeit?"

 

Du sagst zu mir: "Ich sehe ja

das Leid. - Hab doch Geduld.

Ich selber wurde Mensch für euch,

nahm auf mich alle Schuld.

 

Ich will mit deinen Händen sein,

die jetzt die meinen sind.

Ich segne sie, denn du bist ja

 

 

52

 

Psalm

 

Du, Herr, bist mein Hirte,

darum wird mir kein Mangel schaden.

Du weidest mich auf der grünen Aue des Lebens,

zum frischen Wasser führst du mich,

auch durch die trockenen Zeiten

und durch die Durststrecken meines Lebens.

Du leitest mich auf rechter Bahn,

weil Dein Name Vater ist

und ich dein Kind bin.

Und selbst da,

wo ich durch die finsteren Täler des Lebens

wandern muss,

durch Angst und Not,

durch Einsamkeit und Zweifel,

da bist du bei mir,

dein Stecken und Stab,

dein Wort und dein Geist

und dein Versprechen:

Ich bin bei euch alle Tage,

sie trösten mich.

Du bereitest vor mir

einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde,

auch der Feinde, die in mir sind

und die mich zerstören wollen,

die Unsicherheit und der Zweifel,

die mich so oft überfallen.

Du schenkest mir voll ein,

dass ich keinen Mangel haben muss.

Du salbest mein Haupt,

wie das eines Königs,

denn ich bin dein Kind, du König der Welt.

Und so wird Gutes mich begleiten,

und ich werde bei dir geborgen sein

und du bleibst bei mir,

im Leben,

im Sterben

und auch jenseits der Grenze,

jenseits des Tores,

das nach Hause führt,

zu dir,

meinem Vater.


 

 

53

 

Fragezeichen

 

Ich frage, suche nach dem Sinn des Lebens.

Für jede Antwort tun sich neue Fragen auf,

und manchmal denke ich, es sei vergebens.

Und dennoch frag ich weiter nach der Dinge Lauf.

 

Ich grüble und ich forsche nach der Wahrheit.

Doch will die Wahrheit stetig mir entweichen.

Ich wünschte mir in meinem Denken Klarheit

und sehe immer wieder neue Fragezeichen.

 

Doch manchmal mein´ ich, neben unserm Denken,

braucht heute unsre Welt den Beter und die Tat.

Und sich in Lieb´ dem Menschen ganz zu schen­ken,

das ist für mich und dich der allerbeste Rat.


54

 

Zum Schluss

 

Zum Schluss, mein Vater, wenn ich diese Zeilen schreibe,

sieh gnädig alles an, was ich getan;

und gib mir hier und bei dir eine Bleibe,

auch wenn des Menschen Tun ein leerer Wahn.

 

Doch wir sind deine Kinder hier auf Erden

und deine Erben, die in dieser Welt

sich selbst und andern Kummer und Beschwerden

und Krieg und Elend haben hingestellt.

 

Doch dürfen wir auch Freude, Liebe bringen

dem andern, der im Leben wenig Glück.

Ich hoff, dies möge manchmal mir gelingen

und dass die Freude strahlt zu mir zurück.

 

Und mögen andere die Stirne runzeln,

ob dieser Verse, die ich hab gemacht,

sie sind für dich, mein Freund und mich,

vielleicht zum Schmunzeln,

 

und auch für den, der Tränen in dem Herz

und den, der gerne lacht.